Zweiter Teil

Marxistische Interpretation des politischen Kampfes und unterschiedliches Gewicht des nationalen Faktors in den historischen Produktionsweisen

Von der Rasse zur Nation

1. Nachdem die urkommunistischen Gemeinwesen untergraben waren und sich die ersten sozialen Klassen herausgebildet hatten, vollzog sich der Übergang von der ethnischen Gruppe bzw. vom „Volk“ zur „Nation“ nur in Verbindung mit dem Aufkommen des politischen Staates und seinen grundlegenden Merkmalen: ein streng abgegrenztes Territorium und die Einrichtung bewaffneter Streitkräfte.

 

Unabhängig von jeder literarischen Strömung und jedem idealistischen Einfluss beziehen wir die Kategorie „Rasse“ auf das Biologische, die Kategorie „Nation“ auf das Geographische. Nation ist jedoch als historisch bestimmte Tatsache nicht dasselbe wie Nationalität, denn diese ist eine Agglomeration, die unter dem Einfluss zweier+ Faktoren – dem rassischen und dem politischen – steht.

 

Die Rasse ist ein biologisches Faktum, denn um die rassische Zugehörigkeit eines Tieres festzustellen, fragen wir nicht nach seinem Geburtsort, sondern nach seinen Erzeugern: wenn beide Elternteile demselben ethnischen Typus angehören (ein heute nur selten anzutreffender Fall), dann gehören auch die Jungen dieser Art an und können einer bestimmten Rasse präzise zugeordnet werden. Nun, überall gibt es diese schönen rosa Hausschweine, die „Yorkshire“ heißen, nach der englischen Grafschaft, wo sie, nach strengen Selektionskriterien, zuerst gezüchtet wurden. Eine solche Auslese – da hat der Papst Recht – lässt sich verlässlich nur bei Tieren durchführen, nicht beim Menschen, zumindest seit sie nicht mehr in Käfigen gehalten werden, wie es bei manchen Formen der Sklaverei vorkam. Das gleiche gilt auch für die bretonischen Kühe, die dänischen Hunde, die Siamkatzen etc.: der geographische Name bezieht sich nur auf einen Aspekt der Züchtung.

 

Allerdings kommen ähnliche Dinge auch beim Menschen vor, sogar heute noch; in den USA lebt ein Primo Carnera, dessen Papa und Mama aus Friaul kommen, der aber amerikanischer Staatsbürger ist, und viele, viele Gennarini Espositi neapolitanischen Blutes, die mit stolzgeschwellter Brust ihren amerikanischen Pass herumtragen (die Schwarzen, die in manchen Bundesstaaten noch immer keine Weißen heiraten dürfen, lassen wir hier beiseite).

 

Die Zuordnung der Menschen als Mitglied einer Nation wird dagegen nicht biologisch oder ethnologisch bestimmt, sondern territorial, hängt also in der Regel von ihrem Geburtsort ab – ausgenommen natürlich die sophistischen und raren Fälle der auf hoher See Geborenen.

 

Doch überall hat man mit den Wirren der Vielvölkerstaaten zu tun, was heißt, Nationen, die nicht nur mehrere ethnische Gruppen beherbergen, deren reine Typen biologisch immer weniger zu bestimmen sind, sondern mehrere Nationalitäten, die sich durch ihre Sprachen und auch Traditionen, Bräuche und Kulturen unterscheiden.

 

Die aus einem Bund verwandter Stämme hervorgegangenen Nomadenvölker, die manchmal ganze Kontinente auf der Suche nach Land durchwanderten und oftmals die Gebiete schon sesshafter Völker überfielen, um sie zu berauben oder sich selbst dort niederzulassen, können wir wohl als Volk bezeichnen, aber nicht als Nation – jedenfalls nicht, bevor sie sich an einem Ort angesiedelt haben. Der Begriff „Nation“ bezieht sich folglich auf den Geburtsort – etwas ganz Unwichtiges und Belangloses für denjenigen, der zu einer Gruppe gehört, die mit ihren Habseligkeiten und Wagen (ihr Hauptwohnort) umherzieht und die Topographie ihrer zurückgelegten Wege vergisst.

 

Der Begriff der Sesshaftigkeit einer Menschengruppe impliziert auch den Begriff der Abgrenzung ihres Lebensraums und Arbeitsgebietes; gewöhnlich sagt ein Geschichtsschreiber hierzu, dieser beinhalte auch den Schutz der Grenzen gegen andere Gruppen, was heißt, stehende Polizei- und Militärorganisationen, eine Hierarchie, eine Macht. Die Hierarchie, die Macht, der Staat entstehen jedoch, bevor die Bevölkerung sich so stark vermehrt hat, dass territoriale Konflikte unausweichlich werden. Sie beziehen sich auf die inneren Prozesse der soziale Agglomerationen, die sich aus der alten Gliederung nach Gentes und Stämmen entwickeln, sobald Ackerbau und landwirtschaftliche Produktion technisch so weit fortgeschritten sind, dass die Tätigkeit der Bodenbebauung nach jahreszeitlich bedingten Zyklen auf immer denselben Böden stattfinden kann.

Auftreten des Staates

2. Wo der Staat auftrat, gab es auch schon soziale Klassen, die sich gebildet hatten, sobald der Ackerboden zwischen Einzelnen und Familien aufgeteilt wurde; gleichzeitig entstand die gesellschaftliche Arbeits- und Aufgabenteilung, woraus eine unterschiedliche Stellung Einzelner in Bezug auf die allgemeine produktive Tätigkeit resultierte. Damit schälten sich zugleich verschiedene Hierarchien mit den jeweiligen Aufgaben und Funktionen der frühen Handwerkskunst, der Kriegskunst, der magisch-religiösen Handlungen heraus – Letzteres ist die erste Form der technischen Wissenschaft und der Schule, die sich ihrerseits vom unmittelbaren Leben der Gens und der ursprünglichen Familie loslösten.

 

Wir müssen hier nicht die marxistische Staatstheorie insgesamt wiedergeben, doch ist sie höchst wichtig, um die Strukturen der historisch gewordenen, als Nation bezeichneten Gesellschaft festzulegen. Strukturen, die weitaus komplexer sind als die dem banalen Kriterium entsprechenden, wonach jeder Einzelne eine direkte Heimatverbundenheit in sich trage und die Nation die Summe dieser persönlichen, einander ähnelnden Moleküle sei – eine Vorstellung, die nicht wissenschaftlich, sondern mit der Klassenideologie der herrschenden Bourgeoisie identisch ist.

 

Die seitens der II. Internationale politisch wie theoretisch konsequent unterschlagene Staatstheorie, die bei Marx fundamental ist und worin der Staat nicht als Organ des Volkes oder der Nation oder der Gesellschaft, sondern als Organ einer Klasse und der Macht einer bestimmten Klasse begriffen ist, wurde von Lenin vollständig wiederhergestellt. Er stützte sich dazu auf die klare Darstellung der Anfänge staatlicher Formen, die im klassischen Werk Engels‘ „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ enthalten ist und uns bei der menschlichen Vorgeschichte als Leitfaden dient. In jenen Epochen der naturwüchsigen Gemeinwesen, zusammengehalten durch die gemeinsame Arbeit, die Verwandtschafts- und Paarungsbeziehungen in den antiken und (im wahren Sinne des Wortes) adeligen Gentes und Stämmen, war das noch reine, wir würden sagen: jungfräuliche, ethnische Element vorherrschend. Bei allen Völkern finden sich Spuren davon in den Fabeln eines Goldenen Zeitalters, in denen die ersten Menschen weder Verbrechen noch Blutvergießen kannten.

 

Nehmen wir also aus dieser glänzenden Engels‘schen Schrift den Faden auf, der uns zur Erklärung der Nationalitätenkämpfe und zur materialistischen Folgerung führt, dass es sich auch hier wiederum nicht um einen immanenten Faktor, sondern um ein historisches Produkt handelt, das bestimmte Antriebskräfte und Zyklen aufweist und seinen Abschluss in der modernen Welt findet, in der bereits alle Bedingungen für das Verschwinden des Staates bestehen. Doch deshalb läuft die dem Marxismus eigene Sichtweise nicht darauf hinaus, in unserer Theorie – „unserer“, weil sie nicht einem oder vielen Subjekten, sondern der nunmehr hundertjährigen und weltweiten Bewegung angehört – und vor allem davon untrennbaren Praxis die äußerst wichtige Entwicklung der Nationalität hintanzustellen, und erst recht darf deshalb nicht der schwere Fehler gemacht werden, sie im Verhältnis zum proletarischen Klassenkampf, zur heutigen internationalen politischen Struktur für erledigt zu halten.

 

Die Entwicklung im alten Griechenland, d.h. die große historische Form der mediterranen klassischen Antike, die mit dem Niedergang des Römischen Reiches abgeschlossen wird, fasst Engels so zusammen:

 

„Wir sehn also in der griechischen Verfassung der Heldenzeit die alte Gentilorganisation noch in lebendiger Kraft, aber auch schon den Anfang ihrer Untergrabung: Vaterrecht mit Vererbung des Vermögens an die Kinder, wodurch die Reichtumsanhäufung in der Familie begünstigt und die Familie eine Macht wurde gegenüber der Gens; Rückwirkung der Reichtumsverschiedenheit auf die Verfassung vermittelst Bildung der ersten Ansätze zu einem erblichen Adel und Königtum; Sklaverei, zunächst noch bloß von Kriegsgefangnen, aber schon die Aussicht eröffnend auf Versklavung der eignen Stammes- und selbst Gentilgenossen; der alte Krieg von Stamm gegen Stamm bereits ausartend in systematische Räuberei zu Land und zur See, um Vieh, Sklaven, Schätze zu erobern, in regelrechte Erwerbsquelle; kurz, Reichtum gepriesen und geachtet als höchstes Gut und die alten Gentilordnungen gemissbraucht, um den gewaltsamen Raub von Reichtümern zu rechtfertigen. Es fehlte nur noch eins: eine Einrichtung, die die neuerworbnen Reichtümer der einzelnen nicht nur gegen die kommunistischen Traditionen der Gentilordnung sicherstellte,“

(die Gentilordnung darf nicht mit dem späteren Aufkommen einer „Aristokratie“, dem Stammesadel, verwechselt werden, der entstand, als gewisse Familien, die schon Reichtum angehäuft hatten und damit Macht besaßen, das Anrecht auf die Besetzung der Gentilämter geltend machten und zu einer bevorrechteten Klasse gegenüber ihrer Gens wurden. Die „Gens“ kannte keine Klassen, alle waren blutsverwandt und gleich – was kein Grund ist, hier das falsche und zeitgebundene Wort „Demokratie“ zu verwenden; wir werden auch kein neues Wort prägen, wie „Pankratie“, weil die erste Silbe „alle“ bedeutet, der letzte Wortteil aber „Macht“, die es im Urkommunismus nicht gab. Auch „Pananarchie“ trifft nicht, weil Anarchie Kampf des Individuums gegen den Staat bedeutet – d.h. zwischen zwei transitorischen Formen, wobei es in der Regel der Staat, und nicht das Individuum ist, der das Rad der Geschichte vorwärtsdreht. In der Gens handelt es sich um eine wirkliche kommunistische Ordnung, jedoch beschränkt auf eine ethnisch reine Gruppe, sozusagen eine ethno-kommunistische Ordnung, während „unser“ Kommunismus weder ethnisch noch national begrenzt ist, es ist der Kommunismus der Gattung, der verwirklichbar ist, nachdem die geschichtlichen Zyklen des Eigentums, der Staats- und Klassengewalt und der Ausdehnung der Warenproduktion durchlaufen wurden ...)

„die nicht nur das früher so geringgeschätzte Privateigentum heiligte und diese Heiligung für den höchsten Zweck aller menschlichen Gemeinschaft erklärte, sondern die auch die nacheinander sich entwickelnden neuen Formen der Eigentumserwerbung, also der stets beschleunigten Vermehrung des Reichtums mit dem Stempel allgemein gesellschaftlicher Anerkennung versah; eine Einrichtung, die nicht nur die aufkommende Spaltung der Gesellschaft in Klassen verewigte, sondern auch das Recht der besitzenden Klasse auf Ausbeutung der nichtbesitzenden und die Herrschaft jener über diese.

Und diese Einrichtung kam. Der Staat wurde erfunden“ [MEW 21, S. 105/106].

 

Und noch mal Engels, der den territorialen Faktor erklärt:

„Gegenüber der alten Gentilorganisation kennzeichnet sich der Staat erstens durch die Einteilung der Staatsangehörigen nach dem Gebiet. Die alten, durch Blutbande gebildeten und zusammengehaltnen Gentilgenossenschaften, wie wir gesehn, waren unzureichend geworden, großenteils weil sie eine Bindung der Genossen an ein bestimmtes Gebiet voraussetzten und diese längst aufgehört hatte. Das Gebiet war geblieben, aber die Menschen waren mobil geworden. Man nahm also die Gebietseinteilung als Ausgangspunkt und ließ die Bürger ihre öffentlichen Rechte und Pflichten da erfüllen, wo sie sich niederließen, ohne Rücksicht auf Gens und Stamm“ [MEW 21, S. 165].

Staaten ohne Nation

3. Aufgrund der Konzentrierung des ungeheuren Reichtums an Boden in den Händen von Herrschern, Satrapen, manchmal auch Theokraten, und infolge der massenhaften Unterjochung von Kriegsgefangenen, Sklaven, Dienern und Parias des Bodens, wiesen die asiatisch-orientalischen Reiche, die sich politisch früher als die hellenischen Reiche herausgebildet hatten, Formen großer staatlicher Machtfülle auf. Doch kann von Nation noch keine Rede sein, obwohl die Wesensmerkmale des Staates: politisches Territorium und öffentliche Gewalt, durchaus bestehen.

 

Der übliche Einwand bezüglich des jüdischen Volkes, der das zuvor Ausgeführte widerlegen soll, gibt uns Gelegenheit, das letztgenannte Zitat von Engels näher zu erläutern.

 

Man darf das Gebiet, das in der jüngeren Epoche den Staat definiert, nicht mit der Bindung der Gentilgenossen an ihr angestammtes Gebiet verwechseln, eine Bindung, die später zerbrach, obgleich die unverletzlichen Blutbande fortbestanden.

 

Der Gens gehörte nicht im modernen politischen Sinne und nicht einmal im engeren ökonomisch-produktiven Sinne ein Territorium an. Engels will sagen, dass sich eine Gens von den anderen Gentes, auch dem Namen nach, durch ihr Herkunftsgebiet unterschied, nicht durch die Orte ihrer Ansiedlung, in denen sie gemeinsam lebten und arbeiteten und die sie nach 10 oder 20 Jahren wechselten. Das Band der Irokesen mit ihrem Abstammungsgebiet ist seit Jahrhunderten zerrissen, nicht erst, seitdem die Weißen die wenigen Überlebenden in Reservate pferchten, sondern bereits, als die Stämme grausame Kriege gegeneinander führten. Die Besiegten wurden getötet, man hütete sich vor ethnischer Vermischung, denn eine größer werdende Gemeinschaft lief Gefahr, in den riesigen Wäldern – später durch die kapitalistische Technik zum großen Teil in Wüsten verwandelt, die die bürgerliche Philanthropie für ihre Atomwaffentests benutzte – Tausende Kilometer weiterziehen zu müssen.

 

Das jüdische Volk war das erste, das eine geschriebene Geschichte besaß, die sogleich eine Geschichte der Klassenteilung ist. Es wird von Eigentümern und Besitzlosen berichtet, von Reichen und Armen; der Urkommunismus wird bedenkenlos übersprungen, an den einzig noch der Garten Eden erinnert, und schon in der 2. Generation tritt Kain auf, der Begründer des Klassenkampfs. Das jüdische Volk hatte also einen organisierten, und zwar weise organisierten Staat, mit klaren Strukturen und strengen Verfassungen. Und doch entstand keine Nation, genauso wenig wie bei seinen barbarischen Feinden: Assyrer, Meder, Ägypter. Und das trotz der ethnischen Einheit der Juden, im Gegensatz zu den Satrapen und Pharaonen, denen es völlig egal war, dass es an ihren Höfen von Dienern, Sklaven, Parias und auch Beamten und Kriegsführern anderer ethnischer Herkunft und Hautfarbe nur so wimmelte und es in ihren Frauengemächern weiße, schwarze oder gelbe Haremssklavinnen gab, die Opfer von Raubzügen geworden waren oder aus unterjochten Stämmen bzw. anderen Reichen stammten, die schon lange im Herzen Afrikas oder Asiens bestanden.

 

Die in zwölf Stämme geteilten Hebräer wurden selbst nach Niederlagen nicht von anderen Völkern assimiliert. Obschon die Stämme und Gentes bereits in monogame patriarchalische Familien verwandelt waren und Vertreibungen, wie die legendäre Babylonische und Ägyptische Gefangenschaft, erlitten hatten, büßten sie nicht ihre Blutbande, den Namen ihres Herkunftslandes [das Reich Judäa] und ihre genealogische Tradition [Nachkommen Abrahams] ein – erwähnt sei hier, dass trotz der strengen Bindung an die patrilineare Abstammung die eheliche Paarung mit Frauen anderer Rassen toleriert wurde. Ihre mythische Vorstellung vom Gelobten Land ist eine pre-nationale Form, denn auch, als die ziemlich rein gebliebene ethnische Gemeinschaft in ihr Herkunftsland, ihre ethnologische Wiege zurückkehrte, gelang es ihr nicht, dort eine politische, historisch stabile Organisation zu errichten, und fremde Heere aus weit entfernten Reichen durchkreuzten auch weiterhin ihr Territorium. Die Kriege der Bibel sind eher Stammeskriege als solche der nationalen Befreiung oder imperialen Eroberung, Palästina blieb der Schauplatz historischer und massiver militärischer Zusammenstöße zwischen ganz anderen Völkern, die in dieser für die alte wie für die moderne Welt strategisch wichtigen Zone die Hegemonie anstrebten.

 

Auch die Griechen sind zur Zeit des Trojanischen Krieges noch keine Nation, obwohl die auf engem Raum zusammengedrängten Stadtstaaten einen Bund bilden. Ihre ethnische Gemeinschaft ist unscharf, was an der unterschiedlichen Herkunft von Ioniern und Dorern und den uralten Völkerwanderungen liegt, die aus allen Himmelsrichtungen auf der hellenischen Halbinsel zusammentrafen. Selbst die Produktionsformen, die staatlichen Verfassungen, Bräuche, Sprachen und kulturellen Traditionen unterscheiden sich in den kleinen, nur militärisch verbündeten Königtümern: auch in den Perserkriegen ist ihr Kampfbund nur vorübergehend, um von den erbittert geführten Kriegen [zwischen Sparta und Athen] um die Hegemonie auf den Peleponnes und ganz Griechenland abgelöst zu werden.

Die hellenische Nation und Kultur

4. In den Stadtstaaten des antiken Griechenlands, in Athen, Sparta und anderen Städten, zeigten sich die nationalen Faktoren auch in der gesellschaftlichen Organisation, und am augenscheinlichsten im makedonischen Staat, der das von ihm beherrschte Land nicht nur einigte, sondern innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums [348-337 v.u.Z.] das Zentrum eines ersten imperialen Eroberungszuges in der antiken Welt wurde. Literatur und Ideologie dieses ersten Nationalismus sollten nicht nur in die römische Welt überführt werden, sie lieferten auch das Grundmaterial für die nationalen Gelüste der modernen Bourgeoisie.

 

Der lakedämonische (oder spartanische) wie auch der athenische (oder thebäische) Staat waren nicht bloß wirkliche Staaten im politischen Sinne, mit einem klar abgegrenzten Territorium, juristischen Körperschaften und einer zivil und militärisch ausgebauten Zentralverwaltung, sondern sie brachten es auch zur Nation, insofern das gesellschaftliche Gefüge eine Rechts- und Verwaltungsstruktur ermöglichte, die das Bürgerrecht gewährleistete, darunter die Teilnahme an den Volksversammlungen mit gleichem Rede- und Stimmrecht für alle Vollbürger. Dessen ungeachtet blieb in der landwirtschaftlichen und handwerklichen Produktion sowie dem schon ziemlich entwickelten Binnen- und Fernhandel die Spaltung in Reiche und Arme bestehen und die politische Macht konzentrierte sich in Händen der ökonomisch bevorrechteten Schichten. Ein derartiger rechtlicher Überbau enthält im Wesentlichen schon eine Funktion analog zu der, die Marx in den bürgerlich-parlamentarischen Demokratien aufzeigt. Doch darf zwischen den beiden Gesellschaftsformationen nicht der grundlegende Unterschied außer Acht gelassen werden: Heute ist jedermann ein Bürger und es wird gleiches Recht für alle deklariert. Damals schloss die die Gesamtheit der Bürger bildende Nation die – in bestimmten Zeiten sehr zahlreiche – Klasse der Sklaven aus, denen per Gesetz jedes politische und zivile Recht aberkannt war.

 

Trotzdem, und ungeachtet des Klassengegensatzes zwischen Adligen und Plebejern, zwischen reichen Patriziern und Kaufleuten auf der einen Seite und von ihrem Tagelohn lebenden Arbeitern auf der anderen Seite wird diese Gesellschaftsformation von einer großartigen Entwicklung begleitet, sowohl was Arbeit und Technologie, d.h. die angewandten Wissenschaften, als auch was die reine Wissenschaft anbelangt: Im Zusammenhang mit dem Arbeitsprozess auf der Grundlage von Freiheit und Gleichheit (trotz der Klassenausbeutung) nimmt die Sprache einen erstrangigen Platz ein, Literatur und Kunst erreichen eine hohe Stufe, die nationale Tradition wird dadurch gefestigt und spielt den Machtinhabern in die Hände, die das Interesse haben, alle Bürger an die Geschicke der Nation zu binden und dem Kriegsdienst zu verpflichten, ebenso, ihnen jeden Beitrag und jedes Opfer abzuverlangen, sobald der nationale Organismus und seine Strukturen in Gefahr geraten.

 

Literatur, Geschichtsschreibung und Poesie sind das getreue Spiegelbild dieser „Werte“: der Patriotismus wird zur Haupttriebkraft jeder gesellschaftlichen Funktion, die Brüderlichkeit aller Staatsbürger in höchsten Tönen gepriesen, die dennoch häufigen und unausbleiblichen Kriege und Bürgerkämpfe verurteilt. Gewöhnlich werden sie als von anderen, machtlüsternen Gruppen oder Personen angezettelte Verschwörungen gegen die Machthaber dargestellt, in Wirklichkeit aber brechen sie aufgrund der gegensätzlichen Klasseninteressen aus und infolge der Gärung unter den durch falsche Hoffnungen geblendeten Volksmassen, die selbst zur Blütezeit der „polis“ unter dem niedrigen Lebensstandard leiden.

 

Dennoch war der nationale Gemeinsinn kein Hirngespinst oder ein von den Mächtigen geschaffenes Blendwerk. In dieser geschichtlichen Phase war er ein durch die wirtschaftlichen Interessen und Erfordernisse der materiellen Produktivkräfte determiniertes Ergebnis. In Griechenland gab es den Übergang von der primitiven Bebauung des Bodens – der trotz der günstigen klimatischen Bedingungen in vielen Gegenden trocken und steinig ist, jedoch eine dünne und wenig entwickelte Bevölkerung ernähren konnte – zum Seehandel, der im ganzen Mittelmeerraum in voller Blüte stand, Produkte aus weit entfernten Ländern herbeibrachte und umgekehrt die Erzeugnisse einer immer differenzierteren Handwerkskunst und auch eigentlichen antiken Industrie ausführte, was namentlich in den Hafenstädten eine größere Bevölkerungsdichte und eine beeindruckende Entwicklung ihrer Lebensweise zur Folge hatte. Eine bereits abgeschlossene despotische Staatsform wie in den großen Reichen auf dem Kontinent hätte diesen Übergang vom Feldbau zur Handelsschifffahrt nicht erlaubt; dazu brauchte es die offene demokratische Form, die nicht nur Bauern und Heloten[1] hervorbrachte, sondern auch Handwerker, die die zahlreichen Seeleute und Arbeiter in den Städten sowie die Meister und die Belegschaften der Manufakturen mit Arbeitsmitteln und Geräten versorgten. Sicherlich ist deren Zahl nicht mit der in der Neuzeit vergleichbar, nichtsdestoweniger waren sie für diese erste Form einer Warenproduktion, die Höhepunkte unvergesslichen Glanzes erreichte, unentbehrlich.

 

In den aufsteigenden Phasen bewirkt jedes Fortschreiten, jedes Aufblühen neuer Formen der Arbeit – die nach wie vor ausgepresst wird, jedoch nicht mehr an die lokal bedingte Stagnation und an jahrhundertealte Arbeitstechniken gefesselt ist – große Entwicklungen in der Wissenschaft, der Kunst, der Architektur. Solche Phasen spiegeln sich darin wider, dass in einer Gesellschaft, die zuvor überkommenen und erstarrten Lehren verhaftet war, neue Ideologien am Horizont auftauchen. Dieses Phänomen findet sich auch in der Niedergangsphase des Feudalismus, in der Renaissance, wieder: Viele halten die goldene Zeit der griechischen Kultur für unübertroffen, aber das ist nur eine literarische Verklärung. Festhalten können wir jedoch, dass die über die ökonomische Ungleichheit gespannte „Brücke“ des „nationalen Gemeinwesens“ – obwohl es die Sklaven ausschloss, die ähnlich den Tieren nicht zur menschlichen Gemeinschaft zählten – sehr viel stabiler war als zur Zeit ihrer Neuauflage 15 oder 20 Jahrhunderte später, als die Brücke der Demokratie den sozialen Abgrund überwinden soll, die die Herren des Kapitals von den entrechteten Proletariern trennt.

 

Engels erinnert daran, dass es zur Zeit der höchsten Blüte Athens nicht mehr als 90.000 freie Bürger gab, neben 365.000 Sklaven (welche nicht nur den Boden bebauten, sondern auch Handlanger in den oben erwähnten Manufakturen waren) und 45.000 Schutzverwandten (freigelassene Sklaven und Fremde, die keine Bürgerrechte besaßen).

 

Es ist leicht einzusehen, dass eine solche soziale Struktur den 90.000 Bevorrechteten erlaubt, eine qualitativ viel höhere „Zivilisationsstufe“ zu erreichen, als es den modernen „freien“ Völkern im heutigen Kapitalismus trotz der viel größeren technischen Ressourcen möglich ist.

 

Das lässt uns jedenfalls nicht in den Chor der allgemeinen Verzückung und Begeisterung für die Größe des griechischen Denkens und der griechischen Kunst einfallen, und nicht nur deshalb nicht, weil diese Sternstunden die blutigen Rücken der Sklavenmassen zur Voraussetzung hatten, deren Zahl die der freien erwachsenen männlichen Bürger um das ca. Zwanzigfache überstieg. Auch die freien Bürger wurden vor Solon [um 600 v.u.Z.] von der grundbesitzenden Plutokratie so ausgebeutet, dass sie ihre Abgaben nicht mehr entrichten konnten und mittels der Hypothekenschulden zu Sklaven gemacht wurden. Da sie keinesfalls zu Konkurrenten der verachteten Sklaven werden wollten (der Stolz der freien Athener ging so weit, dass sie die Polizei lieber aus gedungenen Sklaven zusammengesetzt sah als selbst diesen Schergendienst zu tun, wenngleich ein Sklave dann ja berechtigt war, den Freien festzusetzen), ließ ihr Niedergang sie zu einem wirklichen „Lumpenproletariat“ herabsinken, dessen Revolten gegen die Oligarchen die glanzvolle Republik zugrunde richteten.

 

Engels zieht hier einen Vergleich, der die marxistische Position gegenüber den Apologien der großen historischen Zivilisationen sehr deutlich macht. Die von Morgan im modernen Amerika studierten Irokesen konnten es nicht zu jenen Formen bringen, denen die ursprüngliche griechische Gens den Weg gebahnt hatte. Eine Reihe materieller Produktionsbedingungen fanden die Irokesen nicht vor (Bedingungen, die mit der Geographie, dem Klima zusammenhängen, ebenso wie mit dem Meer, namentlich dem Mittelmeer, das die Völker einander näher brachte), doch innerhalb der engen Schranken ihrer Produktion beherrschten die irokesischen Kommunisten „ihre eignen Arbeitsbedingungen“ und „ihr eignes Produkt“, das nach ihren Bedürfnissen zugeteilt wurde.

 

Die griechische Produktion hingegen nahm Anlauf zu einer großartigen Mannigfaltigkeit, und auf ihrem Höhepunkt wurden Kunstwerke wie der Parthenon, die Athenen des Phidias, die Gemälde des Zeuxis oder die philosophischen Abstraktionen des Plato geschaffen, über die, so heißt es, das moderne Denken noch nicht hinausgekommen sei. Gleichzeitig verwandelten sich die Produkte langsam in Waren, die auf den Märkten gegen Geld ausgetauscht wurden. Ob – gemäß der Lykurgischen oder Solonischen Verfassung – Freier oder Sklave ... der Mensch wurde jedenfalls zum Sklaven der Produktionsverhältnisse und von seinem eigenen Produkt beherrscht. Noch ist sie nicht nah, die ungeheure Revolution, die ihn von dieser Kette, deren imponierendste Glieder von den „goldenen“ Zeitaltern geschmiedet wurden, befreien wird.

 

„Die Irokesen waren noch weit entfernt davon, die Natur zu beherrschen, aber innerhalb der für sie geltenden Naturgrenzen beherrschten sie ihre eigne Produktion. (...) Das war der ungeheure Vorzug der barbarischen Produktion, der mit dem Eintritt der Zivilisation verlorenging und den wiederzuerobern, aber auf Grundlage der jetzt errungenen gewaltigen Naturbeherrschung durch den Menschen (...) die Aufgabe der nächsten Generation sein wird“ [MEW 21, S. 110].

 

Wir befinden uns hier im Zentrum des Marxismus, und ist leicht zu verstehen, warum man als Marxist lächeln muss, wenn man die naive Bewunderung in den Augen derjenigen sieht, die von gewissen Etappen der menschlichen Entwicklung hingerissen sind und den Werken der größten Forscher, Philosophen, Künstler, Dichter jene Ehre erweisen, die ihnen – jenseits aller Klassen- und Parteizugehörigkeit, wie die landauf landab grassierende Dummheit zu sagen pflegt – von Rechts wegen zustehe. Wir hingegen wollen die „Zivilisation“ nicht zur höchsten Entfaltung bringen, sondern in die Luft sprengen.

Römische Nation und Gewalt

5. Seinen höchsten Ausdruck erreichte der Faktor der Nationalität in der alten Römischen Republik, die die Gesellschaftsordnung und das Rechtssystem nach dem griechischen Vorbild auf dem Gebiet der Kultur entwickelte. Auf den Grundlagen der Römischen Nation erhob sich das Reich, das zwar der einzige organisierte Staat in der ganzen antiken Welt werden sollte, doch nicht dem Druck standhielt, der durch die Migration der aus unbekannten und weit entfernten Ländern kommenden Bevölkerungen entstand, die – ebenfalls dem materiellen Imperativ gehorchend, das Leben der Gattung zu verbreiten – ihrerseits in den großen Zyklus der produktiven Entwicklung eintraten, der die Mittelmeervölker von der kleinen Gens zum riesigen Imperium geführt hatte.

 

Der nationale Prozess in Italien verlief anders als in Griechenland, wo es mehr Hauptstädte kleiner Staaten gab, deren Völker aufgrund ähnlicher Bräuche und einer ähnlichen Produktionsstufe um die Hegemonie auf der griechischen Halbinsel kämpften. In Italien wurde Rom, nach dem Untergang der vorhergehenden Zivilisationen, die eine vorgeschrittene Produktionsstufe und zweifellos auch staatliche Mächte hervorgebracht, aber kein nationales Leben im eigentlichen Wortsinne geführt hatten, zum einzigen Zentrum einer staatlichen Ordnung, deren entsprechende juristische, politische und militärische Formen sehr rasch alle anderen Formen des immer ausgedehnteren Territoriums absorbierten, denn Rom stieß sehr bald über die Grenzen Latiums hinaus zum Mittelmeer und nach Norden zum Po vor. Die schon beachtlichen Produktivkräfte dieses großen Gebietes kamen dem „popolus romanus“ zugute, während die soziale und staatliche Ordnung Roms und das Verwaltungs- und Rechtssystem auf dem ganzen Territorium immer einheitlicher angewandt wurde.

 

Die produktive Basis der Landwirtschaft wurde in Italien nicht so schnell wie in Griechenland durch Handwerk, Handel, Schifffahrt und Manufaktur ergänzt; eine komplexe Arbeitsteilung steckte noch in den Kinderschuhen. Doch sehr bald übernahm Rom die in Griechenland und auch anderen Ländern vorgefundene technische und kulturelle Organisation – eine direkte Folge der militärischen Expansion jenseits des Ionischen und Adriatischen Meeres.

 

Da sich beide Länder zum großen Teil auf die Arbeit von Sklaven stützten, war die gesellschaftliche Gliederung ziemlich gleichartig. Die langsamere, aber dafür tiefere Ausdehnung des Warenaustausches verstärkte jedoch die soziale Schichtung innerhalb der Gemeinschaft der freien Bürger: Grundlage der Ordnung und des Rechts wird der Zensus, die Einteilung der römischen Bürger nach ihrem Vermögen.

 

Die Römer waren zum Kriegsdienst verpflichtet, während den Sklaven jede Bewaffnung untersagt war, und bis zum Zerfall des Reiches wurden auch keine Söldner in das Heer aufgenommen. Die Legionen waren also eine nationale Armee im politischen Sinne, im Gegensatz zum griechischen Heer und namentlich zum Heer Alexanders von Makedonien, obschon dieses bis an die Pforten Indiens gestürmt war, wo der blutjunge Heerführer durch den Tod gestoppt wurde: Tatsächlich aber stieß hier die Überlegenheit der westlichen antiken Staatsform über die asiatischen Dynastien auf ihre äußerste räumliche Grenze. Der Versuch, ein Weltreich zu errichten, scheiterte, und das Reich schrumpfte auf einige große Gebiete zusammen, aber nicht, weil es an einem Heerführer vom Schlage eines Alexanders fehlte, sondern weil der staatliche Zentralismus noch im Anfangsstadium steckte.

 

In Rom gab es nicht nur eine staatliche, sondern auch nationale Ordnung: zum einen, weil die Bürger an den Feldzügen teilnahmen und in allen besetzten Gebieten ein Netz von Straßen und Festungen aufbauten, und zum anderen, weil Rom seine Kolonien überall mit römischen Bürgern besiedeln ließ, den Soldaten Land zuwies und somit unmittelbar seine ökonomische und rechtliche Struktur implementierte. Es war kein Wettlauf um verborgene Schätze, auf die sagenumwobene Völker ihre Zuversicht setzten, sondern die systematische Ausbreitung einer produktiven Organisationsform in einem immer größeren Radius, und das Mittel dazu war, keinen bewaffneten Widerstand zu dulden – während die wirtschaftliche Kollaboration der unterworfenen Völker sogleich integriert wurde.

 

Dennoch ist es nicht einfach, die wechselnden Grenzen der römischen Nation festzulegen. Noch schwerer ist es, ein ethnographisches Profil zu zeichnen: Man weiß, dass Italien in der Vorgeschichte nicht minder als in der Geschichte keine rassische Einheit bildete, was schon wegen der geographischen Lage (Durchgang zwischen Nord und Süd, und West und Ost) schwerlich möglich war, zudem war es zu dieser Zeit das am dichtesten besiedelte Gebiet überhaupt. Auch wenn wir annehmen, dass die ersten Latiner (lassen wir Vergils „Aeneis“ beiseite, nach der die Römer Abkömmlinge der Trojaner wären) eine rassische Einheit bildeten, war die Trennungslinie zu ihren Nachbarn, den Volskern, Samnitern, Sabinern, ganz zu schweigen von den geheimnisvollen Etruskern und Ligurern etc., sehr scharf.

 

Vermöge der ihm verliehenen Rechte und auch seines sprichwörtlichen nationalen Hochmuts breitete sich der „civis romanus“ rasch von der „urbe“ [Rom] in das Latium aus. Die Italiker wurden in „municipi“[2] organisiert, denen das zentralistische Prinzip Roms keinerlei Selbsttätigkeit zugestehen sollte. Rom zog es einige Jahrhunderte später sogar vor, alle freien Bürger zu römischen Bürgern zu machen, samt der damit verbundenen Rechte und Pflichten.

 

In der antiken Welt gelangte die Nation hier zu ihrem höchsten Ausdruck, womit eine bisher beispiellose Stabilität einherging. Die auf Blutbanden beruhende Gesellschaftsordnung lag weit zurück; zusammengehalten wurden die Mitglieder der großen Gemeinschaft – d.h. die in soziale Klassen gespaltenen freien Bürger, vom Patrizier mit seinen Latifundien und den über das ganze Reich zerstreuten Villen bis zum kleinen Bauern und den „proletarii“[3] der „urbe“, an die der Staat in Notzeiten Mehl verteilte – durch ein allgemeines Produktions- und Austauschsystem von Gütern und Produkten, ein System, das durch ein rigorosen Gesetzeswerk getragen wurde und dem der bewaffnete Arm des Staates auf seinem ganzen Territorium, ohne Ausnahme, Achtung zu verschaffen wusste.

 

Die sozialen Kämpfe und Bürgerkriege innerhalb der Mauern Roms gehören zur klassischen Geschichte, doch diese Erschütterungen schmälerten nicht die Festigkeit und Homogenität des ausgezeichneten Verwaltungssystems, das über alle produktiven Ressourcen auch entferntester Provinzen gebot; infolge deren rücksichtsloser Ausbeutung strotzte Rom von soliden Bauwerken mit produktiver Funktion: Straßen, Aquädukte, Thermen, Märkte, Foren, Theater usw.

Untergang der Nationalität

6. Die Antike, worin die Nationalität und die Gliederung in Nationalstaaten als entscheidende Faktoren hervortraten, die die Entwicklung der Produktivkräfte vorantrieben, schließt mit dem Nieder- und Untergang des Römischen Reichs ab.

 

Der nationale Zusammenhalt, der auch die Perioden gewaltsamer Klassenkonflikte zwischen den Freien, deren soziale und ökonomische Stellung sehr unterschiedlich war, überdauerte, hatte eine klare ökonomische Basis, solange die Entwicklung des allen Bürgern der Nation gemeinsamen Produktionssystems auf Kosten der Sklaven einen ständigen Zufluss neuer Ressourcen mit sich brachte, die den Lebensstandard hoben: wie die Umwandlung der einfachen Weidewirtschaft in Ackerland, die Ersetzung extensiver Wirtschaftsformen [Latifundien] durch bewässerten Gartenbau und des primitiven Halb-Nomadentums durch Parzellierung des Bodens, der – mitsamt der Sklaven und Herden – veräußerlich war. Auch die ländliche und dann städtische römische Wirtschaft entwickelte sich aus der gemeinschaftlichen Produktion der lokalen Gentes, die verdrängt werden mussten, weil sie nicht genügten, die Bevölkerungen, die sich zum Teil aufgrund des milden Klimas rasch vermehrten, zu ernähren. Engels gibt uns über diese Ursprünge einen kurzen, aber umfassenden Überblick[4], wobei er die Thesen alter Historiker, darunter Mommsen, widerlegt und zeigt, wie im römischen Bürgerrecht noch die alte Gentilordnung durchscheint (siehe auch im Schlusskapitel von Teil I die Widerlegung eines Autoren jüngeren Datums, De Vinscher, der die Anwendbarkeit des historischen Materialismus in dieser Periode negiert).

 

Das römische Rechtssystem, das die Veräußerlichkeit des Bodens und die Austauschbarkeit beweglicher Güter festschrieb, stellte den „Gewaltüberbau“ einer neuen Produktionsform dar, deren Leistungsfähigkeit und Ertrag viel höher waren als zur Zeit der gemeinschaftlichen Produktion der Stammesgenossen. So wie diese neue Ökonomie das Aufkommen des römischen Rechts erklärt, so sind es andere ökonomische Tatsachen, die die politischen und geschichtlichen Ereignisse ihres Verfalls erklären. Mit zunehmendem Reichtum aus dem Handel in diesem riesigen Wirtschaftsraum und der immer breiter angewandten Sklavenarbeit tat sich ein tiefer Graben zwischen den Klassen auf, der durch die einst so geschlossene „nationale Front“ ging. Die kleinen Bauern, die für das „patria“ gekämpft und mühsam die eroberten Ländereien kolonisiert hatten, wurden immer rücksichtsloser enteignet und pauperisiert und durch die vom Geldvermögen der reichen Grundbesitzer gekauften Sklaven (ebenso wie durch Viehherden) auf den fruchtbaren Böden ersetzt, so dass sie zugrunde gingen. Bei einer im Durchschnitt dünnen Bevölkerung konnte das Verhältnis zwischen Freien und Sklaven gewahrt werden, denn diesen war die physische Selbsterhaltung und Reproduktion sicher und jenen boten die Blütezeiten jener Epoche die Befriedigung mannigfaltiger Bedürfnisse. Da jedoch jenseits der Grenze kolonisierbares Land rarer wurde und sogar neue Völker eingewandert waren oder Anstalten machten einzuwandern, was den demographischen Druck enorm verstärkte, trat unvermeidlich die Krise und der Verfall der Anbaumethoden ein, so dass schließlich weder Sklaven noch Vieh ernährt werden konnten; mit der fortschreitenden Zerrüttung stieg auch die Zahl der freigelassenen Sklaven, was wiederum die Masse der verlumpten und besitzlosen Freien vergrößerte.

 

Diese prachtvolle Gesellschaftsformation begann die Bindungen zwischen den Regionen zu lockern und es gelang ihr nicht mehr, in lokalen Notzeiten den Lebensunterhalt der Menschen zu sichern. Während die Hungersnöte dem demographischen Wachstum entgegenwirkten, zogen sich die Gemeinschaften auf äußerst enge Lebenskreise, in elende lokale Wirtschaftssphären zurück. Doch waren das nicht mehr die Kreise und Sphären der alten Stämme, die infolge der tiefen Veränderungen und neuen Verhältnisse zwischen Arbeitsinstrument, Produkt und Bedürfnis unwiederbringlich verloren waren ... Die zu einem Imperium gewordene Nation sollte in kleinste Einheiten zerstückelt werden, die nicht mehr durch das starke und zentralisierte Bindegewebe des Rechts, der Administration, der Streitheere zusammengehalten wurden. Auch das Bindemittel der gemeinsamen Sprache und Kultur, der stolzen Tradition, hatte sich aufgelöst ... Zur großen Verwirrung der Idealisten erlaubt sich die große, die „natürliche“, der berühmten „menschlichen Natur“ angeblich innewohnende nationale und patriotische Sache eine totale historische Finsternis, die etwa tausend Jahre dauern soll ...

 

„Wir standen oben an der Wiege der antiken griechischen und römischen Zivilisation. Hier stehn wir an ihrem Sarg. Über alle Länder des Mittelmeerbeckens war der nivellierende Hobel der römischen Weltherrschaft gefahren, und das jahrhundertelang. Wo nicht das Griechische Widerstand leistete, hatten alle Nationalsprachen einem verdorbenen Lateinisch weichen müssen; es gab keine Nationalunterschiede (...), sie alle waren Römer geworden. Die römische Verwaltung und das römische Recht hatten überall die alten Geschlechterverbände aufgelöst und damit den letzten Rest lokaler und nationaler Selbsttätigkeit. (...) Die Elemente neuer Nationen waren überall vorhanden; (...) Aber nirgends war die Kraft vorhanden, diese Elemente zu neuen Nationen zusammenzufassen“ [MEW 21, S. 142, 143].

 

Bald werden die Barbaren kommen, mit der noch jugendlichen Lebenskraft ihrer Gentilverfassung, aber noch nicht reif, staatliche Verfassungen und wirkliche Nationen zu gründen. Die Konturen des feudalen Mittelalters zeichnen sich ab, und doch gibt es auch hier, wie Engels sagt, eine der Produktivkraftentwicklung inhärente deterministische Notwendigkeit.[5]

Die Gentilordnung der deutschen Barbaren

7. Auch bei den Völkern, die das Römische Reich mit ihren Invasionswellen überfluteten, gab es die ursprüngliche Gentilordnung mit dem Matriarchat und gemeinschaftlichem Ackerbau. Als sie mit Rom in Berührung kamen, erhoben sie sich soeben aus der Mittelstufe auf die Oberstufe der Barbarei und gingen vom Nomadentum zum sesshaften Leben über. Ihre Schlachtordnung begann die Bildung einer Klasse von Heerführern nach sich zu ziehen, die den König wählten und im Begriff waren, zu Großeigentümern zu werden, denn die fränkischen Bauern (in die sich die Genossen der Gentes und Stämme verwandelt hatten) waren gezwungen, ihren Boden an Schutzherren zu übertragen [MEW 21, S. 147-148]. So begann auch bei diesen Völkern die Staatsbildung und allmählich wurden die Grundlagen der neuen Nationalitäten gelegt, die nach vielen Jahrhunderten zur Wiedergeburt der Nation führen sollten.

 

Nach dem, was wir über die Ursprünge der deutschen Völker wissen, die in ganz Europa nördlich der Donau und westlich des Rheins umherzogen, können wir annehmen, dass sie das Land gemeinsam durch Hausgenossenschaften[6], später Mark- bzw. Dorfgenossenschaften[7] bebauten, und nachfolgend durch Landzuweisung [an einzelne Familien, bzw. Sippen] mit periodischer Neuaufteilung [nur Nutzrecht], wobei ein Teil des – nicht mehr vollkommen in Gemeinbesitz befindlichen – Ackerbodens als Brachfeld liegen blieb. Gleichzeitig waren Handwerk und Industrie noch ganz primitiv: Es gab keinen Handel und es war kein Geld in Umlauf, außer römischen Münzen in den ans Imperium grenzenden Gebieten, von wo aus Manufakturprodukte eingeführt wurden.

 

Die deutschen Völker waren noch zur Zeit Marius, der die Horden der Kimber und Teutonen von der apeninnischen Halbinsel zurückschlug, als diese den Po überschreiten wollten [101 v.u.Z.], und zum großen Teil auch noch zu Zeiten Cäsars, Wandervölker; erst bei Tacitus, 150 Jahre später, werden sie als sesshaft beschrieben. Offensichtlich war es ein sehr verwickelter Prozess, der hauptsächlich mit der raschen Vermehrung zu tun hatte, Originalquellen darüber haben wir nicht. Als das Römische Reich begann unterzugehen, zählten sie laut Engels wohl an die 6 Millionen – in demselben Raum, in dem heute ca. 150 Millionen Erdenbürger leben.

 

Die Klassendifferenz zwischen den Heerführern, gleichzeitig Besitzer von Land und Macht, und der Masse von Bauern-Soldaten – da es keine Sklaven gab, waren alle, die keine Waffenträger und nicht kriegsdienstpflichtig waren, verpflichtet den Boden zu bebauen – führte zur Bildung wirklicher Staaten, und zwar in dem Maße, wie ein bestimmtes Gebiet okkupiert und ein König oder Kaiser gewählt wurde, sei es auch nur auf Lebenszeit und noch nicht als Erbadel. An diesem Punkt war es mit der Gentilinstitution vorbei; die alte Volksversammlung bestand nur noch dem Schein nach und ging unmerklich in die Versammlung der Heerführer oder Landesfürsten über, die die Basis einer offenen Klassenmacht war.

 

Beschleunigt wurde diese Entwicklung zweifellos durch die Eroberung des verfallenden Römischen Reiches, in dem sich die Eindringlinge niederließen. Ihre revolutionäre Aufgabe war weniger die, eine neue Ordnung herzustellen als den verdorbenen römischen Staat zu Fall zu bringen. Sie befreiten die Römer, wie Engels sagt, von ihrem eigenen, parasitären Staat, dessen überlebte ökonomisch-soziale Voraussetzungen nun fortfielen, und nahmen ihnen dafür zwei Drittel des gesamten Bodens.

 

Bei der verhältnismäßig geringen Zahl der Eroberer und ihrer Tradition gemeinschaftlicher Arbeit blieben weite Landstriche ungeteilt, nicht nur Wälder und Weiden, sondern auch Ackerland, wobei die Formen germanischen Rechts über den römischen standen oder beide sich miteinander vermischten. Das wieder ermöglichte eine feste territoriale Verwaltung jener früheren Wandervölker und für vier oder fünf Jahrhunderte erhoben sich die deutschen Reiche zu Mächten über die alten Provinzen und Italien selbst. Der bedeutendste Staat war das Frankenreich, das sich als Bollwerk gegen die Besetzung Europas durch die Mauren hervortat, und auch, als es [ab 840] dem Druck der Normannen nachgeben musste, ließ sich die Bevölkerung aus den Gebieten, in denen sie sesshaft geworden war, nicht vertreiben, wobei es zu einer komplexen ethnischen Vermischung der Germanen, der Romanen und (im Frankenreich) der indigenen Kelten kam. Aufgrund des Völkergewirrs, der herkömmlichen Lebens- und Arbeitsweise der ethnischen Stämme, ihrer Sprache und Verfassungen bildeten die deutschen Reiche keine Nationen, aber doch Staaten, denn sie besaßen jetzt feste Grenzen und eine einheitliche militärische Kraft.

 

„Und dann, so unproduktiv diese vierhundert Jahre“ (5. bis 8. Jahrhundert) „auch scheinen, ein großes Produkt hinterließen sie: die modernen Nationalitäten, die Neugestaltung und Gliederung der westeuropäischen Menschheit für die kommende Geschichte“ (17., 18. und 19. Jahrhundert). „Die Deutschen hatten in der Tat Europa neu belebt, und darum endete die Staatenauflösung der germanischen Periode nicht mit normännisch-sarazenischer Unterjochung, sondern mit der Fortbildung (...) zum Feudalismus“ [MEW 21, S. 149].

 

Bevor wir diesen zweiten Teil mit dem Hinweis auf die Grundzüge der mittelalterlichen Formierung, worin der „nationale“ Faktor keinen Anteil hat, abschließen, haben wir mit dem oben Gesagten zeigen wollen: Als positives Resultat sieht die marxistische Lehre nicht nur die Organisation der alten barbarischen und nomadisierenden Gentes nach der Ortsangehörigkeit und somit die Herausbildung des Staates an – eine Sache, bei der die Völker der italischen und griechischen Halbinseln einen mehr als 1000jährigen Vorsprung hatten –, sondern ebenso den nationalen Charakter der Staaten, deren Übereinstimmung mit der Nationalität, d.h. einer Gemeinschaft, deren Basis nicht nur die Ethnie (innerhalb gewisser Grenzen) ist, sondern auch die Sprache, die Tradition und die Sitten aller Bewohner eines ausgedehnten und durch Grenzen markierten Territoriums. Während der Idealist in der Nationalität eine allgemeine Tatsache sieht, die immer und überall besteht, wo es Zivilisationen gibt, weisen wir Marxisten ihr bestimmte Zyklen zu. Einen ersten historischen Zyklus der Nationalität haben wir nachgezeichnet, den der großen nationalen Demokratien, die die Gesamtheit der freien Bürger nichtsdestotrotz in soziale Klassen teilten und den Sklavenmassen „übergestülpt“ wurden. Der zweite Zyklus, dem wir im dritten Teil folgen werden, ist jener der Demokratien freier Bürger, diesmal ohne Sklaven. In diesem historischen Zyklus geht die Nation mit einer neuen, nämlich der dem Kapitalismus eigenen Klassenspaltung einher. Die Nation und ihr materielles Gewicht werden zusammen mit dem Kapitalismus und der bürgerlichen Demokratie ihr Ende finden, aber nicht vorher, ja, die Gliederung in Nationalstaaten ist sogar unerlässlich, damit die Machtübernahme des modernen Kapitalismus in den verschiedenen geographischen Räumen als abgeschlossen gelten kann.

Die feudale Gesellschaft als a-nationale Ordnung

8. Die der feudalistischen Ordnung eigentümlichen ökonomischen Verhältnisse erklären, wie die feudale Produktionsweise eine bestimmte historische Form des politischen Staates ins Leben ruft, die keinen nationalen Charakter trägt.

 

Wir müssen uns noch einmal die wichtigsten Merkmale der Eigentums- und Produktionsverhältnisse ins Gedächtnis rufen, um zu verstehen, wie das Zusammentreffen zweier so heterogener Produktionstypen – die gemeinschaftliche Bodenbearbeitung der barbarischen Völker einerseits, der private Grundbesitz der Römer andererseits – in das ebenfalls auf der Agrarproduktion beruhende Feudalsystem einmündete, und um die marxistische Feststellung zu unterstreichen, dass die Staaten der klassischen Antike vor allem in ihrer Blütezeit nationalen Charakter – der mittelalterlichen Ordnung unbekannt – getragen hatten.

 

Auf der Stufe der Barbarei, und solange das Sklavenhaltertum nicht auftritt, ist das freie Mitglied des Gemeinwesens ein Bodenbebauer; das Land war aber nicht geteilt, weder zum Zweck der von jedem zu erbringenden Arbeitsleistung noch zum Zweck der Zuteilung und des Konsums der Erträge.

 

In der antiken Gesellschaftsorganisation bildeten wesentlich die Sklaven das produktive Fundament, auf dem die Gesellschaft ruhte; und zwar nicht nur in Bezug auf die Landwirtschaft, sondern auch in Bezug auf die schon ziemlich entwickelte und differenzierte Manufakturproduktion, so dass wir tatsächlich sagen können, dass es in der griechisch-römischen Welt einen spezifischen Industrialismus, und in gewisser Hinsicht spezifischen Kapitalismus gab: Als Bestandteil des Kapitals galten weniger der Boden und die Produktionsmittel als die lebendigen Menschen[8], so wie im heutigen Betrieb Boden, Maschinen und Arbeitsvieh Kapital sind. Der antike Kapitalismus hatte an seinem Gegenpol keine allgemeine Lohnarbeit, da es freie, gegen Lohn arbeitende Menschen kaum gab.

 

Weil aber die fundamentale gesellschaftliche Arbeitskraft, die Sklaven (welche ursprünglich vielleicht Gemeinbesitz von Gruppen freier Menschen waren)[9], ein Eigentumsobjekt darstellten, waren sie ungleich verteilt, was die Freien wiederum in zwei Klassen spaltete: sklavenbesitzende Bürger und solche, die kein Eigentum an Menschen besaßen. Selbst der weise, aber als Philosoph in Armut lebende Sokrates hätte sich gerne mindestens einen Sklaven zugelegt.

 

Der Bürger, der über keine Sklaven verfügte, konnte also sein Leben nicht vom Produkt der Arbeitskraft der Sklaven fristen und musste selbst arbeiten: Nicht als Sklave, aber jedenfalls als freier Bürger, d.h. ohne sich den Anweisungen eines Herrn fügen zu müssen. Eben in diesem Zusammenhang steht das Regime des privaten Grundeigentums. Der freie Arbeiter war grundbesitzender Bauer, der über sein Fetzchen Erde verfügte und aus ihr die Früchte der eigenen Arbeit zog. Andere Freie, ebenfalls nicht reich und nicht über Sklaven verfügend, gingen einem Handwerk oder freien Berufen nach (bei denen sie, zumindest wenn es sich um eine geistige Tätigkeit wie das Philosophieren handelte, nicht die Konkurrenz der Sklaven fürchten brauchten).

 

Als dieser Zyklus abgeschlossen war, wurde der ganze Agrarboden zum „allodialen“ Gut. Das Allod ist frei veräußerliches Privateigentum. Das von Rom eroberte neue Land wurde sofort in Parzellen zerschlagen und unter den siegreichen Soldaten aufgeteilt, welche sich so in Kolonen[10] verwandelten. Damit aber das allodiale Recht voll zum Tragen kommen konnte, musste Geld in Umlauf sein, zum Erwerb verschiedener Produkte wie zum Kauf und Verkauf von Sklaven und Grundbesitz.

 

Die wenigen Güter, die nicht als Parzellen zugewiesen wurden und Staatsbesitz bzw. Besitz lokaler Verwaltungskörperschaften blieben, bildeten als Gegenstück zum Allod die „Domäne“. Das Übergewicht des Allods gegenüber den Staatsdomänen erforderte daher ein Zirkulationsmittel und so auch einen allgemeinen Markt, zu dem alle freien Bürger des ganzen Reichs Zugang hatten. Das war in Griechenland und Rom vollumfänglich der Fall. Im Gegensatz zur Barbarei und seinen in sich abgeschlossenen Arbeits- und Konsumsphären fand sich im klassisch antiken Produktionstypus erstmals ein nationaler Binnenmarkt vor (einschließlich den Anfängen eines internationalen Marktes). Der territoriale Staat ist ein Nationalstaat nicht nur dann, wenn sich seine Macht, damit auch seine öffentliche Gewalt, über das ganze Staatsgebiet ausdehnt – dies war auch bei den Ägyptern, Assyrern, dann Saliern oder Burgundern so –, sondern vor allem, wenn der Handel mit Arbeitsprodukten und Gütern auf dem ganzen Territorium bis in den hintersten Winkel möglich ist. Im rechtlichen Überbau drückt sich das darin aus, dass das Gesetz für die Bürger in allen Provinzen gleiche Gültigkeit hat. Nur dann ist der Staat eine Nation. Im Sinne des historischen Materialismus ist Nation daher ein organisiertes Gemeinwesen auf einem Gebiet, in dem ein einheitlicher Binnenmarkt besteht. Entsprechend findet sich, dass dieses geschichtliche Resultat mit einem gewissen Grad an Gemeinsamkeit des Blutes, aber mehr noch der Sprache (man treibt keinen Handel ohne zu sprechen!), der Sitten und Bräuche einhergeht ...

 

Das klassische ökonomische Milieu hatte, wie im heutigen Kapitalismus, zu einer Akkumulation geführt: einer hatte einen Haufen Sklaven, der andere keine, einer hatte viel Land, ein anderer gerade so viel, wie er durch eigene Kraft aufbrechen konnte. Die Konzentration der Böden [Latifundien] führte zum Desaster: Die Sklavenarbeit rechnete sich nicht mehr (in diesem Sinne schrieb Plinius: latifundia Italiam perdidere)[11] und an ihre Stelle trat die Kleinkultur [Gartenbau als Vorläufer des Feldbaus]. Infolgedessen war die Sklavenarbeit dann moralisch geächtet ... allerdings scheinen die heutigen Kompilatoren von Agrargesetzen, was die technische und soziale Entwicklung angeht, hier stehengeblieben zu sein, denn sie bringen Sklaventum und habgierige kapitalistische Ausbeutung durcheinander. Doch im Moment beschäftigt uns das Mittelalter.

 

Mit der Verödung der technisch rückschrittlich und unproduktiv gewordenen römischen Landwirtschaft brach aber auch der allgemeine Austausch zusammen, wodurch der bewegliche Reichtum im ganzen Imperium in Umlauf gekommen war, ebenso wie die Palette von Mitteln, die mannigfachen Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, sehr eingeschränkt wurde. Die Barbaren dagegen hatten ihre Tradition geringer Konsumtion mitgebracht; sicher gab es kurze Intermezzi, die in den Städten vorgefundene Kriegsbeute zu verjubeln (seit dieser Zeit verfielen die Städte), doch der wirkliche Reichtum war für sie das eroberte Land. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung bestand jedoch schon zu lange und war bereits zu weit fortgeschritten, als dass der den römischen Grundbesitzern oder den Herren der Latifundien genommene Boden nach der Gentilverfassung unter gemeinsame Leitung hätte kommen oder auch nur Domäne der neuen Mächte hätte werden können. Es entstand eine Mischform aus Allod und Domäne. Teils wurde der Boden gemeinsam genutzt, teils wurde er definitiv in Form des Allods parzelliert – was in einer Zeit, in der ständig neue Eroberer nachdrängten, eine äußerst heikle Angelegenheit war – und zum Teil wurde er periodisch neu aufgeteilt.

 

Die fränkischen Bauern stürzten sich auf die ersehnten fruchtbaren Landstriche und in dem milden Klima erzielten sie rasch einen höheren Gewinn als vormals die Sklavenmassen. Aufgrund so vieler bislang ungenutzter Arbeitskräfte und der reichen, von den römischen Krösussen geringgeschätzten Böden blühen die Produktivkräfte wieder mächtig auf. Doch mit der römischen Verwaltung des Straßen- und Verkehrsnetzes geht auch das Bindegewebe des Handels in die Brüche und es gewinnt wieder die lokale Produktion und der unmittelbare Konsumtion die Oberhand.

 

Eine solche Ökonomie ohne Handel charakterisiert das Mittelalter. Die Staaten haben ein Rechtswesen, und sie haben territoriale Heere, aber keinen Binnenmarkt – sind also keine wirklichen Nationen.

 

Wenn in den antiken Gentes im Verlaufe ihrer Wanderungen und Eroberungszüge schon die soziale Gleichheit verloren gegangen war, so jetzt auch sehr bald – bei der halb gemeinsamen, halb allodialen Bewirtschaftung der eroberten Landstrecken – ihre Freiheit und Selbständigkeit. Der Konzentrationsprozess des Grundbesitzes in Händen von Heerführern, Beamten, Günstlingen des Königs, religiösen Körperschaften begann wieder von vorn.

 

An die Stelle der Sklaven trat eine neue Klasse: sie waren solchen Leuten zu Diensten, die auf eigene Rechnung arbeiteten – und mehr noch, die vom Raub und der Auspressung freier Arbeiter lebten. Voraussetzung für das Arbeiten auf parzellierten Böden war eine stabile Ordnung, die unter der römischen Zentralverwaltung mit ihren Richtern, Polizisten und Soldaten unantastbar, hochheilig gewesen war, doch dann zerfiel, nicht nur, weil immer wieder neue kriegerische Völker in die fruchtbaren Ländereien einfielen, sondern auch aufgrund der ewigen Raub- und Eroberungszüge zwischen Herren und Kriegsführern ein und derselben, aber noch kaum zentralisierten Macht.

 

Eher als der persönlichen Freiheit bedurfte der fränkische Bauer daher der Sicherheit, die das Grundelement der römischen Rechtsordnung gewesen war – heute aufgefrischt und zum Modell erhoben. Er fand diese Sicherheit auf Kosten der Freiheit, was heißt, er konnte ziemlich sicher sein, für sich selbst zu arbeiten, statt seine gesamte Ernte und alle Vorräte und Werkzeuge Plünderern opfern zu müssen.

 

Diese Form ist die „Kommendation“ (Schutzergebung), ein echter Vertrag zwischen dem Bodenbebauer und dem waffentragenden und kriegführenden Herrn. Der Feudalherr gewährleistete stabile Verhältnisse und der Bauer führte einen Teil seiner Ernte (Abgabenpflicht) oder einen Teil seiner Arbeitskraft (Dienstpflicht) an ihn ab. Doch die Gewähr, nicht fortgejagt zu werden, verwandelte sich in die Pflicht, auf der Scholle kleben zu bleiben. Sklaven, die mit Haut und Haar ge- und verkauft werden konnten, gab es nicht mehr, aber auch nicht den freien fränkischen Bauern: jetzt gab es den Leibeigenen.

Die Grundlagen der modernen Revolution

Die Engels‘sche Verteidigung dieser Form gegenüber der Sklavenwirtschaft auf den Latifundien ist vollkommen marxistisch. Die Leibeigenschaft erlaubte, wie etwa im Frankenreich der halbbarbarischen Kelten, eine enorme Entwicklung der Produktion und eine so gewaltige Volksvermehrung, dass die immer wiederkehrenden Hungersnöte (Folge des unterbrochenen Handels zwischen Regionen und Provinzen) den demographischen Faktor ebenso wenig erschüttern konnten wie die 200 Jahre später stattfindenden Kreuzzüge (Versuch, die alten Handelsstraßen wieder zu öffnen).

 

Also beförderte auch diese Revolution, die mit dem durch die barbarischen Eindringlinge herbeigeführten Untergang des Römischen Reiches einherging, die gesellschaftliche Produktivkraftentwicklung.

 

Das besiedelte und fruchtbar gewordene Europa war jetzt fester Wohnsitz von Völkern, die technisch und kulturell stufenweise aufsteigen werden, was die Gliederung von Ländern mit sesshaften Bevölkerungen mit sich brachte. Doch die Zerstörung des Handels und des Marktes in ihrer nationalen und imperialen Ausdehnung verurteilte es zu einer langen Periode, in der das wirtschaftliche Leben molekular und zersplittert war und auf selbstgenügsamen Produktions- und Konsumtionskreisen beruhte. Die die große Mehrheit der Bevölkerung stellende Klasse, die leibeigene und an die Scholle gefesselte Klasse, war von jeder sozialen Entwicklung abgeschnitten.

 

Doch während die Sklaven des Altertums keine siegreichen Befreiungskämpfe zu führen vermochten, wurde für die europäischen Völker die Grundlage einer noch fernen, aber mächtigen revolutionären Erhebung gegen die herrschenden Stände und Einrichtungen der feudalen Zeit gelegt – wie schon Fourier genial und intuitiv erkannte.

 

In der Zeit, in der das moderne städtische Proletariat sich anschickt, die Geschichtsbühne zu betreten, ist die nationale Forderung das wichtigste Treibmittel dieser gewaltigen Revolution, geeignet, den modernen Staatsbürger von den Fesseln der Knechtschaft zu befreien und ihn auf die Höhe des antiken Bürgers zu heben. Wenn die moderne bürgerliche Revolution von diesem Widerhall des griechisch-römischen Ruhmes – „Qui nous délivrera des Grecs et des Romains?“[12] – ebenso reichlich Gebrauch macht wie Missbrauch damit treibt, ist sicher, dass es sich hier um ein Gärungsmittel von ungeheurer Kraft handelt.

 

Es ist nicht unsere Revolution, und die nationale Forderung ist ebenso wenig die unsere wie die Behauptung, sie sei eine unwiderruflich und auf Ewigkeit zum Besten der Menschheit gemachte Errungenschaft. Trotzdem begleitet der Marxismus sie mit Interesse, ja sogar Bewunderung und Leidenschaft, und wenn sie im Laufe der Geschichte, in den dafür genau abgegrenzten Zeiten und Räumen bedroht ist, ist er bereit, den Kampf dafür aufzunehmen.

 

Notwendig ist die Untersuchung der Entwicklungsstufe der Zyklen, der richtigen Eingrenzung ihrer wirklichen Räume und wirklichen Zeiten. Wenn die ursprünglichen Gentes ihren Entwicklungsgang im Mittelmeerraum tausend Jahre früher als auf dem europäischen Kontinent angetreten hatten, kann der moderne nationale Zyklus des Westens sehr wohl abschließen, während der von Völkern anderer Ethnien, anderer Kontinente und eines anderen Zyklus noch für lange Zeit revolutionär offen bleibt.

 

Vor allem deshalb ist es ungeheuer wichtig, sich über den Mechanismus des nationalen Faktors im revolutionären und marxistischen Sinne Klarheit zu verschaffen.

 

Quellen:

“I fattori di razza e nazione nella teoria marxista”: Il programma comunista, Nr. 16-20, 1953.

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MEW 21: Engels – Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, 1884.

 


[1] Heloten: die von den Spartanern unterworfenen, zu Staatssklaven gemachten Bewohner von Lakonien. Die leibeigenen, an die Scholle gefesselten Bauern mussten die Hälfte des Ertrags abliefern und im Krieg als Waffenknechte dienen.

[2] municipi waren die von Rom abhängigen Orte, deren Einwohner – bestehend aus antiken Völker und Stämmen, wie den Italiker, die etwa 1.000 v.u.Z. von Norden her eingewandert waren – zunächst die gleichen Pflichten wie die römischen Bürger hatten, nicht aber deren politische Rechte.

[3] proletario hieß der Besitzlose, der nur erfasst wurde, wenn er „prole“ (Nachkommen) hatte bzw. haben konnte.

[4] Siehe das VI. Kapitel: „Gens und Staat in Rom“ in MEW 21, S. 117-126.

[5] Siehe MEW 21, S. 150 wo Engels darauf hinweist, dass „ein Stück echter Gentilverfassung in der Form der Markgenossenschaft in den Feudalstaat hinübergerettet“ wurde und „damit der unterdrückten Klasse, den Bauern, selbst unter der härtesten mittelalterlichen Leibeigenschaft, einen lokalen Zusammenhalt und ein Mittel des Widerstands“ gab. Und, wie von „Fourier zuerst hervorgehoben“, diese „mildere Form der Knechtschaft“ gibt den „Geknechteten die Mittel zur allmählichen Befreiung als Klasse“.

[6] Hausgenossenschaft: Mehrere Generationen umfassende Familien mit gemeinsamen Grundbesitz und gemeinsamer Bebauung; eine patriarchale Form, die aus der Gruppenehe, der mutterrechtlichen Familie, hervorging und in die Einzelehe einmündet.

[7] Dorfgenossenschaft: Jede Familie erhält ein gleich großes Stück Boden von jeder Bodenqualität, die umliegenden Wälder, Gewässer etc. werden gemeinsam genutzt.

[8] Die Sklaven galten als „unorganische Bedingung der Produktion, wie das Vieh, oder als Anhängsel der Erde“ bzw. wie die Alten sagten, als instrumentum vocale, als stimmbegabtes Werkzeug; das Tier als instrumentum semivocale, das Arbeitsgerät als instrumentum mutum; vergleiche MEW 42, S. 397.

[9] Auf der Mittelstufe der Barbarei findet die erste große Teilung der Arbeit statt: Hirtenstämme sondern sich von den anderen Arbeitenden ab, ergo andere und mehr Lebensmittel, ergo Bedingungen für den Austausch zwischen verschiedenen Stämmen; mit der Steigerung der Produktion auch im Ackerbau und im häuslichen Handwerk steigt auch die Arbeitsmenge, es werden folglich mehr Hände gebraucht: „Der Krieg liefert sie. Die Kriegsgefangenen werden in Sklaven verwandelt“ [MEW 21, S. 157].

[10] Kolonen: halbfreie Kleinpächter; sie haben keine Eigentumsrechte, nur Nutzungsrechte; man nennt sie auch „Sklaven des Bodens“.

[11] latifundia Italiam perdidere (lat.): Die Latifundien haben Italien zugrunde gerichtet.

[12] „Wer wird uns von den Griechen und Römern befreien?“ ist ein berühmter Vers von dem in Vergessenheit geratenen französischen Dichter Joseph Berchoux (1760-1838); der Sinn ist eine Erwiderung auf die revolutionär-bürgerliche Ehrung der antiken Helden.

Die moderne bürgerliche Revolution gebrauchte und missbrauchte die Erinnerung an die griechisch-römischen Helden und erzeugte dabei in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine (ebenso bürgerliche, aber diesmal bar von jedem revolutionären Anspruch) Reaktion der Ablehnung jeglicher Modellübernahme aus der Antike.