Dritter Teil

Die moderne proletarische Bewegung und der Kampf um die Bildung und Unabhängigkeit der Nationen

Der modernen Nationenbildung entgegenstehende feudale Hindernisse

1. Aufgrund ihres dezentralen Charakters, sowohl im horizontalen wie im vertikalen Sinn, steht die Organisation der feudalen Gesellschaft wie eine Wand vor dem bürgerlichen Drang nach Herausbildung moderner vereinheitlichter Nationen. Hat jeder der „Stände“ sein eigenes Recht und, in dem hier behandelten Sinn, keine Verwandtschaftsbeziehungen außerhalb des eigenen Standes, so dass sie beinahe unabhängige Nationen darstellen, so bilden die feudalen Fronhofsverbände[1] mit ihren jeweils auch hinsichtlich der Arbeitskraft geschlossenen Wirtschaften ebenso viele aus Leibeigenengruppen zusammengesetzte kleine abhängige Nationen.

 

Um an das Ergebnis des zweiten Teils dieser Darstellung anzuknüpfen, der mit dem Niedergang des Römischen Reiches und dem folgenden Untergang der klassischen Nation, den Invasionswellen der Barbaren und der Herausbildung der mittelalterlichen Staaten endete, sollten wir noch die feudalen Räderwerke benennen, die dem historischen Wiederauftritt der Nation im Wege standen. Nation ist also, wie wir schon wissen, ein geographischer Lebensraum, innerhalb dessen der wirtschaftliche Verkehr frei, das positive Recht gemeinsam ist und sich im Großen und Ganzen eine Rassen- und Sprachenidentität vorfindet. In ihrer klassischen Gestalt lässt die Nation die Masse der Sklaven „außen vor“ und vereinigt nur die freien Bürger innerhalb der genannten Verhältnisse; im modernen bürgerlichen Sinne umfasst die Nation hingegen alle auf ihrem Territorium Geborenen.

 

Fanden wir vor Beginn der griechisch-römischen Ära Staaten vor, die keine Nationen waren, finden wir danach und vor Beginn der bürgerlichen Epoche niemals eine Nation vor, die nicht auch ein Staat ist. Die ganze Behandlung des nationalen Phänomens im materialistischen Sinne stützt sich daher stets und überall auf die marxistische Staatstheorie, und hier liegt der Abgrund zwischen den Bourgeois und uns. Die Nationenbildung ist eine historisch reale und physische Tatsache wie andere auch, doch wenn die national-staatliche Einheit erlangt ist, besteht immer auch die gesellschaftliche Klassenspaltung und der Staat ist nicht – wie für die Bourgeois – Ausdruck eines nationalen, aus der Summe der Menschen oder auch der Gemeinden und Bezirken bestehenden Ganzen, sondern Ausdruck und Organ der Interessen der ökonomisch herrschenden Klasse.

 

Daher sind zwei Thesen gleichzeitig richtig: Die nationale Einheit ist historisch notwendig, und die erlangte Einheit – mit dem Binnenmarkt, der Auflösung der Stände, der Gleichheit aller vor dem Gesetz – ist mithin auch eine Bedingung für den Anbruch des Kommunismus. Und: Die Zentralgewalt schließt nicht nur nicht den Kampf der Arbeiterklasse gegen diesen Staat aus, sondern bringt ihn und seine internationale Dimension innerhalb der entwickelten Welt zum höchsten Ausdruck.

 

In der feudalen, ökonomisch auf Grund und Boden fußenden Gesellschaft teilten die Mitglieder des Adelsstandes den Landbesitz in Bezirke unter sich auf; wichtiger noch war, dass sie sich die bäuerlichen Bevölkerungsgruppen persönlich unterwarfen. In gewisser Hinsicht bildete der Adel wegen seiner Vorrechte eine „Nation“: Es gab keine Blutvermischung mit den Leibeigenen, den Handwerkern oder den Bourgeois; er verfügte über ein eigenes Recht, stellte die Richter etc. Ihr erblicher Landbesitz in seiner reinen Form war nicht veräußerlich, sondern wurde als Besitztitel oder Lehen durch die Spitzen der feudalen Hierarchie und letztlich innerhalb gewisser Grenzen durch den König vergeben. Waffengebrauch und -einsatz wie auch die Befehlsgewalt darüber waren diesem Stand vorbehalten (bildeten sich große Truppen, bestanden sie aus oftmals im Ausland rekrutierten Söldnern).
Da sich die Klasse der Leibeigenen in gegeneinander abgeschlossenen Lebenskreisen reproduzierte und keine Vertretungskörperschaft besaß, bildete sie keine Nation. Juristisch hatten sich die Leibeigenen ihrem jeweiligen Grundherrn und dessen Willkür zu beugen; ihre physische Schranke war nicht die Staatsgrenze, ihre rechtliche Schranke nicht das staatliche Zentrum, beide waren vielmehr durch das Lehnsgut gesetzt.

 

In den verschiedenen Perioden war die Machtstellung des geistlichen Standes kaum geringer als die des adligen Standes. Aber der Klerus definierte keine Nation: Zum einen konnte er aufgrund des Zölibats keine genealogische Kontinuität sicherstellen, zum anderen lagen seine Grenzen außerhalb der Nation – die katholische Kirche ist übernational, oder genauer: ihre Lehre und ihre Organisation tragen überstaatlichen und überrassischen Charakter. Der besondere Überbau stellte sich als Produkt einer Ökonomie gegeneinander abgeschotteter Inseln dar. Der Leibeigene lieferte als einziger Arbeitskraft; einen Teil davon konsumierte er selbst in Form von Bodenprodukten. Seine Bedürfnisse waren so bescheiden, dass er sich mit Manufakturprodukten selbst versorgen konnte, denn die Arbeitsteilung hatte noch völlig embryonalen Charakter und die ersten, noch kaum geduldeten Handwerker (diese späteren Unruhestifter und revolutionären Bourgeois) ließen sich vorerst nur in der Stadt vor den Schlossmauern nieder, während die Bauern über das ganze Land verstreut lebten. Die Landesfürsten und ihre wenigen Helfershelfer verzehrten einen Anteil der bäuerlichen Ernte bzw. des Ertrages, den die fronpflichtigen Bauern aus dem grundherrlichen Besitz herausarbeiteten. Klar, dass die Verfügung einer privilegierten Minderheit über die von den Bauern abgelieferten Erzeugnisse peu à peu die Bedürfnisse dieser Minderheit vermehrte und die Nachfrage nach Manufakturprodukten erhöhte – wenngleich die Fürstinnen noch mit den Fingern aßen und ihr Hemd bloß zu besonderen Anlässen wechselten.

 

Daher der materielle Gegensatz – Ausgangspunkt des ganzen gewaltigen Kampfes, der so schwierig klingende Wörter wie Vaterland, Freiheit, Vernunft, Ideologie, Kritik hervorbringen wird – zwischen der Schranke, die der Fronhofsverband der Mobilität von Personen und Dingen setzte, und der Forderung nach Handelsfreiheit innerhalb des ganzen Staates und dann der ganzen Welt, die es dem Herrn erlauben wird, seinen Reichtum in vollen Zügen auszukosten, aber auch die Kühnheit des Kaufmanns steigern wird, der eines Tages das „geheiligte Land der Ahnen“ gegen Geld eintauschen wird ... und hernach, wenn es innerhalb der Staatsgrenzen das Geld, die Börse, den Fiskus gibt – alles Bedingungen für das Hervorbrechen der kapitalistischen Produktivkräfte –, wird man den Getäuschten sagen: Nun habt ihr ein Vaterland.

 

Feudaler Lokalismus und universelle Kirche

2. In der mittelalterlichen Gesellschaft ist die produktive und ökonomische Basis also nicht national, da „subnational“, sowohl was die Arbeitsstätte als auch was den Markt betrifft. Der Überbau (Sprache, Kultur, Scholastik[2], Ideologie) ist ebenfalls nicht national, insofern er sich um die römisch-katholische Kirche mit ihrem Dogma, ihrer Liturgie, ihrer universellen Organisation konzentriert. Allerdings liegt es nicht in der Macht der Kirche, den feudalen Partikularismus zu überwinden, denn sie tritt rigoros für die Interessen und Ordnungen des Landadels ein.

 

Bezüglich des persönlichen und Handelsrechts hatten die klassischen Nationen bereits die Einheit innerhalb der politischen Grenzen erreicht, denn neben der Agrarproduktion (auch damals das Fundament der Gesellschaft) gab es die Möglichkeit zur Bildung von Waren- und Geldmassen – dank der Verfügung über die Arbeit der Sklaven und dank der vom römischen Recht nicht nur erlaubten, sondern ausdrücklich anerkannten schreienden Ungleichheit hinsichtlich der Anzahl von Sklaven im Besitz der freien Bürger wie auch hinsichtlich des Umfangs allodialen[3] Grundbesitzes.

 

Nach Auflösung der Sklavenhalterwirtschaften wurde die Bahn für den allgemeinen Umlauf von Manufakturprodukten auf anderen Wegen (den bürgerlichen) geebnet, denn deren Herstellung sollte sich allmählich auf die gleiche Höhe wie die der Agrarerzeugnisse heben, um diese dann, in der kapitalistischen Epoche, so kolossal wie unsinnig in den Schatten zu stellen.

 

Doch mit Rom war die klassische Nation … mehr als eine Nation geworden, nämlich eine territoriale und politische Universalität organisierter Macht über die ganze nicht-barbarische Welt. Die durch den staatlichen Zentralismus und dessen Diktatur über die Provinzen beförderte phantastische Reichtumsanhäufung von Land- und Sklavenbesitz in Händen weniger Steinreicher führte unausweichlich zur Krise dieser Produktionsweise, die es den vorrückenden Barbaren erleichterte, diese riesige und einheitliche Organisation in Stücke zu hauen.

 

Im Mittelalter blieb diese Universalität allerdings in ganz anderer Form bestehen, und zwar in der mächtigen Organisation der römisch-katholischen Kirche. Wir befassen uns hier nicht mit dem großen historischen Prozess hinsichtlich des oströmischen Reichs, das das weströmische um Jahrhunderte überdauerte. Aber auch wenn es gegen die germanische Welle aus dem Nordosten einen Damm hatte errichten können, vermochte es doch der mongolischen Welle aus dem Südwesten nicht standzuhalten, und die immer mehr zum bloßen Symbol gewordene Einheit musste – auf grundsätzlich analogem Wege wie zuvor im Westen – der Zerstückelung weichen.

 

Im westlichen Europa nahm der Druck des Bedürfnisses nach Entwicklung eines allgemeinen Warentausches und gegen die feudale Zersplitterung die Form des Bedürfnisses nach einer Wiedererrichtung des Zentralismus an, der der römischen Welt Macht, Reichtum und Wissen verliehen hatte (Dinge, die jetzt untergegangen zu sein schienen). Doch konnten dieses Bedürfnis nicht die Guelfen[4] befriedigen, die den damaligen deutschen Reichen und ihrer kriegerischen Führerklasse den übernationalen Einfluss der Kirche entgegenstellten, auch wenn diese Gegenkraft im realen Zusammenstoß der Klassenkräfte in Gestalt der ersten Bollwerke der neuen bürgerlichen Klasse in Erscheinung trat, nämlich in Gestalt der italienischen Kommunen, über deren Geschicke Meister, Handwerker, Bankiers, Kaufleute bestimmten, die europaweit in Kontakt miteinander standen.

In der Tat errichtete die Kirche für alle aus der Zersplitterung des Römischen Reichs hervorgegangenen Staaten einen gemeinsamen, der Macht der Fürsten entsprechenden Überbau.[5] Eben weil es sich bei diesen Staaten nicht um nationale Gesellschaften handelte, überschritten die hier in Frage kommenden Funktionen die Schranken der politischen Grenzziehung. Es gab noch keine Landessprachen, die das einfache, das „gemeine“[6] Volk sprach. Die Pfaffen redeten lateinisch und die Masse der Leibeigenen dialektal, schon ein Dorf verstand das andere nicht mehr. Solange sie noch nicht auf der Suche nach Arbeit und Geld, sondern nur um zu kämpfen durch die Lande zogen, interessierte auch keinen, ob sie sich verständigen konnten. Aber Latein war nicht nur die Sprache der Liturgie, was etwas mager gewesen wäre, sondern alleiniger Träger der Kultur, praktisch die einzige Sprache, die überall gelesen und gesprochen werden konnte. Und es war ausschließlich das Latein, welches den Adelsstand gelehrt wurde, was heißt, dass die der Kirche obliegende Bildung eine überstaatliche Struktur beibehielt, auch dann noch, als anderen Klassenangehörigen – nicht nur den „jungen Herren“ und zukünftigen Priestern und Mönchen, sondern auch einigen Bourgeoissöhnchen – der Zugang zu den Schulen gewährt wurde; die verstreut lebenden Bauern hingegen waren davon ganz und gar ausgeschlossen (in den unglücklichen Regionen so nobler Nationen wie ... Italien und Jugoslawien ist das noch immer nicht ganz überwunden!).

Hier werden also nicht nur die Träger hoher Bildung und Kultur auserkoren – in der Tat wurden in Bologna, London, Paris dieselben Schriften und Themen diskutiert –, sondern auch eine praktisch angewandte Bildung, aus der schließlich die gesamte bürokratische, zivile, juristische, militärische Schicht hervorgehen sollte: Die gebildete, kulturell hochstehende Klasse hatte jedoch noch keine oder nur eine sehr verschwommene „nationale Kultur“, erst nach der Jahrtausendwende taucht das „nationale Schrifttum“ auf.

Selbst die Bourgeois, die sich ihre ersten Sporen verdienten, zahlten ihren Tribut an dieses gesellschaftliche Bindegewebe, diesen Überbau einer spezifischen Produktionsweise, der zugleich ein unverzichtbares Arbeitsmittel war, und wenn der Bankier aus Florenz Verträge mit Antwerpen oder Rotterdam schloss, wurde die Handelskorrespondenz auf Lateinisch erledigt (auch wenn ein solches Latein, nicht minder als das in der Messe gesprochene, einem Cäsar und Cicero hätte die Haare zu Berge stehen lassen, waren sie doch wieder zum Leben erweckt).[7]

Doch trotz der Größe dieses Bauwerks, das sich um Blut, Rasse und Sprache nicht scherte, war das katholische ideologische Gefüge mit der Verteidigung und Erhaltung des feudalen Knechtschaftsystems eng verquickt. Die Kollaboration begann an der Basis, wo sich Seelsorger und Fürsten brüderlich den Zehnten und die Abgaben der ausgebeuteten Bauern teilten, deren Unterwerfung durch ihre Fesselung an den Boden und an das Lehnsgut, auf dem sie das Licht der Welt erblickt hatten, gesichert wurde; zum anderen gehörten den Klostergemeinschaften und Ordensreligionen große Besitztümer (nicht ohne Kämpfe mit dem Fürstentum), deren Produktionsverhältnis dem feudalen völlig gleich war; beiden war das Interesse gemeinsam, dass der Besitz an Boden, Leibern und Seelen unveräußerlich an den ob aristokratischen oder geistlichen Besitztitel gebunden blieb.

 

Universalismus und politischer Zentralismus

3. Auch wenn die ersten Kämpfe der Bourgeois (in den italienischen Kommunen organisiert, doch noch unfähig, sich zur Vorstellung einer überregionalen Ökonomie und Organisierung aufzuschwingen) mit den Guelfen Unterstützung im Papsttum finden, ist es Dante, der den modernen bürgerlichen Formen vorauseilt; er beruft sich auf das Kaisertum als erste historisch mögliche Form des zentralisierten Staates, obschon er – innerhalb seines ghibellinischen Universalismus, der eine einzige europäische Macht theoretisiert – nicht ausdrücklich die nationalstaatliche Forderung antizipiert.

 

Als Dante, seiner Herkunft nach dem Geschlecht der Guelfen angehörend, „De monarchia“[8] schrieb, „heiratete“ er die ghibellinische These. In Dantes historischer Theorie ist das Bedürfnis nach Einheit und zentraler Macht ebenso fundamental wie seine Aversion gegen die fruchtlosen Zwistigkeiten unter den Herrschergeschlechtern der Kommunen. Dieses neue universelle Bedürfnis stützte sich auf die große Tradition des Römischen Reiches und bekämpfte das Weltmachtstreben der katholischen Kirche Roms. Dante lehnte deshalb die Macht und die politische Richtung des Papsttums ab und begrüßte im deutschen Kaiser einen großen Monarchen, der in einem zentralen Staat ganz Europa vereinigen sollte: Deutschland und Italien, dann Frankreich und die anderen.

 

Zählen wir die politische Lehre Dantes zum Mittelalter, weil sich darin nicht die wesentliche bürgerliche Forderung nach getrennten Nationalitäten findet, oder sehen wir in ihr eine Vorwegnahme der modernen bürgerlichen Zeit? Zweifellos Letzteres. Im Mittelalter war die absolute Monarchie als einzige mit dem zentralen Staat vereinbare Form denkbar. Der Obskurantismus des Klerus und Roms hingegen stand auf der Seite des Föderalismus der Fürsten und ihrem Anspruch auf Selbstregierung. Auf Seiten der ersten Höfe – der Stauferkönig Friedrich II. gibt hier ein glänzendes Beispiel, das auch Alighieri teuer war –, wurde den neuen Produktivkräften, dem Handel, der Förderung des Handwerks und der Künste, dem Austausch von Ideen außerhalb der Scholastik der Weg geebnet. Sicher lässt sich dem Stauferkönig keine nationale Gesinnung zusprechen, aber es ist auch keine Legende, wenn er als Atheist, Wissenschaftler, Künstler, als Begründer der ersten Manufakturen und Industrien und als Vorläufer gesellschaftlicher Formen beschrieben wird, die in der rückschrittlichen Gedankenwelt der Aristokratie, die sich nur im Waffengebrauch auskannte, nicht vorkommen. Die erste Form, in der sich der Kapitalismus der feudalen Ordnung entgegenstellte, war die zentrale Monarchie in einer großen Kapitale, wo Handwerker, Künstler und Wissenschaftler dem Leben neue Horizonte eröffneten.

 

Die in lateinischer Sprache verfasste Abhandlung „ De monarchia“ ist eine erste ideologische Äußerung dieses modernen Bedürfnisses und insofern revolutionär, antifeudal und „anti-guelfisch“: In späterer Zeit wird der Antiklerikalismus übrigens gern auf die Schmähreden des großen, jetzt in der italienischen Volkssprache geschriebenen Poems [„Die Göttliche Komödie“] gegen das Papsttum zurückgreifen. Wenn das nationale Bedürfnis bei Dante nicht explizit ausgesprochen ist und er ein politisch einiges Italien sieht, zwar auf Kosten der lokalen Gutsbesitzer, doch als Provinz des Deutschen Reiches, ist das der Tatsache geschuldet, dass die moderne Bourgeoisie zwar zuerst in Italien in Erscheinung trat, aber noch mit kommunalem und lokalem Charakter behaftet war. Trotzdem ist dieses erste Hervorbrechen der lebendigen Zukunftskräfte bedeutsam, auch wenn sie sozial unterlagen (die Gründe dafür liegen in der Umwälzung der Handelswege[9]), bevor man sich zur Vision des mächtigen kapitalistischen Einheitsstaates mit seinen nationalen Grenzen erheben konnte. Es war Dante, der in Italien (das unter den zuletzt Angekommenen sein sollte, die die Nationalität postulierten) die gemeine Sprache in der Literatur durchsetzte und den Grundstein für die entscheidende Verbreitung der toskanischen Mundart legte – wider die hundert Dialekte, in denen noch die fernen Ursprünge, von den Langobarden bis zu den Sarazenen, nachklangen.

 

Revolutionäre Forderungen der nationalen Bourgeoisien

4. Die marxistische Geschichtsauffassung sieht bei jedem Übergang von einer zur anderen Produktionsweise auf der einen Seite die herrschende Klasse, die ihre ökonomischen Privilegien mit Hilfe des Machtapparates und der traditionellen Ideologie verteidigt, und auf der anderen Seite die revolutionäre Klasse, die gegen deren Interessen, Einrichtungen und Ideologien kämpft und innerhalb der alten Gesellschaft mehr oder weniger entschieden und vollständig neue Ideologien hochschwemmt, in denen sich ihr Bewusstsein der eigenen Errungenschaften und der künftigen Produktionsweise ausdrückt. Die modernen Bourgeois entwickeln in den verschiedenen europäischen Nationen bemerkenswerte und eindrucksvolle Systeme, die wirkliche Kampfwaffen sind, und sie alle kreisen um die große Forderung nach nationaler Einheit und Unabhängigkeit.

 

Der Beginn der modernen Epoche und das Ende des Mittelalters wird in den Geschichtslehrbüchern mal mit dem Jahr 1492, mal mit dem Jahr 1305 angegeben. 1492 wurde Amerika entdeckt: Wichtig, weil es die Öffnung der Überseerouten, die beginnende Formierung des Weltmarktgefüges sowie das Erwachen der äußerst starken Anziehungskräfte bedeutete, die in Form der Nachfrage nach Manufakturprodukten die weiße Rasse zum Krieg um die Hyperproduktion treiben werden. Parallel zu dieser gewaltigen Entwicklung verlagerte sich das Zentrum des aufblühenden Industrialismus, und zwar von Italien ins Herz Mitteleuropas. 1305 aber war das Jahr, in dem Dante die „Commedia“ schrieb. In Italien waren die Forderungen der antifeudalen und antiklerikalen Revolution bereits erhoben worden, wenn auch nur für ein geographisch eng begrenztes Gebiet. Die römische Tradition war auf der Halbinsel tief verankert und die deutschen Völker stießen mit ihren Organisationsformen auf großen Widerstand, so dass das feudale Regime in Italien niemals zur vollen Blüte kam, so beachtlich die Beiträge des neuen barbarischen Blutes auch gewesen waren.

 

Da die Standortvorteile inmitten der befahrenen Meeresrouten dieselben blieben, wurden Handel und Austausch sehr schnell wiederaufgenommen und die Arbeitsteilung auf neuen Grundlagen entwickelt. Wenn die sich selbst verwaltenden Assoziationen in der Kommune scheiterten und kleine Signorie und autokratische Erbmonarchien auftauchten, herrschte deshalb doch kein grundherrliches Herrschaftsverhältnis vor, der Großteil der Bevölkerung setzte sich nach wie vor aus selbständig wirtschaftenden kleinen Handwerkern und Bauern sowie kleinen und mittleren Kaufleuten zusammen. Aus diesen eigentümlichen Gründen erhob sich die Bourgeoisie nicht zur nationalen Klasse, wie sie es dann einige Jahrhunderte später tun konnte – nun jedoch auf viel breiterer Ebene. Aus Italien „vertrieben“, ließ die kapitalistische Revolution lange auf sich warten, bekam aber dann doch im 16., 17. und 18. Jahrhundert in England, Frankreich und Zentraleuropa Boden unter den Füßen.

 

So kann der Anbruch einer neuen Produktionsweise, die in einem begrenzten Raum versucht wurde, scheitern und dadurch gezwungen werden, ganze Generationen abzuwarten. Bei ihrem historischen Wiederauftritt jedoch kann sie sich in einem viel breiteren Wirkungskreis behaupten. So musste die kommunistische Revolution, die 1871 in Frankreich niedergetreten wurde, bis 1917 warten, um zu versuchen, diesmal nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa zu erobern; zwar ist sie heute geschlagen und ausgehöhlt, wie die begrenzte bürgerliche Revolution der italienischen Kommunen geschlagen und ausgehöhlt wurde, doch kann sie schließlich nach Generationen wieder auftreten – dieses Mal ausgedehnt auf die ganze Welt, statt nur in dem von der weißen Rasse bewohnten und kontrollierten Raum.

 

So wie es zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert den Anschein hatte, dass die Forderungen nach rechtlicher Gleichheit, politischer Freiheit, parlamentarischer Demokratie, einer Republik von der Geschichte in alle Winde zerstreute Illusionen waren, während ihre Kraft in Wirklichkeit nur gesteigert wurde, um sich umso mächtiger auf europäischer Ebene durchzusetzen, so kann es auch in der heutigen Periode nur dem Anschein nach so sein, als wären die Forderungen des modernen Proletariats nach dem gewaltsamen Sturz des kapitalistischen demokratischen Staates, nach der Diktatur der Arbeiterklasse und der Zerschlagung der Lohn- und Geldökonomie eingeschlummert und vergessen.

 

Durch die Veränderungen in der Produktionstechnik und dem eifrig betriebenen Warenaustausch immer mehr Einfluss gewinnend, stellten die bürgerlichen Gruppierungen während dieser ganzen Periode unermüdlich und bei jeder Gelegenheit ihre neuen Forderungen auf und schlugen sich für sie, bis sie es schließlich dahin brachten, die radikale Forderung nach Zerschlagung der feudalen Ordnung aufzustellen und selbst nach der Macht zu greifen.

 

Die Handwerker und Händler weigerten sich, als bäuerliche Untersassen eines lokal herrschenden Krautjunkers zu gelten. Auch wenn es anfangs sehr riskant war, überschritten sie doch die Bezirksgrenzen und zogen durch das ganze Land, wo nach ihrer Arbeit und ihren Geschäften verlangt wurde – so leicht es für den Adel auch noch sein mochte, sie niederzuhalten und ihnen einen beachtlichen Teil des akkumulierten Reichtums abzuluchsen, der sich allmählich in Händen nichtadeliger Einzelner gesammelt hatte. Diese Pioniere einer neuen Lebensweise forderten das Recht, Bürger des Staates statt Untersassen des Adels zu sein. Was sich zunächst in der Form ausdrückte, sich als Untertanen des (absoluten) Königs zu bezeichnen, denn Monarchie und Dynastie waren die ersten Ausdrücke einer auf das ganze Volk und die ganze Nation bezogenen zentralen Macht. Die Bande zwischen Staat und Untertan (Angelpunkt des bürgerlichen Rechts) fingen an fester zu werden, ohne das Dazwischentreten der zersplitterten feudalen Hierarchien. Sehen wir uns diesen Übergang im Bereich der ökonomischen Basis an. Es gibt einen Roman, der der Episode „Der König von England zahlt nicht“ gewidmet ist. Das große florentinische Bankhaus der Bardis streckt dem König einen riesigen Haufen Goldflorins für Kriegsausgaben vor; doch der König, der den Krieg verliert, zahlt weder Zinsen noch das Darlehen zurück: Die Bank falliert und die florentinische Wirtschaft erleidet einen schweren Schlag. Der alte Bankier Bardi stirbt an Herzeleid, denn er kann sich an kein Gericht wenden, vor das er den unverschämten säumigen Schuldner hätte zerren können.

 

In einer „commedia“ von Lope de Vega – wenn wir die rechtliche Forderung kurz streifen wollen – macht der König zwar den besten Eindruck, die Forderung ist aber auch hier eine bürgerliche. In einer Provinz raubt ein Don Rodrigo ein junges Mädchen. Der Vater, dem er ins Gesicht lacht, geht nach Madrid und wendet sich an den König, der ihm incognito, ohne großes Geleit und ohne Waffen, in die Provinz folgt; er spielt den Richter, verurteilt den Gevatter Rodrigo und befreit das Mädchen, das eine Entschädigung erhält: Die Vorstellung, dass jedem Bürger gegen die Übergriffe der Bezirksgewalt von Seiten des Königs Gerechtigkeit widerfährt, drückt die zentrale bürgerliche Forderung aus.

 

Bekannt ist auch der „Müller von Sanssouci“, der sich Friedrich von Preußen widersetzt (der will ihm den Esel nehmen, um damit den Park seines entzückenden Schlosses zu schmücken); nach der Audienz ruft der Müller aus: „Noch gibt es Richter in Berlin!“. Der Richter kann den König im Namen des Königs verurteilen – dies scheint das Bravourstück der bürgerlichen Rechtsauffassung zu sein, aber bald schon wird die Bourgeoisie aus revolutionären Erfordernissen heraus resoluter werden und den König einen Kopf kürzer machen lassen.

 

In dem Maße, wie in den alten, vom Grundadel getragenen Staaten – vor allem England und Frankreich, den klassischen Beispielen – die Bedeutung des Handels und der Manufaktur zunahm, in dem Maße, wie große Banken, Staatsschulden, Schutzzölle, ein zentrales Finanzsystem entstand, forderte die Bourgeoisie mehr Teilhabe an der Macht, d.h. an der zentralen Verwaltung. Im ideologischen Überbau, in der Kultur und Politik, wurden all diese einheitlichen Systeme nicht als Ausdruck einer aus göttlichem Recht anerkannten Dynastie, sondern als Ausdruck des ganzen Volkes beschrieben und verherrlicht, d.h. als Äußerung der Gesamtheit der Bürger oder in einem Wort: der Nation. Der Patriotismus, der nach der Schwärmerei in der klassischen Antike verschwunden war, wurde wieder Thema des bürgerlichen Überschwangs. Sehr bald ließen sich die Intellektuellen, die Schriftsteller und Philosophen für ihn entflammen (dahinter standen die realen Erfordernisse seitens der Kaufleute und Fabrikanten), und sie stülpten den neuen ins Leben drängenden Produktivkräften eine wunderbare Architektur höchster Prinzipien samt literarischer Ausschmückung über.

Schillernder Überbau der kapitalistischen Revolution

5. Wie die Voraussetzungen für den revolutionären Kampf des modernen Proletariats inmitten der Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise geschaffen werden, so bilden sich, kaum dass die Kritik der bürgerlichen Ideologien voll entwickelt ist, Lehre und Programm der kommunistischen Revolution heraus. Die bürgerlichen Ideologien nehmen jeweils verschiedene nationale Charaktere an, weil eben jede bürgerliche Revolution national ist; ihre eigentümlichen Merkmale liegen in der besonderen Art und Weise, das herauszubilden, was Marx „das Bewusstsein, das jede Epoche von sich selbst hat“ nennt.

 

In Italien zeigte sich der ökonomische Gehalt der bürgerlichen Form zwar frühzeitig, aber er reichte nicht aus, um die Kontrolle über die Gesellschaft zu übernehmen, denn der politische Inhalt – historisch von großer Bedeutung – beschränkte auf die Kontrolle der kleinen freien Stadtrepubliken, denen die Errichtung einer nationalen Macht nicht gelang. Während diese erste bürgerliche Gesellschaft, trotz ihrer militärischen Erfolge gegen den deutschen Kaiser, von der feudalen europäischen Gesellschaft aufgesaugt werden wird, wird ihre Wirkung im ideologischen und vor allem künstlerischen „Überbau“ in den darauffolgenden Jahrhunderten noch spürbar sein. Der Rückgriff auf die politischen Formen Roms und auf die von den Bürgern der ersten Republiken geschaffenen Einrichtungen spiegelte sich weniger in der Organisation der Staaten und Nationen als im Aufblühen der neuen Technik und im Glanz der Kunst der Renaissance wider, die die klassischen Modelle wiederbelebte. Gleichzeitig nahmen Literatur und Wissenschaft, sich der konformistischen Herrschaft der katholischen und scholastischen Kultur widersetzend, denselben Aufschwung, wobei wiederentdeckte und neu aufgelegte klassische Schriften den sozialen Erfordernissen der Zeit wieder aktuell gewordenes Material lieferten. Diese kolossale Bewegung war also das Produkt einer besonderen Entwicklung, in der zwei Produktionsweisen aufeinanderstießen, einer Entwicklung, die das Licht der Explosion einer neuen Gesellschaft im Schoß der alten war, auch wenn die letzten Hüllen nicht durchstoßen werden konnten und in einem historischen Erdbeben nur erschüttert wurden; all das (oder vielmehr das, was besser beschrieben und dargestellt werden könnte) lässt sich vielleicht wie gerade geschehen umreißen – jedenfalls eher, als es als Ergebnis einer merkwürdigen, in den Alkoven stattfindenden Versammlung erfolgreich ausschwärmender Spermatozoen zu beschreiben, die erstklassigen Architekten, Malern, Poeten, Lehrmeistern, Musikern, Denkern, Wissenschaftlern, Philosophen etc. gleichzeitig auf die Welt verholfen hätten.

 

Obgleich in sozialer und politischer Knechtschaft gehalten, versäumten es die Künstler, Poeten und Ideologen in ihren beeindruckenden Werken und Meisterleistungen nicht, den Begriff des Vaterlandes und der italienischen Nationalität zu preisen. Später sollten sich Nachahmer finden (meist von ziemlich jämmerlichem Kaliber), die sich des Gehörten unablässig bedienten.

 

In Deutschland, dessen Reihe von Missgeburten im Prozess des nationalen Werdens Marx und Engels mit Schmähworten begleiteten, haben wir ein anderes großartiges Phänomen: die Reformation, die im Übrigen in ganz Europa Fuß fasste, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß.

 

Der soziale Kampf der neuen Schichten gegen die alte Herrschaft der feudalen, von der Kirche gestützten Fürsten schaffte es nicht, in politischen Resultaten greifbar zu werden; aber er beschränkte sich zu jener Zeit auch nicht auf die Kritik der künstlerischen und philosophischen Schulen, sondern übte sie genauso an der Kirche und auf dem Gebiet der religiösen Dogmen. Es war dies die Phase der Zersplitterung der Einheitskirche in verschiedene Nationalkirchen, die sich der römischen Herrschaft entzogen; nicht nur, indem sie die Artikel der mystischen Doktrin mehr oder weniger stark veränderten, sondern vor allem, indem sie die Bande zur klerikalen Hierarchie zerrissen und sie durch neue nationale Hierarchien ersetzten. War einer der Faktoren, mit denen der bürgerliche Nationalstaat in die Geschichte eintrat, die gemeinsame Sprache, so ein anderer die Religion. Das deutsche Auftreten war am eindrucksvollsten auf dem Gebiet der Religion und der Nationalkirche. Der Gärung innerhalb der neuen Klassen liefert den Nährboden: Die Handwerker und Meister in den Städten wie auch die leibeigenen oder hörigen Bauern auf dem flachen Lande sahen in Luther den Mann, der sie im Kampf gegen die Fürstentümer – Bollwerke des feudalen Räderwerks – anführen sollte; doch nicht nur, dass Luther Müntzer denunzierte, der den glorreichen, wenn auch geschlagenen Aufstand der Bauernhaufen gegen die kleinen Fürsten anführte, er verstand auch nicht, die kleinen gegen die großen Fürsten zum Sieg zu führen.

 

Wenn die Grenzen und Fesseln der mittelalterlichen Gesellschaft in Italien nur in der Literatur, in Deutschland nur in der Religion gesprengt wurden – Ausdruck entweder zertretener oder noch unreifer Revolutionen –, bildete England das erste historische Beispiel der bürgerlichen Revolution, deren Ökonomie vollständig und in der Tiefe der Gesellschaft verankert wurde. Da dort die Agrarproduktion aus klimatischen und geographischen Gründen niemals eine dichte Bevölkerung hätte ernähren können, schlug die Manufaktur- und Industrieproduktion einen überlegenen und bis anhin unbekannten Entwicklungsweg ein. Die Pächter der gutsherrlichen Ländereien akkumulierten große Geldkapitalien, während das Bauernlegen immer weiter um sich griff. Hier finden wir intensiver als anderswo alle Bedingungen der kapitalistischen Produktion vor, die Manufakturbourgeoisie nahm in der Welt eine Spitzenstellung ein. Adel und Dynastie wurden geschlagen und, trotz des kurzen Daseins der revolutionären Republik und der Ermordung Cromwells[10],1 übernahm die Bourgeoisie durch eine neue Revolution – in der noch heute bestehenden Form der parlamentarischen Monarchie – sehr bald die Macht.

 

Die geographischen Bedingungen haben unzweifelhaft nicht minder als die Produktionsbedingungen dazu beigetragen, dem Vereinigten Königreich den Charakter einer Nation zu geben, die sich stark von allen anderen unterschied, insofern das Meer auf allen Seiten die Staatsgrenzen markiert. In der „Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs 1891“ (worin auch für das unter der Kleinstaaterei leidende Deutschland die Forderung der „einen und unteilbaren Republik“ erhoben wird) merkt Engels jedoch an, dass auf den beiden Inseln mindestens drei Nationen beisammen sind, die sich sowohl der Sprache als auch der Rasse und Religion nach unterscheiden [siehe MEW 22, S. 235]. Mit der Zeit werden sich die Iren (rassisch gesehen Kelten), die katholisch sind und gälisch sprechen, eine Sprache, die fast verschwunden war, in der Tat abtrennen; und auch die Schotten fühlten sich nicht als Engländer, ganz zu schweigen vom Eindringen und von den Traditionen anderer Rassen, wie in Wales, oder den Wirkungen der Invasionen sowie der Migration von Römern, Normannen und schließlich Sachsen. Ein Gemisch also aus Rassen, Traditionen, Dialekten, auch der literarischen Sprachen, Religionen und Kirchen – dennoch die erste Formierung des nationalen Staates, der den Anbruch der kapitalistischen Gesellschaften anzeigt.

 

In Frankreich endlich wurde das Gerüst des nationalen Staates durch den Bürgerkrieg errichtet. Die Staatsgrenzen sind durch Meere und Bergketten genau bestimmt, abgesehen vom Rheinufer, dieser historisch heiklen Frage. Sehr schnell bildete sich eine einzige Sprache, daran anschließend eine Literatur, die die Unterschiede der frühen Sprachen auslöschte; auch die nicht unbedeutenden ethnologischen Unterschiede verwischten sich bald. Vergessen wir nicht, dass diese Nation den Namen der Franken annahm, des deutschen Volkes, das von Osten her eingedrungen war und die autochthonen Gallier (oder deutsch Kelten) gen Norden getrieben oder sich unterworfen hatte. Zwei Völker also nicht-lateinischer Herkunft, auch wenn der Ursprung der Sprache im Lateinischen liegt. Die Forderung nach dem Nationalstaat war daher nicht territorialer, sondern sozialer Art; rasch erreichte die Bourgeoisie die Anerkennung als Dritter Stand und war in den Generalständen vertreten, die als Berater an der Seite der königlichen Macht standen. Als das nicht mehr reichte, nahm der Kampf direkt politische Form an. Es gab keinen mit dem britischen vergleichbaren Industrialismus, was seinen Ausdruck nicht zuletzt in den ökonomischen Lehren fand: die Engländer warteten sogleich mit der Theorie und Apologie der kapitalistischen Produktion auf, Frankreich trat aus der physiokratischen Schule heraus, um in die des Merkantilismus einzutreten, die die Wertbildung im Produktenhandel verortete.

 

Politisch gab sich die französische Bourgeoisie nicht gerade zögerlich. Direkt auf die Macht zielend schuf sie ihre Staatslehre: Nicht aus Erblichkeit und göttlichem Recht, sondern aus der Abstimmung der Bürger hervorgehende Souveränität. Das Dogma unterlag, die Vernunft siegte, die Stände und Zünfte wurden zerschlagen, Wahldemokratie, Parlament, Republik. Diese andere exquisite Machtform ist in der heißen Schmiede der Geschichte aus einem Guss entstanden.

 

Beim Übergang der feudalen zur modernen Produktionsweise besteht also die wesentliche, die ökonomische Basis im Widerstreit der Produktivkräfte mit den alten Verhältnissen, und der politische, juristische und ideologische Überbau bricht aus dieser Palingenese der ökonomischen Basis hervor. Aber das Ganze ist kein pharmazeutisches Rezept. Die Bourgeoisie hat keine Weltrevolution gemacht, sondern eine Reihe nationaler Revolutionen; und es ist nicht gesagt, dass das schon alle gewesen sind.

 

Mit Blick auf die grundlegende Untersuchung der „geographischen“ Räume und „geschichtlichen Perioden“, die wir hinsichtlich der bürgerlichen Revolution anstellten, um eine korrekte Basis für die Untersuchung der proletarischen Revolution zu haben – die keine nationalen Farben mehr vor sich herträgt, der jedoch innerhalb ihrer großen Dynamik gleichermaßen zeitliche und räumliche Grenzen gesetzt sind –, könnten wir nun aus unserer kurzen und groben Zusammenfassung die Stufenfolge benennen: Italien – Kunst; Deutschland – Religion; England – Ökonomie; Frankreich – Politik. Der vollständige Überbau der kapitalistischen produktiven Basis.

 

Die heroischen Unternehmen der Bourgeoisie waren, wie bekannt, gleichzeitig ökonomischer, politischer, künstlerischer und religiöser Natur. Der Reichtum ihres Weges lässt sich aber sicher nicht besser ausdrücken als im „Manifest“ geschehen:

 

„Jede dieser Entwicklungsstufen der Bourgeoisie war begleitet von einem entsprechenden politischen Fortschritt. Unterdrückter Stand unter der Herrschaft der Feudalherren, bewaffnete und sich selbst verwaltende Assoziation in der Kommune, hier unabhängige städtische Republik, dort dritter steuerpflichtiger Stand der Monarchie, dann zur Zeit der Manufaktur Gegengewicht gegen den Adel in der ständischen oder in der absoluten Monarchie, Hauptgrundlage der großen Monarchien überhaupt, erkämpfte sie sich endlich seit der Herstellung der großen Industrie und des Weltmarkts im modernen Repräsentativstaat die ausschließliche politische Herrschaft. Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet. Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt“. „Die Bourgeoisie befindet sich im fortwährendem Kampfe: anfangs gegen die Aristokratie; später gegen die Teile der Bourgeoisie selbst, deren Interessen mit dem Fortschritt der Industrie in Widerspruch geraten; stets gegen die Bourgeoisie aller auswärtigen Länder“ [MEW 4, S. 464 und 471].

Das Proletariat tritt auf die Geschichtsbühne

6. Mit der kapitalistischen Manufaktur und Industrie entsteht die neue soziale Klasse der Lohnarbeiter. Es gibt eine geschichtliche Koinzidenz zwischen dem massenhaften Auftreten dieser Klasse und dem Kraftakt auf Seiten der Bourgeoisie, die politische Macht zu übernehmen und ihre Nationen zu konstituieren. In der Folge dieses revolutionären Vorgehens der Bourgeoisie findet die Masse der Arbeiter nach einer ersten, rückwärtsgewandten und chaotischen Phase der Maschinenstürmerei ihren Weg und verwirklicht auf nationaler Stufe ihre Klassenvereinigung, aber noch nicht ihre Klassenselbständigkeit.

 

Dieser Kampf gegen den zu dezentralisierten Adel und die zu universelle Kirche hat der Geschichte der Neuzeit ihren Stempel aufgedrückt, um schließlich mit dem Sieg der Bourgeoisie zur Errichtung moderner Nationen zu führen. Wenn der Inhalt, das Wesen der Klasse und der Umwälzung der alten Produktionsweise auf der einen Seite für alle nationalen Bourgeoisien das gleiche Aussehen zeigt, ist nach der marxistischen Lehre nicht minder klar, dass die bürgerlichen Revolutionen, eben weil es sich um nationale Revolutionen handelt, auf der anderen Seite ihre jeweils eigene Physiognomie und Eigenart aufweisen, deren Tragweite über die sukzessiven geschichtlichen Phasen und die verschiedenen geographischen Gegebenheiten hinausgeht. In völliger Übereinstimmung mit dem notwendigen kapitalistischen Entwicklungsgang ist dies ein Aspekt, der deutlich macht, weshalb die so errichteten Nationen im Kampf gegen das Ancien régime zusammenstanden, aber als Nationen und Staaten unablässig gegeneinander kämpften.

 

Indessen trat Ende des 18. und vor allem in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts mit der neuen herrschenden Klasse, dem dritten Stand der Bourgeoisie, das neue soziale Hauptelement in Erscheinung: die Arbeiterklasse. Die Kämpfe für die Eroberung der Macht gegen den Feudalismus und den mit ihm verbündeten Klerus und für die Errichtung der nationalen Einheit waren in vollem Gange und die Arbeiter in Stadt und Land nahmen ohne Wenn und Aber daran teil, auch dann noch, als sich ihre Klassenorganisationen und politischen Parteien herausbildeten, die das Programm zur Zerschlagung der bürgerlichen Herrschaft antizipierten.

 

Von Beginn an verkannte die sozialistische und kommunistische Bewegung nicht die enorme Komplexität dieses Prozesses und errichtete darauf die theoretische Kritik, sie legte zudem die Bedingungen, Räume und Zeiten fest, in denen die Proletarier den bürgerlichen Revolutionen und Nationenkriegen volle Unterstützung zukommen lassen.

 

Das „Manifest“ stellt fest, dass das Proletariat verschiedene Entwicklungsstufen durchmacht und sein Kampf gegen die Bourgeoisie mit deren Existenz beginnt [MEW 4, S. 470]. Marx erinnert an die ersten „reaktionären“ Kampfformen: in-Brand-stecken der Fabriken, Zerschlagung der Maschinen, Vernichtung konkurrierender Waren aus dem Ausland, Forderung, die untergegangene Stellung des mittelalterlichen Handwerkers wiederzuerringen.

 

Schon allein dieser erste Übergang zeigt, wie unbrauchbar das schlichte Rezept ist, nach dem es nur zwei Klassen gäbe, Bourgeoisie und Proletariat, Letztere kämpfe gegen Erstere – mehr sei nicht zu sagen. Aber lesen wir weiter:

 

„Auf dieser Stufe bilden die Arbeiter eine über das ganze Land zerstreute und durch die Konkurrenz zersplitterte Masse. Massenhaftes Zusammenhalten der Arbeiter ist noch nicht die Folge ihrer eigenen Vereinigung, sondern die Folge der Vereinigung der Bourgeoisie, die zur Erreichung ihrer eigenen politischen Zwecke das ganze Proletariat in Bewegung setzen muß und es einstweilen noch kann. Auf dieser Stufe bekämpfen die Proletarier also nicht ihre Feinde, sondern die Feinde ihrer Feinde, die Reste der absoluten Monarchie, die Grundeigentümer, die nichtindustriellen Bourgeois, die Kleinbürger. Die ganze geschichtliche Bewegung ist so in den Händen der Bourgeoisie konzentriert; jeder Sieg, der so errungen wird, ist ein Sieg der Bourgeoisie“ [MEW 4, S. 470].

 

Gehen wir noch einmal auf die Textstelle zu den fortwährenden Kämpfen der Bourgeoisie und zwischen den nationalen Bourgeoisien zurück: „In allen diesen Kämpfen sieht sie sich genötigt, an das Proletariat zu appellieren, seine Hülfe in Anspruch zu nehmen und es so in die politische Bewegung hineinzureißen. Sie selbst führt also dem Proletariat ihre eigenen Bildungselemente, d.h. Waffen gegen sich selbst, zu“ [MEW 4, S. 471].

 

Die Lebensbedingungen des modernen Proletariats, „die moderne Unterjochung unter das Kapital, dieselbe in England wie in Frankreich, in Amerika wie in Deutschland, hat ihm allen nationalen Charakter abgestreift“ [MEW 4, S. 472].

 

Diese sich vor dem berühmten 2. Kapitel findende Textstelle, die die Opportunisten aller Zeiten ebenso gern wie zusammenhangslos benutzen (heute auch die Dümmsten von allen, diejenigen, die die Regierung unter Tito zum Modell erheben), entspricht der richtigen historischen These, der wir in der vorliegenden, die nationale Frage wiederdarlegenden Arbeit folgen. Die Bourgeoisie hat wo auch immer nationalen Charakter, ihr Programm besteht darin, der Gesellschaft einen nationalen Charakter zu verleihen. Ihr Kampf war national und diesem Kampf diente ihre Vereinigung, die auch das Proletariat einschloss, solange es noch als „Bundesgenosse“ gebraucht wurde. Sie begann ihren politischen Kampf, indem sie als revolutionäre nationale Klasse innerhalb jedes Staates auftrat. Das Proletariat aber trägt keinen nationalen, sondern internationalen Charakter.

 

Das drückt sich aber nicht in dem Theorem aus, dass das Proletariat seine Teilnahme am nationalen Kampf hätte verweigern sollen, es besagt vielmehr, dass die Bourgeoisie das nationale Postulat in ihrem Programm aufstellte und ihr Sieg den a-nationalen Charakter der mittelalterlichen Gesellschaft zerstörte. Das Proletariat nimmt in sein Programm, das es nach seiner Revolution und politischen Machteroberung verwirklichen wird, nicht das nationale Postulat auf, sondern stellt diesem das internationale entgegen. Der Ausdruck „national-bürgerlich“ hat marxistischen Sinn und ist in bestimmten historischen Etappen eine revolutionäre Forderung. Der Ausdruck „Nation“ schlechthin hat idealistischen und antimarxistischen Sinn. Der Ausdruck „proletarische Nation“ hat keinen, weder idealistischen noch marxistischen Sinn.

 

Das ist das, was sowohl in Bezug auf die Geschichtsauffassung als auch in Bezug auf das Programm jeder der beiden in der Geschichte kämpfenden revolutionären Klassen richtig zu stellen ist.

Proletarischer Kampf und nationaler Rahmen

7. Alte und neue polemisch verzerrte Darstellungen haben die programmatische internationalistische Position des kommunistischen Proletariats mit der formal nationalen Natur einiger Anfangsetappen seines Kampfes durcheinandergebracht. Historisch gesehen wird es erst auf nationaler Ebene zur Klasse, und auch im Kampf um die Macht nimmt es zunächst nationale Gestalt an, insofern es den Staat der eigenen Bourgeoisie niederzuringen sucht. Selbst nach der Machtergreifung kann es noch eine gewisse Zeit auf den nationalen Rahmen beschränkt bleiben. Dies schwächt allerdings den fundamentalen Widerspruch nicht ab, der zwischen der Bourgeoisie, die nach bürgerlichen Nationen strebt, die sie als Nationen „schlechthin“ ausgibt, und dem Proletariat besteht, das diese Nationen „überhaupt“ und die Vaterlandsliebe zurückweist, denn es wird eine internationale Gesellschaft errichten, wenngleich die Forderung – eine stets bürgerliche Forderung – nach nationaler Einheit in einem bestimmten Stadium von Nutzen ist.

 

In Bezug auf die Phasen des Übergangs zwischen dem Kampf der Bourgeoisie um die Macht und dem des Proletariats gilt folgende Textstelle: „Indem das Proletariat zunächst sich die politische Herrschaft erobern, sich zur nationalen Klasse erheben, sich selbst als Nation konstituieren muß, ist es selbst noch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie“ [MEW 4, S. 479].

 

In allen Übersetzungen dieser und anderer Textstellen wird bei den Begriffen – politische Organisierung, politische Gewalt, politische Herrschaft, politische Macht, schließlich Diktatur – ein gewisser fehlerhafter Gradualismus sichtbar. In der Reihe der Entgegnungen, die im Kapitel „Proletarier und Kommunisten“ auf die bürgerlichen Einwände angeführt werden, geht dem obigen Zitat folgende, nicht minder bekannte Textstelle voraus: „Den Kommunisten ist ferner vorgeworfen worden, sie wollten das Vaterland, die Nationalität abschaffen. Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben.“

 

Dieser prinzipiellen und radikalen Aussage, wonach die Proletarier kein Vaterland haben, folgt nicht etwa die Behauptung, sie hätten keine Nationalität. Tatsache ist, dass die Arbeiter Franzosen, Italiener usw. sind. Nicht nur rassisch und sprachlich gesehen (hier könnte man sicher einiges einwenden), sondern aufgrund der physischen Zugehörigkeit zu einem der Territorien, auf denen der nationale Staat der Bourgeoisie regiert; eine Sache, die nicht geringen Einfluss auf die Wechselfälle ihres Klassenkampfes und ebenso auf den internationalen Kampf ausübt. Das ist völlig klar. Doch ein oder zwei Sätze aus dem Zusammenhang zu reißen, um Marx die These unterzujubeln, ein wesentlicher Aspekt im Programm der proletarischen Revolution sei es, nach dem Sturz der Bourgeoisie proletarische Nationen zu gründen, ist nicht nur ein großer Schwindel, sondern heißt wieder einmal – und das im heutigen hyperentwickelten Stadium –, dem Proletariat das der Bourgeoisie eigene Programm aufzuhalsen, um es weiterhin beherrschen zu können.

 

Noch klarer wird die Sache, wenn wir auf die richtige Reihenfolge und historische Gliederung im vorhergehenden Abschnitt „Bourgeois und Proletarier“ zurückgreifen, also bevor erklärt wird, dass das Proletariat keinen nationalen Charakter hat.

 

Erstes Stadium war, wie schon gesagt, der Kampf gegen die Maschinen; das zweite Stadium war gekennzeichnet durch das massenhafte Zusammenhalten des Proletariats als Folge der um die Macht ringenden Bourgeoisie: de facto formte sich also eine nationale Vereinigung der Arbeiter, und zwar noch für bürgerliche Ziele.

 

Danach die Phase, in der Arbeiter und Bourgeois in einzelnen Betrieben und Lokalitäten zusammenstießen. Ein großer Schritt wurde gemacht, als sich diese vielen lokalen Kämpfe „zu einem nationalen, zu einem Klassenkampf“ [MEW 4, S. 471] zentralisierten.

 

Man darf dies nicht als törichte Abschottung in einer „proletarischen Nation“ auffassen, es geht im Gegenteil um die radikale Überwindung des Föderalismus, des Lokalismus, der Autonomie – etwas, was der Marxismus stets bei den Proudhon‘schen Reaktionären und anderen verwandten Schulen bekämpfte. Klassenkampf ist nicht das, was sich in Wolkenkuckucksheim oder Turin abspielt. Sobald die bürgerliche Forderung nach nationaler Einheit erfüllt war, trat mit dem Bestehen nationaler Grenzen erstmals unser Klassenkampf auf. Und weiter: „Jeder Klassenkampf ist aber ein politischer Kampf“ [MEW 4, S. 471]. Eine den Föderalisten und Ökonomisten aller Couleur ins Gesicht geschleuderte These: „Man sage nicht, dass die gesellschaftliche Bewegung die politische ausschließt. Es gibt keine politische Bewegung, die nicht gleichzeitig auch eine gesellschaftliche wäre“ [MEW 4, S. 182]. Wenn nicht mehr die kleinen, zersplitterten Fürstentümer bestehen, sondern die Macht, die die Bourgeoisie in ihrem nationalen Staat errichtet hat, treten wir durch die Vereinigung der proletarischen Kämpfe innerhalb der Grenzen einer Nation in den politischen Kampf ein. So kämpften die Proletarier in Frankreich noch nicht, und noch nicht mal als Sturmtrupp der Bourgeoisie, als die blühende Industrie in England sie bereits als Klasse den Unternehmern und dem britischen Staat gegenüberstellte.

 

Wir sind also noch nicht beim programmatischen Inhalt des proletarischen Kampfes, sondern bei der Beschreibung einerseits ihrer aufeinanderfolgenden Stadien im zeitlichen Sinne, andererseits der Stadien im räumlichen Sinne, jenes eingegrenzten Gebiets also, innerhalb dessen die Klassen kämpfen und aufeinanderstoßen (das Wort stádion (griech.) bzw. stadium (lat.) misst ursprünglich nicht Zeiten, sondern Längen[11]). In ihrem langen Kampf hat die Bourgeoisie die kleinen feudalen Höfe in ein einziges nationales Stadion zusammengelegt, und hier gilt es zu kämpfen.

 

Der folgende Passus im „Manifest“ sagt das unmissverständlich: „Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muß natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden“ [MEW 4, S. 473]. Mithin sind die Stadien, das heißt, die aufeinanderfolgenden Phasen des Kampfes ganz klar folgende: a) Lokaler Kampf der Arbeiter gegen ihren Betrieb;
b) politischer nationaler Kampf der Bourgeoisie und ihr Sieg, bei Teilnahme der auf nationaler Stufe vereinigten Arbeiter;
c) lokale und betriebliche Kämpfe der Arbeiter gegen die Bourgeoisie;
d) geschlossener Kampf des Proletariats des jeweiligen nationalen Staats gegen die regierende Bourgeoisie: hier also die Bildung des Proletariats zur nationalen Klasse, Organisation des Proletariats zur politischen Klassenpartei;
e) Zerschlagung der bürgerlichen Herrschaft;
f) politische Machtergreifung des Proletariats.

 

So wie es seinen Klassenstaat (Diktatur) errichten wird, muss das Proletariat unter formalem und juristisch-konstitutionellem Aspekt seinen nationalen Staat errichten – das alles hat transitorischen Charakter. Charakter und Programm bleiben international, und das Proletariat, das „zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig“ geworden sein wird, wird sich nicht den Nationen, in denen dies noch nicht geschehen ist, sondern den anderen Bourgeoisien entgegenstellen, wobei es den Kampf geschlossen, Schulter an Schulter mit dem Proletariat der anderen Länder weiterführt.

 

Die Schlussfolgerung ist daher: In bestimmten Perioden kämpft die Arbeiterbewegung für die Errichtung von Nationen, was heißt, für bürgerliche Nationen. Doch nicht minder wie in der darauffolgenden Phase, in der von einem Bündnis zwischen Bourgeoisie und Proletariat keine Rede mehr sein kann, wird auch in dieser Phase das nationale Postulat klipp und klar als bürgerliches Postulat definiert.

Proletarische Strategie im Europa von 1848

8. Nicht schon als Darstellung der Lehre oder als Beschreibung des historischen Prozesses, sondern als strategische politische Losung der bereits gegründeten Kommunistischen Partei verteidigt das „Manifest“ in Bezug auf die der reaktionären Heiligen Allianz unterworfenen Länder die insurrektionelle Unterstützung der bürgerlichen Parteien, die gegen den feudalen Absolutismus und die Unterdrückung der Nationalitäten kämpfen. Und weiter erklärt das „Manifest“, dass das Proletariat im Falle des Sieges der Bourgeoisie das Bündnis mit ihr sofort aufkündigt, um seine eigene Revolution zu machen.

 

Wir sprechen hier besser von Strategie als von Taktik, denn die Fragen, die in dieser stürmischen Periode auf der Tagesordnung standen, machten keine besonderen Lösungen nötig, die von Region zu Region unterschiedlich sein können und wechselnde Beschlüsse nach sich ziehen. Wie in der Armee, wenn zu beurteilen ist, ob eine Truppe stark genug ist, um anzugreifen, oder ob sie die Position halten oder den Rückzug antreten soll, bedeutet Taktik, den Zeitpunkt zu bestimmen, in dem, sagen wir, ein lokaler Streik ausgerufen oder einer bewaffneten Arbeitergruppe in einem Stadtviertel oder Dorf das Signal zum Losschlagen gegeben werden soll. Strategie indes betrifft die allgemeine Richtung eines Feldzuges oder eben einer Revolution: Entweder die Bedingungen dafür sind da oder es würde nichts helfen bzw. wäre sogar verheerend, während des Kampfverlaufs die Richtung zu ändern oder gar umzukehren.

 

Ohne Strategie gibt es keine revolutionäre Partei. Seit Jahrzehnten mühen sich Kommentatoren des „Manifests“ und der anderen Grundtexte, strategische Fehler, die Marx bei der Voraussicht des kommunistischen Kampfes begangen hätte, zu „entschuldigen“. In Wirklichkeit ist in dieser großartigen Schrift, und zwar in bewunderungswürdig kurzer Form, nicht nur die Theorie des historischen modernen Prozesses und das allgemeine Programm der kommunistischen Gesellschaft enthalten, sondern es werden für die verschiedenen Gebiete auch genaue Zeitfenster und wahrscheinliche Tempi der Entwicklung des Klassenkampfes und -krieges angegeben.

 

s ist unmöglich, eine Gesamtvision der politischen und sozialen Kräfte Europas zu bestreiten, wenn das Bedeutsame jener historischen Periode gerade in dem unmittelbaren Gleichklang lag, der dazu führte, dass – zur gleichen Zeit, in der der Prozess der Nationenbildung mitten im Gang war und die bürgerliche Ideologie überall in lyrischen Schwärmereien schwelgte – in Wien das Echo der Pariser Bewegung, in Mailand das der Warschauer zu hören war, trotz des sehr unterschiedlichen Widerstandes, den die vorbürgerlichen Regimes auf ihrem Sterbebett leisteten. In dieser explosiven Atmosphäre sah alles danach aus, dass es um die letzte Entscheidungsschlacht ging, die die monarchischen und imperialen Festungen des Ancien Régimes schleifen und der Ausbreitung des Kapitalismus keine Bremsklötze mehr in den Weg legen würde.

 

Die außergewöhnliche Kraft des „Manifests“ aber besteht in der Erklärung, dass, während im Vordergrund der Bühne noch die Schlacht für die demokratische und nationale Freiheit und gegen die letzten Reste der Leibeigenschaft und des mittelalterlichen Obskurantismus tobte, die Sturzwelle der Produktivkräfte im Geflecht der neuen kapitalistischen Ökonomie bereits seit einem Jahrzehnt nicht mehr gegen die dem grundherrlichen Feudalismus eigenen Produktionsverhältnisse prallte, sondern gegen Verhältnisse, die der Lohnarbeit und der agrikolen und industriellen Warenproduktion angehören.
Diejenigen, die noch heute das Anschwellen des Produktionsrhythmus auf ihr Banner schreiben und, als angebliche Revolutionäre, den Mahnungen des Kapitals, mehr zu investieren, mehr zu produzieren, beflissen beipflichten, sollten sich an die großartigen Worte erinnern, die schon 1848 den Untergang der Bourgeoisie vorausnahmen, weil die Gesellschaft „zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt“ [MEW 4, S. 468].

 

Die zentrale These des „Manifests“ ist daher nicht so zu verstehen, dass das Europa der damaligen Phase kommunistisch zu werden versprach, sondern dass das System der Produktionsverhältnisse in jeder Periode gewaltsamer Veränderungen auseinander brechen kann und bereits damals handgreiflich war, dass die kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu keinem Gleichgewicht führen, sondern die die Produktivkräfte umgebenden Dämme immer mehr unterspült werden würden. Binnen eines Jahrhunderts sind diese Kräfte dem Umfang nach sehr viel größer geworden, aber auch die Stärke der gepanzerten Bleche, die den monströsen Leib bedecken, in dem das Weltkapital die Produktivkräfte niederhält, ist eine ganz andere geworden. Der zur Dialektik der Gegenüberstellung einer wissenschaftlichen Voraussage und einer Tatsache unfähige Kleinbürger hat nicht einmal das alte Sprichwort verstanden, wonach man im Nachhinein immer schlauer ist; er ist einer, der diejenigen anhimmelt, die wissen, dass zwei und zwei vier macht, und so wie er nicht versteht, dass er mit seiner Doktorwürde dem Kretinismus näher steht als einer, der nur das Grundschulzeugnis hat, erfasst ihn ein Schaudern, wenn er die These hört, dass wir der proletarischen Revolution 1848 näher waren als 1948.

 

Die europäische Strategie des Jahres 1848 sah die Arbeiterklasse mit zwei gewaltigen Aufgaben konfrontiert: Unterstützung, um die bürgerliche Formierung unabhängiger nationaler Staaten zu vollenden, und der Versuch, die Macht der bereits siegreichen wie auch noch nicht siegreichen Bourgeoisien zu stürzen.

 

Die Geschichte mit ihren Wechselfällen und dem Zusammenstoß der physischen antagonistischen Kräfte hat diesen Prozess in die Länge gezogen, doch die Strategie hat dadurch keinen Riss bekommen: Man konnte den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun, d.h. bevor die letzten Hindernisse aus dem Weg geräumt waren, die der Nationenbildung im Wege standen.

 

Das Haupthindernis seit 1815, nach dem Sturz Napoleons, war die Heilige Allianz Österreichs, Preußens und Russlands. Die Position des „Manifests“ lässt hier keinen Zweifel: Solange die Heilige Allianz Bestand hat, wird es keine soziale Republik in Europa geben. Es galt daher, mit den revolutionären Demokraten jener Zeit gegen das Joch zu kämpfen, das den Völkern Mitteleuropas auferlegt war; zugleich aber auch den bürgerlichen Demokraten die Maske herunterzureißen, indem man sich auf die Krise vorbereitete, die – einmal die bürgerliche nationale Befreiung mit ihren Wahldemokratien überall durchgesetzt – die Gegensätze der kapitalistischen Produktionsweise samt den historischen Zusammenstößen und Explosionen, die sie auslösen musste, noch vertiefen würde, statt die idyllische Gleichheit der Bürger und der Nationen zu verwirklichen.

 

Wenn man nicht ganz so redebeseelt und borniert wie der besoldete Politiker ist, der den historischen Verlauf mit dem Ablauf seines Wahlmandats durcheinander bringt, kann man leicht sehen, dass dieser Blick von Giganten durch die Geschichte vollständig bestätigt wurde – so zählebig die Heilige Allianz auch war und obgleich die schließlich siegreiche Zivilisation des Kapitals noch um einiges zählebiger und um vieles niederträchtiger als jene ist.

 

Das IV., das strategische Kapitel, lässt, wie man weiß, die Aufgabe der kommunistischen Partei in den verschiedenen Ländern Revue passieren. Ein kurzer Rückblick reicht schon, um nachzuweisen, dass die Kommunisten in Amerika, England und Frankreich, also vollständig kapitalistischen Ländern, ausschließlich mit Arbeiterparteien in Verbindung standen, auch wenn sie deren theoretische Mängel und demagogische Illusionen kritisierten. Weiter finden wir die Losung (auf die wir im Schlusskapitel noch eingehen werden) in Bezug auf Polen und Deutschland, also den der Herrschaft der Heiligen Allianz unterworfenen Ländern: Unterstützung der bürgerlichen Parteien; in Polen war das die Partei der Demokraten, die für die Emanzipation der Leibeigenen und für die nationale Befreiung eintrat; in Deutschland waren es die Parteien, die gegen die Monarchie, die Fürstentümer und (man denke an die modernen Verräter) die Kleinbürgerei kämpften. Und man weiß nicht minder, auch aus anderen Schriften, dass dieser Vorschlag zur gemeinsamen bewaffneten Aktion keinen Augenblick lang auf die Kritik der bürgerlichen Prinzipien und sozialen kapitalistischen Verhältnisse verzichtete – eben weil die „bürgerliche Revolution nur das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen Revolution sein kann“ [MEW 4, S. 493]. Wie wir wissen, misslangen 1848 beide – aber die Geschichte hat diesen Plan nicht aufgegeben, sondern nur vertagt.

Revolutionärer Rückzug und Arbeiterbewegung

9. Die Kämpfe des Jahres 1848 enden nicht mit dem Sieg der europäischen Bourgeoisie gegen die Kräfte der absolutistischen Reaktion, umso weniger kann das Proletariat über die Bourgeoisie siegen – was auch nur in Frankreich versucht wird. In der hierauf folgenden prekären und bis 1866 fortdauernden Periode stützt sich die Position der Kommunisten einerseits auf die schonungslose Kritik der liberalen, demokratischen und humanitären Bourgeoisie, andererseits auf den notwendigen Schwung der durch Insurrektionen und Staatenkriege ausgetragenen Kämpfe um die Einheit und Unabhängigkeit der Nationalitäten (Polen, Deutschland, Italien, Irland etc.).

 

Als Marx und Engels kurz nach den Schlachten von 1848-49 die Bilanz dieser wirren Periode zogen (die so vielversprechend ausgesehen hatte, dass sie in den Köpfen der Menschen noch immer mehr Eindruck hinterließ als die darauffolgenden Jahre in diesem schrecklichen Jahrhundert, die Europa und die Welt mit Feuer und Schwert überfielen[12]), waren sie von der – wenn auch nicht sehr raschen – Wiederkehr der revolutionären Phase überzeugt. Theorie und dann Organisation mussten „in Ordnung gebracht“ werden, bevor man an die siegreiche Aktion denken konnte – und es sollte nicht an Zeit dafür fehlen.

 

In Deutschland und in ganz Mitteleuropa wie auch in Italien – die gleiche Bilanz: Überall war die aufständische und liberale Bourgeoisie geschlagen und mit ihr die auf den Barrikaden fest verbündeten Arbeiter, die die Last der schweren Niederlage teilten. Die Situation, in der Proletariat und Bourgeoisie im Kampf um die Macht aufeinanderstoßen, war also noch nicht mal eröffnet. Nicht die kommunistische, sondern die liberale Revolution war geschlagen – wobei die Arbeiter überall gekämpft hatten, um sie vor der Katastrophe zu bewahren, wie es im Manifest theoretisch vorausgesagt und politisch erklärt worden war.

 

Die Ausnahme von der Regel bildeten England und Frankreich. In England war die feudale Reaktion schon seit einem Jahrhundert nicht mehr mit von der Partie und es gab bereits Klassenzusammenstöße. Wo sie ein, sei es auch verschwommenes, mit demokratischer Ideologie überfrachtetes politisches Programm, wie im Chartismus[13], angenommen hatten, zögerte die Bourgeoisie keinen Augenblick, zur gewaltsamsten Repression zu greifen, auch wenn sie sich gleichzeitig gezwungen sah, legislative und reformistische Zugeständnisse zu machen, um die unmenschliche Ausbeutung in den Fabriken ein wenig zu mildern.

 

Frankreich schlug einen anderen Weg ein, der für unsere Theorie und Politik von größter Tragweite ist. Nach der Niederlage Napoleons, die für Marx eine wirkliche Niederlage der revolutionären Kraft der Bourgeoisie durch die Schläge der europäischen absolutistischen Reaktion war (doch, ja – diejenigen, die den Phrasen über Cäsar den Despoten, den Diktator, den Unterdrücker von Freiheit und ähnlichem Zeug Gehör schenken, mögen es nachlesen: „(…) ist das historische Fakt, dass alle revolutions seit 1789 ihre Intensivität und Lebensfähigkeit ziemlich sicher an ihrem Verhalten zu Polen messen. Polen ist ihr ‚auswärtiger‘ Thermometer. Dies en détail nachweisbar in der französischen Geschichte (...) Von allen revolutionären Regierungen, Napoleon I. einbegriffen, bildet das comité du salut public nur insofern eine Ausnahme, als sie nicht aus Schwäche, sondern aus ‚Mißtrauen‘ die intervention verweigerten“ [MEW 29, S. 88]), nach der Niederlage Napoleons also haben wir die bekannte Reihenfolge: 1815 bis 1831 regierten die Bourbonen, die nach Waterloo von Österreich, Preußen und Russland wieder auf den Thron gesetzt worden waren. 1831: die revolutionäre Pariser Insurrektion stürzte die absolute Monarchie, und die Orleanisten bestiegen den Thron – parlamentarische Verfassung. Die Bourgeoisie, von da an von den Arbeitern unterstützt, siegte.[14]

 

Aber die bürgerliche Monarchie fühlte sich zu sehr zu den Großgrundbesitzern und Bankiers hingezogen, und im Februar 1848 proklamierte das erneut aufständische Paris die Zweite Republik. Bourgeois, Kleinbürger und Arbeiter hissten die flammende Fahne von 1793: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

 

Die neue republikanische Regierung brach prompt ihre Versprechen in Bezug auf die sozialen Fragen, und dieses Mal nahmen die Arbeiter den Kampf auf, um über die Verbündeten und Verräter hinauszugehen. In „Die Klassenkämpfe in Frankreich“, zugleich Wissenschaft und Epos, beschreibt Marx die großartige Juniinsurrektion von 1848. Die furchtbare Niederlage der Arbeiter stellte historisch die Fähigkeit der modernen republikanischen Bourgeoisie unter Beweis, noch erbarmungsloser als die feudale Aristokratie und despotische Monarchie draufschlagen zu können. Seitdem sind wir im Besitz des revolutionären Schemas, das dem Kampf gegen die opportunistischen Wellen nach dem I. Weltkrieg zugrunde lag, so wie es dem Kampf gegen die Welle nach dem II. Weltkrieg zugrunde liegen muss. In dieser Schrift stellt Marx die politischen Hauptthesen auf: Sturz der Bourgeoisie! Diktatur der Arbeiterklasse! und: Permanente Revolution! Klassendiktatur des Proletariats! Es sind dies die „vergessenen“ Parolen des Marxismus, die Lenin wieder aufstellte. Und dann gibt es noch die vergessenen Parolen, die heute gegen die Verleugner des Marxismus und Leninismus wieder aufzustellen sind und die Engels in seiner Einleitung noch einmal unterstreicht: „Aneignung der Produktionsmittel, (...) also die Aufhebung der Lohnarbeit, des Kapitals und ihres Wechselverhältnisses“ [MEW 7, S. 42].

 

Eignet sich der Staat, wie in Russland, die Produktionsmittel an, ohne das Kapital abzuschaffen, so tut er das, was ein bürgerlicher Staat tun kann.

 

Der Staat, der das Kapital, die Lohnarbeit, das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit aufhebt, tut das, was nur ein proletarischer Staat tun kann!

 

1848 kündigten die Arbeiter – in Frankreich, nicht in Europa – die ehemals glorreichen Bündnisse mit der jakobinischen Bourgeoisie für immer auf, seit damals sind wir im Besitz unseres Modells der kommunistischen Klassenrevolution – aber ja, die Revolution ist die Entdeckung eines Modells der Geschichte. Die Zeit der Waffenbündnisse war definitiv vorbei, denn an ihnen klebte das Blut von zig-tausenden auf den Barrikaden hingemetzelten Arbeitern, darunter 3000 brutal massakrierten Gefangene.

 

Marx verteidigt die eisige Gleichgültigkeit, mit der die Arbeiter 1852 der geschlagenen Demokratie begegnen, die durch den Staatsstreich Napoleons III. (alles andere als eine Rückkehr zum Feudalismus) hinweggefegt worden war. Wie viel unseliger ist dagegen die Haltung des italienischen Proletariats gegenüber der analogen und banalen Episode eines Mussolini!

 

Die französische Nation war jetzt eine historisch gesicherte Errungenschaft, das Proletariat wird durch nichts mehr von seiner Aufgabe abgehalten, mit der „eigenen Bourgeoisie fertig zu werden“. Nach dem Versuch Babeufs mitten in der großen Revolution von 1789 machten die Arbeiter Frankreichs dieser Aufgabe mit den Juni-Insurgenten und den Kommunarden alle Ehre. 1914 und 1939, in zwei schweren bürgerlichen Krisen, wurde ihre Tradition widerrufen. Marx’ Worte behalten auch hier ihre Gültigkeit: „Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese“ [MEW 7, S. 98].

Die Kämpfe für die Nationenbildung nach 1848

10. 1848 erreicht die revolutionäre Entwicklung in Deutschland nicht das Stadium des politischen Sieges der Bourgeoisie. Das noch wenig zahlreiche Proletariat, das die Bourgeoisie vor sich hergetrieben hat, befindet sich nicht am strategischen Punkt, sie anzugreifen. Die kommunistische Position damals ist: Um den notwendigen Übergang zum offenen Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat zu forcieren, muss der Bildungsprozess der deutschen Nation und der liberalen Revolution gegen die Dynastie und den preußischen Staat unterstützt werden.

 

Der deutsche nationale Prozess war außergewöhnlich komplex. Noch heute gibt es keinen nationalen Einheitsstaat. Es gab ihn nicht vorm I. Weltkrieg und erst Hitler sollte ihn mit der gewaltsamen Annexion Österreichs schaffen (das nach der Niederlage den Verlust seines ganzen Territoriums samt den Bevölkerungen anderer Nationalitäten zu verschmerzen hatte). Heute ist Deutschland durch die Sieger des II. Weltkrieges in drei Staaten geteilt: Ostdeutschland, Westdeutschland, Österreich; und während man in Ost wie West einer Wiedervereinigung das Wort redet, sind sich alle einig, das kleine und schwache Österreich außen vor zu lassen.

 

Zahlreiche Textstellen könnten angeführt werden, um die marxistische Position seit 1848 in dieser Frage deutlich zu machen: Vom preußischen, feudalen und reaktionären Staat ließ sich nicht sagen, dass er innerhalb seines Territoriums zu einem bürgerlichen politischen Staat hätte werden können, die Hohenzollern-Monarchie stellte für die bürgerliche Revolution ein ebensolches Hindernis dar. Dynastie, Aristokratie, Bürokratie und Armee waren keine nationalen deutschen Einrichtungen, sondern dem a-nationalen, russophilen, baltischen und philoslawischen Einfluss unterworfen. In der Analyse zur Herausbildung der politischen Nationalität beim Aufkommen des Kapitalismus bildete die Gegnerschaft zu den benachbarten großen Staaten zweifellos ein wichtiges Element; und wenn er auch gegen den „Erzfeind“ Frankreich bestand, so fehlte er doch an den Ostgrenzen völlig. Besonders hinderlich für diesen Prozess waren die Kriege des „Alten Fritz“ (Friedrichs II.); diese stärkten zwar das preußische Reich, doch es trug den Charakter eines Satelliten-Staates.

 

Was die anti-napoleonischen Kriege angeht, so haben sie noch nicht mal im literarischen Sinne eine der deutschen Nation entsprechende Basis geschaffen; es waren Kriege, die sich gegen die Avantgarde der neuen bürgerlichen und nationalen Gesellschaft richteten, die durch Armee, Konvent und Erstem Kaiserreich errichtet worden war, ferner waren es durch die Koalition mit den Unterdrückern der Nationalität, den Autokraten Russlands und Österreichs, verzerrte Kriege. Auf solche Kriege konnte sich die Bildung des deutschen Nationalstaates jedenfalls nicht stützen.

 

Wenn Marx und Engels die Basis für einen modernen Staat keinesfalls in Preußen sahen, so waren sie erst recht nicht für die Erhaltung und Unabhängigkeit der Kleinstaaten und Fürstentümer. Ob ohne diese oder bei Hegemonie über diese – so oder so stellte Preußen nicht die seit Jahrhunderten erwartete deutsche Nation dar, und von einer bayerischen oder sächsischen Nation konnte ebenso wenig die Rede sein: Die zersplitterten Großfürstentümer waren nur ein feudales Überbleibsel. Niemals befürworteten Marx und Engels, die die „eine und unteilbare Republik“ im Auge hatten, eine föderale Ordnung.

 

Für sie wäre eine staatliche demokratische Zentralisierung, in der jeder Deutsche Staatsbürger und Untertan der Zentralgewalt ist, ein großer Schritt nach vorn gewesen, denn gegen diesen kapitalistischen Einheitsstaat hätte sich dann der revolutionäre Angriff der sich auf dem Vormarsch befindenden deutschen Arbeiterklasse gerichtet.

 

Nachdem 1850 die deutsche antifeudale Insurrektion gescheitert war und die schwache Bourgeoisie völlig vor dem Preußentum kapituliert hatte, war die Wende jetzt nur noch durch die Kriege zwischen den Staaten zu erwarten, in deren Hintergrund die nationale Frage stand. Besonders wichtig sind die Marx‘schen Positionen in Bezug auf den Krieg mit Dänemark 1849, den Französisch-Österreichischen Krieg 1859, den Preußisch-Österreichischen 1866 und schließlich den Deutsch-Französischen 1871, aus dem das Deutsche Reich hervorging, dem Preußen und Bismarck jedoch nach wie vor ihren Stempel aufdrückten.

 

In all diesen Kriegen favorisierten Marx und Engels jedes Mal klar und begründet eine der beiden Seiten und sprachen sich unter dem Blickpunkt der Agitation für die entsprechende Politik aus, die natürlich meilenweit von der Apologie der radikalen Demokraten und nach Unabhängigkeit strebenden Revolutionäre entfernt war, die in Europa umherreisten. Diese, darunter auch die bekanntesten wie Kossuth, Mazzini, Garibaldi etc. (ganz zu schweigen von Franzosen wie den Blancs, Ledru-Rollins und anderen Hohlköpfen derselben politischen Richtung, denen nicht attestiert werden kann, beim Entstehen der bürgerlichen Vaterländer Geburtshilfe geleistet zu haben) bezeichneten sie als Esel, als Trottel und geriebene Schwärmer oder heilige Bourgeois.

 

1848/49 Krieg zwischen Piemont und Österreich. Piemont griff Österreich an, gleichwohl wurde Österreich verurteilt, denn es ging um die Bildung der italienischen Nation.[15]

 

1849 Krieg zwischen Deutschen und Dänen um Schleswig und Holstein. Gemeinhin als Aggression von Seiten Preußens verurteilt; Marx und Engels unterstützten ihn, weil er den Deutschen eines ihrer Territorium angliederte.[16]

 

1859 Krieg Napoleons III. im Bunde mit Piemont gegen Österreich; 1860 folgten die Kämpfe in Italien. Unsere Position war klar auf der Seite Italiens, also für die Niederlage Österreichs. Engels zeigte, dass die deutschen Interessen nicht am Mincio verteidigt wurden.[17] Hieß das vielleicht, Bonaparte zu unterstützen? In derselben Schrift forderte Engels die Deutschen auf, am Rhein „mit dem Schwerte in der Hand“ [MEW 13, S. 611] gegen Bonaparte zu kämpfen und sprach sich sogar dafür aus, endlich gegen Russland den Krieg aufzunehmen. Das Zweite Kaiserreich war auch deshalb verachtet, weil es die italienische Nation um Nizza, Savoyen und sogar um Korsika gebracht hatte. Abermals bekräftigte Marx dies in seiner Schrift zur Kommune, worin er die Intervention Frankreichs zugunsten des Papsttums und zum Schaden Roms als Hauptstadt Italiens heftig anprangerte, so wie er zuvor die Intervention der Zweiten Republik von 1849 angeprangert hatte, die die Römische Republik beseitigte.[18]

 

Von den Kriegen 1866-70 später; hier zur Verdeutlichung des Marx‘schen Denkens ein Zitat: Die Bildung der deutschen Nation, um sie dann der Bourgeoisie zu entreißen, wird für unabdingbar erklärt, der konterrevolutionäre Staat in Berlin angeprangert, aus einem Brief an Engels vom 24. März 1863: „Die politische Pointe, zu der ich gelangt bin, ist die: dass Vincke und Bismarck in der Tat das preußische Staatsprinzip richtig vertreten, dass der „Staat“ Preußen (eine von Deutschland sehr verschiedne Kreatur) nicht ohne das bisherige Rußland und nicht mit einem selbständigen Polen existieren kann. Die ganze preußische Geschichte führt zu dieser Konklusion, welche die Herrn Hohenzollern (Friedrich II. eingeschlossen) längst gezogen haben. Dies landesväterliche Bewußtsein ist weit überlegen dem beschränkten Untertanenverstand der preußischen Liberalen. Da also die Existenz Polens für Deutschland nötig und neben Staat Preußen unmöglich ist, so muß dieser Staat Preußen wegrasiert werden. Oder die polnische Frage ist nur neuer Anlaß zu beweisen, dass es unmöglich ist, deutsche Interessen durchzusetzen, solang der hohenzollernsche Leibstaat existiert“ [MEW 30, S. 334/35].

 

Immer wieder: Deutschland, deutsche Nation, deutsche Interessen, das hieß ganz klar, deutsche nationale Interessen; dieser besondere Fall – aber von ungeheurem Gewicht – zeigte deutlich, dass die Errichtung der einheitlichen und zentralen Nation, als Form ihrer Klassenmacht, im Interesse der Bourgeoisie lag; doch waren daran – bis zum Moment ihrer Realisierung – auch die Proletarier interessiert, denn damit sollte die politische Klassenformierung beginnen, die dem Proletariat erlaubt, seinerseits der nationalen Bourgeoisie die Macht zu entreißen.

Die polnische Frage

11. Die Forderung nach nationaler Unabhängigkeit des unter zaristischer Knute stehenden Polens und die bedingungslose Solidarität mit den polnischen revolutionären Demokraten hat grundsätzliche Bedeutung, denn es geht nicht nur um einen in zahlreichen theoretischen Schriften ausgedrückten historischen Standpunkt, sondern um eine wirkliche Festlegung der politischen Position der I. Internationale.[19] Nicht nur wird dem polnischen Aufstand vollste Unterstützung seitens der europäischen Arbeiterkräfte zugesichert, er gilt vielmehr auch als Stützpfeiler für die Wiederkehr einer revolutionären Situation und für den allgemeinen Kampf auf dem ganzen Kontinent.[20]

 

Wir wollen dieser Parteinahme in den Texten unserer Schule im Einzelnen folgen, um zu zeigen, wie falsch die These ist, nach der es in der marxistischen Politik darum gehe, die Bewertungen und Folgerungen aus den jeweils aktuellen Umständen deduzieren und gefahrlos auch den Kurs wechseln zu können. Die politischen Entscheidungen sind indes in jeder einzelnen Etappe strengstens an die einheitliche Auffassung vom historischen Verlauf der Klassenrevolution gebunden; was hier heißt, an die materialistisch-historische Definition der Aufgabe der Nationalitäten in den aufeinanderfolgenden großen und typischen Produktionsweisen.

 

In der Tat suchen seit mehr als einem halben Jahrhundert verschiedene Seiten, aus der marxistischen Bewertung der polnischen Frage bestimmte Teile und Episoden zwecks Apologie der ständigen Wendungen der opportunistischen und eklektizistischen Strömungen herauszuklauben, die tagtäglich neue Lehren und Regeln zusammenbasteln und schamlos aus ihren Teufeln von gestern Engel von heute machen, oder umgekehrt.

 

Aber die polnische Frage war auch unter einem anderen Aspekt wichtig: Es könnte fast aussehen, als hätte die Sympathie für die Nationalitätenkämpfe gleichsam platonische Bedeutung, wäre auf die Untersuchung historischer oder auch sozialtheoretischer Darstellungen reduziert und übertrüge die ihr eigenen Wirkungen nicht auch auf die Ebene des politischen Programms bzw. der Aktion der proletarischen kommunistischen Partei, deren ursprünglicher Inhalt bereits in der Periode zwischen 1847-71 der Kampf zwischen Proletariat und Kapitalismus und die Zerschlagung seiner Produktionsweise war. Wir rufen Marx und Engels nicht als Autoren, sondern als internationale Führer der kommunistischen Bewegung „in den Zeugenstand“. Wenn jemand aus den Frühschriften meint entnehmen zu können, Engels Schriften „Po und Rhein“ oder „Savoyen, Nizza und der Rhein"[21] seien von der ökonomisch-sozialen Methode abstrahierende politisch-militärische Studien, um eine Pause in der Klassenrevolution auszufüllen (wobei man in eine Sichtweise abrutscht, nach der es erlaubt ist, in die marxistische Lehre von der Aufeinanderfolge der Menschheitsstufen, gleich an welchem Punkt, irgendwelche Übergangsstadien einzuschieben und „Freihandelszonen“ zu schaffen), ist ihm entgegenzuhalten, dass alle Deduktionen dieser Schriften in vollkommenem Einklang mit der historisch-materialistischen Auffassung und der Entschlüsselung des Menschheitsweges stehen, wobei die Entwicklung der Produktivkräfte als Leitfaden dient. Dies einfach zu übergehen oder zu vergessen, ist niemandem erlaubt, ganz gleich ob nun das „Schwert gezogen“ wird oder vielleicht auch das Skalpell, der Bleistift, der Pinsel, Meißel, Bogen, die Sense oder der Hammer.

 

Dass Marx und Engels sich von der jeweiligen Situation hätten bestimmen lassen, passt der „Kominform“[22] und ähnlichen Cliquen sicher gut ins Konzept: Unter den vielen erbärmlichen Entstellungen und Fälschungen ist dies jedoch der Gipfel.

 

In einem Brief vom 13. Februar 1863 wendet Marx sich an Freund Engels wegen der „Polengeschichte“. Die Meldungen vom heroischen Aufstand 1863 in Polen, der sich zu einem Bürgerkrieg gegen die russischen Kräfte ausweitete, ließen ihn ausrufen: „Soviel ist sicher, die era of revolution ist nun wieder fairly opened in Europe. Und der allgemeine Stand der Dinge gut“. Die Erinnerung an 1850 ist jedoch sehr frisch: „Aber die gemütlichen delusions und der fast kindliche Enthusiasmus, mit dem wir vor Februar 1848 die Revolutionsära begrüßten, sind zum Teufel. Alte Kameraden wie Weerth usw. sind hin, andre sind abgefallen oder verkommen und neuer Zuwachs wenigstens noch nicht sichtbar. Zudem wissen wir jetzt, welche Rolle die Dummheit in Revolutionen spielt und wie sie von Lumpen exploitiert werden“ [MEW 30, S. 324].

 

In wenigen Zügen zeichnet der Brief, wie auch einige weitere Briefe, ein Bild der Haltung aller europäischen politischen Kräfte hinsichtlich der polnischen Insurrektion. Die preußischen „Nationalisten“, die so taten, als schwärmten sie für Autonomie, um dem Kaiser in Wien seine Rolle als Chef der deutschen Konföderation streitig zu machen, und sich scheinheilig mit dem italienischen und ungarischen Unabhängigkeitsstreben solidarisch gaben, wurden auf frischer Tat ertappt: russophil, wie sie waren, stellten sie sich gegen Polen.[23] Die russischen demokratischen Revolutionäre (Herzen)[24] wurden ebenfalls auf die Probe gestellt: Trotz ihrer Vorliebe für die Slawen, mussten sie die Polen gegen das offizielle Russland verteidigen. Wegen ihrer Rivalität zu Russland demonstrierten London und Napoleon III. ihre Unterstützung für die polnische Sache; aber beide waren, gelinde gesagt, suspekt. Der Verrat Boustrapas[25] war gewiss; seine Agenten hatten Verbindung zum rechten polnischen Flügel, der mit Sicherheit abfallen würde, besonders im Falle des Misserfolgs.

 

Die europäische „Demokratie“ wollte und konnte wenig oder nichts für das aufständische Polen tun. Marx setzte sich sofort für ein praktisches Aktionsprogramm seitens der am 28. September 1864 in London gegründeten Internationalen Arbeiterassoziation ein. Noch vor dem berühmten Meeting in der St. Martins Hall setzte Marx auf den englischen Arbeiterverein. Sein Plan nahm sofort Gestalt an: Eine Manifest an alle Arbeiter seitens der englischen workingmen; eine Broschüre zur polnischen Frage, worin er und Engels zu bestimmten Themen Stellung nehmen; und gleich nach dem September 1864 sofortige Aufnahme der Diskussion im Generalrat über die zu entfaltenden Aktionen.

 

Bei der polnischen Frage sollte daher der Haupthebel angesetzt werden, um die Unruhe unter den Arbeitern in Europa weiter anzufachen und einer revolutionären Bewegung Schwung zu geben. Von so großer Tragweite waren also die prinzipiellen Bestimmungen in Bezug auf die historische Frage der Unterstützung eines nationalen Kampfes durch das internationale Proletariat.

Die Internationale und die Nationalitätenfrage

12. Wichtige Diskussionen im Generalrat der I. Internationale, unter der persönlichen Leitung von Marx, geben uns das Material an die Hand, um die Hauptfehler bezüglich der Fragen der historischen Nationalitätenkämpfe geradezurücken. Alles andere als ein Zeichen für einen Internationalismus auf der Höhe der Zeit verrät die Neigung, über diese Kämpfe hinwegzugehen statt sie materialistisch zu erklären, partikularistische und föderalistische Positionen, die ihrerseits auf utopistische und anarchistische Theorien zurückzuführen sind, mit denen Marx reinen Tisch macht.

 

Die Gründungsversammlung der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) war aus Solidarität mit den Polen (vorhergegangen war eine Adresse der Londoner an die Pariser Arbeiter wegen Polen) und mit den von den Russen unterdrückten Armeniern anberaumt worden, an der, wie Marx berichtet, viele radikal-demokratische Elemente teilnahmen, die das Misstrauen der Arbeiter weckten. Besorgt um die theoretische Klarheit und die Kraft der Bewegung (in einer historischen Situation, in der die Forderungen nach Unabhängigkeit augenscheinlich revolutionäre Bedeutung besaßen), sorgte Marx dafür, dass eine missliche Präambel aus dem Verkehr gezogen wurde und verfasste selbst die großartige „Inauguraladresse“.

 

Der berühmte Brief vom 4. November 1864 zeugt davon, wie Marx das Eindringen des theoretischen Demokratie-Gewäsches in den Arbeiterreihen rigoros unterband (wichtig, damit wir seine späteren Gegenstöße gegen diejenigen richtig bewerten, die man heute als in Sachen Nationalität rechtsstehend bezeichnen würde). Ein gewisser Major Wolff legte das Reglement der italienischen Arbeitervereine vor (die wesentlich „Gesellschaften der gegenseitigen Hilfe“ waren). „Ich sah das Zeug später. Es war evindently ein Machwerk von Mazzini, und Du weißt daher im voraus, in welchem Geist und in welcher Phraseologie die wirkliche Frage, die Arbeiterfrage, behandelt war. Auch wie die Nationalities eingeschoben wurden“. Von Eccarius[26] gewarnt, erschien Marx zu den Sitzungen des Subkomitees und war „wahrhaft erschrocken“, als er ein „schauderhaft phraseologisches, schlecht geschriebnes und ganz und gar unreifes Prèamble“ verlesen hörte, „die Anspruch darauf erhob, eine Prinzipienerklärung zu sein“, „wo der Mazzini überall durchguckte, überkrustet mit den vagsten Fetzen von französischem Sozialismus“. Außerdem war das italienische Statut aufgenommen, das „in der Tat etwas ganz Unmögliches bezweckte, eine Art Zentralregierung (natürlich mit Mazzini im Hintergrund) der europäischen Arbeiterklassen“ [MEW 31, S.14].

 

Schließlich bereitete Marx die Adresse vor, setzte an die Stelle der vierzig Artikel zehn und verlas den später historisch gewordenen Text, der von allen angenommen wurde. Dennoch konnte er nicht geradeheraus schreiben, sondern musste eine Form wählen, die sie für Leute akzeptabel machte, die zusammen mit den Liberalen Meetings über das Stimmrecht veranstalten wollten!

 

Der Schlussparagraph der Adresse enthielt die internationale Politik, in der die Forderung der Arbeiter lautete, die Verhältnisse zwischen den Staaten denselben moralischen Normen wie denen zwischen den Menschen zu unterwerfen. Auch wenn dieser Satz in der ersten Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg 1870 wiederholt werden wird, [in MEW 17, S. 3], drückte er nicht nur – wie alle die Nationalität betreffenden – ein bürgerliches Postulat aus, sondern drückte es zudem in rein propagandistischer Weise aus. Marx erklärte, „fortiter in re, suaviter in modo“ [stark in der Sache, gemäßigt in der Form] [MEW 31, S. 16] vorgehen zu müssen. Heutzutage übertreffen die falschen Marxisten noch die schlimmste Phraseologie der ultrabürgerlichen Demokraten. Wörtlich erklärte Marx: „Soweit in der ‘Adresse’ International Politics vorkommt, spreche ich von Ländern, nicht von Nationalitäten und denunziere Rußland, nicht die kleineren Völker“. Seine Vorschläge wurden alle angenommen, nur musste er einige Phrasen über Pflicht, Recht, Wahrheit, Sittlichkeit und Gerechtigkeit aufnehmen, „was aber so placiert ist, dass es einen Schaden nicht tun kann“ [MEW 31, S. 15].

 

Am 10. Dezember berichtete Marx Engels von der Fox‘schen Polenadresse. Der gute Demokrat hatte sein Bestes gegeben, und „sich bemüht, die ihm sonst fremde Reduktion auf ‘Klassen’ wenigstens tinkturmäßig anzuwenden“. Aber eine Sache schluckte Marx nicht, die „fanatische ‚Liebe‘ für die französische Demokratie, die sie „selbst auf Boustrapa erstrecken. (...) Diesem widersetzte ich mich und entrollte ein historisch unwiderlegbares Tableau des beständigen Verrats der Franzosen an Polen von Louis XV. bis Bonaparte III. Ich machte zugleich auf das durchaus Unpassende aufmerksam, dass als ‘Kern’ der International Association sich die englisch-französische Allianz, nur in demokratischer Ausgabe, zeigen sollte“ [MEW 31, S. 38/39]. Die Adresse wurde nach Marx’ Vorschlägen geändert, nur der Schweizer Sekretär Jung erklärte, als Vertreter der Minorität im Generalrat gegen die Adresse „als ganz und gar bürgerlich“ votieren zu wollen.

 

Um zu verstehen, wie groß das Interesse an Polen inzwischen war, muss man sich vergegenwärtigen, dass der Generalrat nicht nur Kontakt zu den bürgerlichen Polen hielt, sondern sogar Vertreter der Aristokratie zu einer Sitzung empfing, da diese am nationalen antirussischen Bündnis teilnahmen. Sie versicherten, Demokraten zu sein, da die nationale Revolution in Polen ohne Bauernerhebung unmöglich sei. Marx fragte sich nur, ob „diese Kerls“ glauben, was sie sagen [MEW 31, S. 50].

 

Wir kommen zum Jahr 1866. Wieder war die Polenfrage „der eigentliche Nerv der Polemik“ innerhalb der IAA. Ein gewisser Vèsinier beschuldigte die Internationale, „zu einem Komitee der Nationalitäten im Schlepptau des Bonapartismus zu entarten“. Marx sträubten sich langsam die Nackenhaare. „Der Esel“ hatte den Pariser Delegierten den polnischen Paragraphen des Programms zugeschrieben, die ihn hingegen als „’inopportun’ zu beseitigen suchten“. Vèsinier sprach weiter von in das Programm des Genfer Kongresses aufgenommenen Punkten, „die den Zielen der Assoziation fremd sind und im Widerspruch stehen zu Recht, Gerechtigkeit, Freiheit, Brüderlichkeit, zur Solidarität der Völker und Rassen, wie z.B.: ‘die Frage der Beseitigung des russischen Einflusses in Europa usw.’“. Die These Vèsiniers war die: Es sei weder klassengemäß noch internationalistisch, einen nationalen Krieg der Polen gegen die Russen zu unterstützen und Feinde Russlands zu schaffen, denn man müsse für den Frieden unter den Völkern sein. Zur Rechtfertigung rief er die Schändlichkeiten des bonapartistischen Regimes und der englischen Bourgeoisie ins Gedächtnis, andererseits die Befreiung der Leibeigenen in Russland und Polen durch Russland; er bedauerte, dass das Zentralkomitee statt die „Solidarität, die Brüderlichkeit aller Völker zu verkünden“, „ein einziges unter ihnen vor Europa in den Bann“ getan habe. Dann beschuldigte er die Polen, dass „sie sich der Assoziation bedienen würden, um die Wiederherstellung ihrer Nationalität zu erlangen, ohne sich um die Frage der Emanzipation der Arbeiter zu kümmern“. Marx erwähnte nur das Gelächter, mit dem „diese passages“ begleitet wurden, nannte es „Proudhon-Herzenschen Moskowitismus“ und bemerkte noch zu Vèsinier, dass er „ganz der Kerl für die Russen“ sei. „Als Schriftsteller nicht viel wert (...) Aber mit Talent, großer Redegewandtheit, viel Energie, und vor allem durch und durch unskrupolös“ [MEW 31, S. 170-72].

 

Vèsinier wurde rausgeworfen, und am 23. Januar sollte die polnische Revolution gefeiert werden.[27] Unsere Auffassung ist, dass jede bewaffnete Revolution gegen die bestehenden sozialen Bedingungen mehr zählt als eine Theorie, die von falschem Extremismus und Frieden-unter-den-Völkern Floskeln nur so strotzt, in Tat und Wahrheit aber für die Arbeitsgemeinschaft zwischen westlicher Bourgeoisie und dem Zaren eintritt und glaubt oder nur so tut, als hätte dies einen Klasseninhalt.

Die Slawen und Russland

13. Parallel zur Ausbreitung der großen Industrie und zur Bildung der großen Märkte dehnt sich der historische Zyklus der Formierung der bürgerlichen Nationalstaaten jedenfalls auf England, Frankreich, Italien und Deutschland aus; während andere kleinere Mächte als errichtete Nationen gelten können: Spanien, Portugal, Belgien, Holland, Schweden, Norwegen. Entsprechend schließt die marxistische Forderung auch Polen ein, was vor allem als Kriegserklärung gegen die Heilige Allianz (Russland, Österreich, Preußen) Gewicht hat. Der Zyklus wird abgeschlossen, obschon u.a. die Slawenfrage des Ostens und Südostens nicht gelöst worden ist.

 

Ende 1856 erregte ein Buch des Polen Mieroslawski[28] Marx‘ Interesse, das sich gegen Russland, Deutschland und den Panslawismus richtete, denen der Autor eine „freie Konföderation von slawischen Nationen mit Polen als peuple Archimède“ entgegensetzte [MEW 29, S. 79] – Archimedisches Volk meint ein Volk als Wegbereiter, als Pionier der Freiheit. Etwas Ähnliches gab es nach dem I. Weltkrieg und der Auflösung Österreichs (1918) mit der Bildung der „Kleinen Entente“ der slawischen Staaten (Bulgarien, Jugoslawien, Tschechoslowakei und, als in der Tat wichtigstem und homogenstem Staat Polen). Diese Situation hatte, wie wir wissen, nur 20 Jahre Bestand, bis zur erneuen Teilung Polens zwischen Deutschen und Russen im Jahr 1939.[29]

 

Marx’ Anmerkungen zum Versuch Mieroslawskis, eine soziale Begründung der Revolution zu liefern, sind sehr wichtig (abgesehen davon, dass Mieroslawski seine Hoffnungen auf die englische und französische Regierung setzte). Der Autor sah die künftige Industrialisierung in vielen polnischen Städten und Distrikten nicht voraus und stützte seinen unabhängigen Staat notwendig auf die „demokratische Bauerngemeinde“. Ursprünglich waren Polens Bauern in freien Kommunen vereint, denen ein „dominium“ gegenüberstand, d.h. ein durch einen Fürsten oder Grafen militärisch und administrativ kontrollierter Bezirk, die Wahl des Königs oblag natürlich dem Adel. Aber rasch wurde der Boden der Bauern usurpiert, teils von der Krone, teils von der Aristokratie, und die Gemeinden endeten in Leibeigenschaft. Es bildete sich jedoch eine Art fast freier Bauernmittelstand, der „ordre èquestre“ (Bauern, die sich ein Pferd und Ritterausrüstung erlauben konnten, fanden Aufnahme in den Reiterdienst und wurden dadurch zu Halb-Edelleuten erhoben). Doch fanden die Bauern zum ordre nur im Falle des Eroberungskrieges und der Kolonisation noch unbebauten Bodens Zugang. Dieser Orden, der kein wirklicher Mittelstand sein konnte, verkam zu einer Art Lumpenproletariat der Aristokratie. „Interessant diese Art der Entwicklung, weil hier die Entstehung der Leibeigenschaft auf rein ökonomischem Weg, ohne das Zwischenglied der Eroberung und des Racendualismus nachzuweisen“ [MEW 29, S. 82]. Und wirklich hatten König, Hochadel, Kleinadel sowie Bauernschaft Rasse und Sprache gemeinsam und die nationale Tradition war so alt wie mächtig. Marx’ These legte also fest, dass die Klassenunterwerfung stattfindet sowohl bei Entwicklung der technischen Produktionsmittel innerhalb einer ethnisch homogenen Gemeinschaft als auch, wie in anderen Fällen, durch den Zusammenstoß zweier Rassen und Völker, wobei Rasse und Sprache ihrerseits als „ökonomische Agenten“ fungieren (vergleiche Engels, im vorliegenden Text Teil I, Kap. 8 „Vorgeschichte und Sprache“).

 

Offenbar sah der polnische Demokrat nicht den Aufstieg einer kämpfenden wirklichen Bourgeoisie voraus und erst recht nicht jenen eines starken und ruhmreichen Proletariats, das 1905 die zaristische Armee in Schach hielt und sich sogar nach dem II. Weltkrieg gegen die deutschen und russischen Militärstäbe erhob und den verzweifelten Versuch unternahm, die Macht in der gepeinigten Hauptstadt zu ergreifen, wobei es das gleiche Ende wie die Kommunarden in Paris nahm, d.h. zwischen zwei feindlichen Feuern fiel.[30]

 

Marx’ Aufmerksamkeit wurde zu keinem Zeitpunkt von Russland abgelenkt, denn die Armee des Zaren galt als die bewaffnete Reserve der europäischen Konterrevolution, jederzeit bereit, jedwede Grenze zu überschreiten, um wieder „Ordnung“ zu schaffen, jederzeit bereit, jedwede Bewegung zu ersticken, die im Zentrum Europas versuchte, die Staaten des Ancien Régime zu stürzen; Russland versperrte stets den Weg, an dessen verschiedenen „Ausfahrten“ die proletarische Revolution wartete. Etwa zehn Jahre später interessierte sich Marx für einen Duchinsky (ein russischer, in Paris wohnhafter Professor). „Er behauptet, dass die eigentlichen Moskowiter, d.h. Einwohner des ehemaligen Grand Duchy of Moscow [Großfürstentum Moskau], großenteils Mongolen oder Finnen usw., wie die weiter östlich gelegnen Teile Rußlands und seine südöstlichen Teile. Ich ersehe daraus jedenfalls, dass die Sache das Petersburger Kabinett (da es dem Panslawismus ein Ende mit Schrecken machen würde) sehr beunruhigt hat. Alle russischen Gelehrten wurden zu Antworten und Widerlegungen aufgefordert, und diese sind in der Tat unendlich schwach ausgefallen. Die Reinheit des großrussischen Dialekts und seine Anschließung an das Kirchenslawisch erscheint in dieser Debatte mehr für die polnische Auffassung als für die moskowitische zu zeugen. (...) Es ist ditto von geologischer und hydrographischer Seite nachgewiesen worden, dass östlich vom Dnepr große ‘asiatische’ Differenz eintritt, verglichen mit dem ihm westlich Liegenden, und dass (...) der Ural durchaus keine Scheide bildet. Resultat, wie Duch(inski) es zieht: Russia ist ein von den Moskowitern usurpierter Name. Sie sind keine Slawen; gehören überhaupt nicht zur indogermanischen Race, sind des intrus [Eindringlinge], die wieder über den Dnepr gejagt werden müssen etc. Der Panslawismus im russischen Sinn eine Kabinettserfindung etc. Ich wünsche, dass Duchinski recht hat und at all events [auf alle Fälle] diese Ansicht herrschend unter den Slawen würde. Andrerseits erklärt er manche der bisher als slawisch betrachteten Völker der Türkei, wie Bulgaren z.B., für nichtslawisch“ [MEW 31, S. 126/127].

 

Wir wissen nicht, ob sich die bürgerliche Polemik gegen die russische Revolution jüngst dieser Textstelle bediente, um die hausbackene These zu bekräftigen, nach der das russische Volk die Diktatur zu erleiden habe, weil es asiatischer und nicht europäischer Race sei! Sicher ist diese für den Marxismus absolut harmlose These heutzutage für die Russen ein heißes Eisen, da sie sich, den Fußstapfen Stalins folgend, auf eine russische, nationale, sprachliche Tradition stützen statt auf das Klassenband des Proletariats.

 

Marxistisch hatte die Tatsache, dass die Russen als Mongolen zu klassifizieren sind, folgende grundsätzliche Bedeutung: War die Formierung einer großen slawischen Nation, einschließlich des gesamten russischen Staates mindestens bis zum Ural, notwendig, bevor der Zyklus abgeschlossen werden konnte, in dem die Kräfte der Arbeiterklasse sich für die Sache der Nationenbildung opfern müssen (um danach die europäische proletarische Revolution auf die Tagesordnung setzen zu können)? Die Antwort darauf war damals die, dass die nationalstaatliche Gliederung als Prämisse der Arbeiterrevolution einen Raum betrifft, der im Osten mit Polen endet, eventuell auch mit der Ukraine bzw. Kleinrussland bis zum Dnepr. Dies ist der europäische Raum der Revolution, wo sie zuerst losschlagen musste, der Zyklus, der dem der reinen Klassenaktion vorausging, war jener, der 1871 zum Abschluss kam.

 

Um die Ethnologie nicht als einzig bestimmenden Faktor zu sehen, darf man nicht vergessen, dass die Völker mongolischer Herkunft, d.h. die Finnen, als sozial bereits fortgeschritten in den historischen europäischen Raum eintraten und in Europa ihre Nationen gebildet hatten (Ungarn, Finnland, Estland, Lettland, Litauen). Der Marxismus sah in der damaligen Periode ihre Kämpfe um Unabhängigkeit gegen die drei Mächte der Heiligen Allianz positiv.

Die Kriege von 1866 und 1870

14. Während der polnische Aufstand abebbt und dieser Weg des revolutionären Wiederaufschwungs versperrt wird, so wie er 1848 versperrt wurde, sehen Marx und Engels den sich anbahnenden Krieg zwischen Österreich und Preußen. Italien wird mit Sicherheit wegen des brennenden Problems der Unabhängigkeit Venetiens, das noch immer unter österreichischer Herrschaft steht, in den Krieg eintreten, die Haltung Russlands und Frankreichs ist zwielichtig; sicher ist, dass eine neue wirre Periode bevorsteht. Sedan wird alle Rechnungen begleichen,[31] allerdings ist das französische Reich der einzige Feind der Revolution, der untergehen wird.

 

Am 10. April 1866 dachte Engels, dass die Russen den Krieg wollen, da sie Truppen an der österreichischen und preußischen Grenze zu Polen konzentrierten und sie die Situation auszunutzen beabsichtigten, um auch die beiden restlichen Teile Polens zu besetzen. Aber das wäre das Ende der Hohenzollern gewesen und der wahre Zweck war wohl, „etwaige revolutionäre Bewegungen in Berlin zu unterdrücken“, um die Hohenzollern zu stützen [MEW 31, S. 206]. Marx und Engels hofften, dass sich Berlin im Falle der militärischen Niederlage erheben würde.

 

Beeindruckend ist: Obwohl wegen der venetischen Frage gegen Österreich, waren sie im Hinblick auf eine anti-preußische Revolution für einen österreichischen Sieg.[32] Was Napoleon III. angeht, war er der proletarischen Sache nicht weniger suspekt als Zar Alexander; Napoleons Traum, der Vierte in der Heiligen Allianz zu werden, war jetzt ausgeträumt.

 

Beim Ausbruch des Krieges am 19.6.1866 diskutierte der Generalrat die Lage und behandelte die Frage der Nationalitäten grundsätzlich. Marx berichtete Engels am 20.6.1866: „Die Franzosen, sehr zahlreich vertreten, gave vent [ließen freien Lauf] ihrer kordialen Abneigung gegen die Italiener“. Marx sprach hier an, dass die Franzosen unbewußt gegen ein italienisch-preußisches Bündnis waren und einen Sieg Österreichs wünschten. Aber auf der Sitzung ging es weniger um eine Stellungnahme zugunsten der einen oder anderen Seite, es ging um die theoretische Frage. „Übrigens rückten die (Nichtarbeiter) Repräsentanten der ‘jeune France’ [Jungen Frankreichs] damit heraus, dass alle Nationalität und Nationen selbst ‘des prèjugès surannès’ [veraltete Vorurteile] sind“. Marx bemerkte dazu nur trocken: „Proudhonisierter Stirnerianismus“ (Stirner, der mit seinem „Einzigen“ einem extremen Individualismus das Wort redete, nahm einerseits die Theorie von Nietzsches „Super-Diktator“ (Übermenschen) vorweg, beeinflusste andererseits die Anarchisten, die Staat und Gesellschaft negieren: beides Quintessenz des bürgerlichen Denkens. Proudhon seinerseits verherrlichte die untereinander austauschenden autonomen Kleinproduzenten). Marx entlarvte diese scheinbar radikale Haltung als rückwärtsgewandt. Wie wir schon bemerkt haben, wird das historisch bürgerliche, aber noch „wirkmächtige“ Postulat der Nation dadurch nicht überwunden – es bleibt im Gegenteil dahinter zurück.

 

„Alles aufzulösen in kleine ‘groupes’ oder ‘communes’, die wieder einen ‘Verein’ bilden, aber keinen Staat. Und zwar soll diese ‘Individualisierung’ der Menschheit und der entsprechende ‘mutalisme’ [gegenseitige Duldung] vor sich gehn, indem die Geschichte in allen andern Ländern aufhört und die ganze Welt wartet, bis die Franzosen reif sind, eine soziale Revolution zu machen. Dann werden sie uns das Experiment vormachen, und die übrige Welt wird, durch die Kraft ihres Beispiels überwältigt, dasselbige tun“ (man könnte meinen, die heutigen Russen reden zu hören). „Ganz was Fourier von seinem phalanstère modèle[33] erwartete“ (heute heißt es: schaut auf das sozialistische Vaterland, das Land des Sozialismus). „D’ailleurs [übrigens] sind alle ‘Reaktionäre’, die die ‘soziale’ Frage mit den ‘superstitions’ [abergläubischen Ideen] der Alten Welt inkumbieren [belasten]“ [MEW 31, S. 228/29].

 

So sehr er sich auch von der öffentliche Tätigkeit fernhalten wollte, kam Marx auch diesmal nicht umhin, gegen seinen künftigen Schwiegersohn Lafargue Stellung zu beziehen. Er brachte die Engländer zum Lachen, als er sagte, dass „unser Freund Lafargue etc., der die Nationalitäten abgeschafft hat, uns ‘französisch’, i.e. in einer Sprache angeredet, die 9/10 des Auditoriums nicht verstand. Ich deutete weiter an, dass gänzlich unbewußt er unter Negation der Nationalitäten ihre Absorption in die französische Musternation zu verstehn scheine“.

 

Nun, wie stand Marx zu diesem Krieg? Er würde zunächst mal eine preußische Niederlage begrüßen. In dem Brief an Engels (nicht im Generalrat – vergessen wir nicht den vertraulichen Charakter eines Briefes) schrieb er: „Übrigens ist der Standpunkt jetzt schwierig, weil man einerseits dem albernen englischen Italianismus, andrereits der falschen französischen Polemik dagegen gleichmäßig entgegentreten und namentlich jede Demonstration verhindern muß, die unsre Gesellschaft in einer einseitigen Richtung involvieren würde“ [MEW 31, S. 229].

 

Im Krieg 1866 also keine offizielle – mit der für Polen in der anti-russischen Insurrektion vergleichbare – Parteinahme für einen der kriegführenden Staaten.

 

Nach den Erfolgen Österreichs in Italien: Sieg Preußens bei Sadowa[34], Napoleon intervenierte als Vermittler. Am 7. Juli 1866 schrieb Marx: „Nächst einer großen Niederlage der Preußen, die vielleicht (aber die Berliner!) zu einer Revolution geführt hätte, konnte nichts Besseres passieren als ihr immenser Sieg“ [MEW 31, S. 233]. Marx‘ Einschätzung war, dass Napoleon III. darauf rechnete, dass Sieg und Niederlage zwischen Preußen und Österreich hin- und herschwanken würde, damit sich nicht ein zu starkes Deutschland unter Hegemonie Preußens bilden könne – eine Lage, die ihn, mit seiner großen militärischen Macht, zum Schiedsrichter der Geschicke Europas gemacht hätte. Ferner beurteilte er Italiens Situation als ziemlich prekär und Russlands als vorteilhaft. Wie man weiß, hatte Österreich, die französische Vermittlerrolle annehmend, Venetien an Frankreich abgetreten. Um es wiederzubekommen, hätte sich Victor Emanuele von Savoyen erneut seinem Verbündeten von 1859, Frankreich[35], beugen müssen, das der Besetzung Roms sein berühmtes „niemals“ entgegen gerufen hatte.[36]

 

Die Position der Internationalen hinsichtlich dieser Aussichten war präzise: Der Krieg wird von Bonaparte ausgelöst werden, sobald er das Zündnadelgewehr eingeführt hat (Marx sieht in der Entwicklung der Rüstungs-, bzw. Kriegsindustrie eine Bestätigung des ökonomischen Determinismus, „der Bestimmung der Arbeitsorganisation durch das Produktionsmittel“ und regt Engels an, „etwas hierüber“ zu schreiben [MEW 31, S. 234]. Heute scheint sich alles um die Frage zu drehen: Wer hat die Atombombe?). Zweitens war es in diesem Krieg wichtig, dass das Frankreich Boustrapas geschlagen würde.

 

Wir haben die proletarische Politik in Bezug auf einen nationalen und revolutionären Unabhängigkeitskrieg, wie den polnischen aus dem Jahre 1863 (oder italienischen von 1848 und 1860), gründlich behandelt, in denen die Kräfteformierung klar und eindeutig war. Wir geben hier nicht wieder, was über den Krieg zwischen Frankreich und Preußen 1870 ausführlich dargelegt wurde [bei Marx und Engels, MEW 16 und vor allem 17]. Die „Adressen“ der Internationale schlossen sowohl die Unterstützung eines Bismarcks als auch eines Bonapartes aus: das ist sonnenklar.[37] Allerdings würde eine Niederlage des II. Kaiserreichs positiv beurteilt werden, so wie 1815 der Sieg des I. positiv beurteilt worden wäre.

 

In der „Adresse“ vom 23. Juli 1870, die die mutige Opposition der französischen Arbeiter gegen den Krieg begrüßte, findet sich jener Satz, mit dem so viel Schindluder getrieben wurde: „Von deutscher Seite ist der Krieg ein Verteidigungskrieg“ [MEW 17, S. 5]. Allerdings wurde gleich darauf die preußische Politik rundheraus verurteilt und die deutschen Arbeiter wurden zur Verbrüderung mit den französischen Arbeitern aufgerufen; der Sieg Deutschlands wäre unheilvoll und würde „alles Unglück, das auf Deutschland fiel nach den sogenannten Befreiungskriegen“ (den anti-napoleonischen) reproduzieren. Ein Lenin musste kommen und sagen, dass der kleinbürgerliche Philister nicht begreifen kann, wie man die Niederlage beider Gegner herbeiwünscht! Seit 1870 ist die Theorie des proletarischen Defätismus in Kraft.

 

Die marxistische historische Bewertung dieser Phase zwischen 1866 und 1870 und die des Kräfteverhältnisses der feudalen Mächte im Osten sowie der bürgerlich-diktatorischen Mächte im Westen findet sich in dem Satz ausgedrückt: „Wäre die Schlacht bei Sadowa verloren worden anstatt gewonnen, französische Bataillone hätten Deutschland überschwemmt als Verbündete Preußens“ [MEW 17, S. 5].

 

Verteidigungskrieg bedeutet Krieg im historisch fortschrittlichen Sinn, wie es zwischen 1789 und 1871 der Fall war – aber nie mehr danach (etwas, was den Befürwortern des gerechten Krieges zwischen 1939 und 1945 nicht oft genug um die Ohren gehauen werden kann). Wäre also General Moltke einen Tag vor General Bazaine losmarschiert, und hätte der Kriegsruf: „Nach Paris! Nach Paris!“ statt „Nach Berlin! Nach Berlin!“ gelautet – die marxistische Bewertung wäre die gleiche gewesen.

Die Kommune und der neue Zyklus

15. Die 1848 fehlgeschlagene Revolution in Deutschland bricht aufgrund der großen Siege des preußischen Militarismus weder 1866 noch 1871 aus. Aber infolge der schweren Niederlage des französischen Militarismus erhebt sich das Pariser Proletariat nicht nur gegen das geschlagene Regime, sondern gegen die ganze bürgerliche, auch republikanische und zur Kapitulation bereite Bourgeoisie sowie gegen die reaktionäre preußische Macht. Die Niederlage der revolutionären Regierung der Kommunarden schmälert die historische Bedeutung dieses Wendepunktes nicht im Geringsten, denn seit diesem Moment ist das unmittelbare historische Ziel der Kommunisten in Europa die proletarische Diktatur.

 

Die zweite Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg vom 9. September 1870 folgte auf den preußischen Sieg von Sedan und der französischen Kapitulation, der Absetzung Napoleons und Ausrufung der Republik. Die Adresse griff sowohl die Absichten zur Annexion Elsass-Lothringens als auch die Behauptung scharf an, es hätte sich dabei um eine von militärischen Erfordernissen diktierte Grenzsicherung gehandelt.[38] Sie verhöhnte gleichzeitig das fehlende „Fingerspitzengefühl“ seitens der Preußen gegenüber der russischen Seite und sieht den „Racenkrieg gegen die verbündeten Racen der Slawen und Romanen“ voraus.[39] Weiter heißt es, die deutsche Arbeiterklasse habe „den Krieg, den zu hindern nicht in ihrer Macht stand, energisch unterstützt“, nun aber verlange sie „’einen ehrenvollen Frieden für Frankreich’ und ‘die Anerkennung der französischen Republik’“ [MEW 17, S. 276]. Gegenüber dieser Republik bestanden ernsthafte Bedenken, dennoch riet der Generalrat dem Pariser Proletariat ab, sich gegen sie zu erheben.

 

Aber in der dritten Adresse vom 30. Mai 1871 (Marx’ „Der Bürgerkrieg in Frankreich“, nicht nur ein Manifest proletarischer Politik, sondern ein historischer Pfeiler der revolutionären Theorie und des revolutionären Programms), die schon zwei Tage, nachdem die „letzten Kommunekämpfer der Übermacht auf den Abhängen von Belleville“ erlegen waren, von Marx verlesen wurde, wurden die Besorgnisse nicht mehr berücksichtigt, die es ratsam hatten erscheinen lassen, das Unternehmen nicht zu wagen, weil dies weitere Invasionen und Annexionen preußischerseits befördert hätte, womit wieder das riesige Problem der nationalen Gliederung im Herzen Europas aufgeworfen worden wäre. Mit aller Kraft stellte sich die Internationale der Arbeiter an die Seite der ersten revolutionären Regierung der Arbeiterklasse und ergriff als Losung, was die grausame Repression selbst der künftigen Geschichte der proletarischen Revolution aufgegeben hat: „Diktatur der Arbeiterklasse!“.[40]

 

Die Losung ist zweimal, 1914 und 1939, auf Weltebene verraten worden; Ziel unserer geduldigen Wiederherstellung und unserer unermüdlichen Wiederholungen ist zu zeigen, dass sie trotzdem wieder aufgenommen werden wird.

 

Das Bündnis, das Versailler und Preußen eingingen, um die rote Kommune abzuschlachten und die Tatsache, dass Erstere unter preußischem Druck und den Befehlen Bismarcks die Aufgabe des Henkers der Revolution übernahmen, führte zur historischen Folgerung, dass „der höchste heroische Aufschwung, dessen die alte Gesellschaft noch fähig war“, der Nationalkrieg ist (den wir damals, heißt das, zu unterstützen verpflichtet waren) und dass dieser sich jetzt als „reiner Regierungsschwindel erweist, der keinen andern Zweck mehr hat, als den Klassenkampf hinauszuschieben, und der beiseite fliegt, sobald der Klassenkampf im Bürgerkieg auflodert“ [MEW 17, S. 361].

 

Lenin hat nichts erfunden, als er die Umwandlung des nationalen Kriegs in den Bürgerkrieg forderte. Er sagte nicht, dass diese Losung nur 1914-1915 für die Arbeiterparteien gegolten und sich später wieder geändert habe und sich die Phase des Bündnisses in nationalen Kriegen – des Friedens „zwischen den Arbeitern Frankreichs und den Aneignern ihrer Arbeitserzeugnisse“ – wiedereröffnen könne. Marx und Lenin kannten das historische Gesetz, dass es von 1871 an bis zur Zerschlagung des Kapitalismus in Europa nur die Alternative gibt: Entweder revolutionären Defätismus gegenüber jedem Krieg oder, wie Engels 1891 in der „Einleitung“ zum „Bürgerkrieg in Frankreich“ prophetisch schrieb (und wie wir heute sehen): Es hängt „tagtäglich über unserm Haupte das Damoklesschwert eines Kriegs, an dessen erstem Tag alle verbrieften Fürstenbündnisse zerstieben werden wie Spreu, eines Kriegs (...) der ganz Europa der Verheerung durch fünfzehn oder zwanzig Millionen Bewaffneter unterwirft“ [MEW 17, S. 616].

 

Der Marxismus hat, erstens, stets den Krieg zwischen den bürgerlichen Staaten vorausgesehen, er hat, zweitens, immer konzediert, dass in bestimmten historischen Phasen nicht der Pazifismus, sondern der Krieg die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung beschleunigt, so jene Kriege, mit denen die Bourgeoisie die Nationen errichtete; und von 1871 an hat der Marxismus, drittens, festgelegt, dass das revolutionäre Proletariat nur durch den Bürgerkrieg und die Zerschlagung des Kapitalismus den Kriegen ein Ende machen kann.

Imperialistische Epoche und irredentistische Überbleibsel[41]

16. Nach der Epoche der Unabhängigkeitskriege und der nationalen Gliederung mit revolutionär-bürgerlichem Charakter gibt es immer noch eine große Anzahl von Fällen in Europa, in denen kleinere Nationalitäten Staaten anderer Nationalitäten unterworfen bleiben; trotzdem muss die proletarische Internationale jede Rechtfertigung der irredentistisch begründeten Kriege zurückweisen und das imperialistische Ziel jedes bürgerlichen Krieges entlarven, wobei die Arbeiter auf beiden Seiten zur Sabotage aufgefordert werden. Das Unvermögen, diese Linie durchzusetzen, hat den Untergang der revolutionären Energie in den opportunistischen Wellen der beiden Weltkriege herbeigeführt und dies wird auch in einem zukünftigen Krieg der Fall sein, falls die Massen nicht beizeiten diese opportunistische (sozialdemokratische und kominformistische) Richtung verlassen, die dem Kapitalismus erlaubt, wieder und wieder seine gewaltsamen und blutigen Krisen zu überstehen.

 

Lenin lieferte anlässlich des I. Weltkriegs den Beweis, dass derselbe aufgrund der ökonomischen Rivalität zwischen den großen kapitalistischen Staaten um die Aufteilung der produktiven Ressourcen in der Welt und namentlich in den Kolonien ausbrach. Aber er ignorierte damit nicht das Bestehen gewichtiger nationaler Fragen in verschiedenen Metropolenstaaten, wofür die österreichische Monarchie ein typisches Beispiel abgab, die über verschiedene slawische Stämme, über Romanen, Magyaren und sogar osmanische Gruppen herrschte. Ebenso Russland, dessen feudaler Staat zwischen dem europäischen und asiatischen Raum lag (zum Verständnis der nationalen russischen Fragen muss jedenfalls noch die Orientfrage und die koloniale Frage hinzugezogen werden)[42].

 

So wie die Sozialisten der II. Internationale mittels zweier Sophismen – Unterstützung der Nation im Fall eines Verteidigungskrieges sowie eines Krieges gegen ein „weniger entwickeltes“ Land – Verrat begingen, so auch mit Hilfe des dritten Sophismus: Der Krieg von 1914 strebe die Lösung der Probleme des Irredentismus an. Der Wirrwarr bezüglich dieser Fragen war gewaltig. Frankreich, um ein Beispiel zu nennen, wollte Elsass-Lothringen wiederhaben, aber nichts davon hören, Korsika oder Nizza freizugeben. England reichte seine helfende Hand, hielt aber in der anderen Gibraltar, Malta und Zypern fest umklammert. Polen wollten sogar drei Mächte befreien, um es sich selbst einzuverleiben.

 

Das Beispiel gradlinigen Widerstands, das die italienische Partei den irredentistischen Versuchungen entgegensetzte, ist ebenfalls bekannt; noch klassischer ist das Beispiel der serbischen Partei, die mutig gegen den Militarismus Belgrads und das patriotische Fieber in einer Nation kämpfte, in deren Nachbarschaft die von Landsleuten bewohnten Gebiete lagen und die von dem um vieles stärkeren Österreich angegriffen wurde.

 

Fassen wir die in verschiedenen Texten gemachten Aussagen in drei Thesen zusammen:

  • 1) Die radikalen Marxisten in den Vielvölkerstaaten bekämpften zu Recht die sozialdemokratische These der bloß „kulturellen“, sprachlichen Autonomie im Einheitsstaat und verfochten die völlige Selbstbestimmung der kleineren Nationalitäten, allerdings nicht als bürgerliches oder von der Bourgeoisie ermöglichtes Resultat, sondern als Resultat des Kampfes gegen die Zentralgewalt und unter Teilnahme des Proletariats der herrschenden Nationalität.

  • 2) Freiheit und Gleichheit aller Nationalitäten sind bürgerliche und konterrevolutionäre Formeln und zudem unter kapitalistischer Herrschaft unmöglich. Dennoch ist der Widerstand der unterdrückten Nationalitäten und der kleinen „halbkolonialen“ oder protektierten Mächte gegen die großen staatlichen Kolosse eine Kraft, die zu deren Sturz beiträgt.

  • 3) Wenn die Internationale seit 1871 jede Unterstützung von Staatenkriegen seitens der eigenen politisch organisierten Kräfte zurückweist und die Existenz von feudalen und despotischen oder weniger demokratischen Staaten auf einer Seite der Front kein Grund für sie ist, von dieser historischen Position abzurücken, sie also überall für den revolutionären Defätismus eintritt, heißt das nicht, in der historischen Analyse nicht vorhersehen zu können und zu müssen, welche Wirkung die jeweils verschiedene Kriegsausgänge entfalten.

 

Wir haben bereits in anderen Texten Beispiele gegeben: Im Russisch-Türkischen Krieg von 1877, in dem die französisch-englische Demokratie sich als Fan der Russen gab, waren Marx‘ Sympathien klar auf Seiten der Türken. Im Griechischen Unabhängigkeitskrieg 1899 waren die linken Sozialisten für Griechenland (ohne dass die Teilnahme von Freiwilligen, wie bei den Anarchisten und Republikanern, erreicht wurde), so wie sie mit der Jungtürkischen Revolution 1908 und mit der griechisch-, serbisch-, bulgarischen Befreiung der von den Osmanen unterworfenen Territorien in den Balkankriegen von 1912 sympathisieren werden. Dasselbe ließe sich in Bezug auf die Buren gegen die Engländer oder den Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 sagen – imperialistisch motivierten Kriegen von außereuropäischer Tragweite. Doch dies waren in der „ruhigen“ Periode zwischen 1871 und 1914 nur Episoden.

 

Dann kamen die Weltkriege. Überall sollte man sich an den revolutionären Defätismus halten und jede Arbeiterpartei, die ihrem Staat oder seinen Verbündeten beigestanden hatte, war eine Verräterin. Aber zwischen dieser klaren Folgerung und dem Schluss, es sei für die Entwicklung der Ereignisse im revolutionären Sinn völlig gleichgültig, ob die eine oder andere Nation den Krieg gewinne, liegen Welten.

 

Unsere Position dazu ist bekannt. Die Möglichkeit der kommunistischen Revolution ist durch den Sieg der westlichen Demokratien und Amerikas im I. und II. Weltkrieg in weite Ferne gerückt worden – dasselbe gilt für einen Sieg des amerikanischen Monstrums in einem III. Weltkrieg, der in ein oder zwei Jahrzehnten ausbrechen kann.

 

Bedingung für die kommunistische Revolution ist der Sieg des Proletariats über die Bourgeoisie – mehr als das: er ist die Revolution selbst. Aber auf dem Terrain der Staatenkriege, die bisher (bis zum gegenteiligen Beweis) geschichtlich größere physische Energien als die sozialen Kriege freigesetzt haben, lassen sich auch revolutionäre Bedingungen ausmachen; die beiden wichtigsten bestehen in einer katastrophalen Erschütterung Großbritanniens und den USA – beides gigantische Schwungräder der enormen historischen Trägheitskraft des kapitalistischen Systems und der kapitalistischen Produktionsweise.

Eine den „Realpolitikern“ angebotene Formel für Triest

18. Die marxistische Position zu dem gegenwärtigen Streit um Triest[43] stützt sich auf zwei Eckpfeiler: 1911 stellt sich das italienische Proletariat gegen die Forderungen nach Vereinigung Triests mit Italien; 1915, im Krieg um Triest und Trient, lehnen die Sozialisten die Unterstützung ab und die Gruppen, die 1921 in Livorno die Kommunistische Partei gründen sollten, treten für die Sabotage des nationalen Krieges ein: Nach 1918 schließt sich das julisch-venetische Proletariat zweier Ethnien und Sprachen dem revolutionären Sozialismus und der Kommunistischen Partei an; das kommunistische Proletariat weist mit gleicher Entschiedenheit die nationalistische Politik sowohl der Regierung Roms als auch Belgrads zurück und mehr noch die unglaublichen politischen Kuhhändel der Kominformisten.

 

Durch einen merkwürdigen Zufall findet diese Versammlung in einem Moment statt, wo unerwartete Ereignisse Triest in den Vordergrund der internationalen Politik rücken. Wie stehen die Kommunisten zur Sache Triests?

 

Die kommunistische, 1921 in Livorno gegründete kommunistische Partei trat entschlossen für den Widerstand gegen den Krieg ein, der Triest und das julische und tridentinische Gebiet „befreite“, denn die Partei setzte sich aus Gruppen zusammen, die sich nicht mit der Ablehnung der Kriegskoalition und der Losung „non aderire né sabotare“[44] begnügten und entschieden für den Lenin‘schen Defätismus eintraten. Im Mai 1915 forderten sie daher den unbefristeten Generalstreik gegen die Mobilmachung und drängten die alte Sozialistische Partei während des ganzen Kriegsverlaufs und in der Periode des Falls von Caporetto[45] zur Aktion.

 

Wir haben also Triest nicht gewollt. Aber das proletarische und revolutionäre Triest gehörte zu uns; zur Kommunistischen Partei stieß die Mehrheit der politischen Sektionen, die Gewerkschaften, die Genossenschaften, gleich ob italienischer oder slowenischer Zunge, und die Zeitung „Lavoratore“ [Arbeiter] brachte die theoretischen Artikel und die sich auf die Politik und Organisation beziehenden Propaganda- und Agitationsartikel zweisprachig heraus. In den kommunistischen Reihen stand das rote Triest in vorderster Linie im Kampf gegen den Faschismus, der nur dank des Antretens der Karabinieri unter der Flagge Italiens Erfolg verbuchen konnte.

 

Mit der Haltung der sogenannten modernen „Kommunisten“ Italiens hat das nicht die Spur zu tun. Gestern verlangten sie, dass Triest an Tito gehe, um ins „sozialistische Vaterland“ geführt zu werden, heute kehren sie einen völlig übersteigerten Nationalismus heraus und nennen Tito „den Henker“. Die Rivalität zwischen Belgrad und Rom, die auf dem Gebiet der Weltdiplomatie miteinander wetteifern sowie die Rivalität zwischen den italienischen Parteien bezüglich der Lösungen für Triest wird durch die verstaubtesten nationalistischen Formeln kaschiert, wobei die Blödesten, die von ethnischen, sprachlichen und historischen Sophismen Gebrauch machen, nicht die „echten“ Bourgeois sind, sondern die „Marxisten“ Tito und Togliatti.

 

Normalerweise, und nicht bloß aufgrund der zahlenmäßigen Schwäche, interessiert uns folgende Frage überhaupt nicht: Was vertretet ihr praktisch, was schlagt ihr konkret vor? Aber diesen „Marxisten“ des Konkretismus und der Realpolitik werden wir eine Formel verabreichen, an die sie nicht gedacht haben. Die Frage der doppelten Nationalität und Sprache ist nicht dechiffrierbar, und man kommt hier nicht heraus, indem man den Venetern und Slowenen Vorträge auf Englisch oder Kroatisch hält.

 

Die Situation ist die: In den Städten leben überwiegend Romanen, die Slawen dagegen in den Dörfern auf dem platten Land und besonders entlang der Küste. Die Händler, Industriellen, Arbeiter und Akademiker sind Italiener; Grundeigentümer und Bauern sind Slawen. Ein sozialer Unterschied, der sich unter nationaler Hülle verbirgt und verschwinden wird, wenn die Arbeiter den Industriellen eins aufs Haupt geben und die Bauern die Grundeigentümer verjagen – jedenfalls wird er nicht durch Grenzziehungen verschwinden.

 

In der Verfassung der UdSSR, ihr kommunistisch-demokratischen Chefs in Italien, die einst von der jugoslawischen Volksrepublik übernommen wurde, ihr Marxisten aus Belgrad, war die Grundlage des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern folgende Formel: ein Repräsentant auf hundert Arbeiter, einer auf tausend Bauern.

 

Veranstaltet euer so gerühmtes Plebiszit (die Formel habt ihr von eurem gemeinsamen Feind Mussolini) nach der Regel, dass die Stimme des Städters (sagen wir der Städte mit über 10 000 Seelen) zehnfach, die des Dorfbewohners einfach zählt. Dann könnt ihr die demokratische Abstimmung ruhig auf den ganzen Raum zwischen den Grenzen von 1866 und 1918[46] ausdehnen: nehmt noch Gorizia, Pola (Pula), Fiume (Rijeka) und Zara (Zadar) mit dazu.

 

Aber auf der westlichen wie auf der östlichen Seite ist ihnen die dreckige bürgerliche Demokratie so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sich dem heiligen Dogma beugen (über das die reiche Klasse sich nur amüsiert): Die Stimme der Person hat immer und überall dasselbe Gewicht!

 

Wer weiß, ob mit der von uns angeregten Arithmetik nicht die Mehrheit für die folgende These stimmen würde: Fahrt beide zur Hölle!

Europäische Revolution

19. In der historischen Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte ist Triest ein Knotenpunkt, in dem ökonomische Fäden zusammenlaufen, die weit über die Grenzen der beiden streitenden Staaten hinausreichen, und ein Knotenpunkt der modernen technisch-industriellen Ausrüstungen und Verkehrslinien. Welcher Knoten auch immer, jede Trennung der Verbindungen mit dem Hinterland wirkt sich in umgekehrter Richtung auf die Ausdehnung des Handels aus, der die Basis der großen Bewegung für die Herausbildung der nationalen Einheit war, die im 19. Jahrhundert abgeschlossen wurde. Inmitten des 20. Jahrhunderts kann es für Triest nurmehr eine internationale Zukunft geben; und diese ist sicher nicht in politischen und wirtschaftlichen Kompromissen der bürgerlichen Kräfte zu finden, wohl aber in der europäischen kommunistischen Revolution, in der die Triester Arbeiter wieder einen ihrer Stoßtrupps stellen müssen.

 

Außer Frage steht, dass die Republik Venedig, als einer der ersten politischen Staaten, der sich im Glanz des ersten Kapitalismus sonnte, von Triest abhängig war (im Herzen des feudalen und halb-barbarischen Europas war Triest vorgeschobener Hafen und Handelsplatz) und dies ein historisch klar fortschrittliches Faktum war.

 

Als die weltweite Öffnung der Schifffahrtslinien den mediterranen Kapitalismus aus dem Felde schlug und der Weltmarkt sich durch Spanien, Portugal, Holland, Frankreich und England über die Atlantikrouten herzustellen schien, war es wieder Triest, von wo aus es möglich wurde, mit der neuen Produktionsweise in das Innere Mittel- und Osteuropas einzudringen – dort, wo sich die feudale und anti-industrielle Reaktion verschanzt zu haben schien und der neuen Organisation der Menschheit jahrhundertealte Hindernisse in den Weg legte.

 

Der Vielvölkerstaat Österreich, der die Adriamündung mit den entstehenden deutschen, magyarischen und böhmischen Industriezentren verband, hatte jedoch, verglichen mit den weiter entfernt von Russen und Türken errichteten Barrieren, noch eine fortschrittliche Stellung inne, die dann auch sukzessive vom Kapitalismus aufgesprengt wurde. Die spätere Situation, die sich durch die Anbindung an die mächtige deutsche Wirtschaft abzeichnete, und der Versuch, die angelsächsische wirtschaftliche Vorherrschaft im Mittelmeerraum abzuschütteln, bot die Möglichkeit, den Industrialismus auf der italienischen Halbinsel wieder vollständig durchzusetzen und auf dem Balkan zu behaupten.

 

In der Situation nach der Niederlage der Achse stand Triest nach wie vor in vorderster Reihe, als man, um die amerikanische Kolonisierung Europas und die widerlichen amerikanischen Pläne leichter ausbaldowern zu können, Triest und dem tridentinischen Gebiet einen Ausnahmestatus aufhalste.

 

Jeder revolutionäre Kommunist reichte dem Triester Proletariat in den folgenden schweren Phasen die Hand, in denen sich die Vertreter der schlimmsten Kapitalismen und der grausamsten militärischen Nationalismen dort einnisteten und ihre Orgien der Grausamkeit, Korruption und Ausbeutung veranstalteten. Nachdem sich so viele Hakenklauen und so viele Apparate des Luden-Kolonialismus auf engstem Raum formierten, wird das Triester Proletariat auf keiner Seite (ganz gleich übrigens, in welcher Sprache man es anspricht) einen nationalen Ausweg finden.

 

Es gibt nur eine internationale Lösung: Aber so wenig sie durch die Reibungen und Konflikte unter den Staaten herbeigeführt werden kann, so wenig wird sie durch deren demokratische Unzucht, durch die dreckige Einheit in der europäischen Knechtschaft herbeigeführt werden.

 

Wir wünschen uns keine nationale Flagge auf den Türmen von San Giusto, sondern den Anbruch der europäischen proletarischen Diktatur, die, wenn die Stunde endlich schlägt, unter jenem Proletariat, das aus solch schmerzhaften Erfahrungen geboren wurde, mit Sicherheit die entschlossensten Kämpfer finden wird.

 

Quellen:

“I fattori di razza e nazione nella teoria marxista”: Il programma comunista, Nr. 16-20, 1953.

* * *

MEW 4: Marx/Engels – Manifest der Kommunistischen Partei, 1848.

MEW 7: Marx – Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, 1850.

MEW 17: Marx – Erste Adresse des Generalrates über den Deutsch-Französischen Krieg, 1870.

MEW 17: Marx – Zweite Adresse des Generalrates über den Deutsch-Französischen Krieg, 1870.

MEW 17: Engels – Einleitung zu „Der Bürgerkrieg in Frankreich“, 1891.

MEW 22: Engels – Zur Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs, 1891.

MEW 29: Marx an Engels, 16. Oktober 1856.

MEW 29: Marx an Engels, 2. Dezember 1856.

MEW 30: Marx an Engels, 13. Februar 1863.

MEW 30: Marx an Engels, 24. März 1863.

MEW 31: Marx an Engels, 4. November 1864.

MEW 31: Marx an Engels, 10. Dezember 1864.

MEW 31: Marx an Engels, 1. Februar 1865.

MEW 31: Marx an Engels, 15. Januar 1866.

MEW 31: Engels an Marx, 10. April 1866.

MEW 31: Marx an Engels, 20. Juni 1866.

MEW 31: Marx an Engels, 7. Juli 1866.

 


[1] Die einer Grundherrschaft zugehörigen Bauerngüter verteilten sich über verschiedene Ortschaften, befanden sich also in Streulage. Zu einem Fronhof gehörte sowohl das Land des Feudalherrn, das er in „Eigenwirtschaft“ bearbeitete, das heißt, von unfreien Tagelöhnern und Bauern, die Fronarbeit (Arbeitsrente) zu leisten hatten, bearbeiten ließ, als auch das sogenannte Leihland, das an ehemals Freie zur Nutzung „verliehen“ wurde, wofür sie dem Feudalherrn eine Reihe von Abgaben (Produktenrente) schuldeten.

[2] Scholastik: die scholastische Philosophie will mit Hilfe der antiken Welt- und Seelenlehre, insbesondere des Aristoteles‘, das katholische Dogma begründen.

[3] Allod Die der Gentilordnung immanenten, im Dualismus zwischen Gemein- und Privateigentum begründeten Zersetzungstendenzen führten mit der Völkerwanderung zur Auflösung der germanischen Urgemeinschaft, die die Übergangsperiode von Gemeineigentum zu Privateigentum beschleunigte. So fanden sich in den von den germanischen Völkern eroberten römischen Ländern, die zuvor einzelnen Familiengenossenschaften zugewiesenen Anteile an Ackerland als jetzt frei veräußerliches Privateigentum (Allod), während Ödland, Wald, Wiese und Gewässer weiterhin gemeinsam blieben.

[4] Mit Guelfen und Ghibellinen werden zwei gegeneinander kämpfende Herrschergeschlechter im Italien des 12.-15.Jahrhunderts in der Periode des Kampfes zwischen den römischen Päpsten und den deutschen Kaisern bezeichnet. Die Guelfen, auch Welfen genannt, gehörten zu den Spitzen der Handels- und Handwerkerschichten und unterstützten das Papsttum und dessen Ansprüche auch auf die weltliche Macht; die Ghibellinen waren Vertreter des Feudaladels und die treueste Stütze der deutschen Kaiser – allerdings wechselten beide Parteien je nach Opportunität auch die Seiten und fochten ihre eigenen Händel aus, so dass sich ihr ursprünglicher Gegensatz im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts immer mehr verlor. Ihre Existenz spiegelt im Grunde einen Klassengegensatz innerhalb der langsam entstehenden Bourgeoisie wider, deren einer Teil noch dem Grundbesitz verhaftet war, während sich der andere Teil immer mehr dem Handwerk und dem Handel zuwandte.

[5] Auch wenn die katholische Kirche zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert kaum noch Einfluss auf die Ereignisse hatte und ihre sittliche Macht in der Gesellschaft verfiel, konnte sie doch inmitten der Trümmer des Römischen Reiches ihre Organisation, ihre Hierarchie intakt halten und ihren unermesslichen Grundbesitz wahren. Sie blieb jedenfalls die einzige kulturelle Macht jener Zeit und durch sie setzte sich die römische Tradition wirksam fort. Sie besaß das Bildungsmonopol, hielt die staatlichen Institutionen aufrecht, und in der Folge klerikalisierte sich der Staat [aus: „Geschichte Europas“, Henri Pirenne, Oktober 1982, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main; Zweites Buch, Erstes Kapitel: Die Kirche, S. 47 ff].

[6] Etymologisch nicht uninteressant, bedeutet „gemein“ ursprünglich etwas, was den Menschen gemeinsam ist, das einfache Volk angeht, während es heute ein Synonym für boshaft und hinterhältig ist.

[7] Die ironische Bemerkung Bordigas bezieht sich auf die lateinische Sprache, und diese war in der Handelskorrespondenz stilistisch mitnichten brillant. Cäsar und Cicero waren berühmte Redner, die über eine literarische und rhetorische Schulung verfügten, denen daher bei dem „geschäftlichen“ Latein die Haare zu Berge gestanden hätten.

[8] DieDie Entstehung von Dantes Werk „De Monarchia“, worin er das „Heilige Weltreich“, das Kaisertum, entwickelt und begründet, wird unterschiedlich, zwischen 1308 und 1317, datiert. Dante weicht in diesem, von staatlichen Fragen handelnden Werk von der scholastischen Lehre (die mit Hilfe der Welt-, Seelen- und Sittenlehre der Antike, v.a. Aristoteles', das katholische Dogma philosophisch begründen will) ab. Staatlichkeit ist bei ihm ein Teil der göttlichen Heilsordnung. Der Kaiser, der als oberster Richter über die Völker gebietet, führt die Menschheit kraft seiner Weisheit zum ewigen Frieden, während das Papsttum die Seelen zur ewigen Seligkeit führen soll. Dante sieht den Quell alles Übels seiner Zeit im Weltmachtstreben der Kirche, die die gottgewollte Staatsordnung, und damit Friede und Wohlleben der Völker, zerstört hat. Seine einzige Hoffnung ist die Wiederherstellung des heiligen Weltreiches.

[9] Die geographischen Entdeckungen im 16. und 17. Jahrhundert verlagerten die Handels- bzw. Schifffahrtslinien vom Mittelmeerraum auf die Atlantikrouten, was den Aufstieg Portugals, Spaniens, Hollands, Englands und Frankreichs mitbedingte. Die Ausdehnung des Weltmarktes, der größere Warenumlauf und der Wettlauf um die asiatischen Produkte und amerikanischen Schätze (Gold) – kurz: das Kolonialsystem, das die Entwicklung des Kaufmannskapitals enorm steigerte – bildeten ein Hauptmoment beim Übergang der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise.

[10] Oliver Cromwell (1599 – 1658) führte die bürgerliche Revolution in England im 17. Jahrhundert an (in der Geschichtsschreibung ist von seinem Tod infolge der Malaria die Rede. Sein Leichnam soll allerdings 1661 exhumiert und er posthum hingerichtet worden sein). Nach dem Sieg im zweiten Bürgerkrieg wurde 1649 der König (Karl I) hingerichtet und die Republik errichtet, die bis 1660 Bestand hatte. Mit der „Glorreichen Revolution“ 1688/89 wurde mit den „Bill of rights“ das parlamentarische System etabliert, doch ohne das die Bourgeoisie bereits die ungeteilte politische Macht besessen hätte.

[11] Das Wort bezeichnet im alten Griechenland die eine feststehende Länge aufweisende Bahn für die Wettläufer.

[12]Nach seinem Staatsstreich vom Dezember 1851 suchte Napoleon III., „unter dem Vorwand, das Nationalitätenprinzip zur Geltung zu bringen, Annexionen zu ergattern“ [MEW 22, S. 516]; Frankreich beteiligte sich deshalb 1854 bis 1855 am Krimfeldzug, führte weiter 1859 Krieg mit Österreich wegen Italien, nahm 1856 bis 1858 und noch einmal 1860 an den Kriegen gegen China teil, begann mit der Eroberung Indochinas, organisierte 1860/61 eine Expedition nach Syrien und 1862 bis nach Mexiko, um schließlich 1870 den Krieg gegen Deutschland zu initiieren.

[13] Chartismus:proletarisch-revolutionäre Bewegung in England um 1830-50, historisch die erste Arbeiterpartei in Europa. Mit dem Auftreten und Erstarken der Arbeiteraristokratie verfiel die Bewegung.

[14] Die Dynastie der Bourbonen vertrat das große Grundeigentum und den Klerus, die der Orléans die hohe Finanz, die Großindustrie und den Großhandel. Bourbonen (oder Legitimisten) und Orleanisten bildeten 1848 eine Koalition gegen das aufständische Proletariat und hatten bis zum Staatsstreich Louis Napoleons am 2. Dezember 1851 die führende Rolle in der gesetzgebenden Versammlung der Zweiten Republik inne. 1871 traten sie beim vereinigten Kampf der Bourgeoisie gegen die Kommune wieder in Erscheinung.

[15]Nachdem der Feudaladel in Piemont die Führung der bürgerlich-demokratischen Befreiungsbewegung (Garibaldi) an sich reißen konnte und damit der Aufstand gelähmt wurde, zwang die revolutionäre Lage König Karl Albert, Österreich den Krieg zu erklären, das allerdings die Oberhand behielt. Im August 1848 erlaubte der Waffenstillstand der Habsburger Monarchie, die Revolution in der Lombardei niederzuwerfen und gegen Ungarn vorzugehen (Kossuth). Im März 1848 Annullierung des Waffenstillstands und Wiederaufnahme der Kämpfe. Piemont unterlag nochmals infolge der Haltung und Politik der Monarchie. Marx und Engels kritisierten, dass gegen die Österreicher mit regulären Truppen gekämpft wurde statt den Aufstand, den Revolutionskrieg, auch in der Lombardei zu organisieren.

[16]Der Krieg gegen Dänemark war ein Meilenstein für Deutschlands Einheit „von oben“ (Bismarck). Die Ende 1863 anwachsende nationale Bewegung in den beiden unter dänischer Verwaltung stehenden Herzogtümern (während Holstein vollständig deutsch besiedelt war, beschränkte sich das Recht auf Schleswig auf den Süden, weshalb Engels sich für dessen Teilung aussprach) war für Preußen und Österreich der Anlass für den Krieg gegen Dänemark, der im Februar 1864 begann und mit ihrem Sieg endete. Nicht die Volksbewegung also, sondern ein dynastischer Krieg entschied hier vorerst die nationale Frage.

[17]Der Mincio bildet neben dem unteren Po in Norditalien eine natürliche, durch die Etschlinie verstärkte Verteidigungslinie, die die österreichische Fremdherrschaft (unter deren Schutz die kleinen Fürstentümer schalteten und walteten) für zahlreiche Schlachten nutzte; Österreich prägte damals die Losung „Deutschland wird am Mincio verteidigt“. Ebenso wie Napoleon III. den Rhein als „natürliche Grenze“ Frankreichs proklamierte, war für Österreich der Mincio und untere Po die „natürliche Grenze“ zwischen Deutschland und Italien. Engels widerlegte in seiner Schrift „Po und Rhein“ [MEW 13, S. 225 ff] die Theorie, wonach Deutschland, um sich zu verteidigen, Italien (Lombardei und Venedig) beherrschen müsse, weil sonst die ganze Südgrenze Deutschlands dem Erzfeind Frankreich preisgegeben würde.

[18]In „Der Bürgerkrieg in Frankreich“, als „Adresse der Internationalen Arbeiterassoziation“ an alle Mitglieder in Europa und den Vereinigten Staaten geschrieben, sagte Marx, als er auf den Henker der Pariser Kommune, Thiers, zu sprechen kommt: „… hatte Thiers seine Hand in allen Infamien des zweiten Kaiserreichs, von der Besetzung Roms durch französische Truppen bis zum Krieg gegen Preußen, zu dem er aufhetzte durch seine heftigen Ausfälle gegen die deutsche Einheit – nicht als Deckmantel für den preußischen Despotismus, sondern als Eingriff in das ererbte Anrecht Frankreichs auf die deutsche Uneinigkeit“ [MEW 17, S. 324].

[19]Hingewiesen sei hier auf Marx‘ „Manuskripte über die polnische Frage (1863-1864)“ (herausgegeben von Werner Conze und Dieter Hertz-Eichenrode, s’Gravenhage: Mouton & Co., 1961). Schriften, die in der MEW nie erschienen.

[20]Bereits um 1800 war allen Revolutionären klar, dass die Unabhängigkeit Polens, wie 1789 in Frankreich (und später auch in den anderen Ländern), mit dem Sturz der Aristokratie und der Agrarreform zusammenfallen musste. In der „Außenpolitik“ (Engels) der selbständig auftretenden Arbeiterklasse war der wichtigste Punkt die Wiederherstellung Polens, dessen Existenz als unabhängiger Staat aufgehört hatte, nachdem die Heilige Allianz das Land drei Mal (1772, 1793 und nochmals 1795) unter sich aufgeteilt bzw. Russland Polen verschluckt hatte. Als Russland, die damals stärkste Kontinentalmacht, 1815 den größten Teil Polens für sich nahm, machte die somit weit nach Westen vorgeschobene Stellung definitiv deutlich, dass die Niederhaltung Polens dem Ziel der strategischen Beherrschung des Weichselgebietes und der Herstellung einer Basis für den Angriff nach Norden, Süden und Westen dienen sollte, um dem russischen Weltmachtstreben freie Bahn zu schaffen. Hintergrund der proletarischen Außenpolitik war daher die Tatsache, dass die nationale Einheit auch Deutschlands, Italiens und seit 1848 Ungarns (jener Länder also, die unter der Teilung und Zerstückelung litten) unmöglich erreicht werden konnte, ohne das konterrevolutionäre Bollwerk des zaristischen Staates zu stürzen, die Organe der Arbeiterklasse forderten wiederholt den Krieg mit Russland. Der Aufstand der polnischen Demokraten von 1846 (auch dieses Mal nicht von Erfolg gekrönt) bildete den Prolog der revolutionären Bewegungen 1847/48. Zusammen mit dem politischen Ziel der Unabhängigkeit Polens sicherte der entschieden soziale Charakter des Aufstandes (Gleichheit aller Bürger, Aufhebung der Leibeigenschaft) die praktische Verbindung mit der Arbeiterklasse Italiens, Deutschlands und Ungarns, also den großen und genau definierten historischen Nationen, in denen die Arbeiter noch im Bündnis mit der Bourgeoisie um die nationale Einheit zu kämpfen hatten. Der nächste große polnische Aufstand von 1863, von dem hier die Rede ist, spielte bei der Gründung der I. Internationale eine große Rolle, da die Solidarität mit den Polen der Gradmesser für die revolutionäre Reife der Bewegungen war, und auf der anderen Seite die Polen mit in die europäische Bewegung hineinkommen mussten.

[21]Beide Schriften in MEW 13, S.225 ff. und 571 ff.

[22]An die Stelle der dritten Internationale (Komintern), die 1943 auch formell aufgelöst wurde, trat zwischen 1947-1956 das Kommunistische Informationsbüro (Kominform).

[23]Auf Bismarcks Initiative schlossen Preußen und Russland zwei Wochen nach Beginn des Aufstandes ein Abkommen, worin den zaristischen Truppen Unterstützung bei der Niederwerfung des polnischen Aufstandes zugesichert wurde. Die preußische Bourgeoisie wusste, dass ein Krieg gegen Russland, zu dem die nationale Wiederherstellung Polens geführt hätte, sie stürzen würde. Preußen fürchtete zudem ein Übergreifen auf den preußischen Teil Polens, womit der Aufstand eine Sache des ganzen polnischen Volkes geworden wäre.

[24]A. I. Herzen (1812 - 1870) russischer revolutionärer Demokrat, Philosoph, Publizist (Zeitschrift: Kolokol), setzte auf eine revolutionäre Bewegung in der russischen Armee, die sich zusammen mit den polnischen Insurgenten gegen den Zar richten sollte.

[25]Boustrapa: aus den ersten Silben der Städtenamen Boulogne, Straßburg und Paris gebildeter Spitzname Napoleons III., von 1852-70 Kaiser der Franzosen. Der Spitzname spielt auf die Putschversuche (der erste wurde in Straßburg 1836 niedergeschlagen, der zweite scheiterte 1840 in Boulogne-sur-Mer, für den er in Festungshaft genommen wurde – 1846 konnte er fliehen –, wo er sein bonapartistisches Manifest: „Die Vertilgung des Pauperismus“ schrieb) und den Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 in Paris an, mit dem Bonaparte seine Diktatur errichtete.

[26]Johann Georg Eccarius (1818 – 1889) war bis 1872 einer der engsten., treuesten und in der IAA auch wichtigsten Verbündeten von Marx, der unter Marx‘ Aufsicht auch eine bedeutende ökonomiekritische Schrift („Eines Arbeiters Widerlegung der national-ökonomischen Lehren John Stuart Mill’s“) verfasste, die, weil Marx sie redigiert hat, sogar in die MEGA aufgenommen wurde.

[27]Gemeint ist der Aufstand von 1863, dessen dritter Jahrestag auf Initiative der Internationalen Arbeiterassoziation und der polnischen Emigration mit einer Veranstaltung begangen wurde; es wurde eine Resolution angenommen, die sich mit dem nationalen Befreiungskampf Polens solidarisch erklärte.

[28]Der Pole Ludwik Mieroslawski war 1846 und 1848 ein Führer der polnischen, und 1849 auch der sizilianischen Unabhängigkeitsbewegungen.

[29]Deutschland annektierte, nachdem es Polen am 1. September 1939 überfallen hatte, die westlichen Teile des Landes, woraufhin Russland, zum „Schutz“ der weißrussisch-ukrainischen Bevölkerung, am 17. September Ostpolen besetzte. Die Annexion und Aufteilung des polnischen Staatsgebietes war zuvor in einem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt beschlossen worden.

[30]Gemeint ist der kaum bekannte Warschauer Aufstand im August 1944. Die Aufständischen kämpften nicht für ein freies Polen der Kapitalisten und Grundeigentümer, sondern für die Befreiung der Arbeiterklasse, weswegen zu Recht von der Warschauer Kommune zu sprechen ist. Als sie sich erhoben, stand die „Rote Armee“ bereits vor den Toren Warschaus, griff aber nicht ein, sondern überließ, bevor sie selbst im Triumpf in die Hauptstadt einmarschierte, es den deutschen Truppen, den Aufstand niederzuschlagen: 200 000 Tote (fast alle Mitglieder des revolutionären sozialistischen Bundes in Warschau), 100 000 Gefangene. Dass auch die nationalkommunistische Presse keine Notiz vom Aufstand nahm, erklärt sich, wenn man z.B. die Erklärung des Kommandanten Monter-Chrusciel vom 3. Oktober liest: „Nach 63 Tagen harten Kampfes, in denen uns die notwendigen Hilfen nicht zuteil wurden, ist eine Verteidigung nicht mehr möglich. Wir hatten die Alternative, entweder mit den Deutschen zu verhandeln oder versuchen, uns einen Weg zu den sowjetischen Truppen zu bahnen. Letztere haben uns nicht zugesichert, als reguläre Soldaten anerkannt zu werden. Wir konnten uns also nur den Deutschen ergeben, die versprachen, uns als Kriegsgefangene anzuerkennen, oder der Deportation nach Sibirien entgegensehen.“

[31]Der Deutsch-Französische Krieg wurde insbesondere mit der „Schlacht von Sedan“ für Preußen entschieden.

[32]Das italienische Venetien hatte (mit einer kurzen Unterbrechung) zwischen 1798 bis 1866 zu Österreich gehört. Bei der Vorbereitung des zweiten deutschen Einigungskrieges, der Österreich aus dem Deutschen Bund drängen sollte, nutzte Bismarck die italienische nationale Befreiungsbewegung gegen das österreichische Joch aus und schloss mit Italien einen Bündnisvertrag. Italien erklärte Österreich im Juni 1866 den Krieg; Preußen siegte (und Italien erhielt Venetien zurück), der Deutsche Bund unter Führung Österreichs wurde aufgelöst und es gründete sich der Norddeutsche Bund unter Führung Preußens – Vorstufe des deutschen Nationalstaates. Die von Marx und Engels erhoffte Niederlage Preußens hätte gleichzeitig mit der Revolution in Deutschland (Berlin) Österreich und Russland, die Feinde der westlichen Nationenbildung, in Schach gehalten.

[33]So nannte Charles Fourier seine utopistisch-sozialistischen Kolonien.

[34]In der Schlacht bei Königgrätz (beim Dorf Sadowa) standen die Truppen Preußens im Juli 1866 den Armeen Österreichs und Sachsens gegenüber. Preußen siegte und wurde dadurch Führungsmacht in Deutschland. Die Schlacht gilt als einer der Wegbereiter für die Deutsche Reichsgründung 1871.

[35]Ende April 1859 Krieg Frankreichs und Piemonts (Dynastie Savoyen) gegen Österreich, mit dem Bonaparte italienisches Territorium gewinnen wollte, während die italienische Großbourgeoisie die Einigung Italiens unter Führung Piemonts erhoffte. Dem an der Zersplitterung Italiens interessiertem Napoleon III. kam die Stärke der italienischen nationalen Bewegung in die Quere – nach einem militärischen Sieg gegen Österreich schloss er mit demselben einen Separatfrieden, was hieß, dass Venetien weiter unter österreichischer Herrschaft blieb und Frankreich die Lombardei erhielt, die es später gegen Savoyen und Nizza eintauschte.

[36]Der Ausruf eines Rouher à la Chambre am 4.12.1867 „Frankreich wird Rom niemals aufgeben“ bezieht sich auf die Besetzung und Bombadierung Roms durch französische Truppen nach der Niederschlagung der Revolution von 1848/49; Ziel war, die Römische Republik zu beseitigen und die weltliche Macht des Papstes wiederherzustellen. Zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges im Juli 1870 lehnte die italienische Regierung daher den französischen Vorschlag für ein Bündnis gegen Preußen ab. Die Niederlagen Frankreichs nutzte Italien dann, um im September 1870 Rom mit dem Königreich Italien zu vereinigen.

[37]Der Deutsch-Französische Krieg begann, wie bekannt, als Verteidigungskrieg, denn objektiv torpedierte Napoleon III. ständig die Einigung Deutschlands – für eine selbständige Arbeiterbewegung wäre ein Sieg Frankreichs fatal gewesen, weil, wie Engels in einem Brief an Marx schrieb (15.8.1870): „der Kampf um Herstellung der nationalen Existenz dann alles absorbiert“, die nationale Existenz also wieder den Primat gehabt hätte. Die Politik der Bismarck-Regierung brandmarkten Marx und Engels nicht minder, weil sie um ihrer eigenen Macht willen die nationale Volksbewegung ausbeutete und „mit demselben Louis Bonaparte konspirierte“. In der Tat ging der deutsche Verteidigungskrieg nach dem Sturz des Zweiten Kaiserreichs (Sedan) in einen Eroberungskrieg von deutscher Seite über. Preußens Absicht war die Annexion Elsass-Lothringes. Siehe „Erste“ und „Zweite Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg“ in MEW 17, S. 3 ff. und S. 271 ff.

[38]Siehe MEW 17, S. 273.

[39]Engels schreibt in seiner Einleitung zur Dritten Adresse des Generalrats: „Der Bürgerkrieg in Frankreich“: „ … Und hat sich nicht buchstäblich bewährt die Voraussage, daß die Annexion Elsaß-Lothringens ‚Frankreich in die Arme Rußlands hineinzwingen‘ werde, und daß nach dieser Annexion Deutschland entweder der offenkundige Knecht Rußlands werden oder sich nach kurzer Rast zu einem neuen Krieg rüsten müsse, und zwar zu einem Racenkrieg gegen die verbündeten Racen der Slawen und Romanen‘?“ [MEW 17, S. 615/16]; Engels fragt weiter, ob nicht schon die Annexion der französischen Provinzen Frankreich in die Arme Russlands getrieben hätte.

[40]Die Pariser Kommune im März 1871 war, wie der Text ausführt, das Ereignis in der Geschichte der Arbeiterbewegung, mit dem die Arbeiter (in Westeuropa) im historischen Sinne aufhörten, die Bourgeoisie und ihre nationale Existenz zu unterstützen, um ab jetzt die eigene Revolution auf die Tagesordnung zu setzen. Hatte Marx noch in der 2. Adresse der Ersten Internationale im September 1870 die französischen Arbeiter vor dem Versuch gewarnt, die neue Regierung (die neue, nicht als soziale Errungenschaft, sondern bloß als nationale Verteidigungsmaßnahme proklamierte Republik, die sich aus Orleanisten und Bourgeois zusammensetzte) zu stürzen, weil die preußischen Eroberer nahe Paris standen und bei einem verfrühten Aufstand die Niederlage der Arbeiter zu befürchten stand, steht die Internationale im März 1871 bedingungslos auf der Seite der Kommunarden. Hinsichtlich der Revolutionstheorie datiert von 1871, der Kommune, die „endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte“: Diese politische Form ist die Diktatur des Proletariats. [MEW 17, S. 342].

[41]terre irredente = „unerlöste Gebiete“. Ein Begriff, der 1861, nach der italienischen Einigung entstand und auf die „Heimführung“ der unter österreichisch-ungarischer Herrschaft lebenden, italienischsprachigen Bevölkerung zielte.

[42]Siehe „Russia e rivoluzione nella teoria marxista“, insbesondere den 1. Teil: Il p.c. Nr.21, 1954 und Nr. 8, 1955. Und: „Le lotte di classi e di Stati nel mondo dei popoli non bianchi“ : Il p.c. Nr.3, 1958).

[43]Nach dem 2. Weltkrieg und der Besetzung Triests durch jugoslawische Partisanen Titos begann der Streit zwischen Jugoslawien und Italien um den Besitz der Stadt Triest. 1947 waren Triest und die umliegende Region zum „freien Territorium“ erklärt und in zwei Zonen aufgeteilt worden. Die städtische Zone (Triest und die nächste Umgebung) unterstand (unter Mitwirkung Italiens) britisch-amerikanischer, die ländliche Zone (Hinterland Triests und der Nordwesten Istriens) jugoslawischer Militärverwaltung. Zwischen beiden Gruppen blieb diese Teilung eine Quelle des Konflikts (wobei wie gewöhnlich die ethnische Verschiedenheit als Grund dafür in den Vordergrund gestellt wurde), wozu auch die Wechselfälle im Verhältnis zwischen Belgrad und dem Westen nach dem Bruch Titos mit Moskau beitrugen. Etwa ein halbes Jahr, nachdem die hier vorliegende Schrift veröffentlicht worden war, wurde der Konflikt offiziell beigelegt – Triest wurde Italien zugeschlagen und der Grenzverlauf zugunsten Jugoslawiens festgelegt. Es muss kaum hinzugefügt werden, dass eine solche Lage in den Jahren 1947 - 1954 den Irredentismus wieder aufleben ließ, der nach dem 1. Weltkrieg begraben schien. Die Moskauer Kommunisten in Italien stellten sich zunächst auf die Seite Titos; nach dem Bruch Titos mit Moskau heizte ihr patriotischer Feuereifer und ihre nationalistische Rhetorik das politische Klima in Triest auf, das eine kosmopolitische und, was die Arbeiterklasse angeht, internationalistische Tradition hatte.

[44]„Weder mitmachen noch sabotieren“: Schlagwort der SPI im ersten Weltkrieg.

[45]Im Oktober 1917 durchbrachen österreichische und deutsche Truppen die Front bei Caporetto und drangen in die Venetische Ebene vor. Angesichts dieser „militärischen Katastrophe für Italien“ (eine Viertelmillion italienischer Soldaten wurden durch österreichische und deutsche Truppen gefangengenommen und die drohende Invasion der Po-Ebene überschatteten alle Meldungen über die Vorgänge in Russland) gab die SPI ihre scheinbar neutrale Haltung des „Weder mitmachen noch sabotieren“ auf und trat jetzt offen und entschieden für die Vaterlandsverteidigung ein. Die Arbeiterschaft habe in der „Stunde der Gefahr allen Groll gegen die eigene Regierung zurückstellen und im Kampf gegen den äußeren Feind das Vaterland und mit ihm die Freiheit zu retten.“

[46]Bezieht sich auf die Grenzen der Österreichisch-Ungarischen Monarchie.