Triest – August 1953

Die Faktoren Rasse und Nation in der marxistischen Theorie

Einleitung

Ohnmacht des banalen „negativistischen“ Standpunktes

Rassen, Nationen oder Klassen?

1. Die Vorgehensweise der italienischen und internationalen Linken hat nie etwas mit dem starren und sektiererischen Extremismus gemein gehabt, der mit hohlen, verbalen und literarischen Argumenten bestimmte, in den realen Prozessen der Geschichte existierende Kräfte wegleugnen will.

 

Vor kurzem veröffentlichten wir einen „Filo del tempo“, der eine Artikelreihe zur national-kolonialen sowie zur Agrarfrage einleitete[1] – und daher zu aktuellen sozialen Hauptfragen, in denen wichtige Kräfte eine Rolle spielen, die sich nicht in das Verhältnis zwischen Industriekapital und Lohnproletariat einordnen lassen. Anhand unserer klassischen Texte von Marx, Engels und Lenin sowie der Grundlagentexte der linken Opposition innerhalb der III. Internationale und der KPI zwischen 1920 und 1926 zeigten wir, dass der revolutionäre, vollkommen orthodoxe und radikale Marxismus die Bedeutung solcher Faktoren anerkennt und demzufolge eine ihnen gerecht werdende Partei- und Klassenpraxis für unabdingbar hält.

 

Bloß in den hohlen Interpretationen unserer Gegner – die damals den Weg des Opportunismus einschlugen und heute mit ihrer Verleugnung des Marxismus und ihrer konterrevolutionären Politik fürchterlichen Schiffbruch erlitten haben – ist die Linke dem metaphysischen Irrtum erlegen, wonach die Kommunistische Partei ausschließlich das Kräftemessen zwischen modernem Kapital und Fabrikarbeitern angehe, und der Einfluss, den andere Klassen und andere Faktoren auf den sozialen Kampf ausüben, verkannt und geleugnet würde. In unserer oben erwähnten Arbeit, worin die Eckpfeiler der marxistischen Ökonomie und des revolutionären Programms wiederbekräftigt werden, erklärten wir, dass es diese „Phase“ der Existenz nur zweier Klassen real nicht einmal heute und in keinem Land gibt, auch nicht in den industriell höchst entwickelten, in denen sich die politische Herrschaft der Bourgeoisie schon lange behauptet, wie z.B. in England, Frankreich, den USA; ja, dass es eine solche Phase auch niemals irgendwo geben wird und durchaus keine Bedingung für den Sieg des Proletariats ist.

 

Es ist daher reiner Blödsinn, wenn unterstellt wird, wir würden – da der Marxismus für uns die Theorie des modernen Klassenkampfes zwischen Kapitalisten und Arbeitern ist und der Kommunismus die Bewegung, die den Kampf des Proletariats führt – den sozialen Kräften anderer Klassen, z.B. den Bauern oder den ethnischen und nationalen Strömungen sowie dem von ihnen ausgehenden Druck jede geschichtliche Wirkung absprechen und diese Kräfte in unserem Aktionsprogramm als überflüssig außer Acht lassen.

 

2. Der historische Materialismus, der den Verlauf der Vorgeschichte der Menschheit in einer neuen und originalen Art und Weise darlegt, hat die Bildungsprozesse der Familienformen, Menschengruppen, Stämme, Rassen und Völkerschaften bis zur Herausbildung der Nationen und politischen Staaten nicht nur untersucht und charakterisiert, sondern auch erklärt, und zwar als an die Entwicklung der Produktivkräfte gebunden und als den ökonomischen Determinismus ausdrückend und bestätigend.

 

Zweifellos sind die Familie, die Sippe oder die Gruppe Formen, die wir auch bei Tiergattungen vorfinden. Gewöhnlich heißt es, dass selbst die höher entwickelten Arten, die sich zwecks gemeinsamer Erhaltung und Verteidigung und sogar gemeinsamer Nahrungsmittelbeschaffung und -versorgung kollektiv organisiert haben, noch keine produktive Tätigkeit aufweisen – im Gegensatz zu den Menschen, selbst den Urmenschen. Genauer müsste man sagen, dass nicht das Wissen oder Denken oder der Funke göttlichen Lichts die menschliche Spezies vom Tier unterscheidet, sondern das Vermögen, über direkt zum Verzehr produzierte Gegenstände hinaus noch solche herzustellen, die für die weitere Produktion bestimmt sind, wie die ersten, auch noch so primitiven Werkzeuge zur Jagd, zum Fischfang, zum Sammeln und später für die Bodenbearbeitung und die Handwerkskunst. Hinsichtlich des bestimmenden Merkmals der menschlichen Gattung ist die Organisierung der Werkzeugherstellung ebenso notwendig wie eine bestimmte Regelung der Geschlechtsbeziehungen, was heißt, den Reproduktionsprozess von der Zufälligkeit der Geschlechtsbeziehungen zu befreien, was sehr viel komplexere soziale Formen als die aus dem Tierreich bekannten hervorbringt. Im klassischen, uns als Leitfaden dienenden Werk von Engels[2] ist der unlösbare Zusammenhang, wenn nicht gar das Zusammenfallen der Entwicklung der Familien- und der Produktionsformen aufgezeigt.

 

In der marxistischen Weltanschauung – in der die menschliche Geschichte vor dem Auftreten der Klassen beginnt: unser gesamter theoretischer Kampf mündet in den Beweis, dass die sozialen Klassen nicht ewig sind, sie einen Anfang und ein Ende haben – wird auf die einzig mögliche Art und auf wissenschaftlicher und materieller Grundlage erklärt, welche Bestimmungen und welche Funktionen (infolge der Wirkung des jeweiligen physischen Milieus und der Zunahme der Produktivkräfte und der Technik, die die Gemeinschaft sich nach und nach aneignet), die Verwandtschaftsgruppen, die Stämme und die Rassen, wie auch ihre Gliederung in immer komplexere Formen haben.

 

3. Mit Anbruch der bürgerlichen und kapitalistischen Gesellschaftsform und in dem Maße, wie sie sich über die Erde ausbreitet, wird der Faktor der Nationalitäten und der großen Kämpfe für die Nationen entscheidend. Ebenso wie den Prozess der gesellschaftlichen Ökonomie verfolgte Marx höchst aufmerksam diesen Prozess der Kämpfe und Kriege um die nationale Gliederung.

Da die Theorie und die Partei des Proletariats seit 1848 existieren, erklärte Marx diese Kämpfe nicht nur gemäß der Theorie des ökonomischen Determinismus, sondern legte auch die zeitlichen und räumlichen Grenzen und Bedingungen fest, innerhalb deren die Insurrektionen und Unabhängigkeitskriege unsererseits zu unterstützen sind.

 

Nachdem die großen organisatorischen Gebilde von Völkern und Nationen entstanden waren, und damit auch die staatlichen Formen und Hierarchien und ihre jetzt in Kasten und Klassen differenzierte soziale Dynamik, kommt der rassische und nationale Faktor ins Spiel, der in den sukzessiven Geschichtsepochen und Gesellschaftsformen (Sklavenhaltertum, Signorien, Feudalismus, Kapitalismus) ein unterschiedliches Gewicht hat. Wir haben das schon oft dargelegt und werden auch im 2. Teil der vorliegenden Arbeit darauf eingehen. In der modernen Epoche – die mit dem Übergang von der feudalen Form mit ihren persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen, ihrem beschränkten und nur lokalen Austausch zur bürgerlichen Form mit ihrer ökonomischen Knechtschaft, der Bildung großer Binnenmärkte und dann des Weltmarktes begann und sich immer mehr verbreitet – bestehen die die geschichtliche Dynamik befördernden Triebkräfte in der Gliederung der Nationalitäten nach Rasse, Sprache, Sitten, Bräuche und Kultur. Dies drückte Lenin in der Formel: „eine Nation, ein Staat“ aus; und er erklärte, dass wir für diese Forderung kämpfen müssen, aber deshalb nicht verschwiegen werden darf, dass es eine bürgerliche, nicht-sozialistische bzw. nicht-proletarische Formel ist. Dasselbe, was Lenin für die Zeit vor 1917 für das östliche Europa feststellte, galt für Marx von 1848 bis 1871 für ganz Westeuropa (außer England). Und heute gilt es für riesige Teile der bewohnten Erde außerhalb Europas, so sehr der Prozess auch durch die Macht des Handels, des Warenaustausches auf Weltebene angetrieben und beschleunigt wird. Die Frage unserer Haltung gegenüber dem unwiderstehlichen Drang der „zurückgebliebenen“ Völker, ihre nationale Unabhängigkeit zu erlangen, ist daher eine noch immer aktuelle Frage.

Der Opportunismus in der nationalen Frage

4. Der dialektische Knotenpunkt in der nationalen Frage ist nicht der, den physischen Kampf für revolutionäre, antifeudale Ziele und das Bündnis zwischen bürgerlichen Staaten und der Arbeiterklasse sowie ihrer Partei mit einer Verleugnung der Theorie und Politik des Klassenkampfes gleichzusetzen. Er besteht vielmehr darin zu zeigen, dass selbst in den geographischen Räumen und unter den historischen Bedingungen, in denen jenes Bündnis notwendig bzw. unverzichtbar ist, die theoretische, programmatische und politische Kritik an den Zielen und Ideologien, für welche die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Elemente kämpfen, unversehrt aufrechtzuerhalten, ja sogar noch radikaler zu formulieren.

 

Im 3. und letzten Teil werden wir darlegen, wie Marx z.B. die polnische und irische Unabhängigkeit mit aller Kraft unterstützt, aber nichtsdestotrotz das ideologische Rüstzeug der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Anhänger der Rechtsstaatlichkeit und Völkerfreiheit verurteilt und mit seinem Spott regelrecht vernichtet. Während der Binnenmarkt und der zentralisierte Nationalstaat für uns eine notwendige Brücke zur internationalen Ökonomie sind, in der Staat und Markt aufgehoben sein werden, verhöhnt Marx die „heiligen Bourgeois“ (Mazzini, Garibaldi, Kossuth, Sobietsky, etc.), für die die demokratische Gliederung in Nationalstaaten allen sozialen Kämpfen ein Ende setzt. Diese „geriebenen Schwärmer“ brauchen einen homogenen Nationalstaat, weil in ihm die Unternehmer den ausgebeuteten Arbeitern nicht als fremd und feindlich gegenüberzutreten scheinen. Doch in dem historischen Moment, in dem die Nationalstaaten entstanden sind, gibt es einen Frontwechsel und die Arbeiterklasse beginnt, sich gegen den Staat des eigenen „Vaterlandes“ in den Bürgerkrieg zu stürzen. Dieser Moment, dessen Bedingungen sich im Verlauf der Revolutionen und Nationalkriege für die europäische Staatengliederung (heute: asiatische und afrikanische) herausbildeten, rückte umso näher, je mehr dieser Prozess abgeschlossen wurde: Eben das ist die Frage, die stets ihr Aussehen verändert, sehr verschiedene Wendungen annimmt und entschlüsselt werden muss.

 

5. Auf diesem Gebiet – nicht minder als auf dem streng ökonomischen, sozialen Terrain der sogenannten Innenpolitik – haben Opportunismus, Verrat, Renegatentum, konterrevolutionäre und prokapitalistische Aktivitäten der Stalinisten eine doppelte Tragweite: Vermittelst offener und erzwungener politischer Blockbildungen, selbst im hyperentwickelten kapitalistischen Westen, wo solche Bündnisse seit 1871 ausgeschlossen sind, halten sie national-demokratische Forderungen und Werte hoch. Darüber hinaus impfen sie die Massen mit einem heiligen Respekt vor national-patriotischen und völkischen Ideologien – die gleiche Anschauung wie bei ihren bürgerlichen Bundesgenossen. Die Helden dieser von Marx und Lenin einst erbarmungslos gegeißelten Politik werden sogar noch hofiert, womit jedes Klassengefühl bei den Arbeitern, die ihnen unglücklicherweise folgen, immer weiter ausgelöscht wird.

 

Es wäre dumm, die Richtigkeit der marxistischen Methode, die die Teilnahme an national-revolutionären Bündnissen zulässt, wenn die räumliche (Europa) und zeitliche (20. Jahrhundert) Grenze nicht überschritten wird, als mildernden Umstand für die Schäbigkeit der angeblich sozialistischen und kommunistischen Parteien, die für die Arbeiter sprechen wollen, geltend zu machen. Als der russische Staat und die Parteien der ehemaligen III. Internationale im Konflikt mit dem hochentwickelten Westen (Frankreich, England, USA, Italien, Deutschland, Österreich) abwechselnd mit allen bürgerlichen Staaten Kriegsbündnisse schlossen, zerrissen sie (denn es gab keinen Napoleon III. und keinen Nikolaus II. oder ähnliche Gestalten mehr) sowohl die „Adresse“ des Generalrats der IAA zur Kommune von Paris 1871, worin jedes Bündnis mit nationalen Armeen ausgeschlossen und für immer aufgekündigt wurde, weil alle „nationalen Regierungen eins sind gegenüber dem Proletariat“ [MEW 17, S. 361], als auch die Thesen Lenins zum Krieg 1914 und zur Gründung der III. Internationale, worin festgelegt ist, dass die Staatspolitiken jetzt, nach Eröffnung der imperialistischen Kriege, nicht mehr durch demokratische Forderungen und Unabhängigkeitsforderungen legitimiert sind. Zugleich verurteilten die „Thesen“ die sozialchauvinistischen Verräter auf beiden Seiten des Rheins oder der Weichsel.[3]

 

Ein Vorschlag wie der, die räumlichen Grenzen und zeitlichen Fristen „wieder zu öffnen“, also 1871 auf 1939 und 1917 auf 1953 zu verlegen und dem Kapitalismus einen weiteren, zeitlich nicht absehbaren Aufschub zu gewähren, brauchte nicht weiter ernst genommen werden, wenn die marxistische Methode nicht völlig außer Kraft gesetzt worden wäre, die Geschichte als Ganzes zu verstehen und folglich an den entscheidenden Wendepunkten – dem europäischen 1848, dem russischen 1905 – mit dem Vorhergegangen, den revolutionären Bündnissen, reinen Tisch zu machen. Der Vorschlag, die jüngeren totalitären, faschistischen Regimes (oder auch nicht-faschistischen, wie zur Zeit der polnischen Teilung!) mit den noch überlebenden feudalen Formen jener Zeit in einen Topf zu werfen, kollidiert mit der klassischen, sozial-ökonomischen Analyse.

 

Das Urteil, dass der Verrat total ist, zeigt sich vollends im zweiten Aspekt: Die vollständige, absolute Auslöschung der Kritik an den dem bürgerlichen Denken eigenen „heiligen Werten“, die als Zielsetzung des so schweren und steinigen Menschheitsweges eine über den Klassen stehende Welt autonomer Völker, freier Nationalitäten, unabhängiger und friedvoller Vaterländer preisen. Und in der Tat: als Marx und Lenin noch gezwungen waren, Bündnisse mit den Anhängern dieser verfaulten Ideologie zu schließen, fochten sie doppelt heftig, um die Arbeiterklasse von den Fetischen Vaterland, Nation und Demokratie zu befreien, welche von den „heiligen Bourgeois“ feierlich hochgehalten wurden. An den entscheidenden Wegkreuzungen wussten sie auch praktisch mit ihnen zu brechen, und, als das Kräfteverhältnis es erlaubte, deren Bewegungen gewaltsam zu unterdrücken. Die heutigen „kommunistischen“ Verräter und Opportunisten haben diese Rolle von Mythen und Fetische zelebrierenden Priestern geerbt; es ist hier nicht die Rede von einem historischen Pakt, den die Verräter, wenn auch viel später als vorgesehen, doch noch aufkündigen würden, sondern von Liebedienerei gegenüber den der kapitalistischen Bourgeoisie eigenen Forderungen, um ihr die günstigsten Bedingungen für ihre Herrschaft, ihre Macht und Privilegien zu sichern.

 

Die These ist wichtig, weil sie mit der – im „Dialog mit Stalin“ und in anderen Versammlungen zur ökonomischen Wissenschaft dargelegten – Beweisführung zusammenfällt, dass das heutige Russland ein Staat mit einer abgeschlossenen kapitalistischen Revolution ist, und das so ehrlich ist, die Fahnen der Nationalität, des Vaterlandes zu schwenken und dem schärfsten Militarismus zu frönen.[4]

 

6. Es wäre ein schwerer Fehler, nicht zu sehen bzw. zu leugnen, dass die ethnischen und nationalen Faktoren in der heutigen Welt noch immer große Wirkungen und großen Einfluss haben. Und es steht noch immer auf der Tagesordnung, die zeitlichen und räumlichen Grenzen genau zu bestimmen, innerhalb deren die Erhebungen für die nationale Unabhängigkeit, die im Zusammenhang sozialer Revolutionen gegen vorkapitalistische (asiatische, sklavenhalterische, feudale) Gesellschaftsformen stehen, noch notwendige Voraussetzung für den Übergang zum Sozialismus sind – eine Voraussetzung, die durch die Bildung von Nationalstaaten erfüllt sein wird (wie in Indien, China, Ägypten, Iran etc.).

 

Diese Bestimmung wird jedoch einerseits durch den Faktor der Xenophobie erschwert, der eine Folge der erbarmungslosen Kolonialpolitik ist, und andererseits durch die bestehende weltweite Ausbreitung produktiver Ressourcen und des Warenexports auch auf entfernteste Märkte. Doch die heikle Frage, die sich 1920 auch im Gebiet des ehemaligen Russischen Reiches stellte, nämlich die Unabhängigkeitsbewegungen der Völker des Ostens politisch und militärisch zu unterstützen, ist auf Weltebene eine immer noch offene Frage.

 

Wenn es z.B. heißt, das Verhältnis zwischen Industriekapital und der Klasse der Lohnarbeiter stelle sich etwa in Belgien nicht anders als in Thailand und der praktische Kampf müsse in keinem der beiden Fälle die Faktoren der Rasse und Nationalität in Rechnung stellen, ist das kein Ausdruck von Radikalität, sondern davon, vom Marxismus kein Wort verstanden zu haben.

 

Dem Marxismus wird nichts von seiner Tiefe und Breite und auch nichts von seiner harten und strengen Totalität genommen, wenn man sich das Recht erwirbt, die verachtenswerten Renegaten Lügen zu strafen und eines Tages auch niederzuschlagen.

 

Erster Teil

Von der materiellen Basis des historischen Werdegangs untrennbare Aspekte: Reproduktion der Gattung und produktive Ökonomie

Arbeit und Geschlecht

1. Der historische Materialismus verliert jeden Sinn, wenn der angeblich individuelle Charakter des Geschlechtstriebes als ein außerhalb der gesellschaftlichen Ökonomie stehender Faktor begriffen wird. Folgte man dieser Ansicht, würde dies spirituelle und äußerst nebelhafte Theoriegebäude und Folgerungen außerökonomischen Ursprungs hervorbringen.

 

Wollten wir unsere Polemik nur gegen die direkten und offenen Gegner des Marxismus richten, müssten wir ein viel umfassenderes wissenschaftliches Material zur Hand nehmen, wenngleich wir der heutigen verkommenen und käuflichen offiziellen Wissenschaft nach wie vor nur mit größtem Misstrauen begegnen. Wie immer interessieren uns eher jene Strömungen – als antirevolutionäre Faktoren –, die einige Seiten des Marxismus anzunehmen scheinen, doch dann gegenüber den wesentlichen, die Menschen und die Gesellschaft angehenden Fragen behaupten, der Marxismus allein könne diese Fragen gar nicht bewältigen.

 

Natürlich siedeln Fideisten[5] und Idealisten – die eine Rangfolge von Werten aufstellen, wenn sie die Natur erklären wollen – die Fragen des Geschlechtslebens und der Geschlechtsliebe in einer Sphäre an, die jene der Ökonomie haushoch überragen soll (wobei platterweise die Ökonomie nur als Bereich zur Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses und ähnlichem gilt). Wenn das, was den „homo sapiens“ von anderen Tiergattungen unterscheidet und ihn über sie erhebt, eben nicht das materielle Ergebnis einer langen Evolution innerhalb eines komplexen Milieus physischer Faktoren wäre, sondern das Ergebnis dessen, dass ein Partikel eines kosmischen, nicht auf die Materie zurückführbaren Geistes in die Menschen gefahren sei, dann würde es stimmen, dass bei der Reproduktion eines Wesens durch ein anderes, eines denkenden Hirns durch ein anderes, eine viel noblere Sache vonnöten wäre als sich täglich den Bauch vollschlagen zu müssen. Wenn, auch ohne diesen immateriellen Geist ins Spiel zu bringen, gesagt wird, dass der Dynamik des menschlichen Denkens eine Gabe und eine Macht innewohnen, die vor und außerhalb der Materie bestehen, muss der Mechanismus, der das zeugende Ich durch das erzeugte Ich ersetzt, selbstredend in eine höchst geheimnisvolle Sphäre gehoben werden, wobei dann jedem Ich Fähigkeiten und Eigenschaften zukommen, die jeder Berührung mit der physischen Natur und der jeweiligen Erkenntnis vorausgesetzt sind.

 

Für den dialektischen Materialisten ist es dagegen unverzeihlich anzunehmen, der ökonomische Unterbau, dessen Kräfte und Gesetze die politische Geschichte der Menschheit erklären, umfasse bloß die Produktion und Konsumtion des mehr oder minder breiten Repertoires von Gütern, die nötig seien, das Individuum am Leben zu halten; die materiellen Beziehungen zwischen den Individuen würden sich nur auf diesen Bereich beziehen, und die Normen, Regeln und Gesetze des Sozialen würden sich aus dem Spiel dieser Kräfte, die die unzähligen isolierten Moleküle zu größeren Gebilden zusammenfassten, herausbilden, während eine ganze Reihe von Lebensbedürfnissen – für viele Dilettanten sind das solche, die vom „Sexappeal“ bis zu den ästhetischen und intellektuellen Genüssen reichen – bei dieser Konstruktion außen vor blieben. Den Marxismus so zu fassen, ist so schlecht wie falsch, das schlimmste Produkt der antimarxistischen Ergüsse, und abgesehen davon, implizit und unvermeidlich wieder dem bürgerlichen Idealismus anheimzufallen, sinkt man nicht minder hoffnungslos in den Individualismus – einem weiteren Kennzeichen des reaktionären Denkens – hinab: Und dies sowohl wenn sich in erster Linie und als erste Größe auf das biologische als auch auf das psychische Individuum bezogen wird.

 

Der materielle Faktor „erzeugt“ die Faktoren des Überbaus (Recht, Politik, Philosophie) nicht dadurch, dass sich dieser ganze Entwicklungsgang innerhalb eines Individuums vollzieht, auch nicht durch Vererbung von Individuum zu Individuum über die Generationen hinweg – wobei dann nur noch die „Durchschnittswerte“ für die ökonomische Basis und jeweilige Kulturstufe zu ermitteln wären. Der Unterbau ist ein System von physischen und handgreiflichen Faktoren, die alle Individuen und ihr Verhalten bestimmen. Ein System, das besteht, seitdem sich jene Individuen als soziale Gattung aus dem Tierreich herausarbeiteten. Der Überbau geht aus diesen Grundbedingungen hervor und ist auf der Grundlage ihrer Untersuchung bestimmbar und messbar, und zwar ohne sich um die tausendfachen partikularen Entwicklungen oder die kleinen individuellen Unterschiede zu kümmern.

 

Der Fehler, von dem hier die Rede ist, nämlich den Marxismus derart eng zu fassen, ist ein prinzipieller Fehler. Greift man bei der Untersuchung der Ursachen der historischen Prozesse einerseits auf ideelle Faktoren außerhalb der physischen Natur, andererseits auf den Primat des lumpigen bürgerlichen Individuums zurück, wird der dialektische Materialismus amputiert und taugt nicht mal mehr dazu, die Buchhaltung des Tante-Emma-Ladens an der nächsten Ecke zu führen.

 

2. Wenn der Marxismus auf dem Gebiet der Reproduktion und der Geschlechtsbeziehungen, woraus sich so vieles andere ableitet, verworfen wird, werden die antagonistischen Auffassungen (die bürgerliche und die kommunistische) zur Ökonomie ignoriert und das mächtige Bauwerk, das Marx auf den Trümmern der kapitalistischen Schulen errichtete, stürzt zusammen. Für diese Schulen ist Ökonomie die Menge der Beziehungen, die allesamt auf dem Austausch von zum eigenen Leben nützlichen Gegenständen (mag dazu auch noch die Arbeitskraft zählen) zwischen zwei Individuen beruhen. Sie schließen daraus, es habe nie eine Wirtschaft ohne Austausch, Waren und Eigentum gegeben und es werde sie auch nie geben. Für uns dagegen umfasst Ökonomie die Gesamtheit der Tätigkeit des Gemeinwesens, der Menschengruppen: Diese durch die natürliche physische Umwelt bedingte Gattungstätigkeit bestimmt die Verhältnisse. Der ökonomische Determinismus erfasst nicht nur das Zeitalter des Privateigentums, sondern die ganze Geschichte der menschlichen Gattung.

 

Als ein für alle Mal gesichert sehen alle Marxisten folgende Thesen an: Das Privateigentum ist nicht ewig, es gab die Epoche des Urkommunismus, die kein Privateigentum kannte, und wir sind auf dem Weg zum gesellschaftlichen Kommunismus. Die Familie ist nicht ewig, ebenso wenig wie die Monogamie, die erst spät auftrat und auf einer höheren Stufe verschwinden wird. Und auch der Staat ist nicht ewig, er tritt auf einer sehr hohen Stufe der „Zivilisation“ auf und wird mit der Abschaffung der Klassen und der gesellschaftlichen Klassenspaltung absterben.

 

Nun, es leuchtet ein, dass all diese Erkenntnisse nicht mit einer Anschauung der geschichtlichen Praxis vereinbar sind, die sich auf die Dynamik der Individuen gründet und ihnen (wenn auch nur ein kleines bisschen) Autonomie, Initiative, Willens-, Gedankenfreiheit und ähnliches Zeug zugesteht. Die obigen Thesen sind nur beweisbar, insofern wir in der mühevollen Organisierung der Menschengemeinschaft gegenüber den räumlichen und zeitlichen Schwierigkeiten und Hindernissen ihrer jeweiligen Zeit das bestimmende Element erkennen. Dies geschieht nicht dadurch, dass Milliarden Anpassungsprobleme der Einzelnen gelöst werden, es geht vielmehr um die fortwährende Anpassung der Menschengattung an die Anforderungen der Außenwelt. Dazu trägt zwangsläufig bei, dass die einzelnen Exemplare der Gattung Mensch immer zahlreicher und die sie trennenden Schranken eingerissen werden, dass die ihnen zur Verfügung stehenden technischen Mittel sich gewaltig vermehren, ihr Gebrauch, ihre Verwendung überhaupt nur noch durch die Gemeinschaft unzähliger Individuen möglich ist, etc.

 

Man könnte meinen, um das Leben eines primitiven Volkes zu studieren, müsse sich die Soziologie nur mit der Ernährung befassen, insofern selbst auf dieser elementaren Ebene die individuelle Anstrengung nicht mehr ausreicht, wie noch beim Tier. Doch schon sehr bald muss sie ihr Augenmerk auch auf die Gesundheitsvorsorge, die demographische Entwicklung, die Eugenik und auf die jährliche Geburtenplanung richten.

Individuum und Gattung

3. Unabhängig von den althergebrachten Vorstellungen einer natürlichen oder übernatürlichen Vorsehung sowie dem Mechanismus des Instinkts oder der Vernunft ist die Erhaltung des Individuums, worin stets die geheimnisvolle Antriebskraft der Geschehnisse gesucht wird, bloß eine abgeleitete und sekundäre Erscheinung des Fortbestandes und der Entwicklung der Gattung; dies ist umso wahrer, wie es sich um eine soziale Gattung handelt und je mehr sich die Gesellschaft entwickelt und komplexer wird.

Es mag als Binsenwahrheit erscheinen zu sagen: Alles würde sich sofort klären, wenn das Individuum nicht sterblich wäre, denn dann wäre seine Erhaltung zugleich Grundlage und Antriebskraft aller anderen Phänomene. Aber dazu dürfte es sich nicht verändern, nicht altern – derweil es doch gerade der lebende und tierische Organismus ist (in dem eine beeindruckende Folge von Bewegungen, Kreisläufen und Stoffwechseln stattfindet), der eine grenzenlose und unerschöpfliche Metamorphose bis ins Innerste der kleinsten Zelle durchmacht. Es ist ein Widersinn, sich einen lebenden Organismus vorzustellen, der seine verbrauchten Teile beständig ersetzt und sich immer gleich bleibt, als wäre er ein Kristall, der, in eine feste chemisch reine Lösung derselben Substanz eingeschlossen, durch das zyklische Variieren von Temperatur oder äußerem Druck kleiner bzw. größer wird. Einige Leute haben schon vom Leben eines Kristalls (oder heute eines Atoms) gesprochen, weil es entsteht, wächst, vergeht, verschwindet und sich sogar teilen und vervielfältigen kann.

 

Das alles klingt banal, ist aber nützlich, um sich vor Augen zu führen, dass die fetischistische Überzeugung Vieler (auch angeblicher Marxisten) von der Ursprünglichkeit des individuellen biologischen Faktors nur ein Überbleibsel der ersten groben Überzeugungen von der Unsterblichkeit der Seele ist. Der niedrige bürgerliche Egoismus, der für das Leben und Leiden der Gattung nur Verachtung übrig hat, ist in keinen Religionen besser verankert als in denen, worin die Seele als unsterblich gilt und, in dieser phantastischen Form, das Schicksal des Einzelnen unbedingte Priorität vor allem anderen genießt.

 

Es mag uns verdrießen, an die Vergänglichkeit unseres armen Gerippes zu denken; und der Trost liegt, wenn nicht im Glauben ans Jenseits, dann in intellektualistischen – und heute existentialistischen – Illusionen über das unverwechselbare „Eigene“, das jeder Mensch hat oder glaubt zu haben, auch wenn er schafsgleich dem jeweiligen Modediktat folgt und stumpf alle anderen menschlichen Marionetten nachäfft. Und dann schmettert man noch die Hymne an das Gefühlsleben, an den Genuss, an die künstlerische Euphorie, die feierliche Ekstase, alles Dinge, für die es keine Worte gebe und die sich nur aus der Abgeschlossenheit des persönlichen Innenlebens schöpfen ließen – wo doch genau das Gegenteil der Fall ist.

 

Kehren wir zum materiellen Verlauf der Dinge zurück, wie er sich vor unserer Nase abspielt. Sicherlich ist jedes gesunde und erwachsene Individuum, das im Vollbesitz seiner Kräfte ist, in der Lage – wir beziehen uns hier auf eine ganz ursprüngliche Wirtschaftsform –, jeden Tag aufs Neue das zu erzeugen, was es braucht, um am Leben zu bleiben. Doch die Unsicherheit einer solchen Situation, in der jeder „für sich arbeitet“, würde sehr schnell das Ende des Individuums herbeiführen (und auch der Gattung, wäre sie eine törichte Aufeinanderfolge von Individuen, wo eines aus den Rippen eines Vorgängers geformt wäre): Die Kette der Reproduktion risse ab, denn in einem organischen Korpus gibt es wohl kaum einzelne Exemplare, die keine anderen brauchen; die Alten können nicht mehr so viel leisten, die Jungen müssen ernährt werden, um morgen zu produzieren. Ohne die Einbeziehung solch wichtiger Größen wie Alter, Arbeitsfähigkeit und Gesundheit sind keine ökonomische Zyklen und keine ökonomischen Gleichungen denkbar.

 

Wir könnten spaßeshalber die ökonomische Gleichung einer parthenogenetischen, gleichgeschlechtlichen Menschheit schreiben.[6] Aber lassen wir das. Wir müssen also die Größe Geschlecht einbeziehen, da zur Fortpflanzung zwei heterogene Geschlechter nötig sind, und auch die produktiven Pausen der Schwangerschaft und der Stillzeit mit in Rechnung stellen ...

 

Erst danach können wir die Gleichung der Bedingungen aufstellen, die die ökonomische „Basis“, den „Unterbau“ der Gesellschaft, insgesamt beschreiben. Wenn wir die Chimäre Individuum – das sich nicht verewigen bzw. sich allein erneuern konnte, was es übrigens auf dem großen Weg der Gattungsgeschichte immer weniger kann – ein für alle Mal außen vor lassen, können wir daraus die unendliche Skala der Lebensäußerungen der Gattung deduzieren, die – bis hin zum höchsten Phänomen des Denkens – nur auf diesem Wege möglich wurden.

 

Der Journalist und Physiker Wolfgang Yourgrau aus Johannesburg, der kürzlich die „Allgemeine Systemtheorie“ Bertalanffys rezensierte,[7] worin die Prinzipien zweier entgegengesetzter Systeme, des Vitalismus[8] und des Mechanismus[9], zu einer einheitlichen Lehre synthetisiert werden sollten, erinnert – obwohl er nur mit zusammengebissenen Zähnen zugibt, dass der Materialismus in der Biologie an Terrain gewinnt – an ein Paradoxon, das nur schwer zu widerlegen ist: Ein Kaninchen ist kein Kaninchen, erst zwei Kaninchen können ein Kaninchen sein. Jetzt hast du, oh Individuum, auch noch die letzte Zuflucht, die des Onan[10], verloren. Wir sehen, es ist völliger Blödsinn, sich mit Ökonomie befassen zu wollen, ohne die Reproduktion der Art mit einzubeziehen. Wir wissen das schon aus den klassischen Texten. Schlagen wir das Vorwort zum „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ auf, lesen wir, in welchen Worten Engels einen Eckpfeiler des Marxismus aufstellt.

 

„Nach der materialistischen Auffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte“ (Moment ist nicht im zeitlichen, sondern im mechanischen Sinn zu verstehen: des Impulses, der einen Kreislauf in Gang setzt): „die Produktion und Reproduktion den unmittelbaren Lebens. Diese ist aber selbst wieder doppelter Art. Einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen der Nahrung, Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andrerseits die Erzeugung von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung. Die gesellschaftlichen Einrichtungen, unter denen die Menschen einer bestimmten Geschichtsepoche und eines bestimmten Landes leben, werden bedingt durch beide Arten der Produktion: durch die Entwicklungsstufe einerseits der Arbeit, andrerseits der Familie“ [MEW 21, S. 27/28].

 

Seit der Begründung der Theorie fasst das materialistische Verständnis der Geschichte die Daten, die sich auf den Entwicklungsstand sowohl der Technik und der produktiven Arbeit als auch der „Produktion der Produzenten“, also die geschlechtliche Sphäre, beziehen, als eine einzige Sache auf. Die Arbeiterklasse ist die erste Produktivkraft, sagt Marx. Ebenso wichtig, und noch wichtiger als das Studium der Produktion und Reproduktion von Waren, Reichtum und Kapital, ist zu wissen, wie sich die produzierende Klasse reproduziert. Der klassische, besitzlose Arbeitende der Antike wurde in Rom nicht Arbeiter, sondern Proletarier genannt. Seine vornehmste Aufgabe war nicht die, der Gesellschaft und den herrschenden Klassen die Arbeit seiner Muskelkraft abzuliefern, sondern in seinem engen Alkoven, ohne Kontrolle und Einschränkung, die Tagelöhner von morgen zu zeugen.

 

Dem modernen Kleinbürger, diesem Hohlkopf, dünkt die letztgenannte Arbeit umso süßer, je bitterer die erstgenannte ist. Dabei kann der Kleinbürger (philisterhaft und schmierig wie der Großbourgeois) der großbürgerlichen Macht nur alle Formen seiner Ohnmacht entgegensetzen.

 

4. Ebenso wie sich die ersten Menschengruppen vermittels der primitiven Technik, die die produktive Arbeit ermöglichte, organisierten, so gliederten sie sich auch zum Zweck der Paarung, der Fortpflanzung, des Aufziehens und Schutzes der Kinder. Beide Formen sind stets miteinander verschränkt, weswegen auch die verschiedenen Familienformen ein Produktionsverhältnis sind und sich verändern, wenn sich die Bedingungen der Außenwelt und die verfügbaren Produktivkräfte ändern.

 

Wir können in dieser Darstellung nicht näher auf die sukzessiven Stadien der Wildheit und Barbarei eingehen, deren Merkmale durch die jeweiligen Unterhaltsquellen sowie die Familiengemeinschaften bestimmt waren; wir verweisen hierzu auf die großartige Schrift von Engels.[11]

 

Nachdem sie auf Bäumen gelebt und sich von Früchten ernährt hatten, beherrschten die Menschen dann den Fischfang und das Feuer und lernten, den Flüssen und Küsten zu folgen, so dass die verschiedenen Stämme allmählich immer mehr zusammentrafen. Dann kamen die Jagd und die Benutzung der ersten Waffen. Im Stadium der Barbarei trat zuerst die Zähmung und Züchtung von Tieren, danach der Ackerbau auf, was den Übergang vom Nomadendasein zur Sesshaftigkeit kennzeichnet. Die entsprechenden Formen des Geschlechtslebens waren noch nicht die Monogamie und auch nicht die Polygamie; zuvor bestand das Matriarchat, worin die Frauen die moralische und soziale Vorherrschaft besaßen, und die Gruppenehe, in der sich Männer und Frauen derselben Gens „regellos“[12] paarten, wie es Morgan bei den amerikanischen Indianern nachwies.[13] Als die Weißen kamen, waren die indianischen Stämme zwar schon monogam, doch wurden die Brüder des Vaters „Vater“ genannt, während seine Schwestern „Tante“ genannt wurden. In diesen „Phratrien“[14] galt noch keine konstituierte Autorität und es gab auch kein geteiltes Bodeneigentum.

 

Einigermaßen organisierte Formen, um die Nachkommen aufzuziehen und zu schützen, mag den höheren Wirbeltieren eigen und dem Instinkt geschuldet sein. Nur das denkende Tier, der Mensch, soll sich zwecks einer produktiven Technik organisieren, wobei der Instinkt weiterhin über die Gefühlssphäre des Geschlechtslebens und der Familie herrsche. Wenn das stimmen würde, müsste sich die Intelligenz, von der gemeinhin behauptet wird, den Instinkt ersetzt und ausgeschaltet zu haben, das Terrain mit dem Instinkt teilen. Doch das ist alles metaphysisch. In einer Untersuchung von Maurice Thomas[15] findet sich eine schöne Definition des Instinkts: Der Instinkt ist die erblich determinierte Kenntnis eines speziellen Lebensplans der Gattung (wenn wir zuweilen Studien jüngeren Datums und Liebhaber spezieller Disziplinen anführen, dann nur, um den Eindruck zu widerlegen, Engels’ oder Morgans revolutionäre Angaben, die vom aufgeblasenen Bildungsbürgertum mit spitzen Fingern angefasst wurden, seien „nicht mehr aktuell“ oder von der neuesten wissenschaftlichen Literatur „überholt“ worden). Im Laufe der Evolution und der natürlichen Auslese – wir können davon ausgehen, dass diese beim Tier auf rein physischem, physiologischem Wege, aus den Kollisionen der Individuen mit der äußeren Welt hervorgeht – wird das gemeinsame Verhalten aller Exemplare einer Gattung festgeschrieben, vor allem auf dem Gebiet der Fortpflanzung. Ein solches, von allen angenommenes Verhalten ist zwangsläufig „unbewusst“ und „nicht rational“. Es ist begreiflich, dass dieses Verhalten, wie auch die morphologischen und strukturellen Merkmale, auf erblichem Wege überliefert werden. Auch wenn noch einiges wissenschaftlich zu klären bleibt, ist der Übertragungsmechanismus an das Zusammenspiel der Gene (nicht der Genies, ihr Individualisten) und anderer Erbpartikel der germinativen und befruchtenden Körperflüssigkeiten und Körperzellen gebunden.

 

Dieser Mechanismus, dessen Träger jedes einzelne Tier ist, kann nur ein rudimentäres Minimum an Regeln, also eines Lebensplans übertragen, um die Schwierigkeiten der Umwelt zu bewältigen.

 

Bei der Menschengattung führt selbst eine nur primitive Zusammenarbeit weit darüber hinaus und überliefert ganz andere, allgemein geltende Bräuche und Sitten. Für den Bourgeois und Idealisten liegt der Unterschied in der Vernunft und dem Bewusstsein, die den Willen zum Handeln bewirken – daher der freie Wille des Fideisten, die persönliche Freiheit des Rationalisten. Doch diese Antwort stellt nicht zufrieden. Unsere Position stattet das Individuum nicht mit einer neuen Macht (also dem Denkvermögen und dem Geist) aus, die noch einmal alle Daten umschmeißt, wie der Vitalismus in Bezug auf den Mechanismus. Womit wir es indes ausstatten, ist eine neue kollektive Kraft, die sich ganz der Notwendigkeit der gesellschaftlichen Produktion verdankt und komplexe Regeln und Ordnungen aufzwingt. Eine Kraft, die den Instinkt, der die Einzelnen leitet, sowohl aus der technischen als auch der geschlechtlichen Sphäre verdrängt. Nicht das Individuum hat die Gattung entwickelt und geadelt, sondern das Gattungsleben hat die Individuen mit einer neuen Dynamik ausgestattet und auf eine höhere Ebene gehoben.

 

Das Ursprüngliche und Tierische gehört dem Individuum an. Das Entwickelte, Komplexe, Geregelte, dass einen nicht automatischen, sondern organisierten und organisierbaren Lebensplan bildet, geht aus dem gemeinschaftlichen Leben hervor und entsteht zunächst außerhalb der Hirne der Einzelnen, bis es schließlich diesen Hirnen im Verlauf eines komplexen Prozesses als „Mitgift“ mitgegeben wird. So dass wir – jenseits jeden Idealismus‘ – die Äußerungen des Denkens, der Erkenntnis und der Wissenschaft als Produkte des gesellschaftlichen Lebens fassen können. Die Individuen sind, ohne Ausnahme, nicht die Geber, sondern die Beschenkten, und heute bloß noch Schmarotzer.

 

Dass die ökonomische und geschlechtliche Ordnung am Anfang und von Anfang an eng mit der Organisierung des assoziierten Lebens verflochten ist, lässt sich aus allen religiösen Mythen herauslesen. Sie sind aus marxistischer Sicht keine aus dem hohlen Bauch geborenen Phantasien oder Märchen, die man einfach abtun kann (wie es die heutigen bürgerlichen „Freidenker“ machen); wir müssen sie hingegen als erste Überlieferungen kollektiven Wissens, das mittels der Mythen „verdaut“ wurde, entziffern.

 

Wie z.B. die Genesis (1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 19 und 20): Noch bevor Gott Eva schuf, d.h. noch vor der Vertreibung aus dem irdischen Paradies – in dem Adam und Eva allein und auch im physischen Sinn ewig geblieben wären, wenn sie sich nur damit begnügt hätten, die Früchte der Nahrung, aber nicht die des Wissens zu pflücken –, formte er alle Tierarten aus Lehm und zeigte sie Adam, der lernte, sie bei ihren Namen zu nennen. Die Schrift liefert auch die Erklärung für diese Praxis: „Adae vero non inveniebatur adjutor similis ejus“. Was heißt, Adam hatte keine Begleiterin (keine Gehilfin) seiner eigenen Gattung. Ihm wird Eva beigesellt, doch nicht zur Arbeit und nicht zur Paarung. Vorgesehen schien, dass sie sich die Tiere dienstbar machen. Doch nach dem schweren Fehler des Sündenfalls ändert Gott das Schicksal der Menschheit. Aus dem Garten Eden vertrieben, „erkennt“[16] Eva ihren Gefährten; sie wird unter Schmerzen gebären und Adam im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen. Sogar in diesem schemenhaften, aber jahrtausendealten Wissen treten Produktion und Reproduktion zusammen auf. Die Zähmung der Tiere wird Adam Mühe kosten, aber jetzt hat er adjutores, Gehilfen, similes ejus, seiner Gattung. Sehr bald ist das Individuum – dem selbsternannte Materialisten dieses Jahrhunderts so dümmliche Lobhudeleien darbringen –, diese heilige und unwandelbare, dem Müßiggang ergebene Missgeburt, ohne das bittere und zugleich so reiche Brot des Wissens, ein bloßes Nichts geworden und tatsächlich dazu verdammt, ohne Werk, ohne Liebe, ohne Wissenschaft dahinzuleben: An seine Stelle tritt die Gattung, die denkt, weil sie arbeitet, inmitten vieler adjutores, Seinesgleichen, Ihresgleichen.

Biologische Vererbung und gesellschaftliche Tradition

5. Schon in den Urgemeinschaften gleicht sich das Verhalten ihrer einzelnen Glieder einander an, und zwar infolge gemeinsamer Praktiken und Aufgaben, die entsprechend den Anforderungen der Produktion und ebenso der geschlechtlichen Fortpflanzung die Form von Zeremonien, Festen, Riten religiösen Charakters annehmen. Diese ersten Äußerungen kollektiven und organisierten Lebens – die weder schriftlich fixiert noch aufgezwungen wurden, gegen die also auch nicht verstoßen werden konnte – sind nicht durch angeborene oder eingehauchte Ideen oder durch eine dem Menschentier angeborene Moral möglich geworden, sondern durch den Determinismus der technischen Entwicklung der Arbeit.

 

Erklären lässt sich die Geschichte der Sitten und Bräuche der ersten Gemeinwesen, die noch keine Verfassungen und keine juristischen Zwangsmaßregeln kannten, nur anhand solcher Untersuchungskriterien. Die alljährliche Wiederkehr von Festen folgt dem Rhythmus der jahreszeitlichen Wiederkehr des Pflügens, Säens und Erntens. Anfangs war für die menschliche Spezies auch die Zeit der Liebe und Befruchtung an Jahreszeiten gebunden; die weitere Entwicklung macht dies, anders als bei jedem anderen Tier, zum dauernden Erfordernis. Schriftsteller weißer Hautfarbe und Kultur haben die Feste sexuellen Charakters bei afrikanischen Völkern bierphilisterhaft beschrieben: Jedes Jahr werden den geschlechtsreif gewordenen Jünglingen die Fesseln gelöst, die kurz nach ihrer Geburt ihren Genitalien angelegt worden waren. Der blutigen Operation durch die Priester folgen im Rausch des Lärmens und des Trinkens sexuelle Ausschweifungen. Auch dies eine Praxis, die offenbar die Fruchtbarkeit der Rasse unter schwierigen Bedingungen sichern sollte; Bedingungen, die sonst, also beim Fehlen anderer Regelungen, vielleicht zu Degenerierung und Impotenz hätten führen können (das im Kinsey-Report beschriebene sexuelle Verhalten der kapitalistischen Ära ist wahrscheinlich abstoßender).

 

Dass Fortpflanzung und Produktion zusammen gehören und sichergestellt werden müssen, ist eine alte marxistische These, wie auch ein sehr schönes Zitat von Engels zeigt. Um den Ackerbau, der zu jener Zeit, also um 800, in Verfall begriffen war, zu heben, begründete Karl der Große, nein, keine Kolchosen, sondern „kaiserliche Villen“. Sie wurden durch Klöster bewirtschaftet und gingen, wie alle derartigen Versuche im ganzen Mittelalter, spurlos unter. Ein gleichgeschlechtliches, nicht fortpflanzungsfähiges Gebilde kann den Anforderungen einer lebendigen Produktion nicht genügen. Nehmen wir als Beispiel die Benediktinerregel,[17] die einem fast kommunistisch anmutet, so streng ist – bei Arbeitspflicht – das Verbot, sich auch nur das Geringste von den Gütern bzw. Produkten persönlich anzueignen oder etwas außerhalb des gemeinsamen Mahls zu verzehren. Doch wegen des Gebots der Keuschheit und Ehelosigkeit bleibt eine solche Gemeinschaft außerhalb des Lebens und der Geschichte. Wahrscheinlich würde ein Studium über die Anfänge der Mönchs- und Nonnen-Orden das Problem der niedrigen Produktion im Verhältnis zur Konsumtion im Mittelalter erhellen; insbesondere das Studium der harten und zugleich bewunderungswürdigen Anschauungen von Franz und Klara von Assisi könnte das zeigen, denn die Kasteiung sollte nicht den Geist vor der Verdammnis retten, sondern soziale Reformen bewirken, um die ausgemergelten und blassen Leiber der entrechteten Klassen besser zu ernähren.

 

6. Die mit der Zeit immer komplexeren technischen Arbeitsabläufe in den verschiedenen Bereichen wie der Jagd, dem Fischfang, der Viehhaltung und dem Ackerbau sind abgestimmt auf das Verhalten und die Fähigkeiten der arbeitsfähigen Erwachsenen, der Alten, der Jungen, der schwangeren und stillenden Mütter, der sich zu Fortpflanzungszwecken paarenden jungen Menschen. Diese Arbeitsabläufe werden von Generation zu Generation auf doppelte Art weitergegeben: auf organischem und auf gesellschaftlichem Wege. Die erblichen Merkmale übertragen die physischen Fähigkeiten und Anpassungen vom zeugenden auf das gezeugte Individuum, wobei die persönlichen Unterschiede nur eine sekundäre Rolle spielen. Auf dem zweiten, immer wichtiger werdenden Weg werden die für alle gleichen Lebens- und Kraftquellen der Gemeinschaft zwar nicht physiologisch, doch nicht minder materiell weitervererbt: es sind die von der Gemeinschaft ausgeschwitzten „Werkzeug- und Geräteausstattungen“.

 

Bis zur Entdeckung praktischerer Übertragungsmittel wie der Schrift, den Skulpturen, später der Druckkunst etc. spielte vor allem das Gedächtnis Einzelner eine wichtige Rolle, das durch die gewohnheitsmäßigen Lebensformen „trainiert“ wurde: Von den ersten mütterlichen Mahnungen bis zu den Vorträgen der Alten mit festgelegten und bis zum Überdruss wiederholten Themen, die dann gemeinsam rezitiert wurden. Musik und Gesang stützen das Gedächtnis, und die erste Wissenschaft wird nicht in Prosa, sondern in Versen, die musikalisch begleitet werden, formuliert – während heute das Wissen nur noch als schauerliche Kakophonie in Umlauf gebracht wird.

 

Das Arsenal dieses ganzen unpersönlichen und gemeinschaftlichen Rüstzeugs, das sich das Gemeinwesen nach und nach erwarb, würde eine systematische Untersuchung und ausführliche Darstellung erfordern, doch ein Gesetz wurde schon angedeutet: Je vielschichtiger der Mechanismus wird, desto weniger wird das Gehirn Einzelner beansprucht und alle erreichen allmählich ein gemeinsames Niveau. Die „großen Männer“, fast immer bloß von Legenden umrankte Figuren, werden immer überflüssiger, so wie es immer überflüssiger wird, eine größere Waffe als alle anderen zu zücken oder schneller als alle anderen das Ergebnis einer Multiplikation auszuspucken – nicht mehr lange, und ein Roboter wird der Intelligenteste unter allen Bildungsbürgern dieser verblödeten bürgerlichen Welt sein, und vielleicht sogar, wenn wir dem heutigen Gerede Glauben schenken wollten, der Diktator riesiger Länder.

 

Das organische Vermögen, das die Grundlage des individuellen geistigen Vermögens bildet, tritt jedenfalls immer mehr hinter das gesellschaftliche Vermögen zurück.

 

Auch an diesem Punkt können wir auf eine kürzlich erschienene interessante Arbeit verweisen: Henri Wallon: „L’organique et le social chez l’homme“, 1953.[18] Er steht dem mechanischen Materialismus – der der bürgerlichen Zeit angehört und dessen Träger folglich das Individuum ist – kritisch gegenüber, erläutert aber gleichwohl die Kommunikationssysteme unter den Menschen in der Gesellschaft und zitiert Marx, wie wir später, wenn es um die Sprache geht, noch sehen werden. Er konstatiert den Bankrott des Idealismus, auch in seiner modernen Form des Existentialismus, mit einer treffenden Formulierung: „Der Idealismus hat sich nicht darauf beschränkt, das Reale innerhalb der Vorstellung einzugrenzen, er hat auch die Vorstellung dessen, was er als das Reale ansieht, eingegrenzt“. Und nachdem er die verschiedenen Sichtweisen jüngeren Datums hat Revue passieren lassen, kommt er zur klugen Schlussfolgerung: „Zwischen organischen Empfindungen und geistigen Vorstellungen finden ständig wechselseitig wirkende Aktionen und Reaktionen statt, die zeigen, wie hohl die Unterscheidungen sind, die von den verschiedenen philosophischen Systemen zwischen Materie und Denken, Dasein und Verstand, Körper und Geist gemacht werden“.

 

Aus vielen solcher Beiträge lässt sich schließen, dass die marxistische Methode jenen „wertfreien“ Wissenschaften die Möglichkeit gibt, ihr Handikap von hundert verlorenen Arbeitsjahren zu überwinden.

Natürliche Bedingungen und historische Entwicklung

7. Die Lebensbedingungen der ersten Gentes, der kommunistischen Phratrien, entwickelten sich nur sehr langsam und, weil die Umweltbedingungen nicht überall die gleichen waren, auch sehr unterschiedlich. Bodenbeschaffenheit und geologische Gegebenheiten waren ungleich, ebenso die geographische Lage und Höhe, Flussläufe, Entfernung zum Meer, die Fauna und Flora verschiedener Klimazonen usw. In wechselnden Zyklen fand der Übergang vom Nomadendasein herumziehender Horden zur Sesshaftigkeit statt, herrenloses Land wurde langsam rarer, nicht-blutsverwandte Stämme trafen häufiger aufeinander, was schließlich auch zu Konflikten, zu Übergriffen und schließlich zur Unterwerfung führte: einer der Ursprünge der entstehenden Klassenspaltung in der alten klassenlosen Gentilgesellschaft.

 

Die ersten Zusammenstöße zwischen Gentes endeten, Engels erinnert daran, mit der Tötung der Mitglieder der besiegten Gemeinschaft, da Sklaverei unsinnig und Heirat zwischen nicht-blutsverwandten Gentes ausgeschlossen war. Eine Praxis, die der doppelten Notwendigkeit entsprang, keinen zu großen Bevölkerungszuwachs auf begrenzt verfügbaren Boden zuzulassen sowie die Regeln des altherkömmlichen Geschlechtsverhaltens nicht durcheinander zu bringen. Später wurden die Beziehungen komplexer; vor allem in den gemäßigten Klimazonen und fruchtbaren Landstrichen, in denen sich auch die ersten großen Völkerschaften bildeten, mischten und vereinigten sich die Gemeinwesen. Wie groß der Einfluss der geophysikalischen Faktoren im weitesten Sinne war, zeigt Engels an dem großen Schritt in der produktiven Entwicklung, der in der Dienstbarmachung von Tieren, nicht nur als Nahrungsquelle, sondern auch als Arbeitsvieh, bestand. Während in Eurasien zahlreiche, zur Züchtung geeignete Tiere vorkamen, gab es in Amerika praktisch nur das Lama, weswegen in dieser Beziehung die gesellschaftliche Entwicklung der amerikanischen Volksstämme im Vergleich zu denen auf dem alten Kontinent „nicht weiterging“. Nach der Entdeckung Amerikas erklärten die Fideisten diese Tatsache damit, dass dieser gottlose Erdteil nicht der Erlösung teilhaftig geworden und das ewige Licht nicht in den Köpfen der Wilden entzündet worden sei. Offensichtlich macht es einen kleinen Unterschied, ob man alles mit der Abwesenheit des Höchsten Wesens oder der einiger anspruchsloser Tierarten erklärt.

 

Doch den christlichen Kolonisten kam jene Erklärung sehr zupass, als es darum ging, die Indianer wie wilde Tiere auszurotten und die zu Sklaven erniedrigten Afrikaner „vor Ort“ zu bringen, um so eine ethnische Revolution abzuschließen, deren Bilanz erst die Zukunft wird ziehen können.

Vorgeschichte und Sprache

8. Der Übergang vom rassischen zum nationalen Faktor kann sehr allgemein mit dem Übergang von der Vorgeschichte zur Geschichte angesehen werden. Nation wird als eine Gesamtheit gefasst, worin das ethnische Moment nur einer ihrer Aspekte und nur sehr selten der dominierende ist. Bevor wir uns der historischen Bedeutung des nationalen Faktors zuwenden, stellt sich, neben dem rassischen Faktor, die Frage anderer Faktoren, zuallererst der der Sprache. Ihr Ursprung kann nur aus den materiellen Bedingungen der äußeren Welt und aus der produktiven Organisation heraus erklärt werden. Die Sprache des Gemeinwesens ist eines seiner Produktionsmittel.

 

Im Zentrum des historischen Materialismus steht der oben festgestellte enge Zusammenhang zwischen den ersten blutsverwandten Stämmen und dem Beginn einer gesellschaftlichen Produktion mittels einfacher Werkzeuge sowie der Zusammenhang zwischen den Menschengruppen und der physischen Umwelt, der die Initiativen und Neigungen der Individuen bestimmt. Zwei Texte, die in einem Abstand von einem halben Jahrhundert geschrieben wurden, unterstreichen dies. In den „Thesen über Feuerbach“ sagt Marx (1845): „Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ [MEW 3, S. 6]. Unter gesellschaftlichen Verhältnissen verstehen wir die Blutsbande, den Lebensraum, die Werkzeuge, die Organisation eines bestimmten Gemeinwesens.

 

In einem Brief vom Januar 1894 (den wir weidlich genutzt haben, um die alte Vorstellung über die Rolle des Individuums in der Geschichte zu widerlegen) antwortet Engels auf die Frage, welche Rolle die Rasse und das geschichtliche Individuum als „Moment“ (siehe den 3. Paragraphen) in der materialistischen Geschichtsauffassung spielt. Gedrängt, auf die Individualität und auf Napoleon (der dem Fragesteller wohl im Kopf herum spukt) einzugehen, stößt Engels den französischen Kaiser ohne große Umstände von seinem Sockel, und was die Frage der Rasse angeht, haut Engels nur einmal, dafür aber umso kräftiger zu: „Aber die Rasse ist selbst ein ökonomischer Faktor“ [MEW 39, S. 206].

 

Die Stümper der bürgerlichen Pseudointelligenz mögen sich ruhig mokieren, wenn wir uns ein Weilchen dabei aufhalten, noch einmal den gewaltigen Brückenschlag nachzuzeichnen, der die Anfänge der Menschheit bis zur dereinst „gewordenen Gesellschaft“ verbindet; für die mächtige und hartnäckig sich haltende katholische Schule ist das z.B. der grandiose Verlauf vom irdischen Chaos zur ewigen Seligkeit der Menschenkinder.

 

Die ersten Menschengruppen sind enge Blutsverwandte, Familiengruppen. Gleichermaßen sind es Arbeitsgruppen, d.h. ihre „Ökonomie“ ist eine Reaktion aller auf die Außenwelt, zu der sie alle in gleicher Beziehung stehen: es gibt kein persönliches Eigentum, keine gesellschaftlichen Klassen, keine politische Macht, keinen Staat.

 

Da wir weder Metaphysiker noch Mystiker sind, sehen wir, ohne uns Asche aufs Haupt zu streuen oder die Menschheit als befleckt und sündhaft anzusehen, dass die Vermischung nicht-blutsverwandter Gentes, die Arbeitsteilung, die Spaltung in Klassen, der Staat und der Bürgerkrieg in Tausenden von Entwicklungssträngen entstehen und fortschreiten. Doch am Ende des Zyklus, mit einer allgemeinen, heute nicht mehr zu decodierenden rassischen Vermischung und mit einer Produktivkraft, die so gewaltig und umfassend auf die Umwelt einzuwirken vermag, dass die Regulierung der weltweiten Phänomene durch diese Kraft bereits abzusehen ist – am Ende dieses Zyklus, der auch das Ende jeder rassischen und gesellschaftlichen Trennung ist, wird wieder die alte und zugleich ganz neue Ökonomie des Kommunismus stehen, d.h. das weltweite Ende des Privateigentums, das so monströse Fetische wie die Person, die Familie und das Vaterland auf die Welt gebracht und zu Götzen gemacht hat.

 

Anfangs jedoch lässt sich die Ökonomie jedes Gemeinwesens genauso durch seine technische und produktive Entwicklungsstufe wie durch seinen ethnischen Typus charakterisieren.

 

Die jüngsten Forschungen über das vorgeschichtliche Dunkel haben die Wissenschaft veranlasst, dem Auftreten des Menschentiers und der Entwicklung anderer Spezies mehr Abstammungslinien als vormals gedacht zuzuerkennen. Von einem „Stammbaum“ der Volksstämme oder gar der ganzen Menschheit kann keine Rede sein. Eine Studie von Etienne Patte[19] aus dem Jahre 1953 richtet sich nachdrücklich gegen die Unzulänglichkeit solch althergebrachter Vorstellungen. Beim Stammbaum ist jede Gabelung eines Astes oder Zweiges sozusagen unwiderruflich: In der Regel lassen sich die beiden Gruppen dann nicht mehr „zusammenfügen“. Das menschliche Geschlecht ist indes ein unentwirrbares Netz, dessen Fäden sich beständig verknüpfen: Hätte es zwischen den Blutsverwandten keine Vermischung des Blutes gegeben, hätte jeder von uns in drei Generationen, also in einem Jahrhundert, acht Urgroßeltern, und schon vor tausend Jahren hätte jeder mehr als eine Milliarde Urahnen gehabt. Wenn wir das Alter der menschlichen Spezies auf etwa sechshunderttausend Jahre schätzen, was wahrscheinlich stimmt, müsste die Anzahl der Vorfahren durch astronomische Zahlen mit Tausenden von Nullen angegeben werden. Also nicht Stamm, sondern Netz. Und tatsächlich zeigen die Statistiken, dass „reinrassige“ Ethnien nur in sehr geringen Prozentzahlen vorkommen. Von daher die schöne griechische Definition der Menschheit als ein „Syngameion“, eine Gesamtheit, in der man sich in alle Richtungen mischt. Das Verb „gaméo“ bezeichnet Geschlechtsakt und Hochzeitsritus. Und es geht auf die etwas vereinfachte Regel zurück: die Vermischung der Arten ist steril, die der Rassen fruchtbar.

 

Und es ist durchaus verständlich, wenn der Papst – der den Begriff der rassischen Minderheit zurückweist, was historisch gesehen ein sehr fortschrittlicher Standpunkt ist – dafür plädiert, den Begriff der Rasse für das Tier, nicht aber für den Menschen zu gebrauchen. Ungeachtet der jüngsten Forschungsergebnisse und deren oft genialer Übereinstimmung mit dem christlichen Dogma, die der Papst scheinbar aufmerksam verfolgt, vermag er den biblischen (auf philosophischen Gebiet ist es eher der jüdische als katholische) Stammbaum, der mit Adam beginnt, nicht aufzugeben.

 

Ein anderer Verfasser ausgesprochen anti-materialistischer Provenienz kann jedoch die alte Trennung in der Vorgehensweise zwischen Anthropologie und Historiographie nicht zurückweisen, insofern die positiven Daten in der Anthropologie noch weitgehend fehlen, während die Daten zur Historiographie vorliegen und vor allem chronologisch geordnet sind. Niemand bezweifelt, dass Cäsar vor Napoleon lebte, aber eine große Frage ist, ob der Neandertaler ein Vorläufer des Menschenaffen „proconsul africanus“ ist ...

 

Auf die von der Forschung gelieferten Daten angewandt, ist es gerade die Mächtigkeit der materialistischen Methode, die leicht die Synthese zwischen beiden Stadien feststellen kann, auch wenn die Rasse in den vorgeschichtlichen Gentes der bestimmende Faktor der Ökonomie war, während es in der modernen Welt die Nation, eine weitaus komplexere Entität, ist.

 

Nur auf diese Weise lässt sich die Rolle der Sprache einordnen. Ursprünglich war sie einer engen blutsverwandten Gruppe gemeinsam, die nur ausnahmsweise, oder nur in kriegerischen Konflikten, in Kontakt mit stammesfremden Gruppen trat, heute dagegen ist die Sprache großen Bevölkerungen auf enorm weiträumigen Territorien gemeinsam.

 

Die Menschengruppen, die sich innerhalb desselben Kreises reproduzieren und zugleich die produktiven, zur physischen Lebenserhaltung notwendigen Mittel gemeinsam haben, haben anfangs auch eine gemeinsame Phonetik.

 

Die Lautbildung zur Kommunikation unter Individuen findet sich auch schon bei den Tierarten. Aber die Modulation der Töne, die eine Tierart mit den Stimmorganen ausstoßen kann (ein rein physiologisches Erbe der strukturellen und funktionellen Möglichkeiten dieser Organe), ist jedoch weit entfernt von der Bildung einer Sprache mit einem gegebenen Wortbestand. Die Wörter treten nicht etwa auf den Plan, um den sprechenden oder angesprochenen Einzelnen zu benennen, oder jemanden des anderen Geschlechts, ein Körperteil, das Licht, die Dunkelheit, den Erdboden, das Wasser, ein Nahrungsmittel oder eine Gefahr zu bezeichnen. Die artikulierte Sprache entsteht, als die Arbeit mit Werkzeugen, die Produktion von Gebrauchsgegenständen mittels der assoziierten Arbeit aufkommt.

Gesellschaftliche Arbeit und Sprache

9. Jede gemeinschaftliche, im weitesten Sinne zu produktiven Zwecken ausgeführte Tätigkeit erfordert, soll die Zusammenarbeit nutzbringend sein, ein Kommunikationssystem unter den Arbeitenden. Instinktive Antriebe und tierische Laute reichen aus, soweit es sich einfach um einen Kraftaufwand handelt, Beute zu machen oder sich zu verteidigen. Sobald jedoch Zeit oder Raum einer Handlung oder der Einsatz von Mitteln, wie primitive Werkzeuge oder Waffen, bestimmt werden soll, bildet sich – durch eine lange Reihe von missglückten Versuchen und Berichtigungen hindurch – die Sprache. Der Verlauf ist genau das Gegenteil dessen, was der idealistischen Vorstellung vorschwebt, wonach ein Vorreiter ein neues „technologisches“ Verfahren ersinnt, ohne es je erprobt zu haben, und es den anderen erklärt, die es dann unter seiner Leitung praktisch umsetzen. Der Verlauf ist also nicht: Denken – Sprache – Handlung, sondern genau umgekehrt.

 

Noch einmal finden wir im biblischen Mythos (1. Buch Moses, Kapitel 11, Vers 1-9), dem berühmten Turmbau zu Babel, eine Bestätigung des natürlichen und wirklichen Prozesses der Sprachentstehung: Es gibt bereits einen Staat, der ungeheure Macht hat, über ausgezeichnete Streitheere und zahllose Gefangene und Zwangsarbeiter verfügt. Dieser Staat lässt großangelegte Arbeiten, vor allem in der Hauptstadt, durchführen (die fortgeschrittene Technik der Babylonier, nicht nur in der Architektur, sondern auch beim Bau von Bewässerungsanlagen und Ähnlichem ist erwiesen); der Legende nach sollte ein Turm errichtet werden, „dessen Spitze bis an den Himmel reiche“: Wieder treffen wir auf den bekannten Mythos von der Anmaßung der Menschen, die von den Göttern deshalb gedemütigt werden, wie Prometheus für das geraubte Feuer, Dädalus für seinen Flug, etc. Die unzähligen Arbeiter, Aufseher und Architekten kommen aus verschiedenen, weit entfernten Gebieten, sprechen nicht dieselbe Sprache, können sich deshalb nicht verständigen, die Ausführung der Pläne und Bauvorhaben ist chaotisch und widersprüchlich, so dass der Tempelturm, nachdem er eine gewisse Höhe erreicht hat, infolge der durch die Sprachverwirrung verursachten Baufehler zusammenstürzen muss, und die Handwerker entweder unter ihm begraben werden oder vor der Rache der Götter in alle Himmelsrichtungen fliehen.

 

Der tiefere Sinn der Geschichte liegt darin, dass ohne eine gemeinsame Sprache nicht gebaut werden kann. Steine, Muskelkraft, Hebel, Hämmer und Hacken reichen nicht, wenn als Arbeitsmittel die Gemeinsamkeit der Sprache, des Wortschatzes und der Syntax fehlt. Bei den Indigenen Zentralafrikas stoßen wir auf die gleiche Legende: Hier ist der Turm aus Holz und soll bis zum Mond reichen. Heute, wo alle „amerikanisch“ sprechen, ist es ein Kinderspiel, Wolkenkratzer zu bauen, die im Vergleich zu den genialen Türmen der Barbaren und Wilden mehr als unsinnig sind.

 

Es gibt also keinen Zweifel an der marxistischen Definition der Sprache als einem Produktionsmittel. Auch der oben erwähnte Wallon kann, als er die wichtigsten Lehren untersucht, nicht daran vorbei: „Nach Marx ist die Sprache an die menschliche Produktion von Werkzeugen und Gegenständen mit bestimmten Eigenschaften gebunden“. Und er führt zwei Zitate an, das erste aus der „Deutschen Ideologie“: Die Menschen „fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren“ [MEW 3, S. 23]. Das zweite aus der „Dialektik der Natur“: „Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache – das sind die beiden wesentlichsten Antriebe, unter deren Einfluss das Gehirn eines Affen in das [...] eines Menschen allmählich übergegangen ist“ [MEW 20, S. 447]. Als Engels dies schrieb, wusste er nicht, welche weiteren Ergebnisse Autoren vollkommen idealistischer Provenienz zutage fördern sollten, wenn auch wider Willen (wie z.B. Karl Saller: „Angewandte Anthropologie“, 1951). Heute hat der Mensch ein Hirnvolumen von 1400 cm³ (die Genies genauso wie wir Dummköpfe, ja klar). Vor langer Zeit, in der Phase des Sinanthropus und Pithecanthropus[20] hatte das Hirn ein Volumen von ca. 1000 cm³. Anscheinend hatte unser Vorfahr schon erste Kenntnisse der Magie, bestimmte Bestattungsriten, obschon er auch Kannibale war; er kannte schon das Feuer und gebrauchte darüber hinaus verschiedene Geräte wie Trinkgefäße aus Tierschädeln, Steinwaffen etc. Doch die vor allem in Südafrika gemachten Funde führen uns noch weiter zurück: Ein noch früherer Vorfahre, der, nach Wallon, vor sechshunderttausend Jahren lebte und ein Hirnvolumen von nur 500 cm³ besaß, nutzte bereits das Feuer, jagte, aß das gebratene Fleisch der erlegten Tiere und ging aufrecht. Und es scheint, dass Engels‘ Angaben von 1884 nur in einem einzigen Punkt berichtigt werden müssen: Wahrscheinlich lebte er nicht mehr, wie sein enger Verwandter Australopithecus[21] auf Bäumen, sondern bewegte sich schon auf dem Boden, aufrecht gehend und sich mutig den wilden Tieren entgegenstellend.

 

Seltsam, dass Wallon, dem wir diese Angaben entnehmen (und den diese Daten, die die Eckpfeiler der materialistischen Theorie erhärten, so verwirrten), vor der Anthropologie Zuflucht in der Psychologie suchte, wo er den Niedergang des durch einen außerweltlichen Hauch geadelten Individuums beweint, ein Individuum, das in der modernen, von Überbevölkerung und Technisierung geprägten Zeit „massenhaft“ degeneriere und aufhöre Mensch zu sein. Nun ja, wer ist eher Mensch: unser sympathischer Urahn mit 500 cm³ (verwechselt das nicht mit den 500 cm³ Hubraum eines populären Kleinwagen)[22] oder der Wissenschaftler mit 1400 cm³, der sich unter dem Titusbogen in Rom die Zeit vertreibt und damit die erbärmliche Gleichung aufgestellt: Offizielle Wissenschaft + Idealismus = Hoffnungslosigkeit?

Ökonomische Basis und Überbau

10. Der Begriff der „ökonomischen Basis“ einer bestimmten Gesellschaft geht also weit über die oberflächliche Bestimmung hinaus, wonach lediglich Arbeitsentlohnung und Warentausch diese Basis bildeten. Er umfasst vielmehr sämtliche Reproduktionsformen der Gattung, deren einer Bestandteil die technischen Mittel sowie die vielfältigen Geräte- und Werkzeugausstattungen sind, was nicht heißt, dass ihre Bedeutung auf ein Warenlager, eine Art Zeughaus, reduziert werden kann. Darin einbegriffen ist jeder Mechanismus, der das gesamte „technologische Wissen“ einer Gesellschaft von einer Generation zur nächsten weitergibt. In diesem Sinne und als allgemeines Kommunikations- und Übertragungssystem müssen, nach der artikulierten Sprache, auch die Schrift, der Gesang, die Musik, graphische Künste, der Buchdruck etc., zu den Produktionsmitteln gezählt werden, da sie zu den Übertragungsmitteln des produktiven gesellschaftlichen Vermögens gehören. Auch Literatur, Poesie und Wissenschaft sind als höhere und differenzierte Formen der Produktionsmittel zu fassen, die ebenso notwendig entstehen und bestimmten Bedürfnissen des mittelbaren und unmittelbaren gesellschaftlichen Lebens entsprechen.

 

In diesem Zusammenhang tauchen in der proletarischen Bewegung Fragen bezüglich des Verständnisses des historischen Materialismus auf: Welche gesellschaftlichen Erscheinungen bilden denn die „produktive Basis“ oder die ökonomischen Bedingungen, aus denen die Erklärung des ideologischen, politischen, eine bestimmte Gesellschaft kennzeichnenden Überbaus abzuleiten ist?

 

Der Auffassung einer langen graduellen Evolution setzt der Marxismus, das ist bekannt, eine andere entgegen, wonach die Evolution von plötzlichen Einschnitten unterbrochen wird, die beim Übergang von einer zur anderen Epoche eintreten und sich durch verschiedene gesellschaftliche Formen und Verhältnisse charakterisieren lassen. Bei diesen Umbrüchen werden die produktive Basis und der ganze Überbau umgewälzt. Zwecks Klärung dieser Auffassung haben wir schon oft zu den klassischen Texten gegriffen, sowohl um die verschiedenen Begriffe und Formulierungen richtig einzuordnen als auch um zu präzisieren, was sich denn beim Ausbruch der revolutionären Krise jäh verändert.

 

In den weiter oben erwähnten Briefen an junge Studierende des Marxismus betont Engels die Wechselwirkungen zwischen Unter- und Überbau. Der Staat einer bestimmten Klasse ist so ein Überbau, der jedoch seinerseits durch Schutzzölle, Steuern usw. auf die ökonomische Basis zurückwirkt.

 

Später, zu Zeiten Lenins, war es insbesondere wichtig, den Verlauf der Klassenrevolution zu klären. Der Staat, die politische Macht, ist jener Überbau, von dem sich sagen lässt, dass er sofort zusammenbricht, um einer ähnlichen, aber gegenpoligen Struktur Platz zu machen. Die ökonomischen Verhältnisse verändern sich hingegen nicht so schnell, obschon ihr Widerspruch zu den entwickelten Produktivkräften die Hauptantriebskraft der Revolution ist. Lohnarbeit, Austausch von Waren etc. verschwinden also nicht von einem auf den anderen Tag. Was andere Aspekte des Überbaus, abgesehen vom Staat, angeht, gibt es Strukturen, die noch schwerer loszuwerden sind und die frühere ökonomische Basis (hier: den Kapitalismus) überdauern: Die althergebrachten Ideologien, die ihr Netz – auch über die siegreiche revolutionäre Klasse – geworfen haben, was der langen Zeit der Unterwerfung geschuldet ist. So ändert sich z.B. das Recht, als schriftlich fixiertes und praktisch angewandtes Element des Überbaus, sehr schnell, während die religiösen Überzeugungen nur allmählich verschwinden.

 

Bei vielen Gelegenheiten haben wir Marxens Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von 1859 zur Hand genommen. Es kann keinen Schaden nicht tun, hier haltzumachen, bevor wir mit dem Thema der Sprache weitermachen.

 

Materielle Produktivkräfte sind, in den jeweiligen Entwicklungsstufen, die Arbeitskraft der menschlichen Muskeln, die ihre leibliche Verlängerung bildenden Geräte und Werkzeuge, dann die Fruchtbarkeit des Ackerbodens, die mechanische und physikalische, der Arbeitskraft zugesetzte maschinelle Kraft; alle Verfahren, die in Bezug auf den Boden oder auf das Material der genannten manuellen und mechanischen Kräfte zur Anwendung kommen, Verfahren, die dem jeweiligen Erkenntnisstand einer Gesellschaft entsprechen und ihr angehören.

 

Die einer bestimmten Gesellschaftsformation entsprechenden Produktionsverhältnisse sind die, welche „die Menschen in der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens eingehen“ [MEW 13, S. 8]. Die Freiheit (oder das Verbot) sich auf einen Grund und Boden niederzulassen, um ihn zu bearbeiten, sich Werkzeuge, Geräte, Fabrikate zu verschaffen, eben Arbeitsprodukte, um sie zu gebrauchen oder an andere weiterzugeben, sind ganz allgemein Produktionsverhältnisse. Näher besehen sind diese Verhältnisse das Sklavenhaltertum, Leibeigenschaft, Lohnarbeit, Handel, Grundeigentum, Industrieunternehmen. Die nicht den ökonomischen, sondern rechtlichen Ausdruck wiedergebenden Produktionsverhältnisse können wir ebenso gut Eigentumsverhältnisse nennen oder, wie in anderen Texten, Eigentumsformen: Eigentum am Boden, an Sklaven, an Leibeigenen, an Waren, Werkstätten und Büros, an Maschinen etc. Die Gesamtheit dieser Verhältnisse bildet die ökonomische Basis oder Struktur der Gesellschaft.

 

Das dynamische Konzept, das dem Ganzen zugrunde liegt, ist der Widerspruch zwischen den Produktivkräften (die einer bestimmten Entwicklungsstufe angehören) und den Produktionsverhältnissen oder Eigentumsverhältnissen bzw. den gesellschaftlichen Verhältnissen (alles gleichbedeutende Begriffe).

 

Das, was sich auf der ökonomischen Basis erhebt, sich aus ihr ableitet, der Überbau, ist bei Marx im Wesentlichen das politische und juristische Gerüst der jeweiligen Gesellschaftsformation: Verfassungen, Gesetze, Justiz, Armeen, Regierungen. Dieser Überbau hat jedes Mal einen physischen, konkreten Aspekt. Doch Marx legt Wert darauf, den realen Übergang in den Produktionsverhältnissen, den Eigentums-, den Rechts- und schließlich Machtverhältnissen nicht mit dem Übergang zusammenzuwerfen, der sich im „Bewusstsein“ der jeweiligen Epoche und auch der siegreichen Klasse widerspiegelt. Dieses Bewusstsein ist (bis heute) eine Ableitung der Ableitung, ein Überbau des Überbaus, der das veränderliche Terrain der öffentlichen Meinung, Ideologie und Philosophie, Kunst und, in gewisser Hinsicht, auch der Religion (soweit sie nicht eine praktische Lebensregel darstellt) bildet.

 

Produktionsweisen (es ist besser, hier nicht von Formen zu sprechen, den benutzen wir für den engeren Begriff der Eigentumsformen) sind die „progressiven Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation“ [MEW 13, S. 9], die Marx in großen Umrissen als asiatische, antike, feudale und bürgerliche bezeichnet.

 

Konkretisieren wir das Ganze an einem Beispiel: bürgerliche Revolution in Frankreich. Produktivkräfte: Ackerbau und leibeigene Bauern, das Handwerk mit seinen städtischen Werkstätten, sich ausdehnende Manufakturen und Fabriken und deren Arbeiterschaft. Herkömmliche Produktionsverhältnisse oder Eigentumsformen: Leibeigenschaft der Bauern und feudale Macht über den Boden samt seinen Bebauern, Zunftfesseln der handwerklichen Gewerbe. Juristischer und politischer Überbau: Macht des adeligen und klerikalen Standes, absolute Monarchie. Ideologischer Überbau: Autorität nach göttlichem Recht, Katholizismus. Produktionsweise: Feudalismus.

 

Der revolutionäre Übergang zeigt sich unmittelbar als Übergang von der Macht des Adels und des Klerus in die Hände der Bourgeoisie. Der neue juristisch-politische Überbau ist die parlamentarische Wahldemokratie. Die zertrümmerten Produktionsverhältnisse sind Leibeigenschaft und zünftiges Handwerk, an ihre Stelle treten industrielle Lohnarbeit (wenngleich selbständiges Handwerk und kleinbäuerliches Eigentum fortdauern), freier Binnenmarkt, auch der Boden wird Handelsware.

 

Die Produktivkraft der Arbeiterschaft entwickelt sich kolossal durch die Absorbierung der ehemaligen hörigen Bauern und Handwerker in die Fabriken. Gleichermaßen entwickelt sich die Werkzeug- und Bewegungsmaschine.[23] Der ideologische Überbau wird allmählich ersetzt (ein Prozess, der mit der Revolution begann und bis heute nicht abgeschlossen ist): an die Stelle von Fideismus und Legitimismus[24] treten Gedankenfreiheit, Aufklärung, Rationalismus.

 

Die neue, sich in Frankreich verbreitende und den Feudalismus ablösende Produktionsweise ist der Kapitalismus. Die politische Macht ist nicht die des „Volkes“ – wie es sich im Bewusstsein darstellt, das diese Revolution von sich selbst hat –, sondern die der industriellen Kapitalistenklasse und bürgerlichen Grundeigentümer.[25]

 

Um die beiden „Schichten“ des Überbaus auseinanderzuhalten, könnte man die Begriffe Gewaltüberbau (positives Recht, Staat) und Bewusstseinsüberbau (Ideologie, Philosophie, Religion) benutzen.

 

„Die Gewalt selbst“, sagt Marx, „ist eine ökonomische Potenz“ [MEW 23, S. 779]. Und Engels sagt in den schon erwähnten Briefen an W. Borgius und C. Schmidt dasselbe in anderen Worten, nämlich dass der Staat auf die ökonomische Basis einwirkt.[26]

 

Der Staat einer neuen Klasse ist also eine mächtige Triebkraft, um die Produktionsverhältnisse umzuwandeln. Aufgrund der fortgeschrittenen, seit langem in den Vordergrund drängenden modernen Produktivkräfte wälzt sich in Frankreich nach 1789 die feudale Produktionsordnung sehr rasch um. Auch wenn die Macht 1815 wieder an die Grundbesitzeraristokratie fiel und die „legitimistische“ Monarchie wieder eingesetzt wurde, konnten im Zuge der Restauration die Produktionsverhältnisse, die Eigentumsformen nicht wieder zurückgerollt werden; die Manufaktur konnte ebenso wenig abgewürgt werden wie das grundherrliche Eigentum wiederentstehen konnte. Historisch und für eine begrenzte Zeit können ein Wechsel in der Macht und der Übergang zu einer ökonomischen Form durchaus konträr verlaufen.

 

Und in Russland im Oktober 1917? Der Gewaltüberbau, die politische Macht, die im Februar von den feudalen Kräften in die Hände der Bourgeoisie gelangt war, ging jetzt an das städtische Proletariat – im Kampf von den armen Bauern unterstützt – über. Der staatlich-juristische Überbau nahm proletarische Gestalt an (Diktatur, Auseinanderjagen der konstituierenden Versammlung). Inmitten des verzweifelten Widerstandes der alten Kräfte, der Bourgeoisie und Halb-Bourgeoisie, erhielt der ideologische Überbau einen mächtigen Schub in Richtung proletarischer Theorie, und die Produktivkräfte, soweit sie den feudalen Charakter abgestreift hatten, nahmen Anlauf in Richtung Industrie und kapitalistischer Landwirtschaft. Wurden die Produktionsverhältnisse, in den Jahren nach dem Oktober 1917, sozialistisch? Sicher nicht, weil dies schlechterdings keine Sache von Monaten ist. Dann wurden sie also kapitalistisch? Es lässt sich nicht behaupten, dass sie völlig kapitalistisch wurden, da vorkapitalistische Formen, wie bekannt, noch lange fortlebten. Aber es wäre dennoch ziemlich platt zu sagen, der mächtige Antrieb habe lediglich ihre Umwandlung in kapitalistische Verhältnisse bewirkt.

 

Denn auch abgesehen von den warennegierenden Maßnahmen (Wohnung, Nahrung, Verkehr) des Kriegskommunismus – denn die Gewalt ist ja eine große ökonomische Potenz – ist der Übergang der Produktionsverhältnisse unter der Ägide eines demokratisch-bürgerlichen Staates eine Sache, eine andere, wenn die politische Diktatur des Proletariats diesen Übergang leitet.

 

Die Produktionsweise ist durch die Gesamtheit der Produktionsverhältnisse und der politischen und juristischen Formen gekennzeichnet. Wenn also der gesamte russische Zyklus bis heute nur zur vollständig kapitalistischen Produktion geführt hat und es in Russland keine sozialistischen Produktionsverhältnisse gibt, steht dies im Zusammenhang damit, dass nach dem Oktober die proletarische Revolution im Westen ausgeblieben war. Sie wäre nicht nur wichtig gewesen, um die politische Macht zu halten, damit sie dem russischen Proletariat nicht, wie es dann geschah, aus den Händen gleitet, sondern auch, um die Produktivkräfte (die im Westen überreichlich vorhanden waren) in der russischen Wirtschaft so umzuwälzen, dass sie einen großen Schwung in Richtung Sozialismus bekommen hätten.

 

Die Produktionsverhältnisse verändern sich nicht schlagartig mit der politischen Revolution.

 

Da, neben der Revolution im Westen, die politische Macht in Russland die andere, ebenso wichtige Bedingung (Lenin) für eine solche Entwicklung war, ist die folgende Formulierung unrichtig: Einzige Aufgabe der Bolschewiki nach dem Oktober war, die feudalen Verhältnisse in bürgerliche zu überführen; bis zum Abebben der revolutionären Welle nach dem I. Weltkrieg, also bis etwa 1923, war es ihre Aufgabe, den Übergang von feudalen in proletarische Verhältnissen und Formen in Gang zu bringen. Eine Arbeit, die auf dem historisch einzig möglichen Weg, also auf dem Königsweg, getan wurde: Erst nach 1923 musste konstatiert werden, dass der russische Staat weder aktuell noch potentiell sozialistisch ist. Die Produktionsverhältnisse nach dem Oktober waren zu dieser Zeit teils vorkapitalistisch, teils kapitalistisch und, allerdings zu einem verschwindend kleinen Teil, postkapitalistisch. Die historische Form oder besser historische Produktionsweise ließ sich nicht als kapitalistisch bezeichnen, sondern als potentiell proletarisch und sozialistisch. Und darauf kommt es an!

 

Verlassen wir also die Sackgasse der Formel: ökonomische Basis: bürgerlich, Überbau: proletarisch und sozialistisch. Wobei der zweite Terminus, der zumindest sechs Jahre nach der Eroberung der Diktatur Gültigkeit besaß, sicher nicht negiert werden kann.

Stalin und die Sprachwissenschaft[27]

11. Die stalinistische These, wonach die Sprache kein Überbau der ökonomischen Basis sei, beinhaltet eine falsche Fragestellung, denn das Ergebnis, zu dem Stalin gelangen will, ist ein anderes: Bei jedem Übergang von einer Produktionsweise zur anderen verändere sich sowohl der Überbau als auch die ökonomische Basis oder Struktur, die Klassenmacht verändere sich genauso wie die gesellschaftliche Stellung der Klassen. Doch seien die Nationalsprachen gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Basis wie den Überbauten, denn sie seien keine Klassensprachen, sondern Sprachen des gesamten Volkes einer gegebenen Nation. Um also die Sprache und die Sprachwissenschaft vor den Folgen der sozialen Revolution in Sicherheit, werden sie – ganz sachte, zusammen mit der nationalen Kultur und dem Vaterlandskult – ans Ufer des brodelnden Geschichtsflusses gebracht, weg vom Geltungsbereich der produktiven Basis und dem der politischen und ideologischen Formen, die sich daraus ableiten.

 

Laut Stalin wurde in den letzten Jahren[28] in Russland „die alte, die kapitalistische Basis beseitigt und eine neue, die sozialistische Basis geschaffen. Dementsprechend wurde der Überbau der kapitalistischen Basis beseitigt und ein neuer, der sozialistischen Basis entsprechender Überbau errichtet. [...] Aber dessen ungeachtet ist die russische Sprache im Wesentlichen die gleiche geblieben, die sie vor der Oktoberumwälzung war“ [Stalin Werke 15, S. 193].

 

Das Verdienst dieser Herren (mag nun Stalin höchstselbst oder einer seiner Sekretäre die Sache geschrieben haben) beruht darauf, gründlich die Kunst erlernt zu haben, sich einfach und klar, „allen zugänglich“ (wie die Propaganda der bürgerlichen Kultur sich seit einem Jahrhundert auszudrücken pflegt) und sich vor allem ungeniert konkret zu geben. Indessen ist gerade das, was so direkt und verständlich zu sein scheint, nur ein Schwindel und ein blamabler Rückfall in die platte und abgestandene bürgerliche Denkweise.

 

Der ganze Übergang sei also „dementsprechend“ vollzogen worden. Es ist so einfach! Zu antworten ist nicht nur, dass jener Übergang überhaupt kein bisschen vollzogen wurde, sondern dass, wäre es der Fall gewesen bzw. wenn es der Fall sein wird, die Dinge ganz anders gelaufen wären bzw. laufen werden! In dieser Aussage eines dörflichen Marktschreiers bleibt vom dialektischen Materialismus nichts übrig. Die Basis wirkt auf den Überbau und ist aktiv? Im welchem Sinn reagiert der Überbau seinerseits und ist nicht rein passiv und neutral? In welchen Zyklen, in welcher Reihenfolge und in welchem historischen Tempo findet der Übergang statt? Für Stalin bloß Spitzfindigkeiten! Es reicht, die Ärmel aufzukrempeln: Beseitigen! Schaffen! Lieber Gott, nimm endlich die Erschaffer und Beseitiger zu Dir. Ein solcher Materialismus funktioniert nicht ohne einen Demiurgen; alles geschieht bewusst und willentlich, nichts mehr notwendig und determiniert.

 

Immerhin taugt Stalins Argumentation zu einem Vergleich mit der Realität. Durch die gesamten Wechselfälle hindurch sind die ökonomische Basis und der Überbau, die unter dem Zaren feudalen Charakter hatten, am Ende von Stalins Leben vollständig kapitalistisch geworden. Da aber die russische Sprache im Wesentlichen die gleiche geblieben ist, ist sie weder eine Erscheinung des Überbaus noch eine der Basis.

 

Es sieht danach aus, als richte sich die ganze Polemik gegen eine Schule der Sprachforschung, der plötzlich „von oben“ der Garaus gemacht werden soll; der Kopf dieser Schule scheint der Sprachtheoretiker und Professor der Akademie der Wissenschaften N. Ja. Marr zu sein, dessen Schriften wir nicht kennen.[29] Er hätte behauptet, die Sprache bilde eine Erscheinung des Überbaus. Wenn wir sehen, wer so heftig gegen ihn vorgeht, ist er bestimmt ein guter Marxist. Hören wir Stalin: „Als N. Ja. Marr seinerzeit sah, dass seine Formel ‚Die Sprache ist ein Überbau über der Basis‘ auf Einwände stieß, beschloss er, ‚sich umzustellen‘, und erklärte, dass ‚die Sprache ein Produktionsinstrument ist‘. Hatte N. Ja. Marr recht, als er die Sprache zur Kategorie der Produktionsinstrumente rechnete? Nein, er hatte unbedingt Unrecht“ [SW 15, S. 232].

 

Und warum? Laut Stalin besteht eine gewisse Analogie zwischen der Sprache und den Produktionsinstrumenten, denn auch letztere stünden den Klassen gewissermaßen „gleichgültig“ gegenüber. Er meint damit, dass die Hacke ebenso wie der Pflug der feudalen sowie bürgerlichen Gesellschaft „dienten“ und ebenso gut der sozialistischen „dienen“. Der Unterschied aber, der Marr völlig unrecht gäbe – dann wohl auch Marx und Engels: die Arbeit, Produktion von Werkzeugen, in Verbindung mit der Sprache –, bestehe darin: Die Produktionsinstrumente erzeugten materielle Güter, während die Sprache das nicht tue.

 

Doch auch die Produktionsinstrumente erzeugen keine materiellen Güter! Die Güter erzeugt der Mensch, der die Werkzeuge ergreift! Die Werkzeuge werden vom Menschen in der Produktion angewandt. Ergreift ein Kind die Hacke das erste Mal am falsch Ende, so ruft ihm sein Vater zu: Fass‘ sie am Stiel an. Dieser Zuruf, der zu einer gewohnheitsmäßigen „Bedienungsanleitung“ wird, ist – wie die Hacke – in der Produktion angewandt.

 

Die geistreiche Schlussfolgerung Stalins zeigt, dass er es ist, der unbedingt unrecht hat: „Es ist nicht schwer zu begreifen, dass, wenn die Sprache materielle Güter erzeugen könnte, die Schwätzer die reichsten Menschen in der Welt sein würden“ [SW 15, S. 129]! Und ... ist es denn nicht so? Der Arbeiter arbeitet mit seinen Händen, der Ingenieur mit seiner Zunge – und wer kriegt mehr Geld? Haben wir nicht bei anderer Gelegenheit von einem Landbesitzer in der Provinz erzählt, der, im Schatten unterm Baum sitzend und ein Pfeifchen schmauchend, pausenlos den schwitzenden und schweigenden Tagelöhner antreibt: „Nu‘ mach mal hin!“, aus lauter Angst vor einer kurzen Unterbrechung, die seinen Gewinn schmälern würde?

 

Dialektisch glauben wir sagen zu können, dass Marr – trotz der gegen ihn geschleuderten Blitze – sich nicht „umgestellt“ hat. Wir sagen dialektisch, weil wir weder ihn noch seine Bücher kennen. Auch wir haben gesagt: Seit den Anfängen des mnemonischen Chorgesangs magischen, mystischen, technologischen Typus trägt die Poesie – das erste Mittel, das gesellschaftliche Vermögen weiterzugeben – den Charakter eines Produktionsmittels. Dann, im weiteren Verlauf haben wir sie zum Überbau einer bestimmten Epoche gezählt. So auch mit der Sprache. Die Sprache im Allgemeinen und ihre Gliederung in Verse sind Produktionsinstrumente. Doch eine bestimmte Poesie, eine bestimmte poetische Richtung in einem gegebenen Land und einer gegebenen Epoche, sind Teil des ideologischen und künstlerischen Überbaus einer bestimmten Produktionsweise und unterscheiden sich von den vorhergehenden und späteren poetischen Schulen. Engels: die Oberstufe der Barbarei beginnt „mit dem Schmelzen des Eisenerzes und geht über in die Zivilisation vermittelst der Erfindung der Buchstabenschrift und ihrer Verwendung zu literarischer Aufzeichnung [...] Die höchste Blüte der Oberstufe der Barbarei tritt uns entgegen in den homerischen Gedichten, namentlich in der ‚Ilias‘“ [MEW 21, S. 34]. Wir könnten auch andere Stellen raussuchen, um die „Göttliche Komödie“ als Abgesang auf den Feudalismus oder Shakespeares Tragödien als Prolog zum Kapitalismus aufzuzeigen.

 

Der letzte große Pontifex des Marxismus würde also das Eisenerz als eine Epoche charakterisierendes Produktionsmittel durchgehen lassen, nicht aber die Buchstabenschrift, weil sie ja keine materiellen Güter erzeugt! Doch war die Verwendung der Buchstabenschrift, neben anderen Mitteln, unerlässlich, um zu den verschiedenen Stahlsorten und zur Eisenhüttenindustrie zu kommen.

 

So ist es auch mit der Sprache. Immer, in jeder Epoche, ist die Sprache als solche ein Produktionsmittel, die jeweiligen Sprachen jedoch gehören dem Überbau an: So als Dante sein Hauptwerk nicht im Latein der Klassiker und der Kirche, sondern in der toskanischen Mundart schrieb, oder als mit der Reformation das alte Sächsische endgültig zugunsten des modernen literarischen Hochdeutsch aufgegeben wurde.

 

So ist es übrigens auch mit dem Werkzeug. Es stimmt, dass sich das gleiche Produktionsmittel im Übergang von zwei großen, durch eine Klassenrevolution getrennten Gesellschaftsepochen vorfinden kann, es stimmt aber auch, dass die Gesamtheit der Werkzeuge einer bestimmten Gesellschaft „zugerechnet“ werden muss und diese Geräte „zwingt“ – wegen des wohlbekannten Konflikts mit den Produktionsverhältnissen –, die neue, ihr zugehörige ökonomische Form anzunehmen. Im Stadium der Barbarei haben wir die Drehscheibe des Töpfers, im Kapitalismus die Drehbank. Und ab und an verschwindet ein altes Werkzeug, wie das von Engels erwähnte klassische Spinnrad, im Museum.[30]

 

So ist es auch mit Hacke und Pflug. Die Industriegesellschaft des Kapitalismus ist außerstande, die mühevolle kleine Landwirtschaft abzuschaffen, die den einst so stolz aufgerichteten Rücken des Pithecanthropus wieder krümmt. Doch eine kommunistische, auf einem vollständig industriellen Plan beruhende Organisation wird ohne Zweifel nur eine motorisierte Landwirtschaft kennen. Und so wird auch die kapitalistische Sprache umgewälzt. Wir werden dann nicht mehr die banalen Formeln hören müssen, die, noch dazu wenn sie von Stalinisten in den Mund genommen werden, einen Gegensatz zum Kapitalismus ausdrücken sollen: Moral, Freiheit, Recht, Gerechtigkeit – volkstümlich, fortschrittlich, demokratisch, verfassungsmäßig, konstruktiv, produktiv, humanitär usw. usf., Wörter, die eben jenes Vermögen bilden, dank dessen der größte Reichtum in den Taschen der Aufschneider und Heuchler landet, und deren Funktion die gleiche ist wie die anderer materieller Geräte, etwa die Trillerpfeife des Vorarbeiters oder die Handschellen des Bullen.

Idealistische These der nationalen Sprache

12. Während die lokalen Sprachen oder Mundarten, gleich ob geschrieben oder gesprochen, ein nicht plötzlich auftretender, sondern ein sich allmählich verändernder Teil des Überbaus sind, hat die menschliche Sprache ihren Ursprung und ihre Funktion als Produktionsmittel. Dies zu leugnen bedeutet, völlig in die idealistischen Lehren zurückzufallen. Politisch bedeutet es, dem bürgerlichen Postulat anzuhängen, wonach es, mit der sprachlichen Revolution, die den Beginn der kapitalistischen Epoche markiert, zu einer gemeinsamen Sprache sowohl der Gelehrten als auch der Analphabeten mit ihren verschiedenen Mundarten auf dem gesamten Territorium eines politisch geeinten Landes kommt.

 

Da die Sprache, laut Stalin, kein Überbau und ebenso wenig ein Produktionsmittel ist, muss man sich fragen, als was sie denn definiert werden soll. Stalins Antwort:

„Die Sprache ist ein Mittel, ein Werkzeug, mit dessen Hilfe die Menschen miteinander verkehren, ihre Gedanken austauschen und eine gegenseitige Verständigung anstreben. Mit dem Denken unmittelbar verbunden, registriert und fixiert die Sprache in Wörtern und in der Verbindung von Wörtern zu Sätzen die Ergebnisse der Denktätigkeit, die Erfolge der Erkenntnistätigkeit des Menschen und ermöglicht somit den Gedankenaustausch in der menschlichen Gesellschaft“ [SW 15, S. 214].

 

Das soll also die marxistische Antwort auf die Frage sein. Nun, diese Aussage würde jeder herkömmliche Ideologe unterschreiben. Denn demnach schreitet die Menschheit folgendermaßen voran: Zuerst die im Denken zustande gekommene und in Ideen formulierte Erkenntnistätigkeit des Individuums. Nach dieser individuellen Phase kommt die kollektive: mittels des Gebrauchs der Sprache übermittelt der Erfinder seine Erkenntnis den anderen Menschen. Zu guter Letzt wird diese Erkenntnis dann praktisch umgesetzt. Die materialistische These ist genau umgekehrt: Von der Handlung zur Sprache, von der Sprache zum Denken, allerdings nicht als im Individuum vor sich gehender Prozess, also besser: von der gesellschaftlichen Arbeit zur Sprache, von der Sprache zur Wissenschaft, zum kollektiven Denken. Die Funktion des Denkens im Einzelnen ist abgeleitet und passiv. Die These Stalins ist daher blanker Idealismus. Der angebliche „Gedankenaustausch“ ist bloß eine Projektion des bürgerlichen Warenaustausches in die Vorstellung.

 

Schon merkwürdig, dass Marr des Idealismus bezichtigt wird. Es scheint, dass er hinsichtlich der Veränderungen in der Sprache zu dem Ergebnis kommt, dass andere Formen die Funktion der Sprache verdrängen. Marr wird vorgeworfen, das Denken von der „natürlichen Materie der Sprache“ „befreit“ zu haben und somit im „Sumpf des Idealismus“ versackt zu sein [SW 15, S. 234]. Am tiefsten jedoch stecken diejenigen im Sumpf, die glauben, nicht mehr drin zu stecken. Marrs These wird in Widerspruch zu der Marx‘ hingestellt: „Die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens ist die Sprache.“ Und: „(…) weder Gedanken noch die Sprache bilden für sich ein eigenes Reich“ [MEW 3, S. 432, 433].

 

Aber ist diese klare materialistische These in der Stalin‘schen Definition der Sprache denn nicht völlig negiert, wenn er Sprache als Mittel des Gedankenaustausches bezeichnet?

 

Wir rekonstruieren die mutige These Marrs auf unsere Weise (was uns der Besitz einer Parteitheorie über Generationen und Grenzen hinweg ermöglichen müsste). Die Sprache ist, bis hierhin stimmt sogar Stalin Marr zu, ein Mittel des menschlichen Verkehrs. Doch dieser Verkehr hat nichts mit der Produktion zu tun?! Eben das behauptet die bürgerliche ökonomische Theorie, die sich vorstellt, dass ein jeder allein produziert und dann mit anderen nur auf dem Markt zusammentrifft, um zu sehen, ob er sie bescheißen kann. Die richtige marxistische These ist nicht: miteinander verkehren, um „einander zu verstehen“, sondern miteinander verkehren, um zu produzieren. Es ist also sehr wohl richtig, die Sprache als Produktionsinstrument anzusehen. Was das metaphysische „einander zu verstehen“ angeht, sind 600.000 Jahre vergangen und es sieht noch immer nicht danach aus, dass sich die Schüler desselben Lehrers verstehen!

 

Die Sprache ist also ein Mittel des menschlichen Verkehrs. Und das wichtigste dazu. Aber ist es auch das einzige? Sicher nicht. In der gesellschaftlichen Entwicklung tauchen eine ganze Reihe von Mitteln auf, und Marrs Untersuchung darüber, dass sie die gesprochene Sprache in großem Maßstab verdrängen und ersetzen könnten, ist keineswegs abwegig. Marr sagt damit keineswegs, dass „das Denken“ als immaterielles Produkt eines Individuums, ohne die natürliche Form der Sprache anzunehmen, an die anderen Menschen weitergegeben werden könnte. Mit der Formel der „Tätigkeit des Denkens“ zeigt er offenbar, dass sich dieser Prozess in Formen entwickeln wird, die ohne die Sprache (die Lautsprache) vor sich gehen, wobei hier nicht das metaphysische und individuelle „Sich-etwas-ausdenken“ gemeint ist, sondern das einer entwickelten Gesellschaft angehörende technologische Vermögen. Daran ist nichts Eschatologisches und Magisches.

 

Ein sehr einfaches Beispiel: Der Steuermann im Ruderboot ruft: „Stecht ein“. Der Steuermann auf einem Segelschiff oder den ersten Dampfschiffen ruft dagegen: „Vorwärts ..., volle Kraft voraus ..., halbe Kraft zurück“. Das Schiff wird größer und der Kapitän gibt seine Kommandos durchs Megaphon in den Maschinenraum. Dann reicht auch das nicht mehr, und nach den Lautsprechern (eine wirklich rückschrittliche Erfindung) wird der mechanische, handbetriebene Telegraph, dann der elektrische benutzt, der die verschiedenen Anordnungen für den Maschinisten sichtbar macht. Und schließlich gibt es die Instrumententafel eines großen Flugzeuges, von wo aus alle Anweisungen gegeben werden. Die Sprache lässt anderen, wenn auch weniger „natürlichen“, doch genauso materiellen Mitteln den Vortritt. Allerdings sind alle modernen Geräte weniger natürlich als der abgebrochene Zweig, der als Pfeil benutzt wurde.

 

Müßig, diese großartige Reihe von Mitteln nachzuzeichnen. Gesprochene Sprache, Schriftsprache, Buchdruck, all die unzähligen Algorithmen, die symbolische Mathematik, sind schon Weltsprache geworden. Auf allen Gebieten der Technik und allgemeiner Dienstleistungen gelten weltweit Konventionen, um genaue meteorologische, elektrotechnische, astronomische usw. Daten zu übermitteln. Alle durch die komplexen Lebens- und Produktionssysteme notwendig gewordenen elektronischen Anwendungen wie Radar etc., alle Signalanlagen sind neue, die Menschen immer enger zusammenschließende Bande. Und schon in unendlich vielen Bereichen haben diese Mittel die Wörter, die Grammatik und die Syntax verdrängt, deren Immanenz und Permanenz Stalin mit aller Kraft gegen Marr verteidigt.

 

Kann das kapitalistische System jemals aufhören, ständig die Verben „haben“ und „werten“ zu konjugieren, die Possessivpronomen zu deklinieren und das Personalpronomen „Ich“ als Angelpunkt bei allem und jedem anzubringen? Eines Tages wird man darüber lächeln wie auch über „Euer“, „Sie“, „Ihr ergebener Diener“, „Euer Ehren“ und das „Viel Erfolg“ der Handelsreisenden.

Berufungen und Entstellungen

13. In allen marxistischen Abhandlungen zu diesem Thema findet sich die fundamentale These, dass die Forderung nach einer Nationalsprache ein historisches Merkmal aller antifeudalen Revolutionen ist, denn sie war notwendig, um alle Handelsplätze miteinander zu verbinden, also den Binnenmarkt zu schaffen, ferner, um die von ihrer Scholle losgerissenen Proletarier über das ganze Land zu verteilen und um den Einfluss der herkömmlichen religiösen, scholastischen, kulturellen Formen zu bekämpfen, die auf der einen Seite das Latein als Sprache der Gelehrten, auf der anderen Seite die Zersplitterung der gesprochenen Sprache in lokale Mundarten zur Grundlage hatten.

 

Um seine, vom marxistischen Standpunkt aus tatsächlich neue Sprachtheorie, die keinen Klassencharakter anerkennt, zu behaupten, ist Stalin bemüht, die Einwände zu widerlegen, auf die sich von verschiedenen Seiten anhand der Schriften von Larfargue, Marx, Engels und sogar ... Stalin berufen wurde. Der gute Lafargue wird kurzerhand beiseite gewischt. In seiner Broschüre „Die französische Sprache vor und nach der Revolution“ hatte er von einer plötzlichen Sprachrevolution zwischen 1789 und 1794 in Frankreich gesprochen.[31] „Eine lächerlich geringe Zeitspanne“, findet Stalin [SW 15, S. 221], und weiter, „freilich“ sei eine gewisse Anzahl Wörter verschwunden und der Wortbestand durch andere Wörter und Ausdrücke ergänzt worden. Ja, freilich sind es gerade jene Wörter gewesen, die am stärksten mit den gesellschaftlichen Lebensverhältnissen im Zusammenhang standen. Einige wurden per Gesetz durch den Konvent verboten. Bekanntlich gibt es eine satirische Anekdote, die unter den Aristokraten kursierte:

„Wie heißen Sie, Bürger?“ – „Marquis de Saint Roiné.“

„Il n´y a plus de marquis!“ (Es gibt keine Marquis mehr!) – „De Saint Roiné“.

„Il n´y a plus de ‚de‘!“ (Es gibt keine ‚von’ mehr!) – „Saint Roiné.“

„Il n´y a plus de Saints!“ (Es gibt keine ‚Heiligen‘ mehr!) – „Roiné.“

„Il n´y a plus de rois!“ (Es gibt keine Könige mehr!) – „Je suis né.“ (Ich bin geboren!), schreit der Unglückliche. Stalin hat Recht, das Partizip Perfekt „geboren“ hat sich nicht verändert.

 

In der „Deutschen Ideologie“ sagt Marx, wir zitieren nach Stalin, dass der Bourgeois „seine Sprache besitzt und vom Geiste des Merkantilismus und des Schachers durchdrungen ist“ [SW 15, S. 204].[32] In der Tat verstanden sich bereits im Mittelalter die Kaufleute aus Antwerpen bestens mit denen aus Florenz – eine „Ruhmestat“ der italienischen Sprache, der Muttersprache des Kapitals. Wie es in der Musik überall „andante“, „allegro“, „pianissimo“ etc. heißt, so hört man auf jedem Finanzplatz „firma (Unterzeichnung), sconto (Nachlass, Rabatt), tratta (gezogener Wechsel), riporto (Übertrag)“ und so ähnelt sich allerorten der geschmacklose Jargon der kaufmännischen Korrespondenz: „In Beantwortung Ihres geschätzten ...“ usw. Nun, welchen Flicken setzt Stalin wohl auf das unanfechtbare Marx‘sche Zitat? Er fordert die Genossen auf objektiv an die Frage heranzugehen und eine weitere Textstelle zu lesen, wo Marx „von auf ökonomischer und politischer Konzentration beruhender Konzentration der Dialekte innerhalb einer Nation zur Nationalsprache spricht“ [SW 15, S. 205].[33] Richtig ... und? Der Überbau der Sprache folgt demselben Prozess, den der Überbau des Staates und die ökonomische Basis durchlaufen. Doch so, wie die Konzentration des Kapitals, die Schaffung des Binnenmarktes, die politische Zentralisation im kapitalistischen Staat nicht immanent und endgültig sind, sondern an den bürgerlichen Herrschaftszyklus gebundene geschichtliche Resultate, so entspricht dem das Phänomen des Übergangs von lokalen Dialekten zur Einheitssprache in einer Nation. Der Markt, der Staat und die Macht sind national, weil bürgerlich. Die Sprache wird national, weil bürgerliches Produkt.

 

„Man beruft sich auf Engels“, sagt Stalin, und man zitiere aus der „Broschüre“ „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ die Worte von Engels, dass die englische arbeitende Klasse „allmählich ein ganz andres Volk geworden ist als die englische Bourgeoisie“. „Die Arbeiter sprechen andre Dialekte, haben andre Ideen und Vorstellungen, andre Sitten und Sittenprinzipien, andre Religion und Politik als die Bourgeoisie“ [SW 15, S. 205].[34]

 

Der Flicken ist auch diesmal ziemlich fadenscheinig. Engels träte hier nicht für den „Klassencharakter“ der Sprache ein, denn er spräche vom Dialekt und der Dialekt sei eine „Abzweigung von der Nationalsprache“. Aber hatten wir nicht schon festgestellt, dass sich die Nationalsprache aus den Sprachen der Völkerschaften entwickelt (oder aus dem Sieg einer Sprache) und dies ein Klassenprozess ist, der an den Sieg einer besonderen Klasse, der Bourgeoisie, gebunden ist?

 

Dann kommt Lenin an die Reihe, der sich dafür entschuldigen muss, das Vorhandensein zweier Kulturen im Kapitalismus, der bürgerlichen und der proletarischen, anerkannt und die Losung der nationalen Kultur im Kapitalismus als eine nationalistische Losung bezeichnet zu haben.[35] Um den Schwindel aufrechtzuerhalten, mag es hingehen, den tüchtigen Larfargue zu kastrieren, aber dann das gleiche mit Marx, Engels und Lenin zu tun, ist schon ziemlich gewagt. Stalins Antwort ist nämlich: „Indessen sind Kultur und Sprache zwei verschiedene Dinge“ [SW 15, S. 211]. Und was kommt zuerst? Für den Idealisten, für den das Denken selbständig besteht, steht die Kultur vor und über der Sprache; für den Materialisten kann sich, da Sprache vor dem Denken steht, Kultur nur auf Grundlage der Sprache bilden. Marx‘ und Lenins Position ist also: Die Bourgeoisie sagt niemals, dass ihre Kultur eine Klassenkultur ist, sondern behauptet sie stets als nationale Kultur des ganzen Volkes, weshalb ihr die Überbewertung der Nationalsprache als mächtige Barriere gegen die Herausbildung einer proletarischen und revolutionären Klassenkultur, besser Klassentheorie, dient.

 

Das Schönste ist, als Stalin, wie Dantes Philippo Argenti, sich ins eigene Fleisch beißt.[36] „Man beruft sich“ auch auf ihn selbst und auf den XVI. Parteitag, wo er gesagt hatte, „dass in der Periode des Sieges des Sozialismus im Weltmaßstabe, […] die Nationalsprachen unvermeidlich zu einer einzigen gemeinsamen Sprache verschmelzen müssen“ [SW 15, S. 249]. Die Formel scheint wirklich radikal zu sein und es ist nicht so einfach, sie mit seiner anderen Aussage – wonach lange nach dem Kampf zweier Sprachen eine siegt und die andere von ihr assimiliert wird – in Einklang zu bringen. Stalin windet sich heraus, indem er sagt, man habe nicht kapiert, dass es sich um zwei ganz verschiedene Entwicklungsepochen handele: Der Kampf zwischen bzw. die „Kreuzung“ von zwei Sprachen beträfe die Epoche der kapitalistischen Zeit, während mit der Bildung einer internationalen Sprache die Epoche nach dem Sieg des Sozialismus gemeint sei, es sei also „absurd zu fordern, dass die Epoche der Herrschaft des Kapitalismus nicht im Widerspruch stehe zu der Epoche der Herrschaft des Sozialismus, dass Sozialismus und Kapitalismus einander nicht ausschließen“ [SW 15, S. 252]. Na super, jetzt sind wir aber sprachlos. Aber hat die stalinistische Propagandaarbeit nicht alles aufgeboten, um uns klarzumachen, dass die Herrschaft des Sozialismus in Russland nicht nur nicht die des Kapitalismus im Westen ausschließe, sondern sogar friedlich mit ihr koexistieren könne?

 

Aus dieser Klemme lässt sich nur eine einzige Schlussfolgerung ableiten: Gewiss koexistiert die russische Macht – eben weil auch sie eine nationale, die Integrität ihrer Nationalsprache stolz bewahrende Macht ist – mit den kapitalistischen Ländern im Westen, und von der Zukunft der internationalen Sprache ist sie genauso weit entfernt wie heute ihre „Kultur“ von der revolutionären Theorie des Weltproletariats.

 

Dass die Entwicklung der Nationalsprachen die Entwicklung der Nationalstaaten und des Binnenmarktes getreu widerspiegelt und für die bürgerliche Epoche charakteristisch ist, muss sogar Stalin selbst hin und wieder bestätigen: „Später, mit dem Aufkommen des Kapitalismus, mit der Beseitigung der feudalen Zersplitterung und mit der Bildung eines nationalen Marktes entwickelten sich die Völkerschaften zu Nationen und die Sprachen der Völkerschaften zu Nationalsprachen“. Das hat er gut gesagt, doch dann sagt er ziemlich schlecht: „Die Geschichte zeigt, dass die Nationalsprachen keine Klassensprachen, sondern Sprachen des gesamten Volkes sind, gemeinsam für die Angehörigen der Nationen und einheitlich für die Nation“ [SW 15, S. 202]. Die Geschichte hat das gezeigt, als Russland dem Kapitalismus wieder anheimfiel. Wie in Italien die Herren, die Pfaffen und die Gelehrten Latein sprachen, und das Volk toskanisch, wie in England die Feudalherren französisch sprachen und das Volk englisch, so hatte der revolutionäre Kampf in Russland dahin geführt, dass der Adel französisch, die Sozialisten deutsch und die Bauern vielleicht nicht russisch, sondern ein Dutzend Sprachen und hundert Dialekte sprachen. Wäre die Bewegung weiter den revolutionären Weg Lenins gegangen, hätte sie sehr schnell ihre eigene Sprache herausgebildet: alle radebrechten bereits ein „internationales Französisch“. Doch Joseph Stalin verstand nur georgisch und russisch. Er war der Mann der neuen Lage, jener Lage nämlich, in der eine Sprache zehn andere schluckt, und um das zu tun, benutzt er die Waffe der literarischen Tradition. Und jener Lage, in der sich ein echter, erbarmungsloser Nationalismus durchsetzt: Wie alles Übrige gehorcht auch die Sprache dem Gesetz der Konzentration und wird zum unantastbaren Nationalvermögen erklärt.

 

Seltsam ist – oder vielleicht auch nicht, sofern dieser Nationalismus doch nicht darauf verzichten kann, die Sympathie und die Bindung des Proletariats der anderen Länder an die marxistischen Traditionen auszunutzen – , dass Stalins Text gerade folgende entscheidende Textstelle Lenins übernimmt: „Die Sprache ist das wichtigste Mittel des menschlichen Verkehrs; die Einheit der Sprache und ihre ungehinderte Entwicklung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen wahrhaft freien und umfassenden, dem modernen Kapitalismus entsprechenden Handelsverkehr, für eine freie und umfassende Gruppierung der Bevölkerung nach all den einzelnen Klassen“ [SW 15, S. 212].[37] Das Postulat der Nationalsprache ist also nicht immanent, sondern historisch, und steht – zweckdienlich – im engsten Zusammenhang mit dem Auftreten des entwickelten Kapitalismus.

 

Genauso klar ist, dass sich alles verändert und umwälzt, wenn der Kapitalismus fällt, die Warenproduktion fällt, die gesellschaftliche Teilung in Klassen fällt. Die nationalen Sprachen werden gemeinsam mit all diesen Einrichtungen der Gesellschaft untergehen. Die Revolution, die diese Einrichtungen zertrümmern wird, steht der Forderung nach der Nationalsprache – sobald der Kapitalismus vollständig gesiegt hat – fremd und feindlich gegenüber.

Persönliche und wirtschaftliche Abhängigkeit

14. Es ist eine radikale Abkehr vom historischen Materialismus, ihn auf nur jene Epochen zu beziehen, in denen Waren- und Geldverhältnisse zwischen Besitzern sowohl von Produkten als auch von Produktionsmitteln (einschließlich des Bodens) herrschen. Die materialistische Theorie bezieht sich genauso auf die früheren Epochen, als es noch keine privaten Besitzunterschiede gab und sich die Ansätze der ersten Hierarchien in den Geschlechts- und Verwandtschaftsbeziehungen bildeten. Dieser Fehler, die Phänomene der Reproduktions- und Familienformen nicht-deterministischen Erklärungsmustern zu überlassen, bildet das Pendant zur Trennung der Sprachentwicklung von der Klassendynamik; in beiden Fällen wird zugelassen, die Gesetze des dialektischen Materialismus in wichtigen Bereichen des Gesellschaftslebens außer Kraft zu setzen.

 

Eine kürzlich erschienene Schrift, die die marxistische Geschichtsauffassung als unzulänglich entlarven will, behauptet (wie leider auch einige unbesonnene und ungeschulte Anhänger der kommunistischen Bewegung glauben), sie würde den Werdegang der politischen Geschichte nur aus dem Zusammenstoß von Klassen, die unterschiedlichen Anteil am Reichtum und seiner Verteilung haben, herleiten. Als Beweis für diese These wird das antike Rom angeführt, in dem bereits eine vollständige staatliche Ordnung existierte, als der soziale Mechanismus sich noch gar nicht auf Klassen – reiche patrizische Grundeigentümer, arme plebejische Bauern und Handwerker, und Sklaven – bezog, sondern auf der Grundlage der „potestas“ (Hausgewalt) des Familienoberhauptes beruhte.

 

Der Verfasser dieser Schrift (De Vinscher: „Eigentum und Familiengewalt im alten Rom“, Brüssel 1952) unterscheidet zwei Perioden in der Geschichte der Rechtsordnung: jene jüngeren Datums, die das berühmte, von der modernen Bourgeoisie wieder aufgenommene Zivilrecht begründete, das sich auf die freie Austauschfähigkeit jedes beweglichen und unbeweglichen Gegenstandes und Besitzes gründet – wir könnten dies die „kapitalistische“ Periode nennen. Dann jene älteren Datums, die eine ganz andere Rechtsordnung zum Gegenstand hat: Übertragung und Verkauf waren größtenteils verboten oder unterstanden strengen Regeln, die auf der Familienstruktur patriarchalen Typs fußten. Wir könnten dies die „feudale“ Periode nennen, wenn wir diesem Feudalismus und Kapitalismus der Alten Welt ein Kennzeichen zugrunde legen wollen, das sich im Mittelalter wie im modernen Zeitalter nicht findet, nämlich die Existenz der sozialen Klasse der Sklaven. Für sie hatte das Recht keine Geltung, da sie als Sache und nicht als Rechtsperson oder -subjekt angesehen wurden. Nur für die freien Bürger bestand eine auf der Familie und deren persönliche Abhängigkeitsbeziehungen gegründete Einrichtung, der dann die auf freier Güterübertragung basierende Verfassung folgt.

 

Widerlegt werden soll „die Priorität, die der historische Materialismus den Begriffen des Vermögensrechts in der Entwicklung der gesellschaftlichen Institutionen“ zuerkenne. Doch diese Aussage würde nur stimmen, wenn die Basis, auf die sich der historische Materialismus bezieht, die rein ökonomische Erscheinung von Eigentum und Vermögen im modernen Sinne wäre, und diese Basis eben nicht das gesamte Gattungsleben umfassen würde sowie alle aus den Schwierigkeiten der Umwelt entstehenden Verhaltensregeln, vor allem auch das Verhalten in Bezug auf die Reproduktion und Familienorganisation.

 

Wie wir wissen und im zweiten Teil noch sehen werden, gab es in den alten Gemeinwesen oder Phratrien kein Privateigentum und keine Institutionen der Klassengewalt. Wohl aber Arbeit und Produktion: eine sehr viel breitere Basis, auf die sich der Marxismus bezieht, als die im engen Sinne verstandene juristische und ökonomische Basis. Wir zeigten, dass die „Produktion der Produzenten“, also die Reproduktion der einer Blutverwandtschaftsgruppe angehörenden Stammesmitglieder, mit eben dieser Basis eng verwoben war.

 

In dieser blutsverwandten Gens besteht keine Abhängigkeit und keine Autorität, außer der des erwachsenen und kräftigen Mitglieds über die Jungen, die großzuziehen und auf ein einfaches, soziales Leben vorzubereiten sind. Die erste Autorität, die mit der beginnenden Einschränkung des unterschiedslosen Geschlechtsverkehrs zwischen den Gruppen der Männer und Frauen entsteht, ist das Matriarchat, worin die „mater“ im Zentrum des Gemeinwesens steht. Die Aufteilung des Bodens oder anderer Dinge ist noch nicht entstanden – dafür legt erst das zunächst polygame, dann monogame Patriarchat die Grundlagen: Das männliche Familienoberhaupt ist ein wirklicher administrativer, politischer und militärischer „Chef“, er bestimmt und regelt alle Tätigkeit der Kinder, und später die der in Sklaven verwandelten Kriegsgefangenen. Wir stehen jetzt auf der Schwelle der Bildung eines Klassenstaates.

 

An diesem Punkt ist es in großen Umrissen möglich, die alte römische Ordnung des „mancipium“ („Ergreifen mit der Hand“) zu verstehen, dem ein tausendjähriges Bestehen zugeschrieben wurde (Justinian löschte Mitte des 6. Jahrhunderts deren letzte Spuren aus).[38] Damit hängen Menschen und Dinge vom „pater familias“ ab: die Frau bzw. Frauen und die Kinder, die frei sind, sowie die Sklaven und ihre Nachkommen, das Vieh, der Boden, alle Werkzeuge, Produkte und Nahrungsmittel. Anfangs ist keines dieser Dinge veräußerlich ohne ein seltenes und schwieriges Verfahren, das sich „Emanzipation“[39] nennt, und umgekehrt ist nichts davon erwerbbar, außer durch ein ebenso schwieriges Verfahren, genannt „mancipatio“. Daher also die berühmte Unterscheidung in „res mancipii“, unveräußerlichen Dingen, und in „res nec mancipii“, nach Belieben veräußerlichen Dingen, die zum „patrimonium“ im modernen Sinne, das sich vergrößern oder verringern kann, gehören.

 

Im zweiten Stadium, wo nichts mehr „res mancipii“ und alles (für die Nicht-Sklaven) freies Handelsgut ist, herrscht der ökonomische Wert und es scheint allen offensichtlich, dass die politischen Machtkämpfe auf gegensätzlichen Klasseninteressen beruhen, die der Aufteilung des Bodens und des Reichtums zugrunde liegen. Im ersten Stadium indes war nicht der ökonomische Wert und das Recht auf frei erwerbbares Vermögen bestimmend, sondern das persönliche „imperium“ (oberste Befehlsgewalt) des pater familias, dessen Autorität drei Elemente – die Eckpfeiler der damaligen Gesellschaft – enthielt: mancipium (oder dominium: Gewalt über den Besitz), manus (Gewalt über die Ehefrau und die Frauen der Söhne) und patria potestas (Gewalt über Kinder, Kindeskinder, Sklaven).

 

Zu glauben, der ökonomische Determinismus ließe sich auf dieses erste Stadium nicht anwenden, ist für Marxisten ein banales Missverständnis, das auf der Tautologie basiert, dass sich in der Epoche der Warenproduktion alles unter „Gleichen“ abspielt und der dem Wertgesetz gehorchende Äquivalententausch die persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse abgelöst hat. Doch der Marxismus beweist gerade, dass der ungehinderte, durch Justinian eingeführte Austausch von Produkten und Produktionsinstrumenten in einer neuen und drückenden persönlichen Abhängigkeit für die Angehörigen der ausgebeuteten und arbeitenden Klasse resultiert.

 

Es ist also mehr als leicht, jener Falle zu entkommen, wonach das auf der Familienorganisation errichtete gesellschaftliche Verhältnis nicht mit der produktiven Ökonomie, sondern mit den „affektiven“ Beziehungen erklärt werden müsse – womit dem Idealismus wieder Tür und Tor geöffnet wäre. Doch auch das System der Reproduktions- und Verwandtschaftsbeziehungen ist entstanden, um dem Leben der Menschengruppen in ihrer physischen Umwelt und der notwendigen produktiven Arbeit bestmöglich zu entsprechen. Diese Folgerung ordnet sich ebenso in die Gesetze des Materialismus ein wie das sehr viel spätere Stadium, in dem der Äquivalententausch zwischen den einzelnen Warenbesitzern die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt.

 

Mit Sicherheit kann der Idealismus seine alte Stellung dort wieder einnehmen, wo dies nicht erkannt und zugelassen wird, die Faktoren des Geschlechtslebens, der Familienbindung, der Paarung neben den Faktoren des ökonomischen Interesses, das sich im Privatvermögen und im Austausch von privaten Gütern (darunter auch die Arbeitskraft) konkretisiert, gesondert zu untersuchen, so als könnten sie nicht mittels derselben materialistischen Dynamik erklärt werden – ohne von der groben Banalität zu reden, wonach die erstgenannten Faktoren in bestimmten Momenten und unter dem Druck höherer Kräfte über die Daten der ökonomischen Basis die Oberhand gewinnen und sie umwälzen würden.

 

Der historische Materialismus indes errichtet das schwierige und riesige Bauwerk, das alle Äußerungen menschlicher Tätigkeit bis hin zu den letzten und komplexesten einschließt, auf dem alleinigen Grundstein der Mühsal für die Erhaltung des unmittelbaren Lebens der Gattung (und wenn notwendig, ist die Erhaltung des Einzelnen dem untergeordnet), mit dem Ernährung und Fortpflanzung unlösbar verbunden sind.

 

Schließen wir diesen ersten Teil abermals mit Engels ab, um wie immer unsere doktrinäre Treue und unsere Abscheu vor allem Neuen deutlich zu machen. Es ist wiederum die Entwicklung der Produktionsmittel, die die Grundlage des Übergangs vom patriarchalischen „imperium“ zum freien Privateigentum bildet. Auf der Oberstufe der Barbarei taucht schon die gesellschaftliche Arbeitsteilung zwischen Handwerk und Ackerbau sowie der Gegensatz zwischen Stadt und Land auf ... Kriege und Sklaverei gehören schon lange zum gesellschaftlichen Leben:

 

„Der Unterschied von Reichen und Ärmeren tritt neben den von Freien und Sklaven – mit der neuen Arbeitsteilung eine neue Spaltung der Gesellschaft in Klassen. Die Besitzunterschiede der einzelnen Familienhäupter sprengen die alte kommunistische Hausgemeinde überall, wo sie sich bis dahin erhalten; mit ihr die gemeinsame Bebauung des Bodens für Rechnung dieser Gemeinde. Das Ackerland wird den einzelnen Familien zunächst auf Zeit, später ein für alle Mal zur Nutzung überwiesen, der Übergang in volles Privateigentum vollzieht sich allmählich und parallel mit dem Übergang der Paarungsehe in Monogamie. Die Einzelfamilie fängt an, die wirtschaftliche Einheit in der Gesellschaft zu werden“ [MEW 21, S. 159].

 

Noch einmal lehrt uns die Dialektik, dass die Einzelfamilie, dieser von Fideisten wie Aufklärern gerühmte angeblich fundamentale soziale „Wert“, der die auf Privateigentum beruhenden Gesellschaften in kleinste Einheiten zerstückelt, ebenfalls nur eine vergängliche Einrichtung ist. Da der Familie jede Grundlage außerhalb des materiellen Determinismus (ob sie nun im Geschlechtsleben oder in der Liebe gesucht wird) abgesprochen werden muss, wird sie mit dem Sieg des Kommunismus erledigt sein, theoretisch ist sie es bereits, denn die materialistische Theorie hat festgestellt, dass ihre soziale Dynamik erschöpft ist und geurteilt: Aufhebung der Familie.

Quellen:

„I fattori di razza e nazione nella teoria marxista”: Il programma comunista, Nr. 16-20, 1953.

* * *

MEW 2: Engels – Die Lage der arbeitenden Klasse in England, 1845.

MEW 3: Marx – Thesen über Feuerbach, 1845.

MEW 3: Marx/Engels – Die deutsche Ideologie, 1845/46.

MEW 13: Marx – Zur Kritik der Politischen Ökonomie, 1859.

MEW 17: Marx – Der Bürgerkrieg in Frankreich, 1871.

MEW 20: Engels – Dialektik der Natur: Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, 1876.

MEW 21: Engels – Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, 1884.

MEW 23: Marx – Das Kapital I, 1867.

MEW 37: Engels an Conrad Schmidt, 27. Oktober 1890.

MEW 39: Engels an W. Borgius, 25. Januar 1894.

 

LW 20: Lenin – Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage, 1913.

LW 20: Lenin – Über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, 1914.

 

SW 15: Stalin – Der Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft, 1952.

 


[1] Es handelt sich dabei um: „Pressione razziale del contadiname, pressione classista dei popoli colorati“, Il programma comunista, Nr. 14, 1953, und um die 15 Artikel zur Agrarfrage, angefangen mit: „1953-11-19 – Die Agrarfrage: ein einführender Überblick”, alle unter der Rubrik „Faden der Zeit“ veröffentlicht.

[2] Engels – Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, 1884: MEW 21.

[3] Die Thesen, die unter dem Titel „Die Aufgaben der revolutionären Sozialdemokratie im europäischen Krieg“ bekannt wurden [LW 21, S. 1-5], arbeitete Lenin später in das Manifest des Zentralkomitees der SDAPR: „Der Krieg und die russische Sozialdemokratie“ um [LW 21, S. 11-21].

[4] Siehe: „1952-10-10 – Dialog mit Stalin“; zudem wurden dazu auf mehreren Versammlungen ausführliche Vorträge gehalten, unter dem Titel: „Struttura economica e sociale della Russia d’oggi“ 1955-57 veröffentlicht.

[5] Fideisten (lat.: fides = Glaube): dem Glauben wird absoluter Vorrang vor der Vernunft beigemessen.

[6] Parthenogenese (grch.): Jungfernzeugung, eingeschlechtliche Fortpflanzung.

 

[7] Bertalanffy, Karl Ludwig von (1901-72): theoretischer Biologe und Systemtheoretiker. Seine Allgemeine Systemtheorie erschien erstmals 1949.

[8] Vitalismus: idealistische Theorie, der zufolge nicht-materielle (transzendente) Faktoren existieren, die die tote Materie zu den spezifischen Leistungen der Organismen befähigen.

 

[9] Der Mechanismus geht von einer konstanten Materie mit unveränderlichen Eigenschaften aus und reduziert alle Bewegungsformen der Materie (auch Leben und Bewusstsein) auf mechanische Prozesse.

 

[10] Onan: Das jüdische Gesetz verpflichtete Brüder, hier Onan, den Sohn Judas’, die Frau des verstorbenen Bruders zu heiraten, um „den Samen des Bruders zu erwecken“. Onan entzog sich durch coitus interruptus dieser Pflicht; der Begriff der Onanie geht auf diese Bibelstelle zurück.

 

[11] Siehe: „Vorgeschichtliche Kulturstufen“ in MEW 21, S. 30-35.

[12] „Regellos“ insofern, wie die späteren „Einschränkungen noch nicht bestanden“ [MEW 21, S. 43], stellt Engels klar. Es handelt sich um eine Form, in der jedes Mitglied der Gruppe mit der ganzen Gruppe des anderen Geschlechts „verheiratet“ ist.

 

[13] Morgan, Lewis Henry (1818-81): US-amerikanischer Anthropologe und Mitbegründer der Ethnologie. Sein Hauptwerk: „Die Urgesellschaft oder Untersuchung über den Fortschritt der Menschheit aus der Wildheit durch die Barbarei zur Zivilisation“ erschien 1877 (deutsch 1891) und lieferte, wie Engels sagt, den Schlüssel zur menschlichen Urgeschichte.

 

[14] Phratrie (grch.: Bruderschaft): ein sozialer Zusammenschluss von mehreren Gentes (Familienverbänden), mehrere Phratrien bilden wiederum einen Stamm. Die Mitglieder einer Phratrie verwalten ihre Angelegenheiten, außer in Kriegen, selbst.

 

[15] Maurice Thomas: „L’instinct, réalité scientifique“; 1957.

[16] In der biblischen Sprache heißt „erkennen“ auch sich geschlechtlich vereinigen.

[17] Die als Benediktinerregeln bekannten Anweisungen betreffen das gesamte klösterliche Leben der Mönche, zunächst im Kloster Monte Christo, wo Benedikt von Nursia um 530 u.Z. lebte. Die Regeln enthalten auch einen Strafkatalog gegen Verstöße des klösterlichen Lebens. Die bekannteste Regel lautet: „Ora et labora (et lege)“ (lat.): Bete und arbeite (und lies). Im Gegensatz zu anderen monastischen Orden, die hauptsächlich im byzantinischen Reich vorherrschten, wird bei den Benediktinern die Arbeit dem Gebet gleichgestellt.

[18] Wallon, Henri (1879-1962): französischer Psychologe und Politiker.

[19] Patte, Étienne (1891-1987): französischer Paläontologe und Anthropologe. Bezieht sich auf: „Les dinariques, leur origine. Introduction à l’étude critique des Races“, 1953.

[20] Heute zusammengefasst unter der Bezeichnung Homo erectus: Urmensch. Übergangsform vom Menschenaffen zum Menschen, lebte vor einer halben bis einer Millionen Jahren.

 

[21] Hominide, Menschenaffe, lebte vor 1,2-2,5 Millionen Jahren.

[22] Anspielung auf den massenhaft gebauten Fiat 500.

[23] Siehe z.B.: „Maschinerie und große Industrie“ in MEW 23, S. 391 ff.

[24] Gottesgnadentum der Monarchie, einzig die Monarchie wird als legitim anerkannt; wie in Frankreich 1830, wo die Legitimisten das alte Adelsgeschlecht der Bourbonen wieder an die Macht hieven wollten.

 

[25] „Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewusstsein beurteilen, sondern muss vielmehr dies Bewusstsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären [MEW 13, S. 9].

 

[26] Siehe: MEW 39, S. 206 und MEW 37, S. 493.

[27] Dem Abschnitt „Stalin und die Sprachwissenschaft“ wurde bei der ersten Veröffentlichung in „Il programma comunista“ folgende Bemerkung vorangestellt:

„Der Exkurs in dieser Arbeit war mitnichten fehl am Platze, denn es ging darum, der von Stalin in Sachen Sprachwissenschaft aufgestellten Theorie entgegenzutreten, die sich auf sehr unstimmigen Unterscheidungen zwischen ökonomischer Basis und Überbau gründet.“

 

[28] Stalin schrieb dies 1950.

[29] Marr, Nikolai Jakowlewitsch (1864-1934) : georgisch-russischer Sprachwissenschaftler und Orientalist. 1925 erschien in „Unter dem Banner des Marxismus“ sein Aufsatz: „Die Entstehung der Sprache“. Siehe auch den Text: „Die japhetitische Theorie. Allgemeiner Kurs der Lehre von der Sprache“, in: Tasso Borbé – Kritik der marxistischen Sprachtheorie N. Ja. Marr’s, 1974. Marr befasste sich hauptsächlich weniger mit den verschiedenen Sprachen und ihrer Entwicklung als vielmehr mit dem Ursprung der Sprache selbst.

[30] „Die Gesellschaft, die die Produktion auf Grundlage freier und gleicher Assoziation der Produzenten neu organisiert, versetzt die ganze Staatsmaschine dahin, wohin sie dann gehören wird: ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt“ [MEW 21, S. 168].

[31] Paul Lafargue: Die Französische Sprache vor und nach der Revolution / Die Anfänge der Romantik; 1988.

 

[32] „Der Bourgeois hat es umso leichter, aus seiner Sprache die Identität merkantilischer und individueller oder auch allgemein menschlicher Beziehungen zu beweisen, als diese Sprache selbst ein Produkt der Bourgeoisie ist und daher wie in der Wirklichkeit, so in der Sprache die Verhältnisse des Schachers zur Grundlage aller andern gemacht worden sind“ [MEW 3, S. 212]. Es folgen Beispiele in Englisch, Französisch und Deutsch, in denen Marx zeigt, wie diese Wörter „sowohl für kommerzielle Verhältnisse wie für Eigenschaften und Beziehungen von Individuen als solchen gebraucht werden“.

[33] In dem Passus geht es darum, dass Max Stirner (Sancho) die Sprache für ein „Produkt der Gattung“ hält, die er für etwas „unter allen Umständen Unveränderliches“ ansieht:

„Hier also die Sprache als Produkt der Gattung. Dass Sancho deutsch und nicht französisch spricht, verdankt er keineswegs der Gattung, sondern den Umständen. Die Naturwüchsigkeit der Sprache ist übrigens in jeder modernen ausgebildeten Sprache, teils durch die Geschichte der Sprachentwicklung aus vorgefundenem Material, wie bei den romanischen und germanischen Sprachen, teils durch die Kreuzung und Mischung von Nationen, wie im Englischen, teils durch auf ökonomischer und politischer Konzentration beruhende Konzentration der Dialekte innerhalb einer Nation zur Nationalsprache aufgehoben“ [MEW 3, S. 411/12].

 

[34] Die entsprechende Stelle bei Engels in MEW 2, S. 351.

 

[35] Bezieht sich auf: „Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage“, 2. „Nationale Kultur“, LW 20, S.7 ff.

 

[36] Siehe: Dante – „Die göttliche Komödie“, Die Hölle, 8. Gesang, Vers 61-63.

[37] Siehe: „Über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen“, LW 20, S. 398/99.

[38] Justinian I. (527-565): Gestützt auf breite Schichten der mittleren Grundeigentümer, der Kurie sowie der handels- und gewerbetreibenden städtischen Oberschichten strebte Justinian die Stabilisierung des Oströmischen Reiches und die Wiederherstellung des Imperium Romanum in seinen alten Grenzen an. Um dieses Restaurationswerk ideologisch zu fundieren, wurde das geltende Recht in Gestalt eines Sammelwerkes zusammengefasst, seit dem 16. Jahrhundert als Corpus iuris civilis bezeichnet. Durch diese Kodifizierung wurde das römische Recht zum fortwirkenden Beispiel einer auf Privateigentum, kleiner Warenproduktion und ausgedehntem Handel gegründeten Rechtsordnung. Seine Inhalte und Begriffe haben bis in die Gegenwart beachtlich zur Ausbildung des modernen Privatrechts beigetragen.

 

[39] Etymologisch setzt sich dieses Wort aus den drei lateinischen zusammen: e = aus, manus = Hand, capere = nehmen. Das Wort „mancipatio“ bezeichnet „Hand auf etwas zu legen“ und damit in Besitz zu „nehmen“. Die e-mancipatio ist dann das „aus“ dem Besitz nehmen und bedeutete zumeist die Ent- bzw. Freilassung des Sohns bzw. der Sklaven aus Gewalt des pater familas.