Asti – Juni 1954

Vulkan der Produktion oder Sumpf des Marktes?

Erster Teil

Vorwort

1. Arbeitsmethode

Unsere Arbeitsmethode zielt auf eine allgemeine Systematisierung der historischen marxistischen Theorie; aus offenkundigen Gründen aber lassen die begrenzten Mittel und Möglichkeiten der heutigen Bewegung nicht zu, dies auf organische Art und Weise zu tun, indem all die verschiedenen Teile harmonisch zusammengeführt werden, und schon gar nicht soll dies getan werden, indem ein bestimmter „Stoff“ Kapitel für Kapitel, wie in einer Schulstunde oder Universitäts-Vorlesung, durchgenommen wird.

 

Im Rüstzeug der kommunistischen Bewegung sind zahlreiche gravierende Risse entstanden, die zu schließen sind; doch auf dieser Arbeit lastet gleichzeitig die Bürde der schlimmsten Erscheinungen von Desorientierung und Opportunismus und in gewisser Hinsicht auch der von uns so gering geschätzten Aktualität; und immer wieder sind Theorien richtig zu stellen, die von Gruppen ausgeklügelt wurden, die sich radikal und uns „verwandt“ wähnen.

 

Daher sind einige wichtige Felder der proletarischen Theorie, Methode und Taktik der Reihe nach bearbeitet worden, mal in unseren Arbeitsversammlungen, mal als Artikelreihe in unserer 14-tägig erscheinenden Zeitung (il programma comunista, im Folgenden il p.c.) unter der Rubrik „Im Faden der Zeit“. Schon lange aber scheint es nicht möglich, eine Broschüre unserer Zeitschrift herauszugeben, die mit der Artikelreihe des „Dialog mit Stalin“[1] ebenfalls den Namen „Faden der Zeit“[2] bekommen sollte.

 

2. Verbreitung des Materials

In mehr oder minder ausführlich gefasster Thesenform, mitunter auch in Form von Thesen und Gegenthesen, konnte die in der Zeitung bzw. die im Zeitungsformat erscheinende Broschüre das herausgegebene Material für diejenigen Genossen bereitstellen, die sich um die Verbreitung unseres Programms in einem weniger engen Kreis kümmern. Wurden jedoch die auf den Versammlungen gehaltenen Vorträge, die nicht gerade durch Kürze glänzen und manches Mal schwierige theoretische Themen behandeln, nicht in geeigneter Form veröffentlicht, erschwerte das jedenfalls die weitere Arbeit.

 

Vor der heutigen gab es acht Versammlungen (zwei regionale nicht mitgerechnet), deren erste am 1. April 1951 stattfand. Ein vollständiger Bericht über die ersten beiden Arbeitstreffen wurde mithilfe eines vervielfältigten Parteiblattes gegeben, während das Material der anderen Versammlungen, die letzte im April 1953 in Genua, in der erwähnten Broschüre in zusammengefasster Form erschien.[3] Das ganze Material liegt also in gewisser Weise vor, samt mancher richtungsweisender Hinweise auf die Fragen der Theorie, des Programms, der Politik und Taktik – und auf dem Gebiet der Ökonomie, Geschichte, Gesellschaft und Philosophie mithilfe der in der Zeitschrift und Zeitung vorhergegangenen Veröffentlichungen.

 

3. Die nationale Frage

Obschon das Hauptziel dieser Arbeit darin bestand, unser Parteiprogramm gegen die Versumpfung durch die opportunistischen Wellen, die die 3. Internationale mit sich fortrissen, zu behaupten und diese Kritik historisch mit der starken Opposition der italienischen Linken hinsichtlich der Taktik zwischen 1919 und 1926, also vor dem Bruch mit dem Moskauer Zentrum, zu verknüpfen, erwies sich infolge wiederholter Nachfragen von Genossen als notwendig, die marxistische Bedeutung der großen strategischen Fragen zu klären, die gemeinhin als nationale und koloniale Frage und als Agrarfrage bezeichnet werden.

Gegenstand der Triester Versammlung vom 29.-30. August 1953 war die umfassende Ausarbeitung der Fragen der Rasse und Nation im Marxismus. Diese Arbeit sollte die einfache Subsumierung jener Verhältnisse unter einen simplen Klassendualismus (der uns immer untergeschoben wurde) durch die korrekte Bewertung der Achse des historischen Materialismus ersetzen – dessen Grundlage noch vor der Produktion die Reproduktion des Lebens ist –, um aus dem vorliegenden Material die komplexen und zahllosen Überbaustrukturen der menschlichen Gesellschaft zu deduzieren. Das Material wurde Ende letzten Jahres in Form von Fortsetzungsartikeln unter der Rubrik der „Fäden“ zur Gänze veröffentlicht, so dass die Genossen damit arbeiten können.[4]

Allerdings stellten wir in Triest die marxistische Sicht zur nationalen europäischen Frage nur bis zum 19. Jahrhundert dar, so dass noch die mit der Periode des Imperialismus und des Weltkrieges verbundene Frage der Kolonien, der farbigen Völker und des asiatischen Raumes offen blieb.

Über die darauffolgenden Ausführungen in Florenz, die als Brücke zwischen den marxistischen Angaben in den klassischen Schriften und denen im Werk Lenins sowie den Thesen der ersten beiden Weltkongresse der 3. Internationale dienen sollte, gibt es bisher nur einen kurzen Bericht in unserer Zeitung. Ein ausführlicherer und genauerer Bericht anhand der auf der Versammlung bereitgestellten Unterlagen ist seitdem, also seit dem 6.-7. Dezember letzten Jahres, weder verfasst noch verbreitet worden. Das sollte nachgeholt werden, denn aufgrund der fehlenden Dokumentation haben einige Genossen manche Positionen nicht korrekt auf- und annehmen können.[5]

 

4. Die Agrarfrage

Die Nachfragen seitens anderer Genossen zur Agrarfrage gaben den Anstoß, diese in einer Artikelreihe der „Fäden“ zu behandeln; sie erschien ab Ende 1953, ist vor Kurzem abgeschlossen worden und bildet mit den Schlussthesen in der letzten Ausgabe von il p.c. ein organisches Ganzes.[6] Dennoch bleibt auch hier, wie ihr wisst, eine Menge zu tun. Die Marx’sche Anschauung der Agrarfrage wurde vollständig dargelegt, und es wurde gezeigt, dass diese kein Kapitel für sich ist (was ja im Marx‘schen Werk auch sonst nie der Fall ist), sondern die gesamte Theorie der kapitalistischen Ökonomie und darüber hinaus all ihre vom revolutionären Programm des Proletariats untrennbaren Bindeglieder enthält. In einer sehr bald in Angriff zu nehmenden weiteren Artikelreihe soll einerseits die Geschichte der Agrarfrage in der russischen Revolution entwickelt und nachgewiesen werden, dass die Ausführungen Lenins völlig mit der klassischen Parteitheorie übereinstimmen, andererseits soll die korrekte Erklärung der gesellschaftlichen Zukunft im heutigen Russland adäquat erläutert werden.[7]

 

5. Die allgemeine Ökonomie

Die Schlussfolgerungen in der Agrarfrage führen direkt zum Gegenstand des heutigen Vortrags, nämlich dem großen Kampf – der nicht in den Köpfen oder auf dem Papier stattfindet, sondern den realen Gegensatz von in der Gesellschaft wirkenden Klassenkräften ausdrückt – zwischen dem ökonomischen Bauwerk der Marxisten und den vielen Konstruktionen, die Anhänger und Apologeten der kapitalistischen Ordnung fabrizieren; all diese Konstruktionen ähneln einander und keine ist neu und original.

Das richtige Verständnis unserer Prinzipien muss die Wiederherstellung unserer Bewegung gegen eine doppelte Gefahr absichern, die, trotz des strengen Cordon Sanitaire organisatorischer Kompromisslosigkeit, worüber so oft gespottet wird, den einen oder anderen bedroht, der weniger erfahren ist als wir.

Eine Gefahr ist, sich von den klar gegensätzlichen Theorien nach Marx aufgetretener Ökonomen und ihrem vermeintlichen Vorteil, nämlich über „reicheres“ Material zu verfügen, beeindrucken zu lassen; eine Sache, die ihrem Anspruch in die Hände arbeitet, laut dem die Marx’sche Theorie samt ihrer Voraussicht durch die Wechselfälle in der Wirtschaftswelt widerlegt sei.

Die zweite Gefahr ist, dass eher anmaßende als bemühte Elemente angesichts des furchtbaren Zusammenbruchs der Arbeiterfront behaupten, die ökonomische Theorie des Kapitalismus und seines Endes müsse anhand der Tatsachen neugeschrieben werden, die Marx noch nicht hätte sehen können, weshalb viele seiner Positionen zu berichtigen seien.

 

6. Der Froschmäusekrieg

Zum letzten Punkt entrichteten wir unlängst unseren Obolus mit einer Artikelreihe der „Fäden der Zeit“, die sich mit dem „Froschmäusekrieg“ einiger kleiner Gruppen befasste, wie z.B. dem Grüppchen „Socialisme ou Barbarie“ (dem sich einige aus unserer Bewegung angeschlossen haben), das einen „Neuaufbau“ der marxistischen Theorie und eine Eliminierung seiner „Irrtümer“ verlangt.[8] In diesen Artikeln gehen wir vor allem gegen die unrichtige Theorie vor, wonach sich zwischen Kapitalismus und Kommunismus noch eine andere Produktionsweise, samt neuer Herrscherklasse, einschöbe: die sogenannte Bürokratie, die in Russland anstelle des Kapitals und der Bourgeoisie die Arbeiter ausbeute und unterdrücke; diese Unterscheidung erklären sie damit, dass es einen unüberwindlichen Gegensatz zu Marx‘ ersten „Bestandteilen“ gebe, die grundlegender und bedeutender seien.[9]

 

7. Die Invarianz des Marxismus

Der Gegenstand der heutigen Versammlung knüpft daher an das an, was in Mailand zur „historischen Invarianz“ der revolutionären Theorie erläutert wurde.[10] Sie ist nicht etwas, das sich tagtäglich durch sukzessive Ergänzungen und kluge „Kursänderungen“ oder eine Korrektur der Schussrichtung bilden oder sich gar ausbessern ließe; sie entsteht vielmehr aus einem Guss an einem geschichtlichen, zwischen zwei Epochen liegenden Wendepunkt. Die Theorie, der wir folgen, entstand Mitte des 19. Jahrhunderts; diesen monolithischen Block verteidigen wir, ohne auch nur den kleinsten Splitter davon einem Gegner zu überlassen.

Ungeachtet des konterrevolutionären, seit mehr als einem Jahrhundert anhaltenden Getöses liegt der wissenschaftliche Beweis dieser Theorie der Invarianz darin, dass die große polemische Schlacht, die an den entscheidenden Wendepunkten auf beiden Seiten mit der Waffe in der Hand geschlagen wurde, immer dieselbe war und wir mit denselben Beweismitteln in sie gehen, die schon die revolutionäre Proklamation der Kommunisten begründeten. Nicht nur sind sie von keiner vermeintlich wissenschaftlichen Entdeckung oder Erleuchtung abgeschwächt oder überwunden worden, sondern sie überragen die Narrheiten der konterrevolutionären Kultur auch mit immer der gleichen Kraft und aus immer größerer Höhe. Um diese Kultur zu zermalmen, brauchen wir die Klassenmacht, aber mit Sicherheit keine Schützenhilfe von Intellektuellen und Zirkeln, die damit beschäftigt sind, sich mit einem neuen und verbesserten Marxismus in Szene zu setzen.

 

Erster Teil[11]

Die typische Struktur der kapitalistischen Gesellschaft in der historischen Entwicklung der modernen Welt

1. Das Marx’sche Modell

Unsere letzte Arbeit zur Agrarfrage im Marxismus hat die notwendigen Elemente an die Hand gegeben, um zu verstehen, welches das Marx’sche Modell der heutigen Gesellschaft ist, die in den vorgeschrittenen Ländern Europas auf die großen bürgerlichen Revolutionen folgte.[12]

Gemäß unserer Lehre hat eine Klasse, die zur Macht gelangt und die jeweils vorhergehende Produktionsweise durch eine andere ablöst, nur eine ungefähre Kenntnis und ein nur annäherndes theoretisches Bewusstsein vom Entwicklungsgang und seinen weiteren Gestaltungen: Innerhalb der jungen siegreichen und romantischen[13] Bourgeoisie ist man sich jedenfalls über die Herausbildung eines gesellschaftlichen Typus einig, dessen Merkmale andere als die der feudalen Welt, genauer ihr entgegengesetzt sind und stellt fest, dass sich die neuen ökonomischen Verhältnisse radikal von den alten unterscheiden: Der Staat, das Gesetz, legt keinem Individuum, gleich welchen Standes und welcher sozialen Zugehörigkeit, bei den Kauf- und Verkaufsakten irgendwelche Stolpersteine in den Weg und gewährleistet, dass keiner gezwungen ist, seine Arbeitszeit ohne Gegenleistung zu geben oder seiner Arbeitsstätte nicht den Rücken kehren zu können.

An Überresten der alten feudalen Verhältnisse mangelt es nicht, und auch die „drakonischsten“ Gesetze können sie nicht auf einmal verschwinden lassen; z.B. gleicht das Pachtgeld für den unbebauten Boden zunächst noch der alten Abgabepflicht des Zehnten an den Herrn, den Klerus, den Staat. Doch alles drängt dahin, die einheitliche Form des Warenverhältnisses anzunehmen und jedermann freien Zugang zum Markt zu garantieren. So wie die liberale These lautet: Alle sind Bürger, nicht austauschbare Moleküle gegenüber einem einzigen Staat aller Bürger, so sagt sie auch: Alle sind freie Käufer und Verkäufer auf einem einzigen, für alle offenen erst Binnen-, dann Weltmarkt.

Man muss jedoch nicht auf Marx warten, um Modelle zu sehen, worin der Schwarm voneinander losgelöster ökonomischer Insekten mit ihren unzähligen Beziehungen durch das Schema einer Handvoll gesellschaftlicher Gruppen – Klassen – ersetzt wird, zwischen denen die Bewegung und der Fluss des „Reichtums“ stattfindet.

In der Gesamtgesellschaft des 19. Jahrhunderts, die in den großen Ländern Mitteleuropas zur Zeit Marx‘ noch dabei ist, die dem Kapitalismus eigenen Errungenschaften durchzusetzen, also wirkliche Ziele von nationaler wie auch persönlicher Tragweite verfolgt, vom Wahlrecht bis zum Verbot, jemanden, gleich welcher Rasse und Sprache, zu benachteiligen oder zu bevorzugen – in dieser Gesellschaft weist das reine Modell der neuen und triumphierenden Produktionsweise für Marx drei Klassen auf: Unternehmerkapitalisten, Lohnarbeiter, Grundeigentümer.

 

2. Die drei „reinen“ Klassen

In keiner der drei Klassen findet sich die feudale rechtliche Stellung wieder. Auf dem Agrarsektor gibt es den Feudalherrn nicht mehr, der das Recht besaß, aus der Knechtung seiner den Boden bearbeitenden Untersassen ein Produktteil herauszuziehen und durch keinerlei ökonomische Umstände die Macht über das Land verwirken konnte. Jetzt, wo der Boden ein von jedem an jeden veräußerliches Gut ist, nimmt der bürgerliche Grundeigentümer seinen Platz ein. In der städtischen Produktion hat das massenhafte Zusammenwirken der Handarbeiter den modernen Proletarier an die Stelle des sei es auch bescheidensten Handwerkers gesetzt, der einen Werkstattladen und sein Werkzeug besaß und über seine Manufakturprodukte verfügen konnte; und selbst der größte Ladenbesitzer ist durch den von ihm grundverschiedenen kapitalistischen Fabrikanten ersetzt worden, der Besitzer der Produktionsgeräte ist und des Kapitals, um die Löhne vorzuschießen.

Dass die genannten Schichten ganz neue und andere Ressourcen haben, liegt auf der Hand. Während der Leibeigene sich am Leben erhielt, indem er das physische Produkt seiner Arbeit verzehrte, das ihm nach Erfüllung seiner Dienst- und Abgabenpflichten blieb, lebt der moderne Lohnarbeiter allein von seinem Lohn, mit dem er auf dem Markt seinen Lebensunterhalt bestreitet. Und während der Feudalherr von den Abgabenpflichten lebte, die er aus den Leibeigenen herauspresste, lebt der bürgerliche Grundeigentümer von der Rente, die ihm der Pächter seines Landes zahlt. Der kapitalistische Industrielle zieht aus dem Verkauf der Produkte einen über seinen Ausgaben liegenden Gewinn heraus, den er auf dem Markt in Konsumgüter umschlägt – oder in neue Produktionsgüter und Arbeitskraft.

Drei neue Klassen, drei andere und genau bestimmte notwendige Klassen, deren Dasein festzustellen genügte, um den Anbruch der kapitalistischen Epoche festzustellen.

 

3. Das physiokratische Modell

Ein vor Marx entwickeltes Modell der trinitarischen Gesellschaft ist das des Physiokraten Quesnay. Die Klassen sind allerdings in unvollständiger Weise unterschieden, so wie sie eben vor dem Sturz der feudalen Ordnung und in einer industriell dürftigen Produktion Gestalt annehmen konnten. Quesnay verfolgte vor Marx die Bewegungen des Werts und den Fluss des Reichtums zwischen den Klassen und suchte so das Werden der „Reichtümer der Nation“ zu ergründen; er stand im Gegensatz zu den Merkantilisten, die kein Modell der produktiven Maschinerie aufstellten und die Güter aus der Welt des Austausches hervorgehen sahen, für deren imponierende Ausdehnung dies- und jenseits der Grenzen sie ins Schwärmen gerieten.

Quesnays drei Klassen sind wohlbekannt: die Grundeigentümer, allerdings nicht mehr im feudalen Sinn, die ihre Rente vom Unternehmer-Pächter beziehen. Die produktive bzw. aktive Klasse der Pächter und ihrer Landarbeiter, die bereits als reine Lohnarbeiter gelten. Die sterile Klasse, das heißt die Industriellen und Lohnarbeiter in den Manufakturen, die laut Quesnay den Wert der Dinge, die sie bearbeiten, nur umwandeln, ihnen aber keinen neuen Wert zusetzen. Dieses Modell vermag die Wertbildung, die Bildung des Mehrwerts nicht zu erklären; die Physiokraten glaubten, dieser entstehe nur durch die Arbeit des Menschen auf dem Terrain der Naturkräfte, da nur die Produzenten in der Landwirtschaft einen Teil und nicht das Ganze des erzeugten Produkts verzehren und somit die gesamte Gesellschaft der nicht-produktiven Schichten ernähren würden.

 

4. Das klassische Modell

Die Lösung der nach wie vor bestehenden und der vorbürgerlichen Welt unbegreiflichen Frage (die sich der postfeudale Quesnay vorlegte), nämlich den nationalen Reichtum zu befördern, ist bei den klassischen bürgerlichen Ökonomen, mit Ricardo an der Spitze, theoretisch genauer gefasst: Nach dem Entstehen der ersten großen Manufakturindustrien konnten sie sehen, dass es nicht die Natur, sondern die Arbeit der Menschen ist, die Reichtum produziert, und die von dieser Industrie geschaffenen gesellschaftlichen Gewinne von jedem nach Zeit bezahlten Arbeiter stammen, der dem Produkt, gleich ob Lebensmittel oder Manufakturerzeugnis, höheren Wert als den ihm als Lohn gezahlten hinzufügt. Das Ricardo‘sche Modell hat jedoch den Mangel, ein betriebliches, ein individuelles Modell zu sein und es nicht zur gesellschaftlichen Struktur zu bringen, die Quesnay so brillant in Angriff genommen hatte.

 

5. Die Modelle erfüllen die Hoffnungen nicht

Marx ist also nicht der erste, der, um den ökonomischen Verlauf und seine Gesetze zu erklären, ein Schema des produktiven Mechanismus aufstellt, den Ursprung des Werts und dessen Aufteilung unter den Faktoren der Produktion sucht und dies unter der Annahme der typischen Form mit homogenen Klassen formuliert. Solange die Ökonomen die Interessen und Forderungen einer jungen Bourgeoisie auf der Schwelle zur politischen Macht und gesellschaftlichen Herrschaft zum Ausdruck brachten, hatten sie keinerlei Bedenken, nach einem Modell zu suchen, das die Wirklichkeit des produktiven Prozesses darstellt. Später aber, im Interesse der gesellschaftlichen Konservation, wandte sich die Ökonomie als offizielle Wissenschaft einem anderen Weg zu; sie leugnete und verhöhnte demonstrativ die Modelle und Schemata und versank im amorphen Chaos des Warentausches unter freien, an der allgemeinen Zirkulation teilhabenden Warenbesitzern. Wir werden nachher noch vom „Recht auf Modelle“ als streng wissenschaftlicher Methode statt als ideellen Zweck oder Propagandamittel sprechen. Vorerst halten wir uns an das Resultat der schematischen Drei-Klassen-Gesellschaft. Quesnays Modell wollte nachweisen, dass diese ohne gravierende Schwankungen bestehen kann; Ricardos Modell, dass sie sich, unter der Bedingung, immer größere, in der Industrie angelegte Kapitalien zu akkumulieren, im Rahmen der kapitalistischen Struktur immer weiter entwickeln und allenfalls in einem weiteren Schritt die Renten der Grundherrn konfiszieren kann, womit die Gesellschaft dann aus zwei statt drei Klassen bestünde. Das Marx’sche Modell brachte es zum Beweis, dass eine solche Gesellschaft, ob aus zwei oder drei Klassen bestehend, in Richtung Akkumulation und Konzentration von Reichtum geht – und in Richtung Revolution, die sie aus ihrer warenproduzierenden Bahn schleudern wird.

 

6. Die Mittelklassen

Bevor wir die vorliegende Arbeit fortführen, das heißt die Gültigkeit des Modells wie auch die (durch die heutigen Fakten mehr als klar bestätigten) quantitativen, aus dem Modell hervorgehenden Beziehungen verteidigen, und bevor wir aufzeigen, dass die bürgerliche Kultur vergeblich versucht, sich aus der Zwickmühle, in der sie steckt, zu befreien, müssen wir uns noch kurz den anderen Klassen zuwenden, die abseits des Bühnenlichts stehen, auf dem die drei Hauptdarsteller agieren.

Ein Irrtum, dem des Öfteren nicht nur Gegner, sondern auch Anhänger Marx‘ erliegen, besteht darin zu glauben, diese Klassen würden relativ schnell von der Bildfläche verschwinden und erst dann die Bedingungen für die Endkrise und den Zusammenbruch des Kapitalismus gegeben wären. Ein ähnlicher Irrtum ist der zu behaupten, der Marxismus ignorierte oder überginge jedenfalls deren Existenz, und zu erklären, die sozialen Bewegungen jener Klassen hätten keinerlei Bedeutung für das Kräfteverhältnis sowie die Herrschaft einer der typischen Klassen.

Angesichts der Versumpfung der Arbeiterbewegung in den Opportunismus ist die Frage dieser anderen Klassen, namentlich der weniger betuchten, brandaktuell. Diese mittleren und ungenau definierten Schichten stellt die Politik der großen Parteien mit den reinen Lohnarbeitern gleich, sie formuliert schwammige und laue Ziele, die, wie es heißt, alle armen Schichten, alle Volksschichten, gleichermaßen interessierten. Dadurch, und seitdem der Arme den Platz des Proletariers, das Volk den der Klasse eingenommen hat, sind Taktik, Organisation und Theorie der Arbeiterpartei den Bach runtergegangen.

 

7. Die typische und die wirkliche Gesellschaft

Die marxistische These, wonach die Mittelklassen verschwinden werden, ist nicht so aufzufassen, dass es in naher Zukunft in allen entwickelten Ländern nur noch Kapitalisten, Grundeigentümer und Lohnarbeiter geben würde. Es geht darum, dass von den drei typischen Klassen nur die proletarische für den Anbruch des neuen gesellschaftlichen Typus, der neuen Produktionsweise kämpfen kann, kämpfen muss. Da dies die Aufhebung des Rechts auf den Boden und das Kapital, folglich die Aufhebung der Klassen überhaupt mit sich bringt, werden – nachdem der Widerstand der heute herrschenden Klassen erloschen sein wird – in einer Produktionsweise, die weder warenproduzierend noch privat ist, auch die Mittelklassen keinen Platz mehr haben. Diese Schichten vermögen nur für die Sache der Erhaltung der Ausbeuterklassen Kräfte zu mobilisieren, in bestimmten Fällen und aus dem Unbewussten heraus auch für die Sache des Proletariats, doch für einen „ihnen eigenen“ Gesellschaftstypus kämpfen, das können sie nicht. Daraus folgt aber keineswegs, dass es sie jetzt oder bald nicht mehr geben wird, und auch nicht, dass sie in ökonomischen, sozialen und politischen Kämpfen nicht existent sind; sicher ist nur, dass sie keine eigene Aufgabe und nur sekundäre Bedeutung haben und, wo es um Zusammenhalt und Solidarität geht, mit der Lohnarbeiterklasse nicht auf eine Stufe gestellt werden können. Um eine klar regressive Phase der anti-kapitalistischen Revolution handelt es sich indes, wenn das Proletariat seine Forderungen durch die jener Klassen ersetzt und sich mit ihnen organisatorisch oder in den berühmt-berüchtigten Bündnissen und Fronten zusammentut.

 

8. Die unendliche Palette der Mischformen

Wenn wir uns heute in der italienischen Politiklandschaft umsehen, ist die Reihe dieser Schichten, um die sich die Parteien, die sich damit brüsten, die Arbeiterklasse zu organisieren, mit dem ebenso überschwänglichen wie widerwärtigen Aufruf zu brüderlicher Freundschaft bemühen, unendlich lang. In der Landwirtschaft können wir uns schwerlich an nur drei Gruppen halten: die kleinen selbstwirtschaftenden Teilpächter, Pächter und Kleineigentümer, denn prompt sind da als weitere ehrenwerte Kompagnons auch die „mittleren“ Gruppen, also die, die unverhohlen Tagelöhner anheuern. Mehr noch, die Landwirtschaftsabteilung der stalinistischen Partei, die nur gegen die Windmühlen der feudalen Barone kämpft, proklamiert zuweilen, auch die Interessen des großen Pächters – der wirklichen Stütze der Bourgeoisie und des Staates – zu wahren und zu schützen!

Außerhalb des flachen Landes werden wir auch den Handwerker, den Angestellten, den Krämer als Brüder bezeichnet finden, die gegen die „Habgier der monopolistischen Schichten“ zu verteidigen seien, ebenso den Freiberufler, den Kleinhändler, Kleinindustriellen und natürlich dann auch den mittleren Händler und mittelgroßen Industriellen, um nicht von den Staatsbeamten bis hin zu … Einaudi[14] zu sprechen, ganz zu schweigen von den großen Künstlern und Filmdiven, den armen Pfaffen, den Polypen usw. usf.

Alles Leute, die als Wähler, als Leser, als Beitragszähler gut sind.

 

9. Statistisches Zeug

Wir haben mehrfach Zitate von Marx angeführt, wo er erklärt, eine hypothetisch reine kapitalistische Gesellschaft zu untersuchen, aber zu seiner Zeit, also Mitte des 19. Jahrhunderts, nicht einmal das vorgeschrittene England eine in die drei modernen Klassen gegliederte Bevölkerung oder auch nur Bevölkerungsmehrheit aufwies.
Seitdem ist eine Menge Zeit vergangen, und auch wenn wir weiterhin das Modell der reinen Gesellschaft handhaben (womit wir die Bedenken Rosa Luxemburgs hinter uns lassen, die meinte, sie könne „nicht funktionieren“, und auch die Bucharins, der für sehr wahrscheinlich hielt, dass sie im ökonomisch-technischen Sinn funktionieren würde – für beide allerdings stand außer Frage, dass ihr, ob rein oder unrein, die Revolution bevorsteht), stellen wir fest, dass die Mittel- und Übergangsstufen einen ungeheuer großen Teil der Bevölkerung ausmachen. Wir werden hier keine neuere Statistik, sondern einen in der offiziellen italienischen Jahresstatistik von 1939 enthaltenen Ländervergleich heranziehen, denn Letztere bezieht sich auf die allgemeine Lage der Vorkriegszeit und ist zuverlässiger, obgleich sie nicht ohne Vorbehalt gelesen werden kann, insofern sich die Methode, die Untersuchung und die Terminologie zwischen den Nationen nicht unbedingt vergleichen lassen.

In Italien z.B. beginnt man, zwischen der aktiven Bevölkerung (Personen mit eigenem Einkommen, Alte, Kinder, Invaliden, etc. sind hiervon also ausgenommen) und der Gesamtbevölkerung zu unterscheiden. Von 42,5 Millionen waren ca. 18 aktiv, also knapp 42,4%. 29% dieser aktiven Bevölkerung waren in der Industrie beschäftigt. Für Quesnay war sie steril, für uns besteht sie aus lauter „reinen“ Arbeitern und Unternehmern. In der Landwirtschaft waren 47 % der Aktiven beschäftigt. Es bleiben folglich die hinter vielen Zahlen steckenden restlichen 24 %, knapp ein Viertel, die unrein sind. Schwierig ist nun, die reinen Landleute (Grundbesitzer, Pächter, Kapitalisten, Tagelöhner) und den buntscheckigen Rest getrennt zu betrachten. Für Italien können wir einige Kriterien im Verzeichnis der Bevölkerung finden, die über 10 Jahre berufstätig ist: In der Industrie sind 7/10 eigentliche Arbeiter, in der Landwirtschaft 4/10, während die Inhaber von Großbetrieben und Großeigentum in einen Topf mit den „Selbständigen“ geworfen werden. Die Arbeiterklasse selbst dürfte daher mit 12% in der Landwirtschaft und mit 21% in der Industrie vertreten sein: insgesamt 33% der aktiven Bevölkerung. Die eigentlichen kapitalistischen und grundbesitzenden Bourgeois können wir zahlenmäßig vernachlässigen – jedenfalls haben wir eine zu einem Drittel „reine“, zu zwei Dritteln „unreine“ kapitalistische Gesellschaft. Barone und Leibeigene auf jeden Fall Null![15]

 

10. Internationaler Vergleich

Wenn wir uns andere Länder ansehen, können wir ohne Weiteres jene außer Acht lassen, die einen niedrigeren Index Unreiner als wir haben, also „weniger kapitalistisch“ sind, auch wenn etliche unter ihnen auf Basis vieler Wohlstands- und Bildungsindizes als moderner, entwickelter und zivilisierter gelten. Darunter zweifellos Länder wie Bulgarien, Irland, Finnland, Griechenland, Norwegen, Portugal, Ungarn; und außerhalb Europas (geographisch sind die Angaben nicht vollständig): Indien, Palästina, Ägypten, Südafrika, Kanada, Chile, Mexiko, Neuseeland. Sie sind zu „weniger als einem Drittel kapitalistisch“.

Die Länder indes, die kapitalistischer durchstrukturiert sind als wir, sehen wir uns nur grob an. Angaben haben wir für die Industrie und Landwirtschaft, ohne, wie wir es für Italien versucht haben, die Landarbeiter und das übrige Landvolk gesondert zu betrachten. In Europa sind das: Belgien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Holland, Schweiz und außerhalb: die USA. Behaltet die Grenzen von vor 1939 im Auge, und bedenkt, dass hier nicht von zwei Hauptakteuren gesprochen wird: Großbritannien und Russland.

Frankreich zum Beispiel: Landwirtschaft 35%, Industrie ebenfalls. Frankreich ist kein Land, das eine sehr viel höhere Konzentration von Betrieben als Italien aufweist; wenn wir die für Italien gebrauchten Verhältnisse von 4/10 und 7/10 nehmen, würde die aktive lohnempfangene Bevölkerung plus den großen Bourgeois (wenn das mit den hundert Familien stimmt!)[16] auf etwa 40% kommen: mehr als ein Drittel, aber noch nicht die 50% als Index kapitalistischer Reinheit.

Auch Deutschland, Österreich und der Rest kommen nicht auf 50%. Was die zur Industrie zählende Bevölkerung angeht, stehen die USA mit Frankreich auf einer Stufe (jedoch mit Angaben von 1926 und nur die weiße Bevölkerung gerechnet!), in der Landwirtschaft sind es weniger: 28%. Wenn wir das Gesamtterritorium nehmen, werden die USA kaum über 40-45% „Reinheit“ hinauskommen. Beachtet, dass dort der Anteil der im Handel und in den Banken Tätigen (darunter auch ein paar Lohnarbeiter) größer ist, nämlich ca. 19%, wie 1931 in Großbritannien (das das Stigma der Ausbeuter der Welt trägt).[17]

 

11. Die spektakulären Extreme

Auf den ersten Blick bringt uns die Statistik für England und Schottland in Verlegenheit. Industrie 47-48%, Agrikultur 5 und 8 %. Das ist nur durch die Tatsache zu erklären, dass die kapitalistischen Pächterunternehmen zur Industrie zählen und nur der relativ wenig zahlreiche Teil der kleinbäuerlichen Bevölkerung der Landwirtschaft zugerechnet wird. Wir nehmen somit nur den auf 48% berechneten Teil der Bevölkerung als rein kapitalistisch an. Berücksichtigen wir noch den starken, weltweit größten Teil der im Verkehrs- und Transportwesen Beschäftigten (7-8%): insgesamt 55%; wenn man bedenkt, dass es sich um eine durch Großbetriebe charakterisierte Wirtschaft handelt, ziehen wir davon nicht 7, sondern 8 und wenn ihr lieber wollt 9% [Kleinbetriebe] ab. Wir schrammen knapp an 50% vorbei.

Das für die marxistische Analyse typische Beispiel bringt es also lediglich auf ein zu fast 50% rein kapitalistisches Land. Es ist nur halbkapitalistisch. Marx wusste das sehr wohl. Wir haben das Zitat angeführt, wonach die bürgerliche Gesellschaft dazu verurteilt ist, große und amorphe Massen der agrikolen oder nichtagrikolen Mittelklassen, Reste alter Zeiten, mit sich zu schleppen.[18]

Sowjetunion, Daten von 1926: alle Arbeiter ohne genauere Angabe des Berufs, nicht mehr als 6,6% (Transportwesen nur 2,6, Handel nur 2,5%). Landwirtschaft 85%. Natürlich ist seit 1926 viel Wasser den Bach runtergeflossen. Eben drum haben wir hier eine vorkapitalistische Ökonomie vor uns, die mit der Ausdehnung großer Industriebetriebe und des allgemeinen Marktes auf den Kapitalismus zugeht. Wir sprechen nicht hier über die Gliederung der auf dem Lande lebenden Bevölkerung. Der feudalen Verhältnissen verhaftete Teil, Junker und Leibeigene, ist auf jeden Fall verschwunden. Der Rest teilt sich auf zwischen der Kleinstproduktion und den Kollektivbetrieben – ist die gegenwärtige Form womöglich ein Mittelding zwischen kapitalistischen bäuerlichen Betrieben und Agrarkommunismus? Oh nein, sie ist ein Mittelding zwischen kapitalistischem Landwirtschaftsbetrieb und alten Formen zersplitterter Agrikultur. 1926 kam der Index kapitalistischer Reinheit Russlands nicht über 8% hinaus, und auch heute noch kommt es (selbstverständlich einschließlich des asiatischen Teils) nicht an die anderen europäischen und weißen Länder heran, gleich ob sie vor oder hinter dem Eisernen Vorhang gelandet sind.

Bei der Gleichung: amerikanischer Kapitalismus = russischer Kapitalismus, können wir uns ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen.

Das soll jetzt reichen: Wir sprechen über eine kapitalistische Gesellschaft, die wir euch in der Realität nicht zeigen können, nirgendwo, nicht einmal in den so glücklichen Ländern, die wir genannt haben. Und wir sagen gleich dazu, sie euch auch niemals zeigen zu können, weil wir den Kapitalismus, ob rein oder unrein, eingestanden oder vorgeschwindelt, vorher zertrümmern wollen.

 

12. Die geographische Stufenfolge

Wir haben einen kurzen Blick auf die im gesellschaftlichen Magma auf unterschiedliche Art und Weise gegliederte typische, aus drei Klassen bestehende Form des Kapitalismus werfen wollen. Nur andeutungsweise erinnern wir daran, wie die bereits in großem Maß von kapitalistischen Formen durchdrungenen Länder und Kontinente sich auf geographischer Ebene mit jenen Ländern vermischen, in denen die soziale Zusammensetzung so zurückgeblieben ist, dass es kaum einen bemerkenswerten Sektor bürgerlicher Ökonomie gibt. Da sind die afrikanischen und australischen, noch auf der Stufe der Wildheit und Barbarei[19] stehenden Völker, da sind die sehr dicht bevölkerten Regionen Asiens, die nicht nur in vorkapitalistischen, sondern sogar feudalen Verhältnissen verharren, mit militärischen und manchmal theokratischen Signorien, die sich sogar noch dem Urkommunismus und dem elenden Parzellenanbau aufpfropfen; Marx stellte die letztgenannte Form immer wieder als von schrecklicher Trägheitskraft gekennzeichnet dar, jene Form, die sich, noch indifferent im Hinblick auf die Warenproduktion, die einfache und erweiterte Reproduktion (welche in Europa noch unter mittelalterlichem Regime die Grundlagen für den Zyklus legte, der zum Kapitalismus und Sozialismus führt), der Entwicklung neuer Produktionsverhältnisse gegenüber verschließt.

In diesen Räumen (Indien, China usw.) trat der Kapitalismus von den Rändern her und von der weißen Rasse importiert in Erscheinung, so dass, als er mit der heimischen, satrapisch-despotischen oder feudalen Gesellschaft in Berührung kam, Konflikte und Verwerfungen nicht ausbleiben konnten. Doch der Gegensatz zwischen neuen Produktivkräften und herkömmlichen Eigentumsverhältnissen sowie die Gesetze des historischen Materialismus lassen zwei Faktoren aufkommen: den Kampf der Kleinbauern, Handwerker und jungen Bourgeois gegen die alten Autoritäten, und die Unabhängigkeitskämpfe, um die weiße Kolonialherrschaft abzuschütteln. Beim gleichzeitigen Auftreten des Kapitals und des nationalen Kampfes springt dieselbe Erscheinungsform in die Augen, die es zwei Jahrhunderte zuvor in Europa gab. Eine Bestätigung des Marxismus, die stärker ist, als die Geschichte durch ethnische, religiöse, philosophische oder voluntaristische Elemente oder gar durch die „großen Männer“ erklären zu wollen.

 

13. Die gelbe Rasse bricht auf

Das noch nicht genannte Beispiel Japans würde als eindrucksvoller Beweis für all das schon genügen. Dann gibt es noch die chinesische Frage, an die wir hier nur erinnern, um die Prahlerei der Regierung nach der ersten Volkszählung hervorzuheben, wonach dort 560 Millionen Bürger leben, mit den Chinesen im Ausland 600 Millionen: eine klassische Schaumschlägerei in national-kapitalistischer Manier. Kann auf diesem Terrain eine kapitalistische Revolution erwachsen und sich aus eigener Kraft entwickeln? Oh ja, sie ist bereits im Gange! Sie hat andere Merkmale als z.B. die japanische Revolution, so wie die deutsche sich von der englischen unterschied, was übrigens auch geographische Gründe hat. Die, sagen wir, koreanische oder indochinesische kann wieder einen anderen Charakter tragen, wie auch die in Piemont einen anderen hatte, wo kein offener Bürgerkrieg tobte, sondern ausländische imperiale Heere und Staaten aneinander gerieten.

Der Vergleich braucht nicht weitergeführt werden. Der Umstand, dass es Kolonien und westliche imperialistische Stützpunkte gibt, ist wichtig und hat natürlich Einfluss – aber in welchem Sinn? Jedenfalls nicht den, vor allem nicht in den letzten 20, 30 Jahren, dass der Kampf der Klassen in der östlichen Hemisphäre stocken und sich dahinschleppen, dagegen der auf der höheren Stufe zwischen Arbeitern und Industriellen der westlichen Metropolen hohe Wellen schlagen würde. Die These, wonach der bürgerliche Kapitalismus den Markt in alle Ecken und Winkel der Welt gebracht und den nicht mehr nationalen, sondern internationalen Charakter des infolgedessen entstehenden Antagonismus zwischen Klassen und Produktionsweisen, zwischen kapitalistischer Bourgeoisie und kommunistischem Proletariat erzeugt hat, würde dann völlig überzogen so lauten: Gleich, wie sich die verschiedenen nationalen Gesellschaften zusammensetzen – in der heutigen historischen Situation kann es Klassenkämpfe nur noch auf Weltebene geben.

Die allgemeine ökonomische, politische und militärische Weltlage berechtigt mitnichten zur Aussage, in Bezug auf die halbe Milliarde Chinesen sei kein großer Bürgerkrieg vorstellbar, um den Kampf zwischen feudaler Produktionsweise und kapitalistischer Warenproduktion zu entscheiden – Letztere ist für Bauern, Handwerker, Intellektuelle, Bürokraten nunmehr jedenfalls von größerem Vorteil, und ausländische Vertreter wie auch inländische Regierungen können technisch gesehen mit von der Partie sein, auch wenn sie sich auf politischem Feld bekämpfen.

 

14. Kampffelder und -zyklen

In dieser Arbeit über die typische kapitalistische Gesellschaft wollen wir mit diesem Exkurs zu den heterogenen Gesellschaften die Gefahr bannen, ein Viertel der Menschheit außerhalb des historischen Materialismus zu stellen und die Annahme (wie in der gelben[20] … beziehungsweise weißen und roten Presse dargestellt) widerlegen, die soziale Dynamik speise sich dort aus „fünften Kolonnen“ und „imperialen Aggressionen“, die den Export ökonomischer Formen ebenso wie einst den von Kattun und Glasschmuck betreiben – wäre dies so, könnte sich der Marx’sche Determinismus nur noch verstecken.

Die Bourgeoisie hat überall auf unterschiedlich großen Gebieten gegen das alte Regime gekämpft, und entsprechend diesen Kampffeldern hat das Proletariat in sehr verschiedenen, jedoch während des gesamten Verlaufs klar umrissenen und bestimmbaren historischen Zyklen zunächst gemeinsam mit der Bourgeoisie für dasselbe Ziel gekämpft, um dann in einen unerbittlichen Gegensatz zu ihr zu geraten. Das ist der Schlüssel zur theoretischen Rekonstruktion, die die historische und gesellschaftliche Doktrin mit der strategischen Position und Kampfführung der seit 1848 offen auftretenden internationalen kommunistischen Partei verbindet, eine Sache, die einige Jahre lang auch die Arbeit unserer jetzigen Bewegung prägte.

Geschlossene, auch lediglich lokale Kampffelder des Klassenkampfes sehen wir bereits vor etwa 1000 Jahren z.B. in Italien, Flandern, dem Rheinland. Die große städtische Bourgeoisie entriss der grundbesitzenden Aristokratie die Macht und gründete kleine, kapitalistische und demokratische Stadtstaaten. Das sogenannte „popolo minuto“, die Ciompi, die ersten Proletarier, kämpften mit diesen Kommunen gegen den Adel, manchmal auch gegen die Kirche und den Kaiser. Als sie sich gegen das wirtschaftliche Elend zu erheben versuchten, wurden sie vom großen Bankiersbürgertum und der Stadtregierung niedergemetzelt und verjagt.[21]

Als sich derselbe Prozess nach Jahrhunderten, jetzt nicht mehr auf dem Kampffeld einer Stadt, sondern einer Nation wie im 19. Jahrhundert in Frankreich wiederholte, stand die Gültigkeit des historischen Materialismus fest, sein Sieg war besiegelt.

Schon das Manifest stellte die Beschleunigung der Bewegung fest. Es brauchte Jahrhunderte, um die aufkommenden Kräfte des Bürgertums für einen Sturm auf die Macht in den großen Staaten zusammenzuschweißen, aber in nur einem halben Jahrhundert brach sich die neue Gesellschaftsform Bahn. In ausführlichen Abhandlungen zeigten wir, dass die Entwicklung in der Tiefe des gesellschaftlichen Magmas vor sich ging und sogar in Gegenrichtung zu dem verlief, was die Überfälle siegreicher Heere hatten erwarten lassen, wie im Fall der Barbaren, die die römische Welt erobert hatten.[22]

Große und sehr große Felder des orientalischen, afrikanischen, asiatischen Raumes werden das gleiche „geschichtliche Schauspiel“ aufführen müssen, ehe nur zwei Protagonisten: Kapitalismus und Proletariat, auf dem Schauplatz stehen.

Die neuen Formen, die rascher von London auf Wien als von Genua auf Pisa übersprangen, werden uns nicht lange warten lassen, um sich auf der Welt unter allen Rassen auszubreiten, und auf jeden Fall aufgrund derselben Gesetze und Zyklen – sofern wir nicht geträumt, Unsinn erzählt und erstarrte und versteinerte Formeln schlecht verdaut haben.

Die neuen Formen, die rascher von London auf Wien als von Genua auf Pisa übersprangen, werden uns nicht lange warten lassen, um sich auf der Welt unter allen Rassen auszubreiten, und auf jeden Fall aufgrund derselben Gesetze und Zyklen – sofern wir nicht geträumt, Unsinn erzählt und erstarrte und versteinerte Formeln schlecht verdaut haben.

 

15. Wieder in der Spur

Im Bericht zur Triester Versammlung war ein ganzes Kapitel enthalten, um grundlegende und bekannte Begriffe über die Produktivkräfte, ihren Widerspruch zu den überkommenen Produktionsverhältnissen bzw. Eigentumsformen, die Ablösung einer großen historischen Produktionsweise durch eine andere wieder richtig zu stellen, und zwar unter dem politischen Gesichtspunkt des Machtübergangs von einer auf eine andere Klasse als auch unter dem ökonomischen Gesichtspunkt der Neuorganisierung von Produktion und Distribution auf völlig anderen Grundlagen.[23] Eine Richtigstellung in Hinsicht auf die russische Oktoberrevolution, die eine doppelte Revolution war – der Bourgeoisie und anderer Klassen gegen den Feudalismus sowie des Proletariats gegen die Bourgeoisie und ihren kleinbürgerlichen und demokratischen Anhang – und doppelt siegte. Der erste Sieg, der der Bourgeoisie, hatte Bestand; der zweite schlug in eine Niederlage um – jedoch ohne dass es auf russischem Boden zu einem Bürgerkrieg gekommen wäre (im Lichte des historischen Materialismus und mit Bezugnahme gerade auf die mittelalterlichen Kommunen wurde diese Möglichkeit aufgezeigt), vielmehr aufgrund der verlorenen Kämpfe, woran wir, Proletarier im Westen, schuld sind.

Wir hatten uns in dieser Versammlung in Asti auch mit der Deutung der chinesischen Revolution zu befassen. Sie ist noch keine doppelte Revolution gewesen, und hat sich vorerst als kapitalistische und bürgerliche Revolution konsolidiert, in der die Bauernschaft, das Handwerk und ein schwaches Proletariat als Juniorpartner – all diese Schichten als Exponenten der werdenden kapitalistischen Welt – kämpften. Es fehlte nicht an Versuchen, Ciompi-Aufstände und Juniinsurrektionen durchzuführen, doch die bürgerliche Macht und ihre Waffen erstickten sie in ihrem Blut. Es war ein und dieselbe bürgerliche Revolution, die sich seit der Regierung Chiang Kai-Cheks bis zu jener Mao Zedongs unablässig an der Macht behauptete, wie es etwa auch in Frankreich der Fall war mit den Orleans und der 2. Republik bis zu Bonaparte und der 3. Republik.

Eine Revolution indes, die alles andere als ein Spaziergang von Haudegen mit rotem Stern an der Mütze war, eine noch nicht erkaltete, versteinerte, noch nicht erstarrte Revolution. Wir sind‘s, die weißen Revolutionäre, die wie Tölpel dastehen und an den entflammten Osten nur wenige Kampferfahrungen weitergeben können.

 

16. Vom Modell zu den Maßen

Wir haben explizit hervorgehoben, dass Marx die Lehre über die kapitalistische Produktionsweise errichtet, indem er sie als reines Modell darstellt, dem die Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft in den Nationen nicht entsprechen, die sich in den letzten 100 Jahren am stärksten entwickelt haben, so wie dieses Modell auch nicht ein noch kommendes Stadium definiert, das diese Länder, übrigens noch nicht einmal eines davon, in völliger Übereinstimmung mit dem Modell zu durchlaufen hätten.

Um bezüglich des ökonomischen Verlaufs mit einer „quantitativen“ oder auch mathematischen Methode arbeiten zu können (abgesehen von der Frage der Darstellung, auf die wir noch zu sprechen kommen), war das Modell unerlässlich. Unter den alten oder neuen Schulen sind wir nicht die einzigen, die das Ökonomische und dessen Erscheinungen mit quantitativen Methoden analysieren. Auch die Statistik, deren Ursprünge in grauer Vorzeit liegen, bedient sich dieser Methode, insofern sie die sukzessiven Preise, Warenmengen, Bevölkerungszahlen und ähnliche konkrete Größen aufzeichnet und alles gemäß der üblichen Praxis in Zahlen ausdrückt: die Ländereien, die Besitztümer, die Sklaven z.B. eines römischen Patriziers oder das tributpflichtige Vermögen eines Bürgers. Wie in jeder anderen Wissenschaft, die die menschliche Gattung in den aufeinanderfolgenden Entwicklungsstufen begründet hat, besteht der Schritt von der deskriptiven Statistik zur ökonomischen Wissenschaft darin, über die numerischen Maße handgreiflicher und für alle sichtbarer Größen hinaus auch die Maße „entdeckter“ und gewissermaßen „erfundener“ Größen einzuführen (was in der Geschichte die Funktion eines in alle Richtungen gehenden „Versuchs“ hat, bevor man ins Schwarze trifft). Es sind erfundene Größen, um tiefergehende Untersuchungen in die Wege zu leiten, also unsichtbare und – jawohl – abstrakte Größen, das heißt keine direkten Gegenstände der sinnlichen Erfahrung.

Wir hätten es also nicht zu den Maßen und Größen gebracht (Hauptbeispiel ist die Wertgröße), wären wir nicht vom „Modell“ der untersuchten Gesellschaft ausgegangen; und wären wir diesen Weg nicht gegangen, hätten wir nicht die dem Entwicklungsgang einer solchen Gesellschaft (hier der kapitalistischen) eigenen Gesetze sowie die Voraussagen ihres Verlaufs und ihrer Umbrüche erkannt.

Es genügt, im empirischen Sinn, und ohne theoretische Gipfel zu erklimmen, zu verstehen, dass, hätten die konkreten beobachtbaren und registrierbaren Phänomene in den letzten hundert Jahren, in denen diese Methode angewandt wurde, eine andere Richtung genommen oder würden sie in den nächsten hundert Jahren eine andere Richtung nehmen, zu schlussfolgern wäre, die Modelle, die Wahl der Größen und die zwischen ihnen berechneten Beziehungen und alles andere gleich mit, über den Haufen schmeißen zu müssen; historisch war das das Schicksal vieler Lehrgebäude, die die Daseinsweise von „Bausteinen“ der natürlichen Welt, inklusive jenes speziellen Bausteins der menschlichen Gesellschaft, reproduzieren wollten und dann, nicht ohne historisch ihre Wirkung gezeitigt zu haben, wieder verschwanden.

Den Beweis dafür, dass unser Modell gültig ist und die Gesetze dem wirklichen Prozess entsprechen, suchen wir nicht in einem einzigartigen Geist, in den, wie es heißt, absoluten Geistesgaben, am allerwenigsten in der Hirnpotenz des genialen, eines schönen Tages in die Welt gekommenen Entdeckers, ganz gewiss auch nicht im heroischen Willen einer Sekte und noch nicht einmal einer revolutionären Gesellschaftsklasse.

 

17. Theorie und Revolutionen

Diese Arbeit wird weniger zum Ergebnis haben, erneut die Grundrisse der ökonomischen Theorie Marx‘ dargestellt (auch wenn dies angesichts der zahllosen Verfälschungen von Gegnern und manchmal auch schwachen Anhängern immer wichtig ist) als vielmehr deutlich gemacht zu haben, dass auch die neuesten und jüngsten Kritiken, gleich ob sie den Marxismus frontal angreifen oder ihm perfide „zur Seite stehen“, nur uralte Einwände wieder hervorholen. Die neue Lehre wurde bei der ersten und ungestümen Niederkunft siegreich auf den Trümmern dieser Einwände begründet und ist daher, vor allem auch durch die Untersuchung der Positionen ökonomischer antikommunistischer Schulen, mit dem Thema unserer Mailänder Versammlung[24] (vom 7. September 1952) verflochten: Invarianz des Marxismus und allgemein aller revolutionären Lehren und Glauben der Menschheitsgeschichte. Diese entstehen mitnichten infolge sukzessiver Annäherungen, Kursanpassungen, Ergänzungen und durch ermüdende Debatten bei gleichzeitiger interdisziplinärer Zusammenarbeit von Pléiaden sogenannter Forscher; sie brechen vielmehr in bestimmten Zeiten, an kritischen Wendepunkten des jeweiligen Zyklus hervor und können sich nur zu diesem Zeitpunkt und nur auf diese Weise organisch und aus einem Guss herausbilden.

Wie wir gesehen haben, benutzte die bürgerliche Klasse, die sich rühmt, als erste eine ökonomische Wissenschaft errichtet zu haben, zunächst mutig Modelle und legte Größen fest, die in die wirtschaftliche Planung und Gesetzgebung Eingang fanden und die sie auf die Zukunft der modern organisierten Gesellschaft anwandte. Aber dies war so, weil sie damals noch eine revolutionäre Klasse war und die bis anhin vielleicht größte Revolution der Geschichte vollbrachte; dafür brauchte sie Hände, die Waffen halten konnten, aber ebenso Köpfe, die von einer Theorie beseelt waren (Theorien, die völlig zu Recht, wenn auch in Gestalt eines Glaubens oder Fanatismus, unserer Erklärung der Geschichte angehören). Wenn wir seit Marx‘ Jugendzeit ausriefen, dass es keine revolutionäre Bewegung ohne revolutionäre Theorie gibt, wollten wir damit nicht sagen, dass nur die Arbeiterbewegung revolutionär und die einzige revolutionäre Theorie die kommunistische ist. Die Aussage gilt für alle Revolutionen, was nicht heißt (weder für die vorkommunistischen noch für unsere Revolution), dass jeder Intellektuellenklub eine Theorie fabrizieren und damit die Revolution herbeiführen könnte! So wie die ungeheuren Kräfte, die die gesellschaftliche Organisation an einem bestimmten Wendepunkt umstoßen, die Gestalt ökonomischer und produktiver Gegensätze und Zusammenstöße zwischen Gruppen und Klassen annehmen, so nehmen sie auch die Gestalt des Kampfes neuer Glauben gegen die alten an, und sogar, das kann man ruhig sagen, von Mythen gegen Mythen.

Unsere in den Merkmalen der Produktionsorganisation und ihren Entwicklungslinien fundierte Position ist nicht minder bekannt: Die kommunistische proletarische Klasse formuliert nicht eine Theorie mit religiösem Hintergrund oder mit ideologisch-romantischer Ausrichtung, sondern bringt es zur wirklichen Wissenschaft des Ökonomischen. Dies im Unterschied zu den ihr vorausgegangenen Klassen und Revolutionen in Übereinstimmung mit ihrem ganz anderen Verhalten hinsichtlich der Aneignung der Produktivkräfte bei gleichzeitigem Brechen der alten Aneignungsformen von Klassen.

Da wir überall auf die üblichen Zweideutigkeiten gefasst sein müssen, die auf der Lauer liegen, weisen wir noch darauf hin, dass wir, um diese Schlussfolgerung zu ziehen, nicht die These nötig haben, die Gesellschaft käme auf diese Art zu einer allgemeinen, absolut unfehlbaren Formulierung der Gesetze des physischen wie gesellschaftlichen Kosmos, so wie wir auch nicht glauben, sie sei vorzeiten mit einem Rüstzeug aufgebrochen, das ihr von überirdischen Kräften anvertraut worden sei und erkannt werden könne, wenn man in die geheimnisvolle und angeborene Immanenz ihres spekulativen Denkens eindringe.

 

18. Größen und Ökonomie

Kaum dass die bürgerliche Klasse eine auf die Praxis anwendbare revolutionäre Theorie nicht mehr brauchte, machte die ökonomische Wissenschaft eine Verwandlung von der klassischen zur Vulgärschule durch. Marx hat sich eingehend damit befasst. Beiseite gelegt hat die Vulgärökonomie die gefährlichen „Höhenflüge“ Ricardos und der Seinen bezüglich der Bestimmung des Werts, den die Produkte der kapitalistischen Wirtschaft als innere Eigenschaft besitzen und der Tauschwert genannt wird – ohne allerdings einem Moment des Austausches zu entsprechen, vielmehr einem Moment der Produktion zukommt. Für Ricardo stand fest, dass sich der Wert einer Ware nicht nach einer gegebenen „Anzahl“ derselben bemisst, um, wenn auch zum statistisch durchschnittlichen Marktpreis, zu eben so viel getauscht zu werden, sondern dass die Ware, deren Wert durch die zu ihrer Produktion notwendige gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit bestimmt ist, auf dem Markt und abgesehen von zufälligen Schwankungen zu eben so viel verkauft werden muss.

Auf dieses Theorem der klassischen Schule, das die marxistische Schule mit ganz anderer Vitalität behauptete, stürzte sich dann die Vulgärökonomie, die all dies als Torheit, Illusion und Mythos abtat und die Wertgröße, ihre Messung und Bestimmung und die Gesetze, in denen sie sich geltend macht, als unnötigen Ballast abwarf.

Der Haupteinwand, wenn auch in immer anderen Worten, ist stets der gleiche: „Wir sind hier nicht auf dem Terrain der Physik, wo strengen Gesetzen der Kausalität, die aufgestellt werden können, indem mit mathematischen Verfahren behandelbare Größen benutzt werden, gehorcht wird“ (damals sah und anerkannte man dies). „Wir sind hier auf dem Terrain des Menschen, wo die Veranlagung, der Wille, der „Geschmack“ eine Rolle spielen und das durchschnittliche Phänomen weder in festen Formeln dingfest gemacht noch kategorisiert oder vorhergesehen werden kann.“

Zum Teufel also mit der Wertgröße (nicht jedoch dem Wertbegriff, der sich, seiner materiellen Bestimmung beraubt, glänzend der sogenannten Gesellschaftswissenschaften bemächtigt: dem Recht, der Ethik, der Ästhetik … ); zum Teufel mit Größen überhaupt, die in die Nationalökonomie hereingebracht werden, außer es handelt sich um Geldnotierungen oder vertraglich vereinbarte Warenmengen; und zum Teufel (jetzt kommt der brenzlige Punkt) mit der Möglichkeit, durch die ökonomische Forschung den Menschheitsweg – im Sinne der die eigene Tätigkeit für die eigenen Bedürfnisse organisierenden Gesellschaft – festzulegen. Hier kann man nur noch mit den Händen im Schoß zugucken und die konkrete Geschichte a posteriori – eine unvorhersehbare, grenzenlos freie, von jeder Wegbeschreibung unabhängige und jeder Marschroute gegenüber gleichgültige Geschichte – jener Schar irdischer Wirrköpfe schreiben, die für alles empfänglich und zu allem fähig sind, sogar dazu, den Wissenschaftlern zu glauben.

 

19. Wert oder Preis?

Alle aufgrund ihrer Epoche und Farbe durchaus unterschiedlichen Marx-Kritiker stehen im Wesentlichen auf demselben Boden: Eine ökonomische Wissenschaft schlechthin (die seit Marx‘ Zeiten damit beschäftigt ist, in Sachen Universitätspalaver und Altpapierproduktion für die Bibliotheken Riesenschritte zu machen) habe mit der Wert-und Mehrwerttheorie, ebenso mit dem Gesetz des Falls der Profitrate, dem Stalin den Garaus machen wollte[25], kurzen Prozess gemacht. Gleichzeitig wollen sie damit die ebenso wichtige Theorie der allgemeinen Ausgleichung der Profitrate in der nationalen und transnationalen ökonomischen Gesellschaft vom Tisch fegen. In all dem kommt – und für diese Herrschaften mit Recht – mehr Ingrimm zum Ausdruck als in den Kreuzzügen, die sie wutschnaubend gegen die Proklamation des Klassenkampfes führten, gegen den Gebrauch der revolutionären Gewalt, gegen den auf die demokratischen und liberalen Ideale geworfenen Schlamm und gegen die proletarische Diktatur und ihren Terror, deren Vorkämpfer jener stark behaarte Gelehrte war, den die – nicht ganz dummen – Engländer in seinen letzten Lebensjahren den red terror doctor nannten.

In einem seiner berühmten Pamphlete von 1908 (lang ist’s her), das 1926 wiederveröffentlicht wurde, den Titel „Studio su Marx“ trägt und ein umfangreiches Sammelsurium zahlloser von Marx-Kritikern angenommener oder zurückgewiesener Thesen ist (am schlimmsten ist, wenn Marx verteidigt und respektvoll behandelt wird), in diesem Pamphlet also verweist der uns allen bekannte Arturo Labriola auf seine erste Schrift von 1899, worin er der Unannehmbarkeit der marxistischen Werttheorie beipflichtet und, wie er selbst sagt, versucht, die Preistheorie mit der Werttheorie zu versöhnen.[26] Das Buch wurde zu jener Zeit herausgegeben, in der sich zwei revisionistische Flügel auf Marx stürzten: der, den wir den reformistischen und legalistischen Bernsteins nennen, und den syndikalistischen und, wie es heißt, radikalen Sorels, dessen bissiges Vorwort zum Buch Labriolas sich dortselbst abgedruckt findet. Wer weiß, wie heftig diese beiden Strömungen auf historischer und politischer Ebene aneinander gerieten, kann ermessen, wie beredt die Tatsache ist, dass die Sorel’sche Richtung auf theoretischer Ebene immer wieder den Kritiken Bernsteins beipflichtet, der unablässig die marxistischen Entwicklungsgesetze des Kapitalismus verhöhnte und die Bruchstellen durch eine sanft verlaufende Evolution ersetzte. Eine Parallele zu dieser Polemik lässt sich auch in jüngsten Abhandlungen von Leuten finden, die behaupten, die Fehlgriffe des prophetischen Wissenschaftlers Marx‘ auszubügeln und sich den Doktorhut aufsetzen, weil sie über die Erfahrungen angeblich neuer Fakten dieses Jahrhunderts verfügten und nicht minder angeblich die für Marx so wichtigen „Schemata“ überwunden hätten.

 

20. Vier Asse

Wäre 1954 tatsächlich entdeckt worden, wo der marxistische „Fahrplan“ der historischen kapitalistischen Gesellschaftsform fehlerhaft ist, könnte man darüber lachen, so lange gewartet haben zu müssen, nachdem der redselige neapolitanische Professor dies einmal aufgedeckt hatte, ja sogar die kleine Geschichte erfunden hatte, an der Sorel vor nunmehr 50 Jahren sein Vergnügen hatte, dass nämlich die Fehler von … Karl Marx selbst aufgedeckt worden seien. Demnach also hätte Marx, nachdem 1867 der erste Band des Kapital erschienen war, seine ökonomische Arbeit lange unterbrochen, nicht weil ihm schwere Krankheitsanfälle zu schaffen gemacht hätten, sondern weil er 1871 durch die Lektüre eines Jevons und anderer über eine „wirklich wissenschaftliche“ Ökonomie erleuchtet worden sei. Die Einsicht in die eigenen Fehler hätte zur Folge gehabt, dass Marx sein Manuskript als ungeordneten Haufen hinterlassen habe; alle diesbezüglichen Anschuldigungen von Leuten dieses Kalibers sollen Engels und auch Kautsky zu seiner besten Zeit treffen, die die Materialien willkürlich zusammengeschustert hätten.

Soll man denn glauben, so sagte Herr Labriola, dass allein Marx Recht hat und die „gesamte, ja wirklich die gesamte Wissenschaft“ gegen ihn im Unrecht ist?! Doch eben dieser noch immer bestehende Stand der Dinge – ohne dass man umhin gekommen wäre, den Namen Marx in jeder auf der Welt gedruckten Zeitschrift mindestens ein Dutzend Mal zu nennen –, eben dieser Stand der Dinge war und ist uns nützlich. Wenn nämlich die Wissenschaft Marx Platz gemacht hätte, wären wir im Arsch.

Vervollständigen wir mit unserem alten Tonino Graziadei,[27] ebenfalls Lehrstuhlinhaber, das Professoren-Quartett (neben Sorel, Labriola, Bernstein). Vor dem 1. Weltkrieg reformistischer Syndikalist, kam er 1919 zur Linken; er betete die These Labriolas von 1908 mit einer Reihe von Büchern über „Preis und Preiszuschlag in der kapitalistischen Wirtschaft“ nach, und während er den historischen, politischen, philosophischen Teil von Marx und dem Marxismus apologisierte, rückte er der Wert- und Mehrwerttheorie zu Leibe, was die (seinerzeit noch) kommunistische Internationale scharf zurückwies.

n dem Kampf zwischen den Positionen, in dem wir seit 1848 Partei ergriffen haben, ist also Folgendes der Punkt: Hat der moderne Kapitalismus den Versuch zurückgenommen, im Einklang mit einer Theorie vom Typus der Klassengesellschaft sein curriculum vitae und die Bestimmung seiner allgemeinen Entwicklungsgesetze auf Basis eines Systems von Formeln zu schreiben, worin als fundamentale Größe nicht das Maß des Preises, sondern des in der Produktion geschaffenen Werts gilt?

Wenn wir hier in die Flucht geschlagen werden, behalten die Professoren des „marginalen Marxismus“[28] Recht, doch mit ihnen gleichermaßen auch die Jevons, Sombarts, Paretos, Einaudis, Fishers, Kinleys und desgleichen die Rothschilds, Morgans, Rockefellers usw., allen voran – Ehre wem Ehre gebührt – Josef Stalin.

 

21. Physische und ökonomische Quantitäten

Laut Sorel „hat Marx die Anwendung von Quantitäten in der Ökonomie nicht in dem Sinne verstanden, in dem die Mathematiker sie verstehen, wenn sie Fragen der Physik behandeln. Es scheint (?), als seien die quantitativen Relationen seiner Ansicht nach (?) nur geeignet, allgemeine, unbestimmte oder vielleicht symbolische Angaben zu liefern (was, Professor Sorel, ist denn die Mathematik ohne den Gebrauch von Symbolen?); diese sind umso klarer, je irrealer sie sind. Will man „das Kapital“ vollständig verstehen, wäre es wichtig, diese schwierige Frage zu studieren.“
Schön. Man hätte in den letzten 50 Jahren nicht schlecht daran getan, an dieser schwierigen Frage zu arbeiten, statt sich voluntaristisch und aktivistisch damit zu beschäftigen, den Arbeiterkampf zu pervertieren.

Zu dieser „Anwendung von Quantitäten in der Physik und Ökonomie“ sollten wir hier noch einige Bemerkungen machen. Erstens: Marx hatte in der Ökonomie die Absicht, Zahlen und die durch sie gemessenen Größen zu benutzen, wie es die Physiker auch tun. Die Darstellungsweise indes ist eine andere Sache, hier spielen immer auch historische Umstände eine Rolle. Der von Verfolgung bedrohte Galilei z. B. legte die Theorie der Himmelsmechanik in Gestalt eines Dialogs dar und machte im Prolog deutlich, nur die Absicht zu haben, die gegensätzlichen Folgerungen als gleichermaßen von der menschlichen Vernunft akzeptabel aufzuzeigen, damit die geoffenbarte Lehre darüber entscheide. Es brauchte fast eine Revolution, damit Laplace einer bekannten Anekdote nach auf die strenge Frage Napoleons – warum Gott in seinem astronomischen Weltbild nicht vorkomme? – schlicht antwortete: „Ich habe dieser Hypothese nicht bedurft.“[29] Spräche ein Universitätsprofessor heute so, könnte er einpacken. Was Marx angeht, der sich an die Arbeiterklasse wandte (die zugleich mit dem Verlust auch nur der minimalsten Kontrolle über ihre Arbeitsbedingungen auch jene über ihre Bildung einbüßte), folgte er einer literarischen Form und gebrauchte sodann reichlich Zahlenbeispiele (oftmals nicht komprimiert, sondern zur „Freude“ des Lesers allzu detailliert), nur selten algebraische Formeln, und in seinen letzten Jahren dachte er, wie wir noch sehen werden, über höhere Mathematik nach.

 

22. Physische Modelle und Symbole

Zweitens: Die jüngste Geschichte der Physik und vor allem der mathematischen Physik zeigt, dass der Gebrauch von Mengen und Größen bei der Erforschung der physischen Welt nicht so glatt zu handhaben ist, wie es um 1900 den Anschein hatte. In der Regel wird mit immer neuen Symbolen und wechselnden Modellen gearbeitet und just die Sorel unzulänglich erscheinende Norm bestätigt, wonach Modelle je irrealer desto klarer sind. Um nicht so weit auszuholen: Will man Wissenschaft betreiben, muss man sie anwenden und weitergeben können; um sich verständlich zu machen und weiter zu gehen, muss man den Untersuchungsgegenstand wenn nicht zusammenfassen, so doch weitgehend vereinfachen. Das Modell als ein Ganzes so und so vieler Atome von verschiedener Qualität und durch kovalente Bindungen zusammengehalten, war recht „klar“. Sehr viel realer, aber dafür sehr viel weniger klar ist das Atommodell, das in einen Atomkern und um ihn kreisende Elektronen zerlegt wird. Zuerst genügten (nicht allzu) abstrakte Größen: Gewicht und kovalente Bindung; heute kommen viele andere dazu, mechanische und elektromagnetische. Weiter konnte man kommen, als der Kern seziert (und dann gespalten) wurde, so dass man Protonen, Neutronen und andere Teilchen hatte, von denen heute das allerneueste und geheimnisvolle, nämlich das Antiproton, gefunden worden sein soll. Vom System kommt man zum Modell, von den Teilchen zu Maßen und Symbolen: Handelt es sich um Korpuskel? Um Wellen? Um für einen Augenblick auf eine Glasplatte treffende Spuren einer Trajektorie? Vorläufig sieht es so aus, dass jeder sagen kann, was er will.

Drittens: Zugegeben, dass man es zuerst dahin brachte, anhand quantitativer Methoden Fragen der physischen Welt und nicht solche des gesellschaftlichen Aggregats zu behandeln. Zugegeben auch, dass, wenn bereits bei den Fragen der physischen Welt vereinfachte Schemata (zunächst mithilfe geradezu willkürlicher Beweise, dann mit größerer Genauigkeit) eingeführt wurden, um Gesetze aufzudecken und Formeln zu geben, die sekundären, unreinen, mit der reinen Beziehung – die isoliert werden soll und damit manchmal verdunkelt wird – koexistierenden Erscheinungen jedenfalls ein weniger teuflisches Hindernis darstellen, als es auf dem Gebiet der Soziologie und Ökonomie der Fall ist. Nachdem wir die Dinge, notwendigerweise kurz und knapp, wieder einigermaßen zurechtgerückt haben, sagen wir, dass bei Marx der Gebrauch von Mengen und Größen, einmal das zu untersuchende Modell aufgestellt, absolut streng und unverzichtbar ist. Das ist ein zentraler Punkt, kein Beiwerk, und das einzige Mittel, die in ihren allgemeinen Tendenzen interessierenden Entwicklungslinien vorauszusehen. Wir sagen noch dazu, dass dieser Gebrauch in der ungeheuren Arbeit von Band zu Band, von Werk zu Werk, von Epoche zu Epoche konsequent, folgerichtig und hundertprozentig homogen ist.

 

23. Der Wert, die ökonomische Masse

Auch wenn Wiederholungen auftreten, was im Übrigen in der Parteiarbeit durchaus üblich ist, verdient das Thema, hinsichtlich der Verbreitung ein wenig ausführlicher über die andernorts bereits erörterte Parallele zu sprechen (in verschiedenen Ausgaben von „Prometeo“[30], einigen „Fili del tempo“ u.a.). Der Preis ist eine empirische Angabe, denn alle können ihn benennen und auch bewerten, sofern er in der jeweiligen Währung ausgedrückt ist. Auch noch im Jahr 1954 wird dafür plädiert, als einzige die mathematische Größe der Geldseite in der Ökonomie zu verwenden. Doch schon vor einem Jahrhundert hatte Marx angemerkt, dass man, so alt der Streit über den Wert auch ist, in die größte Verwirrung und das größte Tohuwabohu gerät, wenn man die tausend Theorien über das Geld untersucht. Der Begriff des Warenpreises ist also unmittelbar gegeben, der des Warenwertes mittelbar.

Mit dem von Galilei formulierten Begriff der Masse machte die Physik einen Riesenschritt nach vorn; bis dahin hatte man über den mehr „äußerlichen“ und „praktischen“ Begriff des Gewichts nachgedacht. Eher als ein Schritt war es ein Sprung, der als Korollarium einer produktiven Gesellschaft getan werden konnte und musste, die jetzt mehr organisiert war, mehr urbane und industrielle als, wie zur Zeit der Renaissance, ländliche und bäuerliche Strukturen aufwies. Die Masse ist konstant, während sich das Gewicht eines Gegenstandes verändert, je nachdem, ob wir uns am Meer oder auf einem Berggipfel, am Pol oder am Äquator oder womöglich auf einem anderen Himmelskörper als der Erde befinden. Auf dieser theoretischen – wenn man will: irrealen! – Grundlage zeigte Galilei, was praktisch offensichtlich war: Zwei Körper ganz unterschiedlichen Gewichts fallen in der gleichen Zeit aus der gleichen Höhe. Eine Sache, die seit Aristoteles geleugnet worden war, weil man nicht von den unreinen Faktoren abzusehen vermochte, etwa vom Luftwiderstand. Daher der berühmte Ausruf: Feder und Bleikugel! Genauso wie man bei uns ausruft: der Handlanger und das große Genie!

Dies wurde erkannt, weil eine neue Größe hereingebracht worden war, die nicht in den Anschauungen a priori des Denkens, der Verstandeserkenntnis entdeckt worden und gewissermaßen selbst „provisorisch“ war.

Doch der „revolutionäre“ Sprung blieb. Der Ausdruck Galileis, dass das Gewicht eine von der Quantität der Masse und ferner vom anderen Faktor, der Beschleunigung, abhängige Kraft ist, erlaubte, den Fall des Steins und die Bahn des Mondes um die Erde auf ein und dasselbe mathematische Gesetz zurückzuführen, etwas, was Newton später durch bloßes Operieren mit Symbolen deutlich machte. Als in einer späteren Entwicklungsphase der gesellschaftlich-planmäßigen Organisierung versucht wurde, diesen Zusammenhang auch beim fallenden Stein und rasenden subatomaren Teilchen aufzuzeigen, musste der Ausdruck verändert werden: Die Masse eines gegebenen Körpers ist nicht mehr konstant, sondern ihrerseits gemäß seiner Geschwindigkeit variabel; ist diese sehr hoch, kann die Masse durch Verlust von Energie abnehmen. Nun ist der Abstand zum Mond eine Milliarde Mal oder so größer als die Fallhöhe eines vom Hocker auf die Erde fallenden Gegenstandes, doch das Verhältnis zwischen der Masse des Gegenstandes, sagen wir einer Schreibfeder, und der eines Elektrons schreibt man mit 27 Nullen (Milliarden-Milliarden-Milliarden). Es ist also verzeihlich, wenn Galilei das vor vier Jahrhunderten nicht bemerkt hat.

Mit Marx machen wir das Recht geltend, zwischen dem Wust des Preis-Gewichts einen Weg frei zu machen und die, im vorliegendem Fall, konstante Größe der Wert-Masse jeder Ware hereinzubringen, um daraus die Umlaufbahnen abzuleiten, auf denen die Welt des Kapitals dahindriftet. Uns genügt, wenn die neue Größe für die Zeit unverändert und gültig bleibt, die nötig ist, jene Welt in die tiefste Hölle zu stoßen.

 

24. Die Rate als „Prüfstein“ für den Kapitalismus

Nachdem das Modell der typischen Gesellschaft bestimmt wurde, soll nun auf die uns interessierenden messbaren Quantitäten eingegangen werden. Dabei wird uns die kürzlich abgeschlossene Artikelreihe zur Agrarfrage mit den Schluss- und Gegenthesen von Nutzen sein.[31] Es ist daher nicht so schwer, das „Marx’sche Tableau“ mit den Wertbewegungen zwischen den großen Klassen zu skizzieren und die einfachen Ausdrücke anzuführen, die für die kapitalistische Wirtschaftsrechnung und die Darlegung ihrer Gesetze von Nutzen sind, um in einem zweiten Schritt deren Gültigkeit und Unverzichtbarkeit gegen die Bemühungen der antirevolutionären ökonomischen Schulen zu verteidigen – sowohl jener Schulen, die die bloßen Erscheinungen der Waren- und Geldzirkulation in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen stellen und sich somit im Schlamm des Marktsumpfes suhlen, als auch jener Schulen, die, da sie sich in letzter Zeit genötigt sahen, eine Theorie der Produktion in Angriff zu nehmen, bereit waren, sich auf den Rand und in den Krater des Vulkans zu wagen, wo die Vorboten der gewaltigen explosiven Eruption brodeln.

Die ersten Ökonomen gingen vom vagen Begriff des Nationalreichtums aus. Dieses Vermögen, das als Geldausdruck der jeweils geltenden Währung oder als Masse der für das organisierte Leben nützlichen Dinge aufgefasst wird, wie Gebäude, Geräte, Vorratslager, dieser Reichtum ist dauernd in Bewegung; es findet ein beständiger Abfluss statt, was eine ebenso beständige Erneuerung erzwingt. Es gibt kein konkretes Beispiel und noch nicht einmal ein abstraktes Modell einer Gesellschaft, die nur konsumieren würde, deren Reichtum mithin in einem ungeheuren Vorrat bestünde, dem sie jeden Tag und jedes Jahr so viel entnehmen könnte, wie zum Lebenserhalt eines jeden Mitglieds nötig wäre. Jedes Modell der ökonomischen Bewegung muss also einen Zyklus der Umläufe bedenken, an dessen Ende die entnommenen gesellschaftlichen Reichtümer und Vorräte zumindest wieder aufgefüllt werden.
Wir werden bald zur wesentlichen Frage kommen, nämlich die Möglichkeit einer progressiven Vermehrung der Ausrüstungen und Bestände in Rechnung zu stellen, und zwar einer Vermehrung, die mit der demographischen Veränderung und fast immer wachsenden Bevölkerungszahl beginnt Schritt zu halten.

 

25. Akkumulierte tote Arbeit

Die gesellschaftliche Organisation mit ihrem Arbeitsvermögen (welches nicht nur in Muskelkraft besteht, sondern ein Erbe ist, eine Überlieferung technischer Ausbildung, eine Weitergabe technologischer Kenntnisse auf allen Gebieten, worin schließlich jede Wissenschaft, jedes gesellschaftliche und individuelle Wissen und Denken besteht) hat es ab einem bestimmten Moment nicht mehr nur mit der natürlichen Umwelt zu tun, sondern mit einer Menge Dinge und Anlagen, die ihr die früheren Generationen vermacht haben. Die Erdkruste, an der wir uns festklammern, hat dadurch ihr Aussehen verändert, ist mit allen möglichen Erzeugnissen ausgestattet, und in jedem Moment verfügt die Gesellschaft über einen Teil bereits produzierter und noch nicht verbrauchter Konsumgüter. Eine Masse gesellschaftlichen Reichtums, eine Masse gesellschaftlicher Arbeit, eine Gesamtheit durch menschliche Arbeit produzierter Waren und Güter, deren Berechnung wir vorläufig beiseitelassen, denn im Endeffekt ist das nicht so wichtig, weil alle Warengruppen aus Gründen der Klassenmacht durch Rechenoperationen am Laufen gehalten werden, die sich auf die Masse der gegenwärtigen, lebendigen Arbeit beziehen, auf die Menge des im neuen Produktionszyklus neuzugesetzten Werts. Klar, dass in einer kapitalistischen, daher warenproduzierenden Ökonomie ein Teil des Erbes zunächst aus Geld, aus umlaufenden Münzen besteht. Etwas, was an und für sich und vor allem, seit es Papiergeld gibt, bloß ein gesellschaftlicher Mechanismus ist, um die Verteilung des noch „ungeborenen Werts“ zu lenken. Infolge einer Katastrophe beispielsweise, die die normalen Verkehrs- und Kommunikationsmittel lahmlegt, würde die Gesellschaft – bei gut gefüllten Tresoren und vollen Konten – sehr bald untergehen.

Doch nicht die gesamte kristallisierte vergangene Arbeit wird im beginnenden Produktionszyklus in Bewegung gesetzt. Eine Werkstatt, eine Maschine mögen das ganze Jahr hindurch unbenutzt bleiben, ein im Moment nicht benötigter Vorrat an Konsumwaren mag die ganze Zeit im Lager herumliegen. Aber auch jener Teil des bereits produzierten Reichtums, der im neuen Produktionszyklus in Bewegung gesetzt wird, kann auf zweierlei Art und Weise angewendet werden: Entweder ganz – oder nur teilweise, womit er am Ende nicht verbraucht und verschwunden ist und nur der im Produktionsprozess konsumierte Anteil ersetzt werden muss, damit er seinen Zweck wieder genauso erfüllt wie zu Beginn des Zyklus.

 

26. Die marxistischen Einheiten: Kapital

Als die klassische Schule festlegte, dass der Wert dieser akkumulierten Reichtümer durch die in ihnen verausgabte vergangene Arbeit gemessen wird und sie als Kapital erachtete, musste sie diese als Faktoren des neuen Produktionszyklus darstellen und ihren Wert berechnen, der ihr als proportional zur Arbeit galt, die zur Produktion jener Reichtümer notwendig gewesen war, oder genauer gesagt, zur Arbeit, die zu ihrer Reproduktion, soweit nicht vorhanden, notwendig gewesen wäre.

Sie unterschied zwischen fixem und zirkulierendem Kapital (was der Wirtschaftswissenschaft noch immer zu schaffen macht, mit ihren individuellen Scheuklappen, die sie zwingen, den Anteil jedes „Individuums“, das nunmehr nicht mehr die berühmt-berüchtigte Person, sondern die Firma ist, zu messen). Unter fixem Kapital versteht sie das, was in der Produktion zwar angewandt, aber nicht verbraucht wird, z.B. einen Pflug; unter zirkulierendem Kapital das, was ganz verbraucht wird, wie Saat und Dünger.

Wir gehen nicht wieder auf diese Unterscheidung ein. Im marxistischen Ausdruck der quantitativen Produktionsverhältnisse geht uns das fixe Kapital nichts an und wir lassen es unberücksichtigt, denn es wird in der Tat gebraucht, ohne dass es qualitativ oder quantitativ verbraucht wurde. Was bei uns in die Rechnung kommt, ist das, was ganz in der Produktionstätigkeit absorbiert wird und materiell im Produkt wiedererscheint oder in Subprodukten und Exkrementen verlorengeht, wie z.B. das Wachs, aus dem Kerzen hergestellt werden. Wir werden demnach nicht den Pflug, sondern dessen „Verschleiß“ berechnen. Auch die primitivste Pflugschar hält nicht ewig, muss geschliffen und schließlich erneuert werden. Wenn sie, sagen wir, 20 Jahre lang gebraucht werden kann, ist sie für uns konstantes Kapital, dessen 20. Wertteil in die „Produktionsfunktion“ einzubringen ist.

Die erste in Rechnung zu stellende Quantität ist also das konstante Kapital: Rohstoffe und verbrauchte Hilfsstoffe wie Kraftstoff, Öl, etc.; Verschleiß aller Werkzeuge und Anlagen, berechnet nach der periodisch notwendigen Erneuerung, die so oft zitierte „Amortisierung“, die auch für die Baulichkeiten anfällt, in denen die Verarbeitung stattfindet, sowie für jedes andere fixe Arbeitserzeugnis. Dieses Quantum der Bestandteile, der Faktoren der Produktion bezeichnet Marx als konstantes Kapital. Seine Vorgänger verwechselten dies nicht gerade selten: Ramsay wurde dazu verleitet, es mit dem geläufigen Begriff des fixen Kapitals gleichzusetzen; alle oder doch fast alle brachten das Betriebsvermögen mit dem konstantem Kapital durcheinander, und irgendjemand vermengte die Begriffe des in der Produktion angelegten und angewandten Kapitals. Eine, was die Wertberechnung angeht, für den Marxismus unwichtige Unterscheidung.

 

27. Die marxistischen Einheiten: Arbeit

Wie man weiß, sind es drei Größen, die wir einzubeziehen und zu addieren haben: außer dem konstanten noch das variable Kapital und den Mehrwert. Da ihre Summe den Wert des Produkts ausmacht, das der Kapitalist in Händen hält und mithin Kapital ist oder jedenfalls sein kann, sind alle drei Begriffe qualitativ Teil des Kapitals, insofern sie Teil des Werts sind: Historisch ist heute ja jeder Wert Kapital. Das zuerst betrachtete konstante Kapital ist jedoch vergangene Arbeit, das den Zyklus unverändert durchläuft, d.h. ohne einen anderen Wert als den, den es bereits enthält, zu erzeugen; variables Kapital und Mehrwert sind hingegen lebendige Arbeit, gegenwärtige Arbeit, woraus der während des Zyklus neu zugesetzte Wert hervorgeht, ein Ausdruck, von denen die Bourgeois nichts wissen wollten, doch heute, wie wir sehen werden, in ihren Statistiken aufführen und „Nationaleinkommen“ nennen.

Den zweiten zu addierenden Begriff nennt Marx variables Kapital, das sind die entsprechenden Ausgaben für die Löhne des jeweiligen Zyklus. Nominell wären daher die ersten beiden Größen Kapital, da darunter das in der Produktion „vorgeschossene“ Kapital verstanden wird, also das in den Erwerb von Waren und für die Lohnzahlungen auszugebende Kapital. Die Gesamtsumme aber ist der Kapitalerlös, der Werterlös, und der ist größer als die ersten beiden Ausdrücke, als die Vorschüsse. Offensichtlich wird diesen Vorschüssen, die die Bourgeois „Produktionskosten“ nennen, der Ertrag, der Profit, der Gewinn hinzugefügt, ist also unser Mehrwert.

Aus der Summe konstantes Kapital, variables Kapital plus Mehrwert ergibt sich daher der Wert des Produkts. Er hat nichts mit dem „Betriebswert“ zu tun, daher der grundsätzliche Unterschied: Für uns ist Kapital die Produkt-, die Warensammlung, während für die bürgerlichen Ökonomen das Kapital das Betriebsvermögen darstellt, oder anders gesagt, das Vermögen des Besitzers (ganz gleich, ob er eine physische Person ist oder nicht), einschließlich der Darlehen, des Bargeldes, des Verkaufswerts der Immobilien, wie Böden und Gebäude.
Der Unterschied liegt nun darin: Für den Bourgeois gibt es zwei Faktoren: das Kapital und die Arbeit (wobei die Bodenrente u.Ä. zunächst beiseitegelassen werden).

Der Lohn oder das variable Kapital wäre also der durch Arbeit erzeugte Wert, der dem, der sie geliefert hat, zukommt; der Gewinn oder Profit wäre der durch das konstante Kapital (für die ganze Dauer, vom Erwerb des Rohstoffs bis zum Verkauf des fertigen Produkts vorgeschossen) sowie das Lohnkapital (seinerseits für die Dauer von der Lohnzahlung bis zum Verkauf des Endprodukts vorgeschossen) erzeugte Wert.

Jedenfalls produziert das in Rohstoffen und Waren oder in Arbeitskraft angelegte Kapital in den Augen des Bourgeois Wert. Die Arbeit erzeugt den Lohn und wird durch denselben bezahlt.

Für den Marxisten erzeugt das konstante Kapital nichts, da sein Wert den Zyklus unverändert durchläuft. Es ist die Arbeit, die den ganzen neu zugesetzten Wert, d.h. variables Kapital und Mehrwert hervorbringt, doch der Arbeiter erhält dafür nur den ersten Teil, den Lohn.

Hat der Unternehmer-Kapitalist kein Bargeld, leiht er sich das Geld für das zu verarbeitende Material und die Löhne und zahlt es nach Verkauf des Produkts zurück. Die gezahlten Zinsen zieht er von seinem Mehrwert ab – sie sind demnach auch nicht Frucht des Kapitals, sondern wiederum der Arbeit. Alles bekannt, muss aber in das Schema der Gegenthesen wieder in eingeordnet werden.

 

28. Gewinne und Raten

Konstantes Kapital, variables Kapital, Mehrwert, Produktenwert – diese vier Größen sind durch eine einfache Addition, wie die Rechnung beim Bäcker, miteinander verbunden, und unsere simple „Produktionsfunktion“ ist eine, wie es in der Mathematik heißt, lineare Funktion. Laut unserer Feinde ist es eine nutzlose Übung, Produktionsfunktionen zu schreiben, indem der Gebrauch der Größe Wert hereinkommt, denn in der Wirtschaftswissenschaft gelten nur im Preis ausgedrückte Zirkulationsfunktionen, wobei sich der Preis durch die berühmten Marktbedingungen verändert: Angebot, Nachfrage, Gewinn, Grenznutzen,[32] Konkurrenzvorteile und … das clevere Schüren ungezügelter Konsumlust. Wir werden noch sehen, wie auch sie eine Produktionsfunktion auf die Beine stellen. Gründet sich denn die gesamte angewandte Ökonomie bzw. die Wertbestimmung der Güter auf Grundlage der Marktpreise nicht auf eine Produktionsfunktion, nämlich der des Zinses (Ertrag proportional zum Kapital und zur Zeit: eine rationelle, d.h. eine Division zulassende Funktion) und der des Zinseszinses (Kumulierung der Erträge und des Kapitals: eine exponentielle Funktion)? Durch letztere Formel, worauf, ebenso wie bei unserer Formel, die Probe aufs Exempel zu machen ist, wird der berühmte Pfennig im Laufe des 2000 Jahre langen Schlafs der Menschheit zu einem Ball aus Gold, so groß wie die Erde.

Wir addieren also lediglich, und in unserer Addition taucht kein Kapitalertrag des Zinssatzes auf, der, wie auch der Wucher, vor der modernen kapitalistischen Produktion auftrat. Zu was also soll der Gewinn ins Verhältnis gesetzt werden? Nun müsst ihr euch doch noch mit einigen Divisionen anfreunden. Gemeinhin, das ist klar, wird der Gewinn (für uns der Mehrwert, aber quantitativ ist das das gleiche, nämlich die Differenz zwischen dem Verkaufserlös und den gesamten Produktionskosten; nur der Name ist ein anderer) zu den Kosten der Anlagen, zum Betriebsvermögen ins Verhältnis gesetzt. Jemand eröffnet eine Werkstatt, gibt eine Millionen für Maschinen aus und braucht eine halbe Millionen in bar, um seinen Produktionszyklus zu beginnen: Am Ende des Jahres hat er die Werkstatt, die Maschinen, die halbe Millionen in der Kasse und dazu 300 000 Ertrag: Für ihn sieht die Sache so aus: eineinhalb Millionen investiert und dafür springen im Jahr 20% für mich raus.

Doch die klassische Ökonomie ging einen Schritt weiter und bezeichnete das Verhältnis des Gewinns nicht zum Betriebsvermögen, sondern zu den Produktionskosten aller Waren, deren Verkaufserlös jenen Gewinn einbrachte, als Profitrate: das Verhältnis also des Profits zu den Ausgaben für das konstante und variable Kapital. Wenn die genannte Werkstatt im Jahr Roheisen für 200 000 gekauft, 300 000 für die Mechanikerlöhne gezahlt und 800 000 Umsatz gemacht hat, hat sie auf die geleisteten Vorschüsse von 500 000, 300 000 Gewinn gemacht, Profitrate: 60%.

Den Mehrwert aber findet man, wie ihr wisst, indem der Profit-Mehrwert, der 300 000 betrug, allein zum variablen Kapital, oder den Lohnkosten (ebenfalls 300 000) ins Verhältnis gesetzt wird. In diesem Fall also 100% Mehrwertrate.

Das konstante Kapital geht demnach durch den Zyklus, ohne irgendwas eingebracht zu haben. Die Arbeit dagegen fügt dem Produkt einen Wert (600 000) hinzu, der doppelt so hoch wie der den Arbeitern gezahlte Lohn ist.

 

29. Betrieb und Gesellschaft

Wir sind noch nicht fertig, denn das bisher Gesagte diente nur dazu, die vier Größen zu definieren, die den Wert des Produkts und seine relativen Größen – Mehrwert- und Profitrate – darstellen. Diese einfachen Beziehungen können nun aber auf einen einzigen Betrieb (worauf sich der bürgerliche Ökonom auch normalerweise kapriziert) oder auf die gesamte gesellschaftliche Produktion angewandt werden. Ohne diesen zweiten Aspekt aber kann die marxistische Funktion der Produktion unmöglich angegeben werden.

Festzuhalten ist, dass wir nur einmal mehr die marxistische Bedeutung der eingeführten Größen und Beziehungen deutlich machen. Wir haben nicht vor, den Beweis und die Bestätigung durch brillante Ausführungen zu erbringen oder durch den Taumel eines angeborenen Gerechtigkeitsgefühls infolge bestimmter Deduktionen oder durch die Harmonie der Rechenoperationen mit den Regeln der Arithmetik und Algebra.

Die Geschlossenheit des Systems und der strenge Zusammenhang der Bestandteile (von dem Luftikus, für den sowieso alles kein Problem ist, wird auch das geleugnet) reichen für die Beweisführung nicht aus; dafür müssen wir uns auf historisches Gebiet begeben und gewisse Erscheinungen ins Auge fassen, die unser Modell oder Schema enthalten kann, ihres aber nicht.

In der vollständig kapitalistischen Produktion (die es nur beim reinen Modell gibt) hat die Profitrate der verschiedenen Produktionszweige laut Marx die Tendenz sich auszugleichen. Diese Tendenz wird umso augenfälliger, je mehr sich eine Gesellschaft dem Modell annähert und aus nur wenigen unreinen Klassen über die drei charakteristischen hinaus zusammensetzt: Arbeiter, Kapitalisten, Grundeigentümer.

 

30. Gesetz des Falls

Dieser allgemeinen Profitrate entspricht eine allgemeine Mehrwertrate. Die beiden Verhältnisse sind an ein drittes Verhältnis gebunden, nämlich der organischen Zusammensetzung des Kapitals, die das Verhältnis zwischen konstantem und variablem Kapital angibt. Wenn mit 20 an Löhnen Rohmaterial für 80 verarbeitet wird, beträgt die Rate der technischen oder organischen Zusammensetzung 4 (oder umgekehrt 25%). Beläuft sich der Produktenwert auf 120, ist der Profit 20% und ebenso der Mehrwert. Wenn aber die Profitrate 20% ist (20 Gewinn auf 100 Vorschüsse), beträgt die des Mehrwerts 100% (20 Gewinn auf 20 Löhne).

In den verschiedenen Produktionszweigen kann die organische Zusammensetzung nicht die gleiche sein; wie wir schon gesehen haben, nimmt sie in der Industrie stark, in der Landwirtschaft langsam zu. Nichtsdestoweniger bringt Marx die durchschnittliche Profitrate herein. Bislang behaupten wir das Gesetz des Falls dieser Rate, erörtern das aber noch nicht. Sie nennen es – à la Stalin – eine Tautologie. In der Tat sagt Marx, dass, wenn die organische Zusammensetzung bei gleicher Mehrwertrate steigt (was historisch von keinem angezweifelt wird), die Profitrate sinken muss. Doch wer sagt, dass die Mehrwertrate gleich bleibt? Ein müßiger Einwand. Sänke die Mehrwertrate – okay, nichts weiter, denn die Rate des Profits sänke erst recht (Gewinn statt 20 nur 10 auf 20 Löhne: Mehrwertrate 50%; verarbeitete Rohstoffe nicht 80, sondern 100: gestiegene organische Zusammensetzung. Gesamtausgaben 100 plus 20, Erlös 130, gesunkene Profitrate: um 10 auf 120, von zuvor 20% auf jetzt nur ca. 8%). Und wenn die Mehrwertrate steigt? Herrschaftszeiten! Es würde nur heißen, dass sie die Löhne gesenkt und den Arbeitstag verlängert haben. Was der allgemeinen Bewegungsrichtung des Kapitalismus allerdings zuwiderläuft.

Dass der Kapitalismus in die Luft fliegt, wenn er alle hungern lässt und den Ausbeutungsdruck erhöht, ist klar. Das ökonomische Gesetz lautet, dass er auch, wenn sich die Lage verbessert, in die Luft fliegen wird. Das ist der springende Punkt, den vielen hohlköpfigen Demagogen sei’s ins Buch geschrieben.

 

31. Die durchschnittliche Profitrate

Wenn wir in unserer Arbeit das Hauptthema des tendenziellen Falls der Profitrate im geschichtlichen Verlauf der kapitalistischen Produktionsweise bereits behandelt haben, heißt das nicht, dass es nicht wieder und gründlicher getan werden muss; es ist eines der Themen, in denen das Marx’sche Material und der zugeordnete mathematische Apparat noch präziser darzulegen sind. Und außerdem einer der Punkte, der so oft missverstanden wird, weil hier banalerweise ein Widerspruch zwischen dem Gesetz des Falls und dem unbändigen Hunger nach Mehrwert und Profit gesehen wird, der den modernen Kapitalformen eigen ist und, wie Marx glänzend prognostizierte, durch die jüngste Geschichte in der Tat eindrucksvoll bestätigt wurde. Im „Dialog mit Stalin“ erinnerten wir daran, wie sich im Zuge des beständigen Wachstums der Kapital- und jährlich produzierten Warenmasse (die das Maß des Ersteren ist) auch die Profitmasse enorm erhöht, obwohl das relative Verhältnis zwischen Profit- und Produktenmasse historisch gesehen abnimmt.[33] Wir denken, in der Agrarfrage[34] die grundlegende, ursprüngliche, in sich geschlossene Theorie der Surplusprofite, die jene aller Renten (d.h. nicht nur der Bodenrente) einschließt, wieder geradegerückt zu haben. Schon mit den ersten marxistischen Theoremen wurde deutlich, dass der Umfang der Surplusprofite, zugleich mit dem Fall der durchschnittlichen Profitrate, progressiv ist. Marx selbst erklärt unter vielen anderen Phänomenen den Einfluss der Kapitalkonzentration: Sogar unter den flachsten Kritikanten gibt es keinen, der nicht wüsste, dass in den frühesten Schriften, schon vor dem „Kapital“, das Gesetz der Konzentration angeführt ist. Die Durchschnittsrate ergibt sich nun aus der Summe aller Profite in Bezug auf alle Kapitalien, den kleinen, mittleren und großen Betrieben, wobei schon allein die Größe des Betriebs Ursache höherer Profite ist. Wenn wir das ganze Tableau der industriellen Gesellschaft einer Epoche nehmen, arbeiten die Kleinbetriebe also für einen Profit, der unter der Durchschnittsrate liegt, die großen haben ein Surplus. In dem Maße, wie sich das Kapital in einer geringeren Anzahl von Betrieben konzentriert, teilt sich die erhöhte Profitmasse unter einer immer kleineren Anzahl profitmachender Betriebe auf. Andererseits steigt das Gesamtkapital dieser wenigen, aber riesigen Unternehmen der Quantität nach immer mehr und damit auch die Produktenmenge. Also: Steigerung der Produktion, sinkende Anzahl von Unternehmen, Erhöhung des Durchschnittskapitals jedes Unternehmens, Erhöhung der Gesamtmasse der Profite, Letzteres jedoch weniger schnell als die Steigerung der Produktion und des gesellschaftlichen Konsums in allen Bereichen – daher Fall der durchschnittlichen Profitrate.

 

32. Produktionspreis

Ungeachtet einer historisch-statistischen Darlegung, die das Marx’sche Gesetz vollkommen bestätigen würde, muss man verstehen, dass unser gesamtes Modell, das den typischen Kapitalismus vollständig darlegt, in einem bestimmten historisch-ökonomischen Moment das Kriterium der Bestimmung des Durchschnittsprofits, der Durchschnittsprofitrate aller „kapitalistischen Unternehmen“ verlangt, d.h. aller Industriebetriebe, einschließlich jener, die mit einem gewissen Kapitalaufwand und ausschließlicher Beschäftigung von Lohnarbeitern in der Agrikultur tätig sind (inklusive der extraktiven und hydraulischen Industrie, der Bauindustrie etc.).

Ohne diesen Begriff des Durchschnittsprofits wäre unsere ganze Theorie des Werts in der Tat nicht haltbar. Für uns lässt sich der Wert der in einem bestimmten Industriezweig produzierten Ware jedenfalls nicht aus der Untersuchung der durchschnittlichen Anteile an den Markttransaktionen deduzieren: Man muss ihn vorher kennen.

Eben damit ging Marx weit über Ricardo hinaus. Ricardo setzte den aus der Arbeitswertlehre abgeleiteten Wert dem Verkaufswert gleich und behauptete in einer ersten, nur annähernden Fassung und inspiriert v.a. durch das Modell einer durch und durch industrialisierten, also rentelosen Gesellschaft (ohne Rente, d.h. ohne Überprofit: Eine Gesellschaft, die das Ideal jeder liberalen Wirtschaft ist, allerdings nicht realisierbar und historisch in immer weitere Ferne rückend): Jede Ware tauscht sich gegen eine andere oder gegen Geld im Verhältnis der zu ihrer Produktion gesellschaftlich notwendigen Arbeit aus.

Marx‘ Formel lautet hingegen, dass jede Ware einen Produktionspreis hat, der ihren Wert in unserem Sinn bildet. Auch wenn wir diesen Wert weiterhin Tauschwert nennen und somit die klassische Unterscheidung zum Gebrauchswert beibehalten (der einer besonderen physischen Qualität der Ware und einem besonderen Bedürfnis, das sie befriedigt, inhärent ist), bestimmt sich der Wert jeder Ware begrifflich nach den in ihrer Produktion gegebenen ökonomischen Bestandteilen. So dass wir sehr wohl den Ausdruck: Produktionswert einbringen und sagen können, dass wir für eine ökonomische Theorie des Produktionswerts sind, unsere Gegner für eine des Tauschpreises.

Hier haben wir unsere lineare Bestimmung der kapitalistischen, und nur der kapitalistischen Produktion. Der Wert des Produkts ist durch die Summe der drei Terme definiert: 1. Das konstante Kapital – 2. Das variable Kapital – 3. Der Mehrwert oder Profit.

Um diesen Ausdruck, den Profit, zu kennen, gehe ich nicht los, um zu fragen, ob die Ware verkauft wurde, und auch nicht, zu wie viel sie in einem gegebenen Raum und zu einer gegebenen Zeit durchschnittlich verkauft wurde; vielmehr suche ich die Durchschnittsprofitrate meines „Gesellschaftsmodells“. Ich vereine, oder addiere, die ersten beiden Terme des konstanten und variablen Kapitals, multipliziere sie mit der Durchschnittsrate und erhalte den dritten Term.

Die zwei erstgenannten zusammen nennt die herkömmliche Ökonomie die Kosten, bzw. den Kostpreis. Für uns ist nun der Wert der Kostpreis, zusätzlich eines Prozentsatzes, der immer der gleiche ist, weil er die Durchschnittsprofitrate bezeichnet, die von der Gesamtheit aller Betriebe der untersuchten Gesellschaft erzielt wurde.

Bislang sind wir jedenfalls nicht aufgebrochen, um uns auf dem Markt ins Bild setzen zu lassen und in den Marktberichten und Notierungen zu blättern; die uns wichtige Größe haben wir gefunden: Der Wert der Ware ist durch ihren gesellschaftlichen Produktionspreis gegeben.
Noch einmal: Konstantes Kapital + variables Kapital + Profit der gesellschaftlichen Durchschnittsrate = Wert des Produkts.

 

33. Tauschpreis

Wenn wir nun unsere heiße Schmiede verlassen – wo geschäftiges Treiben herrscht: beim Proletarier, weil er dazu verdammt ist; beim Kapitalisten, weil er als personifiziertes Kapital (er könnte ebenso gut ein Roboter sein) marxistisch gesprochen „Lieb‘ im Leib“[35] hat – und uns auf den Markt begeben, wo sich die Händler, auf der „Suche nach jemandem, den sie übers Ohr hauen können“, die Hände reiben und wo die „Preisdifferenzen zustande kommen“ (ohne mechanische und jedenfalls physische Verausgabung von Energie, also mehr oder minder wie am bürgerlichen Spieltisch), werden wir uns sicher nicht die Mühe machen, die Theorie dieser äußerst verschiedenen Preissteigerungen und -senkungen aufzustellen.

Prellerei und Schwindel gibt es, natürlich, und Marx spricht schon auf seinen ersten Seiten vom Trug, der das Klima in der bürgerlichen Gesellschaft prägt, doch lässt sich folgendes Gesetz verkünden: Die gesellschaftliche Durchschnittsrate des Schwindels in der Warenproduktion ist gleich Null, denn all die Auf- und Abwärtsbewegungen, die guten und schlechten Geschäfte werden sich im allgemeinen Zyklus untereinander ausgleichen. Schon vor langem ist die Hohlheit der merkantilistischen Schule und ihrer These nachgewiesen worden, wonach der Reichtum aus dem Austausch hervorgehe. Allerdings bezog sich diese Schule, die in der Epoche der ersten europäischen Expeditionen für den Überseehandel aufkam, vor allem auf den Welthandel und wir leugnen mit Marx nicht, dass Mehrwert – daher Wert – dem Austausch zwischen einer kapitalistischen Gesellschaft und nicht-kapitalistischen Gesellschaften entspringen kann und innerhalb der weißen Welt sogar zwischen dem kapitalistischen Bereich und den rückständigen Produktionsformen (siehe Parzellenanbau). Einmal die rein kapitalistische Gesellschaft im Modell festgehalten, sagen wir, dass der gesamte Profit und gesellschaftlich erzeugte Wert seinen Ursprung im Produktionsprozess hat, niemals aber in den Tauschakten und dem Tauschverkehr.

Das Verwandeln der Wert- in eine Preistheorie oder der Versuch, beide zu versöhnen (Arturo Labriola) oder das Verwandeln der Theorie des Mehrwerts in eine des Mehrpreises (Graziadei) ist nur denen erlaubt, die Marx kaltstellen wollen und unsere Waffen und unser Rüstzeug dem feindlichen Lager übergeben.

Wir bestreiten nicht, dass auch unsere Ausdrücke – konstantes und variables Kapital und folglich die von uns hinzugefügte Profitrate – durch Ableitungen gegeben sind, die dem Warentausch (Rohstoffe, Arbeitskraft) entnommen sind, deren Raten ihrerseits jene zufälligen Schwankungen durchmachen. Auch bevor wir es schaffen, gegebenenfalls in mathematischer Sprache, ein „ökonomisches 1 x 1 von Karl Marx“ (das ist wohl das Ziel dieser Arbeitsgruppe) auszuarbeiten, nehmen wir uns das Recht, den Wert, der „vor dem Preis da ist“, mit Hilfe einer Arbeit zu den Preisen aufzudecken. Die physikalische Masse wurde nur gefunden und gemessen, indem anfangs von den Gewichten, auch nur grob bekannten Gewichten, ausgegangen wurde, doch hat dies mitnichten verwehrt, mit aller Strenge die Mechanik der Massen zu errichten und deren Messung unabhängig von den zahllosen Gewichten zu bestimmen, die eine Masse haben kann, so wie der Wert unzählige Preise haben kann.

 

34. Verkaufsnotierungen

Der Marx’sche Ausdruck, wonach eine Ware über oder unter ihren Produktionspreis, genauer also über oder unter ihren Wert verkauft wird, erweist sich daher als vertraut und natürlich.

Es gibt eine Menge Gründe für die in beide Richtungen vorkommenden Abweichungen zwischen dem Marktwert und dem Marktpreis. All die Abweichungen – geschuldet der Marktwirtschaft und den Gesetzen der Konkurrenz, von Angebot und Nachfrage, den Wirkungen der ausgebufften Werbung, die Franzosen sagen réclame, der raffinierten Kunst des marketing der Amerikaner, dem blendenden Zahnweiß des den Kunden anlächelnden Verkäufers oder der Redekunst des Marktschreiers – lösen sich in sekundäre Schwankungen um den gesellschaftlichen Wert auf.

Die Theorie der Agrarfrage und Bodenrente stellt systematische Abweichungen des Werts vom Preis fest; damit ist zugleich das Verdammungsurteil über die kapitalistische Gesellschaft ausgesprochen, denn alle Agrarprodukte (also die dem reinen Modell der kapitalistischen Agrikultur eigenen Produkte) müssen vom Konsumenten über ihrem Wert gekauft werden. Zu seinem Wert wird hier nämlich nur das Produkt des schlechtesten Bodens verkauft, und dieser Preis ist auf dem Markt bestimmend. Wenn nun, wie wir des Langen und Breiten sahen, zu den besseren Böden übergegangen wird, resultiert daraus, dass für das gleiche Produkt geringere Kapitalvorschüsse, geringere Lohnvorschüsse und infolgedessen ein geringerer, unter dem üblichen Satz liegender Profit des Agrarunternehmens ausreichen.[36]

Das Gesetz des Warenhandels aber lautet, dass „sich alle Geschäftspreise sehr rasch ausgleichen“, das nämliche Produkt also keinen niedrigeren Verkaufspreis hat. Wohl aber hat es einen niedrigeren Produktionspreis als den auf dem schlechtesten Boden: daher dann der höhere Gewinn. Da wir unseren dritten Ausdruck, den normalen Profit, der an den Agrarindustriellen geht, schon berechnet haben, ist dieser zusätzliche Gewinn ein Surplusprofit – er kommt als Rente dem Bodenbesitzer oder, wenn ihr wollt, auch dem Staat zu.

Wenn daher Kapital in der Agrikultur angelegt wird und die Kleinkultur verdrängt, liegen die Verkaufspreise über dem gesellschaftlichen Wert. Wenn umgekehrt der Kleinbauer für sein mageres Produkt einen Haufen Arbeit und enorme Kosten aufwendet und sich gezwungen sieht, es zum geltenden Marktpreis zu verkaufen, werden die landwirtschaftlichen Erzeugnisse unter Wert verkauft – die Kleinbauer bilden eine Schicht, die als Knecht der gesamten kapitalistischen Gesellschaft fungiert.

 

35. Surplusprofit und Rente

Obschon das Obige nur die Darlegung in den „Fäden der Zeit“ zur Agrarfrage und die sie zusammenfassenden Thesen und Gegenthesen wiederholt, sollten wir noch präzisieren, dass der Surplusprofit in der Agrikultur nur einer von vielen ist, die in der typisch kapitalistischen Gesellschaft erscheinen und sich in Rente verwandeln, deren sich die Grundeigentümerklasse erfreut, in unserem Modell eine der drei Hauptklassen,. Surplusprofite und die damit vergleichbaren Renten streichen diejenigen ein, die eben kraft des Eigentumstitels an Agrarland über natürliche Wasserfälle, Bergwerke, Bodenschätze aller Art und Baugrund verfügen, nicht zu reden von Gebäuden und der Infrastruktur für die industriellen Unternehmer. Die auf die Sicherheit des Privatvermögens begründete Organisation der bürgerlichen Gesellschaft errichtet und garantiert in all diesen Fällen eine Reihe von Monopolen, die ihrer Natur immanent sind. Grundcharakter der bürgerlichen Wirtschaft ist nicht das freie Spiel der Konkurrenz, sondern das Monopol; es gewährleistet, dass eine ganze Palette von Produkten, darunter so wichtige wie die landwirtschaftlichen und solche aus der extraktiven Industrie zu einem Preis über ihrem Wert verkauft werden, d.h. der Summe der gesellschaftlichen Arbeitsmühen, die ihre Herstellung kostet, und zwar nachdem der normale Profit der „freien“, untereinander konkurrierenden Industrie schon abgedeckt wurde.

Für alle Erscheinungen, in denen die Marktpreise über dem gesellschaftlichen Wert liegen, ist die quantitative Theorie der Agrarfrage und der Rente daher die vollständige und erschöpfende Theorie des Monopols und des monopolitischen Surplusprofits. So wenn der Staat das Monopol für Zigaretten hat oder ein mächtiger Trust, sagen wir, die Ölquellen einer ganzen Region monopolisiert oder sich ein internationales Kohle- oder Stahl- oder morgen dann Urankartell bildet.

Die allgemeine Bewegungsrichtung des Kapitalismus ist folglich die: Historisch beginnt er mit der Verringerung dessen, was man den Index der gesellschaftlichen Arbeit für eine bestimmte Menge Industrieprodukte nennen könnte. Was für die Gesellschaft hieße, das gleiche Produkt oder sogar eine größere Quantität davon konsumieren zu können, freilich bei geringerem Arbeitsaufwand, also weniger Tagesarbeitsstunden ohne Licht und Sonne.

Von vornherein jedoch und trotz der Verringerung der Durchschnittsprofitrate festigt sich der agrikole Surplusprofit und steigt die Arbeitslast für die Lebensmittel.

Als notwenige Folge des mit dem Marktmechanismus Hand in Hand gehenden Marktpreises taucht also eine ganze Reihe anderer Surplusprofite auf; und trotz des technischen Fortschritts und höherer Arbeitsproduktivität wird die Möglichkeit blockiert, die durchschnittliche Arbeitszeit, die täglichen Arbeitsstunden der Einzelnen zu reduzieren, etwas, was sogar bei höherer Konsumtion machbar wäre.

Diese menschliche Versklavung eines Drittels der persönlichen Zeit und wenigstens der Hälfte der Zeit für lebensnotwendige Tätigkeiten (Schlafenszeit nicht mitgerechnet) kann nicht überwunden werden, solange wir an die Schranken des Marktpreises und der Warenproduktion stoßen – dieser Ursache der sich immer mehr verbreiternden Kluft zwischen dem gesellschaftlichen Wert der Gebrauchsgegenstände und dem Preis, zu dem sie gekauft werden müssen.

 

36. Das Tableau der einfachen Reproduktion

Da das Ganze auf der den Preisen vorausgesetzten Berechnung des gesellschaftlichen Werts basiert und wir bereits die drei Termen in Rechnung gestellt haben: die Arbeit „der Toten“, die angewandt und ersetzt wird, ohne dass sie jemand entnommen hätte oder jemandem überlassen worden wäre; die Arbeit der Lebenden, für die Löhne gezahlt wurden; die aufgrund eines festgesetzten Anteils auf die ersten beiden Posten dem Unternehmer zufallende Klassenvergütung; weil wir ferner die gesellschaftliche Größe dieses Anteils kennen müssen, können wir die Fragestellung ohne eine nicht mehr auf den Betrieb, sondern die Gesellschaft bezogene Anschauung nicht formulieren.

Im 1. Band des Kapital legt Marx die allgemeine Bestimmung bzw. Funktion der kapitalistischen Produktion dar, und zwar innerhalb der Grenzen der Wertanalyse einer bestimmten Ware und auf der Ebene des produktiven Gesamtzyklus eines bestimmten kapitalistischen Betriebs (wobei er diese Analyse mit Historischem zur Entwicklung der Gesellschaft, um zum Kapitalismus zu kommen, und zum revolutionären Programm, um herauszukommen, wunderbar ergänzt – mögen nicht nur die wohlbekannten Intellektuellen, sondern auch Josef Stalin höchstselbst kundgetan haben, dass Marx diesen nicht zur Darstellung gehörenden Teil „nicht gern hatte“[37]). In der weiteren Ausarbeitung des Werkes geht Marx dazu über, die Zirkulation des Kapitals in der Gesamtgesellschaft zu erörtern. Es geht dabei nicht darum, wie es gewöhnlich und platterweise heißt, die zuvor beiseitegelassene Waren- und Geldzirkulation zu studieren; es geht im Gegenteil darum (die Kritik des Warensystems findet sich auf jeder Seite, im 1. Band schon im allen bekannten Paragraphen über den Fetischcharakter der Ware), den Kreislauf des Kapitals in der Produktion darzulegen und von der Ebene des kapitalistischen Betriebs auf die der Gesellschaft überzugehen – was Marx beweist ist, dass es ebenso wie auf der betrieblichen auch auf der gesellschaftlichen Ebene nur eine einzige Quelle des Kapitalzuwachses gibt, nämlich den Transfer des Reichtums von einer Klasse zur anderen.

Marx legt also die Gesichtspunkte dieser Zirkulation des Gesamtkapitals in seinem (und unserem) Gesellschaftsmodell dar. Tatsächlich beginnt er damit, eine Gesellschaft ohne Rentiers, eine aus zwei Klassen bestehende Gesellschaft also, mit Kapitalisten und Lohnarbeitern unter die Lupe zu nehmen; zunächst untersucht er den Fall, worin das Kapital (wie Quesnay es hinsichtlich des Nationalreichtums tat) jeden Kreislauf unverändert durchläuft: den Fall der einfachen Reproduktion.

 

37. Die zwei Abteilungen bei Marx

Die Gesellschaft teilt sich in zwei Abteilungen: eine, die zweite Abteilung, für die Produktion von Waren, die direkt der Konsumtion ihrer Mitglieder zukommen; die andere von uns als Abteilung I bezeichnete produziert Gegenstände, die ihrerseits als Mittel für die weitere Produktion dienen.

Die Zahlen dieses ersten, allseits bekannten Schemas lauten:
Erste Abteilung: 4.000 + 1.000 + 1.000 = 6.000
Zweite Abteilung 2.000 + 500 + 500 = 3.000
Gesamtgesellschaft 6.000 + 1.500 + 1.500 = 9.000

 

Nach so vielen Wiederholungen ist es eigentlich nicht nötig zu erklären, was die Zahlen ausdrücken; erste Zahl: konstantes Kapital; zweite: Arbeitslöhne; dritte: Profit; vierte: Produkt.

Nehmt an, der Zyklus dauere ein Jahr und ist abgeschlossen: Die Gesellschaft verfügt über ein Produkt von 9.000, welches ihr Kapital darstellt. Sie hält inne, atmet tief durch, macht die Bestandsaufnahme. 3.000 sind Konsumtionsmittel, zum „verfuttern“, 6.000 Produktionsmittel und Arbeitsmaterial. Es ist klar, dass im folgenden Zyklus diese 6.000 erneut angewendet werden, 4.000 als konstantes Kapital in der Abteilung I, 2.000 in der Abteilung II.
Die 3.000 Konsumtionsmittel gehen: a) 1.000 an die Arbeiter der Abteilung I, 500 an diejenigen der Abteilung II: insgesamt 1.500; b) 1.000 an die Kapitalisten der Abteilung I, 500 an die der Abteilung II: nochmal 1.500. Insgesamt 3.000. Das ist alles.

Zu diesem vereinfachten Schema sind schon zahllose Anmerkungen zu machen, ebenso zahlreich wie die Diskussionen darüber. Wir stellen dazu nur Folgendes fest: In beiden Abteilungen dieser Gesellschaft beträgt die Rate des Mehrwerts 100% (Abteilung I: 1.000 zu 1.000, Abteilung II: 500 zu 500). Was für uns heißt: Die Arbeiter haben dem passiven konstanten Kapital einmal 2.000 und das andere Mal 1.000 an Wert hinzugefügt, davon aber nur die Hälfte erhalten und konsumiert: die andere Hälfte war für die Kapitalisten. Die Profitrate beläuft sich auf 20% (Abteilung I: 1.000 zu 5.000, Abteilung II: 500 zu 2.500). Die organische Zusammensetzung des Kapitals beträgt 4, d.h. 4.000 konstantes gegen 1.000 variables und 2.000 konstantes gegen 500 variables Kapital.

 

38. Tableau mit drei Protagonisten

Trauen wir uns das zu tun, was Marx nicht getan hat: Lassen wir die dritte Klasse, die Grundeigentümer, in sein Schema hereinspazieren. Stellen wir uns, wie stets der Einfachheit und Klarheit halber, vor, dass alle verbrauchten Güter Nahrungsmittel oder zumindest Landwirtschaftsprodukte sind und nennen wir die Abteilung I die industrielle, die Abteilung II die landwirtschaftliche. In Letzterer gehen 500 an die Lohnabhängigen, an die industriellen Agrarkapitalisten ebenfalls 500. Wir fügen noch eine Rente von 1.000 hinzu, die den Grundeigentümern zufällt.

 

Das Schema sieht dann so aus:
Abteilung I 4.000 + 1.000 + 1.000 = 6.000
Abteilung II 2.000 + 500 + 500 + 1.000 = 4.000
Insgesamt 6.000 + 1.500 + 1.500 + 1.000 = 10.000

 

Das Gesamtprodukt hat sich auf 10.000 erhöht, was allein der Tatsache geschuldet ist, dass für die gleiche Menge Konsumtionsgüter nun 4.000 statt 3.000 bezahlt werden, von den Arbeitern ebenso wie von den Kapitalisten und den Grundherren.

Da die Profitrate gleich bleibt, ergibt sich in der Abteilung II ein Surplusprofit von 1.000, zusätzlich zum normalen Profit von 500, folglich ein Gesamtgewinn von 1.500 auf 2.500 Vorschüsse, also 60%. Wie ihre Kollegen aus der Industrie haben die Agrarkapitalisten 20% Profit gemacht, die Grundbesitzer eine Rente in Höhe von 40% der reinen Produktionskosten der Landwirtschaftsgüter erhalten, was einem Viertel (25%) des Werts der Bodenprodukte gleichkommt. Das heißt, in einer solchen Gesellschaft werden die Agrarprodukte 25% über ihrem Wert, ihrem wirklichen „Produktionspreis“ verkauft.

Welche Bewegung zwischen den Klassen findet in dieser Gesellschaft statt? Als Bewegung auf dem Markt ist alles im Gleichgewicht – weshalb Bourgeois und Universitätsprofessoren Berechnungen anstellen wollen, die auf Preisen basieren. Das geht dann so:

Grundeigentümer: Mit ihren 1.000 Rente kaufen sie 1.000 Konsumerzeugnisse.
Kapitalisten: Mit 1.500 Profit kaufen sie 1.500 Konsumgüter. Aus dem Verkauf der Produkte, für die sie 10.000 einkassierten, bleiben ihnen dann aber noch 8.500. 1.000 davon gingen an die Grundherren, 1.500 haben sie an Löhnen gezahlt, 4.000 ersetzten das konstante Kapital der Abteilung I, 2.000 das der Abteilung II: die Rechnung geht auf. Das Gesetz des Marktwerts, oh großer Schatten Stalins, ist gerettet.

 

39. Die Klassenrechnung

Bestimmen wir nun die Bewegung als Wertübertragung, die als Übertragung von Käufern zu Verkäufern ausgeglichen und in einem wunderbaren, höchst sittlichen Gleichgewicht ist, von einer zur anderen Klasse.

Das von den Arbeitern verarbeitete konstante Kapital belief sich auf insgesamt 6.000, nach der Verarbeitung auf 10.000. Durch Arbeit zugesetzter Wert demnach 4.000.

Von den 4.000 erhielten die Arbeiter 1.500 Löhne. Sie haben also 2.500 weggegeben – die sich in Händen der Kapitalisten befinden, denn sie sind die Verkäufer und Herren aller Produkte aus beiden Abteilungen.

1000 davon hatten sie jedoch als Rente an die Grundeigentümer zu übertragen. Ihr Erlös war daher 2.500 – 1.000 = 1.500.

Bilanz: Von der Arbeiterklasse gehen 2.500 an die Kapitalistenklasse; davon gehen wieder 1.000 an die Grundeigentümerklasse. Abzüglich des konstanten und variablen Kapitals für den neuen Zyklus bleiben der Kapitalistenklasse 1.500 für ihren Konsum. Die Arbeiterklasse konsumiert das gesamte variable Kapital, das heißt 1.500.

Auf einer Versammlung zum 1.Mai in Neapel wurde eine Tabelle in Form des „Marx’schen Tableaus“ zur Erklärung dieser Bewegungen erstellt, um die Ausgleichung auf dem Markt und die Aneignung seitens einer Klasse auf Kosten der anderen zu zeigen. Diese Übersicht konnte noch nicht vervielfältigt werden; dies sollte aber in absehbarer Zeit geschehen.[38]

Dieses Tableau kann hier nur als angedeutetes Schema der Bewegungen zwischen den Klassen wiedergegeben werden (wobei wir vermeiden, die „Ausrüstungsbetriebe“ und die „Verpflegungsbetriebe“ in besonderen Spalten wie im Original anzuführen, denn es handelt sich, weil die Kapitalistenklasse ein und dieselbe ist, um bloße Wertübertragungen).

diagram vulkano

 

40. Erweiterte Reproduktion

Es ist hier nicht der Zeitpunkt, die erweiterte Reproduktion mit ihren äußerst komplexen und schwierigen Schemata eingehender zu beleuchten, die hinsichtlich der progressiven Akkumulation des Kapitals in den berühmten Streitschriften Hilferdings, Luxemburgs, Bucharins, Lenins u.a. ausführlich diskutiert wurden.[39]

Im bisherigen Schema der einfachen Reproduktion bleibt das angelegte Kapital in den jeweils neuen Zyklen konstant: es ist stets 4000 + 1000 + 2000 + 500, also 7500 in beiden Abteilungen und es kommen stets Profit und Rente von 1000 + 500 + 1000 hinzu: 2500 insgesamt, die ganz von Kapitalisten und Grundeigentümern konsumiert werden. Doch die einen wie die anderen können das auch bleiben lassen (die berühmt-berüchtigte „Entsagung“) und einen Teil sparen (laut der Nationalökonomie können auch die Arbeiter von ihrem Lohn von 1000 + 500 sparen), um es im nächsten Produktionszyklus anzulegen. Sagen wir die Hälfte; Kapitalisten und Couponschneider verzehren dann nur 1250 und das Kapital erhöht sich ebenso um 1250. Wenn wir nun die unterschiedliche Anlage zwischen beiden Abteilungen wieder aufteilen, um das Tableau des folgenden Zyklus wiederzugeben, wird die Untersuchung komplizierter. Die ersparten 1250 sind praktisch und physisch tatsächlich nicht verzehrte Lebensmittel, für die Neuinvestition im nächsten Zyklus werden somit nicht nur weniger produzierte Lebensmittel, sondern auch mehr Produktionsgüter (konstantes Kapital) gebraucht. Folglich muss auch die quantitative Unterteilung des Schemas im ersten Zyklus neuberechnet werden. Für die üblichen Kommentatoren ist es daher kommod, wenn sie verkünden, Marx sei hier wohl in ein Wespennest geraten. Diese Berechnungen werden wir anderswo vornehmen – hier genügt es, die grundlegenden Begriffe wiederaufzunehmen und hervorzuheben.

Das in der einfachen Reproduktion quantitativ gleich groß bleibende Kapital der betrachteten Gesellschaft wird, wenn wir unterstellen, dass die Erträge der drei Klassen durch die „Produktionskosten“ des Jahresprodukts aufgezehrt wurden, durch das Produkt eines Zyklus – eines Jahres – gemessen. In allgemeinen Zügen können wir auch den Gesamtwert der Anlagen, Bauwerke, Maschinen als konstant ansehen, ebenso wie die Fläche des bebauten Agrarbodens, doch tauchen diese Mengen bei unseren Zahlen nicht auf.
Bevor wir zur Fragestellung der erweiterten Reproduktion kommen, müssen wir uns fragen – eine Sache, die Rosa Luxemburg beschäftigte –, ob die von uns zum Modell genommene fiktive Gesellschaft eine offene oder geschlossene ist.

Bei der geschlossenen Gesellschaft wird die Rechnung sowohl dem Geld als auch der Warenmenge nach ausgeglichen abgeschlossen.

Im Fall der offenen Gesellschaft können wir uns vorstellen, dass – wenn ein im Inland angelegter oder nicht zum Erwerb von Lebensmitteln bestimmter monetärer Gewinn übrig bleibt – Produktions- und Konsumtionsmittel im Ausland „gekauft“ werden können. Nach der Lehre der großen Marxistin Rosa Luxemburg sind die Marx’schen Schemata der erweiterten Reproduktion nur unter der Bedingung auswärtiger Absatzmärkte schlüssig. Bucharin negierte die Notwendigkeit dieser Bedingung für die weitere Akkumulation.

 

41. Modell und Realität

Solch eine Frage ist bestimmt nicht einfach, um sie zu besprechen, müssen die Grenzen der jeweils zur Diskussion stehenden Frage festgelegt werden. Wir haben hier die spezifisch kapitalistische Gesellschaft vor uns, die sich jedoch nicht, wie Bucharin wollte, auf eine nur aus industriellen Kapitalisten und Lohnarbeitern bestehende Welt begrenzen lässt, da in dieser Welt auch die Rentiers den Schauplatz betreten, gleich ob es monopolistische Eigentümer des Bodens oder anderer Ressourcen und Naturkräfte sind oder Kapitalfraktionen, die Schlüsselbranchen besetzen oder der Staat selbst als Superkapitalist. Dieses Modell wurde sicherlich hereingebracht, um die Wissenschaft, die einzig wirkliche Wissenschaft des Kapitalismus und seiner Ökonomie zu begründen, doch auch zum Zweck der Polemik, des Kampfes, der Partei.

In der Tat geht die apologetische Schule des kapitalistischen Systems und die Partei der bürgerlichen Konservation davon aus, dass, würde die ganze real bestehende Welt auf den Grundtypus der Produktion vermittels der Lohnarbeit organisiert, die Ungleichgewichte verschwänden und sich die „Ungleichungen“ der Frage lösten. Diese Apologeten geben somit vor, sich über alle Erscheinungen des Modells und auch der heutigen realen Gesellschaft im Klaren zu sein, indem sie die Größen und die Gesetze des Modells auf andere Weise darstellen, das heißt, vom Preis und nicht vom Wert, vom Markt und nicht von der Produktion ausgehen und den Wertzuwachs in jedem Zyklus nicht der Arbeit, sondern drei Quellen zuschreiben: Arbeit, Kapital, Boden. Alles in allem bestreiten sie die Notwendigkeit, eine Funktion der Produktion ans Licht zu bringen und untersuchen die Funktion des Tausches und des Marktes, kommen aber tatsächlich zu einer verzerrten Produktionsfunktion, worin sich eine korrumpierte Wissenschaft vor die bürgerlichen Unternehmens- und Monopolprivilegien stellt.

Ohne jemals das große Feld des Verständnisses und der Erklärung zu übergehen, auf dem wir der Aufeinanderfolge der großen Produktionsweisen und den auf allen Stufen und in der ganzen bewohnten Welt stattfindenden revolutionären Kämpfen aufmerksam folgen, beweisen wir, dass die Gesetze des theoretischen Modells (die so entwickelt wurden, dass die Wertübertragung von einer auf eine andere Klasse, die Erpressung einer durch eine andere Klasse, die Gewaltherrschaft einer über die andere Klasse nicht vernebelt werden, sondern klar zutage treten) Tendenzen und Bewegungen aufweisen, die in der realen, kapitalistisch hochentwickelten Gesellschaft wiederzuerkennen sind und letztendlich kein Gleichgewicht, sondern den Gegensatz und den Bruch bezeugen.

Wir stellen unsere klassische Ausarbeitung jener der offiziellen Wirtschaftswissenschaft (angeblichen Wissenschaft) entgegen, ebenso wie ihren verschiedenen alten und neuen Bemühungen, den Blick von der kommenden Revolution abzulenken. Es ist deshalb notwendig, an unsere Richtlinien zu erinnern und das Modell, auf das wir uns stützen, die Natur der Größen, die wir anwenden sowie den Ausdruck der Beziehungen, die sich daraus ableiten, zu charakterisieren.

In bestimmten historischen Etappen wird all dies an dem, was geschieht, überprüft – aber erst, nachdem die so bequeme Ausflucht verwehrt wurde, die, nachdem „ungeahnte“ Entwicklungen „gefilmt“ wurden, darin besteht, bereitwillig und beflissen das Modell umzumodeln, die Größen zu vertauschen, die Formeln zurechtzubiegen, wie es seit einem Jahrhundert die Vertreter jener Gruppen handhaben, die (auch dies ist eine höchst materielle und in der Praxis erwiesene Bestätigung) dann sehr schnell zur Apologie eben jener Gebote kommen, von denen die Gelehrten der bürgerlichen Welt Gebrauch machen, gegen uns.

 

42. Die monströse FIAT

Um diesen ersten 1. Teil abzuschließen und die theoretischen Tabellen und Schemata zu illustrieren, nehmen wir einen konkreten Fall, der aus lokalen und aktuellen Gründen von Interesse ist und auch dem Rechnung trägt, dass ihr ein wenig müde geworden seid. Wir sind im Piemont, hier lebt man im Licht, oder auch im Schatten, der FIAT, der größten Industrieanlage Italiens und einem der angesehensten Werke Europas und der Welt; es ist erst ein paar Wochen her, dass die Aktionärsversammlung mit dem Rechenschaftsbericht des Professor Vallettas zur Bilanz 1953 stattfand.[40]

Die FIAT in Turin mit all ihren Wechselfällen ist eng mit der Geschichte der Arbeiterkämpfe in Italien und dem Übergang vom traditionellen und höfischen Piemont zu den modernsten kapitalistischen Formen verbunden. Des Weiteren ist sie auch eng mit der Geschichte der kommunistischen Partei und dem Entstehen jener Strömung verbunden, die sich von der Struktur und Gliederung eines großen Industriekomplexes so beeindrucken ließ, dass sie, wohl ohne zu wissen, was sie sagen, das Automobilwerk zum Modell der Organisation des Proletariats zur Klasse und gar des proletarischen Staates, der zukünftigen Gesellschaft machte.[41]

Der Grund der dann später auf die Spitze getriebenen Abweichung liegt gerade darin, dass das urbane Turin mit der FIAT, aber nunmehr ohne das Schloss in Carignano[42], als ein wirklich typisches Modell der kapitalistischen Gesellschaft dastand und das Zeug hatte, die Momente des Arbeiterkampfes sehr rasch herauszubilden, so dass man sich am Vorabend des „Stato Operaio“ wähnen konnte. Das traf auch auf Gruppen zu, die aufgrund der Unreife ihrer politisch-theoretischen Entwicklung ein „konstitutionelles“ und gewissermaßen „utopistisches“ Verständnis vom Arbeiterstaat noch nicht abgeschüttelt hatten; eines Arbeiterstaates, der nicht unser Modell ist, der kein System, kein neu zu gründender Stadtstaat ist, sondern einfach ein historischer, mehr oder minder schmutziger Notbehelf, den wir der Bourgeoisie so aus den Händen nehmen müssen, wie man einem Verbrecher das Messer aus den Händen zu winden sucht, ohne dafür eine Partei der Messerhelden ins Leben gerufen zu haben.

Fest steht, dass es mit diesen Gruppen, kaum dass sie die Welt außerhalb der aufgeräumten und glänzenden Hallen der Turiner Autofabrik bemerkt und sich dem industriell weniger dichten Teil Italiens, den landwirtschaftlichen und abgelegenen Erdstrichen und der Bauern- und regionalen Frage näherten, schlagartig abwärts ging. Sie verteidigten die ein halbes Jahrhundert zuvor formulierten Positionen der blassesten kleinbürgerlichen Parteien und es ging nicht mehr darum, Turin zu revolutionieren, sondern Italien zu verbürgerlichen, so als wäre es für ganz Italien ehrenwert, die Marke der Turiner Fabrik vor sich herzutragen und in ihrem untadeligen Stil verwaltet und regiert zu werden.

 

43. Die Zahlen der Bilanz

Es ist sinnvoll, die Zahlen der FIAT mit dem Modell des typischen Kapitalismus zu vergleichen, weil wir so das erkennen, was wir zerstören und durch eine ökonomische Organisation, die ihm diametral entgegensteht, ersetzen wollen.

Wenn wir an der Börse nach dem Kapital der FIAT fragen, wird man uns mit der Anzahl aller unterzeichneten Aktien kommen. Das Zustandekommen dieser Zahl ist aufschlussreich: Sie erhöhte sich durch die Erfolge nicht minder wie durch gewisse Tricksereien aus zwei Gründen: Zum einen wurde die Fabrik vergrößert und die Produktion erhöht, zum anderen wurde die Lira, worin die Aktien ausgewiesen sind, und ihr Gesamtbetrag in großen Schritten entwertet.

Die „Fabbrica Italiana di Automobili Torino“ wurde 1899 mit einem Kapital von 800 000 Lire in Aktien zu 25 Lire (32 000 Aktien) aufgebaut. Seitdem ging es munter hinauf. In diesen Jahren ungeheurer wirtschaftlicher Euphorie, die dem Giolitti-Regime[43] den Weg bereitete (auch so ein piemontesisches „Erzeugnis“, das von den heutigen Führern der sogenannten kommunistischen Partei zum gesellschaftlichen Modell, gestern gegen Mussolini, heute gegen Scelba[44] und jeden anderen zukünftigen Sesselfurzer erhoben wurde), wurden die Aktien mit ihrem Nominalwert von 25 Lire an den Börsen zu über 1700 gehandelt! Es war die Zeit, als die Staatspapiere über ihren Nennwert gehandelt wurden und der Wechselkurs über der Goldparität lag.

Sehr bald entstand die heutige Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 9 Millionen in Aktien zu 100 Lire. Die Kapitalzuwächse vor dem 1. Weltkrieg sahen so aus: 1909: 12 Millionen – 1910: 14 Millionen – 1912: 17 Millionen. Mit dem Krieg, ein prima Geschäft für diese Art Industrie, ging es dann weiter: 1915: 25,5 Millionen, Aktie zu 150 Lire – 1916: 30 Millionen, dann 34 Millionen, die Aktie zu 200 Lire, 1917: 50 Millionen – 1918: 125 Millionen. Der Krieg war zu Ende, doch die Geldentwertung setzte sich fort: 1919: 200 Millionen – 1924: 400 Millionen. 1926 wurde eine Unternehmensanleihe von 10 Millionen Golddollar (der 19 Lire wert war) aufgenommen und 1938 komplett zurückgezahlt.

Machen wir mit 1938 weiter. Kapital von, wie wir wissen, 400 Millionen für die ganze Zwischenkriegszeit. 1947, nach Ende des 2. Weltkrieges und neuer Inflation, wird das Kapital auf 4 Milliarden erhöht, zum Teil durch Gratisaktien[45] für die alten Aktionäre, zum Teil durch Ausgabe neuer Aktien.

Durch weitere „Neubewertungen“ und das Schlucken kleinerer Betriebe kommen wir 1952 bei 36, 1953 bei 57 Milliarden Lire an. Im Vergleich zu 1938 also 142,5-mal mehr, weitaus mehr als die Geldentwertung ausmacht. Läge diese um einen Faktor zwischen 50 und 60, würde man sagen, der Realwert sei 1953 gegenüber 1938 2,5-mal höher: Dies jedoch als Nominalwert jener Papierstückchen, die man Aktien nennt – jedenfalls eine Akkumulation in irrsinnigem Tempo.

 

44. Das, was uns wichtig ist

Die Gewinnausschüttung an die Aktionäre weckt nicht gerade unsere Neugier; dies ist bloß einer der Sektoren, in denen der Mehrwert unter die Aktieninhaber verteilt wird, die im Grunde anfänglich Geldverleiher, Geschäftsführer, Industriekapitäne, der Staat und allerlei andere Raffzähne sind. Wie auch immer, 1952 schüttete man von 36 Milliarden 10% Gewinn aus, 1953 waren es 4,5 von 57 Milliarden, also knapp 8%.

Im letzten Bericht Vallettas finden wir die uns wichtige Zahl, die wir dann in die verschiedenen Ausdrücke der Produktionsfunktion zerlegen müssen: 1953-54 (die Dividende belief sich pro Aktie auf 63 Lire von 500 Nominalwert, somit auf 12,6%) lag die Produktion (der Umsatz) bei 240 Milliarden.

Eine Gewinnausschüttung von nur 7,3 Milliarden und ein ausgewiesener Gewinn von nur 9,574 Milliarden ist, auch wenn es im Verhältnis zum konventionellen Betrag des Aktionärskapitals viel ist, im Verhältnis zum Produkt wenig. Im 1. Fall 16,7 und im 2. Fall nur 4%: Letzteres misst annähernd die Profitrate im Marx’schen Sinne.

Doch versuchen wir, die 240 Milliarden Erlös zu zerlegen – gegenüber dem vorherigen Rechnungsjahr (200 Milliarden) ein Sprung von 40 Milliarden. Zunächst ist die aufsehenerregende Erklärung hervorzuheben, wonach die Investitionen (aus Profiten und Surplusprofiten entnommen) zwischen 1946 und 1952 etwa 100 Milliarden ausmachten und man 200 Milliarden anvisiert, wofür 1954 schon mal mehr als 50 Milliarden ausgegeben werden. Also: von 240 konnten, nach Abzug aller Kosten, 10 an die Aktionäre ausgeschüttet und wenigstens 50 Milliarden reinvestiert (erweiterte Reproduktion) werden, macht 60. Die Kosten beliefen sich demnach auf 180 Milliarden, die wir zwischen konstantem und variablem Kapital aufteilen müssen.

Ohne auf die Details der Bilanz näher einzugehen, die im Übrigen von fragwürdiger Gewissheit sind, haben wir ihr entnommen, dass sich das Personal aus 57 278 Arbeitern und 13 832 Angestellten zusammensetzt (eindeutig zu viel, aber FIAT ist zum großen Teil eine Seilschaft für die Geschäfts- und Wahlklientel und die meisten – auf jeden kommen durchschnittlich vier Arbeiter – sind Schmarotzer fremder Mehrarbeit, namentlich die aus den oberen Etagen). Nehmen wir an, der Lohn bzw. das Gehalt der 71 000 Beschäftigten beläuft sich auf etwa 1 Millionen jährlich (schließlich sind wir in Turin!), dann haben wir ein variables Kapital von rund 70 Milliarden. Unsere wenn auch sehr grobe Zerlegung ist fertig.

Konstantes Kapital: 110 Milliarden; variables Kapital: 70 Milliarden; Profit 10 Milliarden; Extraprofit 50 Milliarden; Produkt: 240 Milliarden.

110 + 70 + 10 + 50 = 240

Bei diesen Zahlen liegt die wirkliche Profitrate bei 10 dividiert durch 180, also 5,5%, doch die Mehrwertrate beträgt 60 dividiert durch 70, also rund 86%.
Unsere Größenangaben scheinen ganz in Ordnung zu sein.

 

45. Kapital und Vermögen

Wie viel ist FIAT wert? Nehmen wir an, an der Börse wollte man alle Aktien, 114 Millionen Stück, zum Nominalwert von je 500 Lire kaufen. Das sind also die 57 Milliarden aus dem letzten Jahr. Da die Aktien inzwischen einen Kurswert von etwa 660 Lire haben, muss mehr gelöhnt werden: 75 Milliarden.

Eine recht vielversprechende Investition: 60 Milliarden Profit und Extraprofit (eine wirkliche Rente, die FIAT da hat, eben weil es die FIAT ist, und dem christdemokratischen Staat wie auch der kommunistischen Opposition gute Dienste leistet) ergeben eine Rate von 80%.

Doch so dumm wird Valletta nie und nimmer sein: Allein sein aktives Bilanzvermögen weist Gebäude und Anlagen mit einem Schätzwert von 225 Milliarden, abgesehen von 68 Milliarden Kredit auf, also etwa 300 Milliarden gegenüber den üblichen konventionellen Passiva. Lassen wir es ruhig bei den 225 Milliarden bewenden und schauen wir auf die Fabrikstädte der FIAT, auf Lingotto[46] und andere Abteilungen, auf deren Dächern Autopisten gebaut wurden. Der Wert wird sich mindestens vervierfacht haben und über den Daumen gepeilt nicht unter 1000 Milliarden liegen. So viel wird Valletta haben wollen, und sie werden dann, so wie bei Käufern von Grundeigentum, zu 5 oder sogar 6% angelegt werden, wenn … alles an die Aktiengesellschaft der FIAT verpachtet wird, um sich Scherereien vom Leib zu halten.[47]

Entspricht das der Durchschnittsprofitrate in Italien? Sagen wir zunächst, dass die 10 Milliarden, die wir im marxistischen Sinn für den Normalprofit ansahen, der Durchschnittsprofit der 180 Milliarden Kapital (konstantes und variables) bei einer Rate von 5,5% sind. In diesem Fall würden wir den Produktionspreis der produzierten Autos (laut Valletta rund 160 000 Stück) mit 190 Milliarden (pro Auto durchschnittlich 1,2 Millionen) angeben. Doch der Verkaufspreis lag bei 240 und damit über dem Wert (welcher Durchschnittsitaliener wird sich für einen FIAT nicht zum Trottel machen lassen?) und im Verhältnis zu 1,5 Millionen pro Auto (denkt an die unteren und oberen Fahrzeugklassen).
Unserer Berechnung des Wertes liegt zugrunde: konstantes Kapital 110, Arbeit 70, Durchschnittsprofit 10: insgesamt 190.

 

46. Der nationale Profit

Sprechen wir noch kurz über die Durchschnittsprofitrate der nicht privilegierten Unternehmen in ganz Italien. Wir müssten dazu wissen, wie hoch das gesamte industrielle Jahresprodukt ist, wie hoch die Ausgaben für Rohstoffe und Verschleiß sind, wie hoch die fürs Personal.

Gehen wir davon aus, dass sich das Nationaleinkommen heute nach offizieller Manier auf nunmehr 10 000 Milliarden beläuft, die in Einkommen aus Kapital, Eigentum und Arbeit aufzuteilen sind – was nicht leicht ist. Wir haben etwa 7 Millionen Beschäftigte in der Industrie und ihr Lohn, der um einiges geringer als bei FIAT ist, mag sich auf 6 000 Milliarden belaufen. Das konstante Kapital liegt aufgrund der höheren organischen Zusammensetzung wenigstens bei Faktor 3,[48] also 18 000 Milliarden. Mit unserer Profitrate von 5,5% würden die rund 25 000 Milliarden eine Profitmasse von 1 500 Milliarden ergeben. Vom Nationaleinkommen blieben dann noch 2 500 Milliarden, die auf die nicht industriellen Landwirtschaftsbetriebe, öffentlichen Dienste u.a. fallen. Eine ziemlich grob sondierte Aufteilung, aber nicht zum Nachteil der schwergewichtigen Industrie; wir haben jedenfalls zu ihren Gunsten gerechnet, um aufzuzeigen, dass die Durchschnittsprofitrate nicht besonders hoch ist – dies aber sollte Gegenstand anderer Untersuchungen zu Statistiken sein, die immer cum grano salis zu nehmen sind.

Für unsere Schlussfolgerung genügt es, vermittelst der Größen des marxistischen Modells und der Beziehungen der Produktionsfunktion ausreichend klar zu sehen, wie hinsichtlich der Klassenverhältnisse die Dinge stehen – in einem riesigen Industriebetrieb, den wir überhaupt nicht begierig sind zu erben, und in einem, wie wir wissen, nur zur Hälfte industrialisierten Land, dessen Geltungsdrang nach bürgerlicher Modernität schon allein ausreicht, ihm schleunigst – sobald es möglich sein wird, die Begräbnisfeier für die großen Wahlparteien über die Bühne zu bringen – die drastische Kur der proletarischen Diktatur zu wünschen.

 

 

 

 

Quellen:

„Vulcano della produzione o palude del mercato? (Economia marxista ed economia controrivoluzionaria)“: Il programma comunista, Nr. 13-19, Juli-Oktober 1954.

* * *

MEW 25: Marx – Das Kapital III, 1894.

MEW 21: Engels – Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, 1884.

MEW 23: Marx – das Kapital I, 1867.

LW 22: Lenin – Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917.

 


[1] Dialogato con Stalin, il p.c. 1952, Nr. 1-4. Auf dieser Seite unter der Rubrik "Filo del tempo“: 1952-10-10 – Dialog mit Stalin.

[2] Die Zeitschrift „Sul filo del tempo“, deren einzige Nummer im Mai 1953 erschien, fasste in synthetischer Form die Themen der Parteiversammlungen vom April 1951 bis April 1953 zusammen.

[3] Es handelt sich um folgende Versammlungen (zum Großteil auf dieser Seite unter der Rubrik „Riunioni“): 1951-04-01 in Rom: Theorie und Aktion in der marxistischen Lehre. 1951-09-01 in Neapel: Lektionen der Konterrevolutionen (Thesenform). 1951-12-08 in Florenz: Die charakteristischen Thesen unserer Partei. 1952-04-25 in Neapel: Nicht-warenproduzierender Charakter der sozialistischen Gesellschaft (nicht auf Deutsch übersetzt). 1952-07-05 in Rom: Charakteristiken der sozialistischen Gesellschaft: Aufhebung der betrieblichen und gesellschaftlichen Arbeitsteilung (nicht auf Deutsch übersetzt). 1952-09-06 in Mailand: Die historische Invarianz des Marxismus. Der Aktionismus als falsches Hilfsmittel. 1952-12-27 in Forlì: Theorie und Aktion. Unmittelbares Programm nach der Revolution. 1953-04-25 in Genua: Vielschichtige Revolutionen. Die antikapitalistische Revolution im Westen.

[4] I fattori di razza e nazione nella teoria marxista, il p.c. 1953, Nr.16-20. Auf dieser Seite unter der Rubrik „Riunioni“: 1953-08-29 – Die Faktoren Rasse und Nation in der marxistischen Theorie.

[5] Gemeint ist die Versammlung vom Dezember 1953 in Florenz, von der nur eine kurze Zusammenfassung unter dem Titel: Imperialismo e lotte coloniali, erschienen ist: il p.c. 1953, Nr.23. Ausführlich wurde dieses Thema in il p.c. 1958, Nr. 3-4 behandelt. Auf dieser Seite unter der Rubrik „Riunioni“: 1958-01-25 – Die Lehre der Produktionsweisen ist auf alle Menschenrassen anwendbar.

[6] Die Artikelreihe zur Agrarfrage erschien in il p.c. 1953, Nr. 21-23 und 1954, Nr. 1-12. Auf dieser Seite unter der Rubrik „Filo del tempo“. Es handelt sich um 15 Kapitel, beginnend mit: 1953-11-19 – Die Agrarfrage – ein einführender Überblick, endend mit: 1954-06-12 – Nach der Kodifizierung des Agrarmarxismus.

 

[7] Russia e rivoluzione nella teoria marxista, il p.c. 1954, Nr. 21-23 und 1955, Nr. 1-8 (nicht auf Deutsch übersetzt).

[8] Il p.c. 1953, Nr. 10, 11,12. Auf dieser Seite unter der Rubrik „Filo del tempo“: 1953-05-21 – Der Froschmäusekrieg. 1953-06-12 – Das Gequake über die Praxis. 1953-06-25 – Tanz der Marionetten.

 

[9] In „Die Kritik der marxistischen Ökonomie“ wird etwa ausgeführt, dass die „Größe des Kapital und von Marxens Werk nicht die imaginäre Ökonomie-„Wissenschaft“, die sie enthalten hätte“ war, „sondern die Kühnheit und Tiefe der soziologischen und geschichtlichen Vision, die sie trägt … Das Kapital war ein Versuch, die Philosophie zu verwirklichen … Nun erwies sich aber der Bestandteil, dem Marx selber einen zentralen Platz in dieser Einheit zugewiesen hatte, seine Analyse der Ökonomie, als unhaltbar.“ Etc. (Cornelius Castoriadis: „Sozialismus oder Barbarei“. 1973-1974. Deutsche Ausgabe: Klaus Wagenbach, Berlin, 1980, S.24.)

 

[10] La invarianza storica del marxismo, „Sul filo del tempo“, Mai 1953. Auf dieser Seite unter der Rubrik „Riunioni“: 1952-09-06 – Die historische Invarianz des Marxismus.

 

[11] Teil II wird aller Voraussicht nach Anfang 2018 folgen.

[12] Siehe Fußnote 6.

 

[13] Als „romantisch“ bezeichnet Amadeo Bordiga die von materiellen Verhältnissen und namenlosen Kräften „gemachten“ Revolutionen, die einschließlich der bürgerlichen Revolution einen Namen als Symbol tragen (vgl. unter der Rubrik „Filo del tempo“: 1953-01-22 – Klassischer Kapitalismus – romantischer Sozialismus.

 

[14] Einaudi, Luigi (1874-1961). Liberaler, von 1948-955 italienischer Staatspräsident (nicht zu verwechseln mit dem Verleger, Giulio Einaudi, einem seiner drei Söhne).

 

[15] In einer Fußnote ist für Anfang der 1970er Jahre eine Aktualisierung angefügt, die wir hier zwecks Vergleich wiedergeben („Sul filo del tempo 2“, Economia marxista ed economia controrivoluzionaria, Iskra Edizioni, 1976, S.253):
1973 machte die aktive Bevölkerung etwa 34,1% der Gesamtbevölkerung (19 Mio. von 54 aus). 42% (8 Mio.) der Aktiven waren in der Industrie, 17% (3,2 Mio.) in der Landwirtschaft beschäftigt, im tertiären Sektor 38% (7,2 Mio.). Eine andere Statistik teilt die Klassen, ausgehend von der Volkszählung 1961, in sozialer Hinsicht ein: Bourgeoisie (Grundbesitzer, Unternehmer, Führungspersonal, Freiberufler) 2%, Mittelklassen 47,5% Arbeiterklasse 50,5%, derselbe Autor beziffert die Arbeiterklasse für 1974 mit nur noch 44,6% (S. Labini, „Saggio sulle classe sociali“, Rom-Bari, Laterza 1974).

[16] In jenen Jahren machte die PCF in ihrer Propagandaarbeit, mit Blick auf die Mittelklassen, reichlich Gebrauch von den „hundert Familien“, die Herren Frankreichs seien.

[17] Siehe hierzu auch: „VIII. Parasitismus und Fäulnis des Kapitalismus“ in Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. LW 22, S. 280 ff.

[18] „In England ist unstreitig die moderne Gesellschaft, in ihrer ökonomischen Gliederung, am weitesten, klassischsten entwickelt. Dennoch tritt diese Klassengliederung selbst hier nicht rein hervor. Mittel- und Übergangsstufen vertuschen auch hier (obgleich auf dem Lande unvergleichlich weniger als in den Städten) überall die Grenzbestimmungen. Indes ist dies für unsere Betrachtung gleichgültig.“ So Marx im letzten, abgebrochenen Kapitel – „Die Klassen“ – des dritten Kapitalbandes [MEW 25, S. 892].

[19] Hier ist von zwei Hauptepochen der menschlichen Vorgeschichte die Rede. Vgl. Friedrich Engels „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“. MEW 21, S. 30 ff.

[20] Gelbe Presse meint die sogenannte Regenbogenpresse, die Skandalblättchen und die tägliche Sensationspresse.

 

[21] Die Ciompi, Wollarbeiter, waren im Italien des 14. und 15. Jahrhunderts die größte und niedrigste Gruppe der Florentiner Unterschicht („popolo minuto“ das „kleine Volk“, die rechtlose Unterklasse). Im vom Krieg mit dem Papst, von der Pest, Hungersnot und Arbeitslosigkeit erschöpften Florenz entlud sich im Juni 1378 der Hass gegen den „popolo grasso“ (das „fette Volk“, also die wohlhabenden Schichten): Die Ciompi stürmten den Signorenpalast, brannten etliche Paläste nieder und errichteten für sechs Wochen das demokratischste Regiment der Geschichte der Stadt (vgl.: E. Piper „Der Aufstand der Ciompi“, Wagenbach 1978, Berlin).

[22] Der Untergang des Römischen Reiches im Gefolge der Invasion der Barbaren hatte innerhalb eines komplizierten und dialektischen Prozesses zur Ablösung der Sklavenwirtschaft durch die Ökonomie der Leibeigenen geführt und damit die Entwicklung zum Feudalismus und zu den modernen Nationalitäten in Europa eingeleitet (siehe MEW 21, „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“, insbesondere S. 141 ff. – auch „Die Faktoren Rasse und Nation …“, siehe Fußnote 4, Teil II, Abschnitt 7: Die Gentilordnung der deutschen Barbaren und Abschnitt 8: Die feudale Gesellschaft als a-nationale Ordnung).

[23] Siehe Fußnote 4: Die Faktoren Rasse und Nation …, Teil I, Kapitel 10: Ökonomische Basis und Überbau.

[24] Comunismo e conoscenza umana, Prometeo Serie II, Nr. 3-4, 1952. Auf dieser Seite unter der Rubrik „Prometeo“: 1952-07-00 – Kommunismus und menschliche Erkenntnis.

 

[25] Vgl. Dialogato con Stalin, il p.c. Nr. 1-4, 1952. Auf dieser Seite unter der Rubrik: „Filo del tempo“: „1952-10-10 – Dialog mit Stalin“, Abschnitt „Profit und Mehrwert“ ff.

 

[26] Arturo Labriola 1873-1959, Politiker und Ökonom; sein „Studio su Marx“ wurde nicht auf Deutsch übersetzt (nicht zu verwechseln mit Antonio Labriola).

[27] Antonio Graziadei, 1873-1953, Professor für Nationalökonomie, Gründungsmitglied der KPI, bildete sehr rasch zusammen mit Angelo Tasca den rechten Flügel. Er bestritt zeit seines Lebens die Richtigkeit der Marx'schen Wertlehre und behauptete, dass „der III. Band des „Kapital“ Stück für Stück die frühen ökonomischen Lehren demoliert habe, insbesondere die Theorie über den Mehrwert, wobei schließlich die über die Rente nur eine unnütze literarische Übung gewesen sei“ (zitiert nach der Schrift zur Agrarfrage, auf dieser Seite unter der Rubrik „Filo del tempo“, Kapitel VI: 1954-02-05 – Metaphysik des Bodenkapitals).

 

[28] Bezieht sich auf die „Theorie“ des Grenznutzens, die danach fragt, wie viel zusätzlichen Nutzen eine marginale Erhöhung (engl.: marginal utility) der Menge eines Gutes bringt. Weiter unten wird darauf näher eingegangen: Kapitel 28.

[29] Laplace, Pierre Simon, 1749-1827. Französischer Mathematiker, Physiker und Astronom. In seinem Hauptwerk über die „Himmelsdynamik“, das er von 1799-1823 verfasste, gibt er den rechnerischen Beweis für die Stabilität der Planetenbahnen, was der damals herrschenden Meinung, wonach das Sonnensystem aufgrund von Unregelmäßigkeiten in den Bahnkurven kollabieren könne, widersprach.

[30] Elementi dell’economia marxista. Prometeo, 1945, Nr.5 bis 1950, Nr. 14. Auf dieser Seite unter der Rubrik „Alfa“: 1929-00-00 – Grundzüge der marxistischen Wirtschaftslehre.

[31] Siehe Fußnote 6. Kapitel XV: 1954-06-12 – Nach der Kodifizierung des Agrarmarxismus.

 

[32] Grenznutzenschule: taucht um 1870 in England und Österreich auf, wo man sich Gedanken darüber machte, warum das wertvolle Gut Wasser billig, und der wenig Nutzen habende Diamant teuer ist. Der Wert ist laut dieser Schule prinzipiell nur subjektiv bestimmbar. Der Tauschwert als selbständige Kategorie wird nicht anerkannt, sondern nur das Moment der „Nützlichkeit“, also der Gebrauchswert. Die „subjektive Wertlehre“ verzichtet somit auf eine Theorie überhaupt. Bekannte Vertreter dieser Schule waren Gossen, Böhm-Bawerk, Schumpeter, Pareto und Fisher, Jevons, Walras, Marshall. Auch der oben genannte Arturo Labriola stand unter dem Einfluss der sogenannten Theorie des Grenznutzens.

[33] Siehe auf dieser Seite unter der Rubrik „Filo del tempo“: 1952-10-10 – Dialog mit Stalin (3.Teil)“. Kapitel: 19. und 20. Jahrhundert.

 

[34] Siehe Fußnote 6.

 

[35] „Indem der Kapitalist Geld in Waren verwandelt, die als Stoffbildner eines neuen Produkts oder als Faktoren des Arbeitsprozesses dienen, indem er ihrer toten Gegenständlichkeit lebendige Arbeitskraft einverleibt, verwandelt er Wert, vergangne, vergegenständlichte, tote Arbeit in Kapital, sich selbst verwertenden Wert, ein beseeltes Ungeheuer, das zu ‚arbeiten‘ beginnt, als hätt‘ es Lieb‘ im Leibe“ [MEW 23, S. 209]. Siehe auch auf dieser Seite unter der Rubrik „Filo del tempo“: 1951-11-01 – Die Lehre vom Teufel im Leibe.

 

[36] Siehe Fußnote 6.

[37] Stalin Werke 15, S. 330.

[38] In il p.c. 1954, Nr. 10, gibt es nur einen kurzen Hinweis zur Versammlung in Neapel zu dem Thema und mit dem Kommentar zum 20. Kapitel des 2. Bandes des Kapital: Wie sich die Form des Warenhandels in die der kapitalistischen Gesellschaft eigenen Verhältnisse der Aneignung transformiert.

 

[39] Hilferding, R.: Das Finanzkapital. Marx-Studien. Blätter zur Theorie und Politik des wissenschaftlichen Sozialismus, Band 3, Wien 1910. Luxemburg, R.: Die Akkumulation des Kapitals. Gesammelte Werke Band 5 Ökonomische Schriften, Berlin, 1913. Bucharin, N.: Imperialismus und Weltwirtschaft. 1914-15, Verlag Neue Kritik, Frankfurt a.M. 1969. Lenin, W.: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriss, 1916. Lenin Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin.

[40] Vittorio Valletta (1883-1967), von 1945 bis 1966 Präsident der FIAT, trieb vor allem in den 1950er Jahren die Expansion der Autofabrik voran.

[41] Anspielung auf die am 1. Mai 1919 von Antonio Gramsci, Umberto Terracini und Angelo Tasca gegründete Zeitschrift „L‘Ordine Nuovo“, deren Namen auch die Turiner Fabrikrätebewegung trug. Die von der Produzentenideologie Sorels und Proudhons beeinflusste Strömung wollte die kommunistische Revolution durch die Eroberung der Betriebe und der wirtschaftlich-technischen Leitung seitens der Belegschaft noch inmitten des Kapitalismus einleiten. Das auf ökonomische Aufgaben beschränkte Rätesystem gilt in dieser Ideologie als Keimzelle der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft.

[42] Gemeinde in der Provinz Turin, die 1418 unter die Herrschaft des Hauses Savoyen kam.

[43] Giolitti, Giovanni (1842-1928). Mehrfach Ministerpräsident, Innenminister und Finanzminister Italiens. Sein Einfluss auf die italienische Politik war so erheblich, dass die Periode vor dem I. Weltkrieg als età giolittiana (Ära Giolitti) bezeichnet wird. Von den Kommunisten in der Zeit der revolutionären Erhebungen nach dem I. Weltkrieg als die „letzte ernsthafte Stütze der Bourgeoisie“ bezeichnet, da er anders als die Rechten verstanden hatte, dass die Arbeiterbewegung nicht allein mit Gewalt unterdrückt werden kann. Giolitti suchte durch soziale Reformen und Begünstigungen bestimmter Arbeiterschichten diese zu korrumpieren, ohne deshalb auf den Einsatz staatlicher Gewalt zu verzichten.

[44] Scelba, Mario (1901-1991). Christdemokrat, mehrfach Innenminister und 1954-55, zur Zeit dieser Versammlung in Asti, Ministerpräsident Italiens.

[45] Gratisaktien: bei nominalen Kapitalerhöhungen aus Gesellschaftsmitteln ausgegebene Aktien, was heißt, die vorhandenen Aktien werden in eine größere Anzahl neuer Aktien mit geringerem Nennwert umgewandelt.

[46] Lingotto: Stadtteil Turins, in dem FIAT 1923 das größte und modernste Werk errichtete. Auf dem Dach der Produktionsanlage gab es eine kilometerlange Teststrecke; 1982 geschlossen.

[47] Gemeint ist hier wohl, sich die Verwaltungsarbeit zu sparen.

[48] Die niedrige organische Zusammensetzung [der FIAT] ist offensichtlich. Die FIAT ist ein vertikaler Organismus; sie erzeugt ihre Halbfertigprodukte und sogar die Energie selbst; die nachgelagerten Produktionsstufen lassen das konstante Kapital verschwinden: Noch eine Weissagung von Marx im 1. Band des Kapital, wenn er c = 0 setzt [MEW 23, S. 228]. (Anmerkung von Bordiga)