Neapel – September 1951

Lektionen der Konterrevolutionen – Doppelte Revolutionen – Revolutionär-kapitalistischer Charakter der russischen Wirtschaft

Zusammenfassung:

1.) Ebenso wenig wie das Auftreten kapitalistischer Diktaturformen sind die Auflösung der internationalen kommunistischen Bewegung und die völlige Degenerierung der russischen Revolution „Überrumpelungen der Geschichte“, mit denen sich die Abänderungen an der klassischen theoretischen Linie des Marxismus rechtfertigen ließen.

2.) Diejenigen, die den Marxismus als Geschichtstheorie frontal abstreiten, sind denjenigen vorzuziehen, die ihn vertiefen und ausbessern wollen, umso schlimmer, wenn es sich dabei nicht um eine „kollaborationistische“, sondern eine extremistische Phraseologie handelt, denn den Verbesserern zufolge sind es kritische Änderungen und Ergänzungen, die den Misserfolgen und der Ohnmacht abhelfen sollen. Wir befinden uns offensichtlich in einer Periode der politischen und sozialen Konterrevolution, gleichzeitig aber auch in einer Periode der absoluten Bestätigung und der siegreichen Kritik.

3.) Für die zu erwartende Wiederaufnahme der Strategie der proletarischen Bewegung sind die Analyse der Konterrevolution in Russland und ihre Zusammenfassung in Thesen nicht die Kernfrage, denn es handelt sich nicht um die erste Konterrevolution – der Marxismus hat eine ganze Reihe davon gekannt und untersucht. Zum anderen nehmen Opportunismus und Verrat an der revolutionären Strategie einen Verlauf, der nicht mit dem der Involution der russischen ökonomischen Formen zusammenfällt.

4.) Nicht nur die Untersuchung der früheren bürgerlichen, sondern auch die der feudalen Konterrevolutionen gegen die sich erhebende Bourgeoisie führen zu verschiedenen historischen Kategorien: Totale militärische und soziale Niederlage (z.B. der deutsche Bauernkrieg von 1525); totale militärische Niederlage bei sozialem Sieg (z.B. Frankreichs Niederlage 1815 durch die europäische Koalition); militärischer Sieg, aber erneute Vereinnahmung und Degenerierung der sozialen Basis (z.B. die Niederlage des italienischen Kapitalismus, trotz des Sieges der Kommunen, die in Legnano das feudale Reich besiegt hatten).[1]

5.) Um die russische Konterrevolution, die nicht Folge einer militärischen Invasion und Niederlage durch die kapitalistischen Mächte war, zu klassifizieren, ist die in zweifacher Hinsicht zum Kapitalismus drängende ökonomische Struktur und ihre Entwicklung zu untersuchen.

6.) Dazu ist es notwendig, nochmals die elementaren marxistischen Begriffe wiederherzustellen:

a) Definition des Feudalismus als Ökonomie parzellierter Produktion und des Austausches auf nicht-warenproduzierender Grundlage;

b) Definition des Kapitalismus als Ökonomie der massenhaften Produktion und des Austausches auf gänzlich warenproduzierender Grundlage;

c) Definition des Sozialismus als Ökonomie der massenhaften Produktion und Distribution auf nicht-warenproduzierender Grundlage: im unteren Stadium kontingentiert, aber bereits nicht mehr auf monetärer Grundlage, im oberen Stadium unbegrenzte Verteilung.

7.) Der Klassenkampf im kapitalistischen Stadium: Kampf nicht einfach für die Verringerung des Mehrwert-„Quantums“, sondern für die gesellschaftliche Aneignung und Kontrolle des ganzen Produkts, von dem der individuelle Arbeiter auf blutige Weise expropriiert worden war. Die Arbeiterklasse kämpft, um all das zu erobern, was heute den Reichtum und den Wert der Anlagen und Warenmassen bildet: das konstante Kapital, d.h. das von der Bourgeoisie usurpierte Erbe der Arbeit vergangener Generationen; das variable Kapital, d.h. die Arbeit der ausgebeuteten gegenwärtigen Generationen; der Mehrwert, heute Monopol der Bourgeoisie, der den kommenden Generationen für die Erhaltung und Ausdehnung des produktiven Vermögens zu übergeben ist; alle drei Bestandteile werden heute fortwährend aufgrund der kapitalistischen Anarchie vergeudet.

8.) Der Staatskapitalismus ist nicht nur keine neue Form und keine Übergangsform zum Sozialismus, sondern reiner Kapitalismus; er trat samt aller Monopolformen in der Periode des bürgerlichen Sieges über die feudalen Mächte auf. Das Verhältnis Kapital-Staat bildet indes in allen Phasen das Fundament der bürgerlichen Ökonomie.

9.) Die marxistische Geschichtsauffassung würde zunichte gemacht, wenn von verschiedenen sukzessive auftretenden Typen ausgegangen würde, statt von einem einzigen, den Bogen zwischen zwei Revolutionen spannenden Typus des kapitalistischen Produktionsverhältnisses auszugehen (wie es auch bei jeder anderen vorhergehenden Form der Fall war).

10.) Wie die deutsche Revolution von 1848 war auch die russische erst vollständig durch zwei Revolutionen: der antifeudalen und der antibürgerlichen. Die deutsche Revolution bewältigte im politischen und bewaffneten Kampf keine der beiden Aufgaben, aber auf sozialem Terrain überwog die antifeudale Revolution, der Übergang zur kapitalistischen Form. Die russische Revolution siegte politisch und militärisch und war deshalb weiter vorangekommen. Sie blieb aber ökonomisch und politisch nur auf der Höhe der deutschen Revolution, weil sie sich auf die Aufgabe der kapitalistischen Industrialisierung des unter ihrer Kontrolle stehenden Territoriums beschränken musste.

11.) Nach dem großen politischen Sieg entstanden einige wenige Sektoren sozialistischer Ökonomie; mit der N.Ö.P. gab Lenin diese zugunsten der internationalen Revolution auf. Mit dem Stalinismus indes wurde die internationale Revolution aufgegeben, die Transformation zur Großindustrie in Russland wie auch in Asien wurde hingegen intensiviert. Proletarische Elemente einerseits, feudale andererseits – beide drängen zum Kapitalismus. Das geht aus der Untersuchung der sowjetischen Ökonomie auf Grundlage der vorausgeschickten Kriterien hervor.

12.). Der Ausblick auf einen III. Weltkrieg ist ebenso wenig wie die Analyse der russischen Konterrevolution die Kernfrage der neuen revolutionären Bewegung. Da beide anti-faschistischen Kreuzzüge konvergieren, seitens des Westens im demokratischen, seitens des Ostens im verfälschten proletarischen Sinne (die revolutionären proletarischen Kerne stehen beiden Lagern gleichermaßen feindlich gegenüber), wird die Situation während des Krieges konterrevolutionär sein, ebenso wie – das ist die andere Hypothese – innerhalb einer bestimmten Periode eines ökonomischen und territorialen Abkommens zwischen Russland und den atlantischen Staaten. In dem Maße wie der besser ausgerüstete und historisch konsolidiertere Imperialismus den Sieg davonträgt, wird in der Nachkriegszeit die Methode der kolonialen Unterjochung des geschwächten Landes ein konterrevolutionäres Gleichgewicht erzwingen. Wie also der englische Sieg im I. Weltkrieg und der anglo-amerikanische im II., wäre ein amerikanischer Sieg im III. Weltkrieg das schlimmste aller Übel.

Quelle:

„Lezioni delle controrivoluzioni. Doppie rivoluzioni. Natura capitalistica rivoluzionaria dell’economia russa“: „Sul Filo Del Tempo“, Mai 1953.[2]

 


[1] In der berühmten Schlacht von Legnano 1176 besiegten die vereinten, sich sonst befehdenden Kommunen das Heer Kaiser Barbarossas. Nach historischen Wechselfällen wurde der Bund mit dem Ende der Stauferherrschaft 1268 obsolet und löste sich auf und die weltlich-politische Herrschaft der Päpste mit dem Kirchenstaat trug den Sieg davon.

[2] Im Mai 1953 veröffentlichte die IKP die Broschüre „Sul Filo Del Tempo“, die neben den Texten „Il cadavere ancora cammina“ und „New Deal e dirigenze opportuniste del movimento operaio americano“ kurze Zusammenfassungen bzw. thesenartige Inhaltsangaben der ersten acht überregionalen Versammlungen wiedergab (Rom, April 1951; Neapel, September 1951; Florenz, Dezember 1951; Neapel, April 1952; Rom, Juli 1952; Mailand, September 1952; Forli, Dezember 1952 und Genua, April 1953).