Asti – Juni 1954

Vulkan der Produktion oder Sumpf des Marktes?

Zweiter Teil

 

Größen und Gesetze in der Theorie der kapitalistischen Produktion

 

1. Rätsel des Marxismus?

Es ist ein altes Lied – das über die Unklarheit bei Marx, über die Schwierigkeit, den wirklichen Sinn seiner Thesen zu erfassen, über den angeblichen Widerspruch zwischen den einzelnen Teilen seines Werkes und unterschiedlichen Darstellungen ein- und derselben Frage. Nehmen wir noch einmal die bereits erwähnte Monographie Arturo Labriolas zur Hand, nicht weil wir ihr einen besonderen Wert beimessen, sondern weil seine Positionen klar im Gegensatz zu unserer Darstellung des Marxismus stehen und besonders nützlich sind, um wesentliche Dinge richtig zu stellen. Viele Marx-Kritiker verbringen nämlich ihre Zeit damit, durchblicken zu lassen, dass Marx beinahe a priori, also ohne vorherige Beweisführung, seine wichtigsten Aussagen klammheimlich gemacht habe, sie in Abschweifungen versteckt oder zuweilen auch in eine der berühmten (tatsächlich fast immer großartigen) Fußnoten verbannt worden seien. Das sei schon beinahe sadistisch, der Leser müsse sich abmühen und plagen und es werde ein bisschen viel „Großmut“ von ihm verlangt, was heißt, es seien weniger seine Bildung und sein Verständnis als seine Fähigkeit gefragt, sich zäh und ausdauernd durch die Schriften zu wühlen.

Man weiß, dass wir, ohne das „Kapital“ für eine Bildergeschichte zu halten, das Gegenteil behaupten, dass nämlich die Thesen in allen Abschnitten des Marx’schen Werkes, auch in mathematischer Hinsicht, absolut kohärent sind und es keine Unsicherheit, kein Schwanken und keine Mehrdeutigkeit gibt. Es kann überdies nicht den leisesten Zweifel am Inhalt dessen geben, was der große Schreibarbeiter Marx in jener Periode formulierte, in der dies getan werden konnte und musste, so dass sich diese Gewissheit auch auf die nimmermüde Hand und Feder der Person Karl Marx‘ überträgt. All dies bildet über Generationen und Kontinente hinweg das theoretische Vermögen der großen geschlossenen Partei der revolutionären proletarischen Klasse.

Was nun Labriola angeht, kann man ihm nicht absprechen, ein großmütiger Leser gewesen zu sein; mit Sicherheit hat er das Werk gründlich studiert, jeden Paragraphen mit wachem Geist gelesen und mit einer Unmenge Literatur aus allen möglichen Quellen verglichen. Und doch ist er den Dingen nie auf den Grund gegangen, auch nicht, wenn er weidlich Zitate anführte, die ihm klar und deutlich die jeweils vorliegende Frage hätten beantworten können. Ja, Labriola hat wie andere Seinesgleichen am Arbeitstischchen und im politischen Wettstreit viel Duldsamkeit gezeigt, wo er keine Fahne und keine Farbe zurückzuweisen wusste, denn überall fand er Melodien, die er wieder anstimmen, Abzeichen, die er sich ans Revers stecken und Rosinen, die er sich ̓rauspicken konnte, auf einem Weg also, der dem unseren entgegengesetzt ist.

 

2. Die grässlichen „Vettern“

Auch hier müssen wir wieder in Erinnerung rufen, was wir schon so oft gesagt haben, dass nämlich die offenen Feinde des Marxismus nicht so viel Schaden anrichten wie diejenigen, die vorgeben, ihn wohldurchdacht zu haben, doch dann unzählige Wege finden, um bestimmte Abschnitte anzunehmen, aber zugleich andere zurückzuweisen bzw. ihren Sinn zu verdrehen. Im Prinzip sind es Erstere, die etwas verstanden haben, nämlich dass ebenso gut der Zusammenbruch des ganzen Bauwerks konstatiert werden kann, wenn man vom marxistischen „Korpus“ einen Abschnitt einem anderen, einen Ausdruck einem anderen entgegenstellt. Sich dem Anschein nach mit Marx auf den Weg zu machen, um dann dort abzubiegen, wo man den Kurs besser als er angeben zu können vermeint, oder nicht in seine Fußstapfen treten zu wollen, weil man irrigerweise glaubt, sich bereits dort zu befinden, wo er theoretisch und praktisch, historisch und politisch angekommen war, ist viel schlimmer, als gleich den ganzen Verlauf des großartigen Weges – von den Prämissen, auf die er sich stützte, bis zu den Schlussfolgerungen, zu denen er gelangte – zu verwerfen.

Je mehr sich die reinen Verneiner, wie etwa ein Pater Lombardi, mühen, je mehr Kraft, Arbeitsaufwand und Scharfsinn sie aufbieten, um unsere kompakte Kriegsmaschine in ihre Einzelteile zu zerlegen, desto größeren Schiffbruch erleiden sie gegenüber unserer Darstellung des historischen Kampfes als Zusammenprall miteinander unvereinbarer Kraftblöcke, deren jeder aus Körpern und Armen, aus Waffen und Theorie besteht. Es sind hingegen die schwachbrüstigen, stets mehrdeutigen Widersacher des Marxismus, die die Kraft der revolutionären Theorie und Bewegung ruinieren, weil sie die Stirn haben, den Marxismus zu verteidigen, indem sie ihn in den Notbehelf schäbiger Zugeständnisse hineinziehen.

Die revolutionäre Bewegung aber wird erst in der geschichtlichen Phase wiedererstehen, in der sie in einem Kraftakt das zusammenfasst, was in vielen Jahrzehnten getan wurde – auf diesem Weg war Marx selbst der Allererste und Größte –, um die uns „verwandten“ Gruppen, die berühmten „Vettern“ der politischen Bewegung Lügen zu strafen und bloßzustellen und nicht nur die in den verschiedenen historischen Perioden mit ihnen faktisch geschlossenen Bündnisse, sondern vor allem die theoretische Unzucht, den „Prinzipienschacher“ zu brandmarken, der zum x-ten Mal mit prophetischer Genauigkeit in Gotha und Erfurt der deutschen Sozialdemokratie vorgehalten wurde, die als erste mehrheitlich an Elefantiasis und einheitlich an Schwachsinn erkrankte und auseinanderbrechen musste.

Wenn auch vielleicht nicht in den Absichten, ist doch in den Auswirkungen nichts tückischer und giftiger als das Vorgehen von Leuten wie Labriola, Sorel oder Graziadei, die ohne die theoretische Schulung damit beginnen, die Pfeiler des marxistischen Gebäudes, des marxistischen Systems umzuwerfen, wobei sie vergeblich versuchen, die Säulen des Tempels ins Wanken zu bringen. Dann aber – nachdem sie die theoretische Suppe nach ihrem Geschmack gekocht haben, wobei sie so tun, als rühmten sie gewisse geniale Positionen, zu denen Marx gelangt war, obwohl er doch, wie sie sagen, von groben Schnitzern und wissenschaftlichen Fehlgriffen ausgegangen war – machen sie Miene, ihn vor der Bagatellisierung durch offene Feinde zu schützen, und um Lorbeeren zu ernten, versuchen sie, wieder auf unredliche Art und Weise, mit seiner gewaltigen Stimme den Schlusspsalm zu singen. Auf diesen Weg haben sich auch hundert andere gemacht, 08-15 Kuppler und billige Typen, die zwar keine Muskeln wie Säulen, noch nicht mal solche aus Pappmaschee haben, dafür aber kräftige Kaumuskeln, um das Himmelsbrot zu essen, das den Unheilstiftern und Renegaten spendiert wird.

 

3. Philosophie oder Wissenschaft?

Da wir etwas darlegen wollen, sollten wir allerdings die Niederschrift eines „Promarxisten“ vom Typ Labriolas zur Hand nehmen; seine Schrift taugt dazu – auch weil sie nicht jüngst, sondern eben vor einem halben Jahrhundert verfasst wurde –, den supermodernen „Verbesserern“ die Luft abzuschnüren, die in demselben Geist und dem Glauben, es erstmals zu tun, sich herauszunehmen trauten, das Schiff des marxistischen Bauwerks in ihr Trockendock zu schleppen, in dem noch nicht mal ein kleines Boot Platz hat. Wenn sie von ihrem Ansinnen, das herauszufinden, was ein Marx nicht sah, nicht anders zu kurieren sind, dann soll ihrer geschwellten Brust eben durch die Feststellung die Luft abgelassen werden, dass sie – ausgerechnet sie, die Fans der zuletzt gedruckten Broschüre und der neuesten Bucherscheinung – nur altes, seit 50 Jahren tief im Meer versenktes Zeugs entdeckt haben.

Wenn es darum geht, eines der Gesetze des Marxismus, wie das … sagen wir, über die Profitrate zu verdauen – wozu man keinen Pferde-, sondern einen ganz normalen, nicht von bürgerlichen Geschwüren zerfressenen Magen braucht –, können solche Leute gar nicht anders, als wieder das Thema der allgemeinen philosophischen Methode, der Erkenntnistheorie, der Bedeutung des historischen Materialismus hervorzukramen, als die „aufgedeckten“ Fehler Marx‘ auf seine idealistische Hegel‘sche Herkunft, auf seine unbewusste Neigung zum Mystischen bzw. zu Mythen zurückzuführen und seinen angeblichen „Voluntarismus“ und Praktizismus, gar Pragmatismus als Prämissen der wissenschaftlichen Lehre wahlweise zu denunzieren oder zu bewundern. Es ist also nur gut, wenn all diese Wirrköpfe noch dazulernen, dass dieses Gerede den Marxisten, die nicht den Hauch eines Zweifels hegen und nicht dem Wahn eigener Schöpfung erliegen, schon seit langer Zeit in den Ohren klingelt.

Seit damals geht es für sie darum, folgende zwei Thesen unter einen Hut zu kriegen: Erstens, Marx war ein epochales Genie und ein erstrangiger politischer Führer und die ihm nachfolgende Bewegung kann sein Werk nicht außer Acht lassen; zweitens, als Marx ökonomische Wissenschaft betreiben wollte, reihte er Aussagen aneinander, die sich allesamt als falsch erwiesen und infolge der Untersuchung der realen wirtschaftlichen, damaligen und späteren Fakten widerlegt wurden.

Der Ausweg aus diesem schrecklichen Wirrwarr ist offenkundig, einem Wirrwarr, der, wie wir festgestellt haben, schlimmer ist als die Thesen von jemandem, der sagt, Marx sei ein verwirrter Theoretiker und törichter und krimineller Agitator gewesen. Weil sich nun aber mal nicht leugnen lässt, dass Marx‘ Forschungsgegenstand die ökonomische Wissenschaft war, dass er die früheren Schulen der politischen Ökonomie darlegte und explizit eine neue wissenschaftliche Theorie der ökonomischen Tatsachen vorlegte, die die vorhergehenden Theorien verdrängen musste – und weil, obschon Loblieder auf die Geistesgröße Marx‘ angestimmt werden, die heutige „allgemeine“ Wirtschaftsforschung auch weiterhin gültig sein soll (jene also, die sich ihren Weg zwischen den universitären Lehrstühlen, Prüfungstexten und wissenschaftlichen Abhandlungen sucht), greift man zu einem alten Trick: Marx sprach und schrieb zwar über Ökonomie, betrieb aber nicht ökonomische Wissenschaft, sondern … was wohl? Philosophie. Da man bei Marx nach der Wirtschaftswissenschaft Ausschau hält, im Namen deren er, wie die Professoren sagen, eine Menge Dummheiten geschrieben hätte und Dutzende moderner Wissenschaftler ihn weit hinter sich gelassen hätten, ist er als Ökonom natürlich nicht verständlich, was hingegen sehr wohl der Fall ist, wenn sie ihn als Philosophen lesen. Es heißt dann weiter, dass er, wenn er als Philosoph schreiben wollte, nicht davor zurückschreckte, die ökonomischen Tatsachen und Gesetze sehenden Auges falsch darzulegen. Bei der Prüfung in Ökonomie erreicht Marxens Karl also nicht die Mindestpunktzahl von 300 Punkten und fällt durch; da er aber als großer Philosoph gilt, nimmt der Inhaber des Lehrstuhls so viel von dieser schillernden Disziplin an sich, dass er sich außerhalb der Fakultät zum Volksführer aufwerfen und vor allem Parlamentssitze ergattern kann.

Nichts ist dümmer und hohler als dieses öde Gewäsch.

 

4. Hegel’scher Herkunft?

Natürlich lässt sich nicht leugnen, dass es, um Themen wie das hier vorliegende zu behandeln, zweckdienlich ist, nicht nur das vollständige Material zur Geschichte der ökonomischen Lehren, sondern auch zur Geschichte des philosophischen Denkens zu nutzen sowie festzustellen, welchen Wissensstoff Marx aus der ihm zuteil gewordenen Schulbildung mitbrachte und welches andere Wissen er sich selbst unter dem Antrieb der damaligen Lebensumstände aneignete.

Der Fehler besteht darin, in einer solchen Untersuchung das entscheidende Element zu sehen, um diese oder jene „Version“ oder „Lektüre“ des marxistischen Werks in den Vordergrund zu stellen und dann auf diese Quellen zurückzugehen, um hier die Entschlüsselung der angeblichen Rätsel, die Auflösung der angeblichen Unklarheiten zu finden, die in der Marx’schen Schrift enthalten seien und zu denen Marx auch durch jenes Material und oftmals auch trotz und gegen jenes Material gelangte. Die Untersuchung ist einfach insofern wichtig wie es notwendig ist, scheinbar oder manchmal tatsächlich schwierige Abschnitte oder Kapitel zu erklären, die hinsichtlich der Geschichte zu Marxens Lebzeiten und der besonderen gesellschaftlichen Verhältnisse jener Übergangsperiode eine Rolle spielten, nicht etwa, weil sie chronologisch mit dem biographischen Curriculum von Marx zusammenfällt, sondern weil es die Periode war, in der die Arbeiterklasse um die mächtigen Strukturen einer neuen geschichtlichen Kraft zentriert (auch wenn ein Marx nicht geboren worden oder eine Märchenfigur gewesen wäre) den neuen einzigartigen theoretischen Überbau, ganz verschieden von dem der vorhergehenden Produktionsweisen, streng und definitiv festlegte.

Nun werden gerade mit dem Übergang der feudalen zur kapitalistischen Gesellschaft das Auftreten Hegels und der ganzen vor ihm aufgetretenen modernen kritischen Schule sowie Kants erklärt, auf den einige ebenfalls die von Marx angewandte „kritische“ Methode zurückführen wollen. Sowohl die Kritik der deutschen Idealisten als auch die Vernunft der französischen Materialisten, wie im Übrigen auch die Empfindung der englischen Empiristen sind ideologischer Ausdruck des Kampfes gegen die Mächte aus göttlichen Recht; zum anderen wird die Freiheit postuliert, die geoffenbarten und theologischen Wahrheiten, die von der höchsten Autorität und den heiligen Schriften oktroyiert wurden, jetzt der Überprüfung durch die Vernunft und Erfahrung zu unterwerfen.

Das Auftreten von Marx und den Marxisten wiederum lässt sich mit der Verzögerung erklären, mit der die demokratische Macht der bürgerlichen, sich auf das „Bewusstsein“ des freien Bürgers gründenden Staaten die Bühne betrat. Ebenso wie es zwischen dem Kampf der Bourgeoisie gegen das Ancien Regime und dem Kampf der Arbeiterklasse gegen die bürgerliche Macht ohne Zweifel historische Verbindungen und eine bestimmte gemeinsame Wurzeln gibt, gibt es sie auch zwischen den jeweiligen, sich auf die großen Übergänge der sukzessiven Produktionsweisen beziehenden Überbauten. Die Lehre des modernen Proletariats muss daher studiert und erhellt werden, in dem jene früheren Wenden in den Denkweisen mit in Rechnung gestellt werden. Kritizismus, Aufklärung, Empirismus: Marx weist immer auch die entsprechende Herkunft nach, ob der französischen Enzyklopädie, der englischen politischen Ökonomie usw.

Der falsche Weg ist sich zu fragen, welchen Philosophieprofessor der Jurastudent Karl Marx hatte, welche studentischen Kreise er frequentierte, welche Bücher auf seinem Nachttisch lagen oder wie er sich in seinen frühesten Schriften ausdrückte: Abgesehen davon, sie mit den Augen desjenigen zu lesen, der den Gesamtprozess wieder rekonstruiert statt ihn durcheinander zu bringen, ist darin mit absoluter Klarheit die neue und selbständige Position zu erkennen.

 

5. Die Darstellungsmethode

Schon seltsam, dass das zweite Vorwort von 1873 als Ausgangspunkt dient, um nachzuweisen, dass das ganze „Kapital“ oder jedenfalls der erste Band (in dem ja der Legende nach andere Dinge stehen sollen als im dritten Band) nicht ein wissenschaftlich-ökonomisches, sondern ein philosophisch-kritisches Werk sei. Aus dem Vorwort wird die klassische Unterscheidung zwischen der Forschungsmethode und der Darstellungsmethode zitiert und sogar eine Stelle aus der russischen Rezension, die Marx selbst anführte und der er explizit zustimmte. Damit soll nun folgende unsinnige These gestützt werden: Marx hätte nicht die wirklichen Gesetze der kapitalistischen Ökonomie und ihrer Entwicklung wissenschaftlich beschreiben, sondern nur die Daten des dem Menschen der kapitalistischen Epoche eigenen „ökonomischen Bewusstseins“ darlegen wollen. Marx habe selbst gewusst, dass „die ökonomische Forschung kaum durch diesen bizarren Wertbegriff vermittelt sein muss“, sondern er habe „etwas anderes“ im Sinn gehabt, nämlich „den Prozess darzustellen, der die Menschen, ohne dass sie es wissen, dahin führt, den“ illusorischen „Begriff des Werts zu konstruieren“.

Die Methode von Marx, der nicht die Dinge, sondern die Illusionen untersuche, die sich der Mensch über die Dinge mache, wurde elegant als „gesellschaftlicher Illusionismus“ bezeichnet. Wir werden noch sehen, wer denn „die Menschen“ sind – immer wieder die alte wie auch neue Geschichte; und wer das Subjekt des „nichtwissenden Bewusstseins“ ist.

Gemäß der richtigen Position ist das Ziel des „Kapital“, das schicken wir voraus, in jedem Band und in jedem Abschnitt die Theorie der kapitalistischen ökonomischen Tatsachen in ihrer Wirklichkeit zu entwickeln, und zwar so, dass die Ableitungen empirisch nachprüfbar sind: Nicht so, wie das heutige ökonomische Bewusstsein der Bourgeois oder „der Menschen“, sondern wie die theoretische Erkenntnis der Klassenpartei sie sieht, die im kapitalistischen Heute das kommunistische und klassenlose Morgen repräsentiert.

Im Hinblick auf die von Marx gegebene Definition des Charakters und des Ziels des Marx’schen Werkes ist das genannte Vorwort allerdings der „Hauptbeleg“; sehen wir daher der Reihe nach, was hieraus hervorgeht, und es wird sich gleich zeigen, dass das Ganze hundertprozentig klar ist.

Marx geht auf die Kritiker des I. Bandes ein; die „Revue Positiviste“ warf ihm einerseits vor, die „Ökonomie metaphysisch zu behandeln“ (Labriola sagte nicht einmal 1908 etwas Neues), und andererseits, sich auf „bloß kritische Zergliederung“ des Gegebenen zu beschränken, statt „Rezepte für die Garküche der Zukunft“ zu beschreiben. Ganz Ohr für den ersten Vorwurf der Metaphysik geht Marx auf den zweiten (vielleicht auch aus editorischen Gründen) nur mit dem ironischen Satz bezüglich der Garküche ein und bemerkt in Klammern „comtistische?“. Auguste Comte war der Chef der französischen Positivisten, die politisch diffuse Reformisten waren: Für Marx ist das hier nicht der Zeitpunkt hervorzuheben, dass sich in jeder Zeile das kommunistische Programm findet … Auf den Vorwurf der Metaphysik antwortet er mit der Bemerkung des Russen Sieber (der bereits als Gefährte in wissenschaftlicher Ökonomie benannt wurde), wonach „die Methode von Marx die deduktive Methode der ganzen englischen Schule“ ist, und des Franzosen Block, der von Marx‘ analytischer Methode spricht und ihn „unter die bedeutendsten analytischen Denker“ einreiht.

 

6. Selbstidentifikation

Der wichtige Passus ist der im „Europäischen Boten“ aus Petersburg, in dem Marx‘ Forschungsmethode als „streng realistisch“, die der Darstellung jedoch als „unglücklicherweise deutsch-dialektisch“ beschrieben wird. Marx führt den Passus an: „Auf den ersten Blick, wenn man nach der äußern Form der Darstellung urteilt, ist Marx der größte Idealphilosoph, und zwar im deutschen, d.h. schlechten Sinn des Wortes. In der Tat aber ist er unendlich mehr Realist als alle seine Vorgänger im Geschäft der ökonomischen Kritik ... Man kann ihn in keiner Weise einen Idealisten nennen“ [MEW 23, S. 25].

Marx ist mitnichten unklar. Er ist ein Kämpfer, und auch als Schriftsteller gehört er zu denen, die es einem nicht leicht machen, die niemals demagogisch dem Bedürfnis nach banalen, mühelos zu schluckenden Antworten nachgeben. Er sagt nicht: Es steht also fest, dass ich analytisch und nicht metaphysisch vorgehe, Realist und nicht Idealist bin. Er sagt, nicht besser als durch einige Auszüge derselben Rezension antworten zu können, denen er anschließend die andere klare Aussage folgen lässt: Indem der Verfasser meine Methode so treffend schildert, „was andres hat er geschildert als die dialektische Methode?“

Wir wissen so aus erster Hand, welches die Methode ist; und worin die dialektische Methode für Marx besteht. Zitieren wir den wesentlichen Passus: „Für Marx ist nur eins wichtig: das Gesetz der Phänomene zu finden, mit deren Untersuchung er sich beschäftigt.“ (…) „… vor allem das Gesetz ihrer Veränderung, ihrer Entwicklung“ (…) „Hierzu ist vollständig hinreichend, wenn er mit der Notwendigkeit der gegenwärtigen Ordnung zugleich die Notwendigkeit einer andren Ordnung nachweist, worin die erste unvermeidlich übergehn muss, ganz gleichgültig, ob die Menschen das glauben oder nicht glauben, ob sie sich dessen bewusst oder nicht bewusst sind“ [MEW 23, S. 25/26].

Halten wir einen Moment inne. Aus dem Russischen zitiert und unter dem schlimmsten Polizeistaat jener Zeit verlegt, wird zunächst auf die Frage über die „Garküche der Zukunft“ geantwortet, was sicherlich demjenigen entgeht, der die Seiten nur quer liest. Dann folgt der Schlag gegen das Bewusstsein der Menschen, und Marx bestätigt diese Sicht. Es ist schon merkwürdig, dass der später geborene Labriola folgenden Auszug wiedergibt:

„Marx betrachtet die gesellschaftliche Bewegung als einen naturgeschichtlichen Prozess, den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Bewusstsein und der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren Wollen, Bewusstsein und Absichten bestimmen... Wenn das bewusste Element in der Geschichte der Zivilisation eine so untergeordnete Rolle spielt, dann versteht sich von selbst, dass die Kritik, deren Gegenstand gerade die Zivilisation ist, jedenfalls nicht irgendeine Form oder irgendein Resultat des Bewusstseins zur Grundlage haben kann.“ Und Labriola meint dazu ganz ungeniert: hier ist natürlich vom individuellen, konkreten Bewusstsein die Rede.

Wie – individuell und konkret? Im Text, in dem Marx seine eigene Fotographie erkennt, wird vom Bewusstsein der Menschheit und der „Menschen“, von „jedem“ Resultat des Bewusstseins, nicht nur dem individuellen gesprochen. Der Text lässt weiter der Behauptung, das „Kapital“ untersuche nicht das Ökonomische, sondern dessen ideologische Konzeptionen, Gerechtigkeit widerfahren:
„Das heißt, nicht die Idee, sondern nur die äußere Erscheinung kann ihr“ (der Kritik) „als Ausgangspunkt dienen. Die Kritik wird sich beschränken auf die Vergleichung und Konfrontierung einer Tatsache, nicht mit der Idee, sondern mit der andren Tatsache.“ Wir müssen leider einen Teil überspringen:
„Indem sich Marx das Ziel stellt, von diesem Gesichtspunkt aus die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu erforschen und zu erklären, formuliert er nur streng wissenschaftlich das Ziel, welches jede genaue Untersuchung des ökonomischen Lebens haben muss“ [MEW 23, S. 26/27].

Ach ja, die Kunst des Zitierens!

 

7. Abrechnung mit Hegel

Die Schriften Marx‘ machen es euch nicht leicht? Gut so. Ihr solltet aber wissen, dass er alles genau unter die Lupe nimmt. Im richtigen Augenblick wurde daran erinnert, 1871 den Schülern Comtes’ (oder eher 1952 denen Stalins?) eine Lektion zu erteilen: über die Mär einer trockenen Beschreibung, die jede These gesellschaftlicher Veränderung offen lasse. Nun, wo mit den Worten des Russen Sieber alle i-Punkte gesetzt wurden und feststeht, welcher Stoff und welche Methode zu erforschen sind, schießt einem wieder in den Kopf, dass Marx vorgehalten wurde, hinsichtlich der Darstellungsmethode hegelianisch infiziert worden zu sein.

Von wegen Hegel! Zehn mit der Strenge algebraischer Formeln aneinander gereihte Wörter – und auch diese, sagten wir, haben die Korinthenkacker zitiert.

„Allerdings muss sich die Darstellungsweise formell von der Forschungsweise unterscheiden. Die Forschung hat den Stoff sich im Detail anzueignen, seine verschiednen Entwicklungsformen zu analysieren und deren innres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt werden. Gelingt dies und spiegelt sich nun das Leben des Stoffs ideell wider, so mag es aussehn, als habe man es mit einer Konstruktion a priori zu tun“ [MEW 23, S. 27].

Das hat nicht Hegel entdeckt, sondern all die ersten Autoren, die sich den aufgezeichneten Ergebnissen der modernen experimentellen Forschung zuwandten (einschließlich einiger klassischer Dichter wie Lukrez). Kepler formulierte die verschiedenen Planetengesetze, die er aus den analytisch gelesenen tausend Himmelsbeobachtungen Tycho Brahés deduzierte. Newton stellt das Gleiche dar (mit ein wenig mehr … Hegel’schem Nationalismus; Marx und Engels freuten sich an der Beweisführung Hegels, der mit ein paar mathematischen Betrachtungen vom Engländer Newton auf den Deutschen Kepler zurückging), geht aber von einer Hypothese aus, die von jenen Gesetzen und jenen Lesungen bestätigt wird, nämlich von seinem Gesetz der allgemeinen Attraktion. Und sowohl die langen Tabellen der Winkelmessungen Tychos wie auch der erste kurze Satz Newtons nebst einer Abbildung, die einen um einen festen Punkt kreisenden beweglichen Punkt zeigt (Planet und Sonne), sind, wie man gerne sagt, empirische, rein experimentelle, keine spekulative Wissenschaft.

Was gibt es noch zu sagen? In allen Gymnasien wird die „experimentelle Physik“, die den jungen Menschen auch im Labor erklärt wird, anhand der deduktiven Methode gelehrt, also ausgehend von drei Grundsätzen, die schließlich einer sind – dem Galileis, auf dem alles „basiert“, „als habe man es mit einer Konstruktion a priori zu tun“, was jedoch nicht der Fall ist.

Was Hegel und was den wichtigsten Teil der Frage angeht, der sich nicht auf die Darstellung bezieht (eine Sache, über die wir noch keine Zeile gelesen haben, in der die Brillanz Marx‘ bestritten wird: Wenn er doch im Wesentlichen falsche Dinge gesagt haben soll – welche propagandistische Zauberformel hat denn dazu geführt, dass die Welt fast ein Jahrhundert später davon so beeindruckt ist, zu ihrer Freude oder zu ihrem Schrecken?! Mag er also mit Hegel, oder mit Mephisto, kokettiert haben – wen interessiert’s?), sondern gerade auf den Gegenstand der Forschung und das Vorgehen, um diese Arbeit zu vollbringen, kommt Marx hier wie auch bei den anderen Fragen zum Punkt. Der von Hegel eingeschlagene Weg führt nirgendwo hin: „Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil.“
Hier noch einmal die Reihe der Aussagen:
Hegel: Das Denken, die Idee sind der Demiurg des Wirklichen.
Marx: Das Ideelle ist nur das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.
Hegel: Die Dialektik steht auf dem Kopf.
Marx: Die Dialektik muss umgestülpt und auf die Füße gestellt werden.

 

8. Kritizismus und Empirismus

Als diese beiden Wörter, mit denen so viel Schindluder getrieben wurde, eine Hochzeit feierten, war es an Lenin, gegen das neue (bzw. wie er beweist, marode) Erkenntnissystem ins Gefecht zu ziehen.

Wollten wir die beiden Methoden mit einfachen Worten erklären, würden wir sagen, dass der Empirismus, besser gesagt der Experimentalismus, die Wahrheit sucht, indem er sich umschaut und bemüht, die Erscheinungswelt, die äußere, objektive Welt so gut wie möglich zu systematisieren. Auf diesem Gebiet soll sich die allgemeine Wirtschaftswissenschaft der Professoren tummeln, deren Stärke darin bestehe, ohne irgendwelche Voreingenommenheiten und eigene Präferenzen stets bereitwillig neue Tatsachen und neue Ergebnisse auf- wie auch anzunehmen (eine kurze Untersuchung der offiziellen neuen Wissenschaft würde ausreichen, um zu zeigen, dass es nunmehr ganz anders aussieht, denn die bewusste Fälschung ist allen „wissenschaftlichen“ Milieus das täglich‘ Brot geworden).

Der Kritizismus indes sucht die Lösung nicht außerhalb, sondern innerhalb. Wessen? Ihr könnt es euch aussuchen: des Subjekts, des denkenden Ich, des Geistes, des Gehirns, oder um Marx‘ gewohnten Schreibstil zu nehmen, des Kopfes, des Schädelkastens. Dies wäre die „spekulative Wissenschaft“, an die jedenfalls Hegel glaubte, an die die modernen Idealisten glauben und an die auch Labriola glaubte, wie aus den Seiten hervorgeht, auf denen derselbe behauptet, dies sei die Art von Wissenschaft, mit der Marx arbeitete.

Marx wäre also wie ein Newton vorgegangen, der sich das Gravitationsgesetz in dieser oder einer anderer Form nur in seinem Kopf, zu seinem persönlichen Vergnügen vorgestellt hätte, wenn er beispielsweise schrieb, dass sich zwei Körper durch eine Kraft umgekehrt proportional zu ihrer Entfernung (nicht zum Quadrat der Entfernung) anziehen, um dann aus dieser Hypothese die seltsamen Bahnen der Planeten abzuleiten. Dem Lehrstuhlökonomen Tycho Brahé habe er damit den Stuhl vor die Tür gesetzt, der bei ihm angeklopft hätte, um zu sagen: Moment mal, Meister, der Planet ist heute Abend gar nicht wie vereinbart an seinem Platz, sondern woanders, das hier ist nicht seine Bahn, sondern eine andere … der Kapitalist ist nicht fett geworden, sondern nimmt hoffnungslos ab, derweil seine Arbeiter eine Villa … auf der Krim gekauft haben. Newton hätte gesagt: Philosophisch und auch mathematisch ist mein System kohärent und keine spekulative Kritik, so bemüht sie auch sein mag, findet darin einen logischen Bruch. Was sollen mir die Planeten, wenn sie gegen die Regeln des Kreislaufs verstoßen, und was die Mehrwertaussauger, wenn sie hungern?

Eben dies bedeutet es zu behaupten, Marx habe ein kritisches, kein wissenschaftliches, auch nicht im empirischen Sinne, Werk geschaffen; er habe sich darauf beschränkt, in einen riesigen Stoff Beziehungen einzuweben, die Merkmale nicht von Tatsachen, sondern nur von Illusionen des Bewusstseins sind. Des Bewusstseins also, das in den Abbildern, das heißt in der Sprache der Menschen, in ihrem gesunden Menschenverstand, ihren allgemeinen Illusionen, ihrem täglichen Glaubensbekenntnis aufgefunden wird. Eine Arbeit also – die einzige Arbeit, die die Kritik aus dem Inneren heraus durchführen kann, die aus dem Subjekt selbst hervorgehende Spekulation – über Wörter, die sich mit anderen Wörtern verschlingen, nicht über Dinge, über Tatsachen, über Messungen und Entdeckungen von Dingen und Tatsachen.

Eine Untersuchung nicht über die Wirklichkeit, sondern über das Bewusstsein der Wirklichkeit, wobei Letzteres logischerweise vor der Wirklichkeit existiert, wie im Hegel‘schen System, dem System also, dem Marx den Rücken kehrte. Aber, und das ist der springende Punkt, Bewusstsein welches Menschen, welcher Menschen?

 

9. Bewusstsein, Individuum und Klasse

Will man diesen Leuten Glauben schenken, hat Marx also nicht auf den Gegenstand der Untersuchung geschaut, sondern auf dessen durch die Projektionsfläche der Netzhaut an das Gehirn weitergeleitetes Abbild. Es handelt sich demnach nicht um Tatsachen, sondern nur um Abbilder der Tatsachen, gleichwohl wird ihm zugebilligt, einen Schritt nach vorne gemacht zu haben, weil das Abbild nicht beim Individuum hinterlassen wurde. Dieses erste Trugbild ist also schon mal gebannt.

Also, obwohl es darum geht, einen Illusionismus zu schaffen, ist man bereit, das individuelle Bewusstsein als Quelle des Gegebenen zu verwerfen, denn man hat dem Philosophen Marx Gehör geschenkt, laut dem das individuelle Bewusstsein eine Illusion ist.

Nun, Marx hätte somit die Gesetze nicht der „wirklichen“ und „physischen“ Ökonomie gesucht, sondern deren Projektion im über-individuellen Bewusstsein. Als Erstes kommt das Bewusstsein der „Klasse“ auf den Tisch, doch auch dies wird sogleich verworfen. Dem „seriösen“ Marxismus wird folglich ein zweites Zugeständnis gemacht. Marx, Lenin und alle konsequenten und radikalen Marxisten haben den Ausdruck „Klassenbewusstsein“ in der Tat nie gemocht, auch nicht aufs Proletariat bezogen. Wir haben schon mehrmals gesagt, dass dieser Begriff implizit die Bedingung enthält, wonach das revolutionäre Bewusstsein bei jedem Einzelnen der ausgebeuteten Klasse der revolutionären Aktion vorausgeht. Im Grunde ist dieser Begriff der konservativste, den es geben kann: Darüber sprachen wir ausführlich auf unseren Versammlungen in Rom und Neapel und stellten dies in erklärenden Schemata dar, die im „internen Bulletin“ wiedergegeben wurden, derweil andere für die Veröffentlichung zu anderer Zeit und an anderem Ort vorbereitet sind: Schematisch dargestellt werden sollen die Auffassungen der Arbeitertümler, der Syndikalisten, der Ordinovisten, Stalinisten und Anarchisten – in der horizontalen Achse: Individuum, Klasse, Partei, Gewerkschaft, Staat; in der vertikalen: Interesse, Aktion, Wille, Bewusstsein.

Was jedoch die Theorie des marxistischen Illusionismus angeht, die durch das unselige und trügerische Monopol der Theorie auf Seiten der heutigen stalinistischen Kommunisten noch Rückenwind bekommen könnte, wird nicht deutlich, ob der Stoff von Marx, der nicht in der Lage sein soll, ihn in die Welt der realen Tatsachen einzuordnen, in Begriffen gesucht wird (um die Behauptung des von Mythen angetriebenen Marx zu untermauern), die in der Arbeiterklasse, oder in der bürgerlichen Klasse, verbreitet sind. Es sieht so aus, als würde sich eher auf die Bourgeoisie bezogen: Demnach hätte Marx das ökonomische System in den Ansichten dargestellt, die in der Bourgeoisie vorherrschen. Doch dann hätte er nur den vierten Band des „Kapital“ schreiben brauchen, d.h. die Geschichte der ökonomischen Lehren; oder noch nicht mal das. Wenn er Ricardo, den er als theoretischen Kopf des industriellen Großkapitals ansah, einfach nur abgeschrieben hätte, wäre die Arbeit mit den „Theorien über den Mehrwert“ fix und fertig gewesen. Warum sich also lang und breit darüber auslassen, wo Ricardo gefehlt hat, und warum sollten dessen Entwicklungslinien durch die ganz anderen von Marx aufgefundenen ersetzt werden, seinem Gleichgewicht, der Krise und der Revolution? Sind auch das Träume und Visionen der Bourgeoisie?

 

10. Das „gesellschaftliche“ Bewusstsein

Wir müssen also weitergehen. Da Marx dazu verdonnert wurde, das Poem eines Bewusstseins zu schreiben und dieses weder dem Einzelnen noch der Klasse angehört, müssen wir uns der „Gesellschaft“ zuwenden. Laut der vorliegenden Kritik sei dieser Begriff, nämlich der des Bewusstseins der „Gesellschaft“ einer bestimmten Epoche, und insbesondere seiner, unserer, das Ergebnis, zu dem Marx gelangt sei. Er habe in seinem „System“ die Umrisse dieses „gesellschaftlichen Bewusstseins“ dargelegt, das merkwürdigerweise nicht nur alle Individuen, sondern auch die gesellschaftlichen Klassen verbinde und ihnen ungeachtet des Gegensatzes ihrer Interessen und des wirtschaftlichen Antagonismus gemeinsam wäre! Und es sei nicht nur das Ergebnis der Marx‘schen Studien – der Begriff sei sogar der Ausgangspunkt, den er jeder seiner Konstruktionen zugrunde gelegt hätte. Er habe folglich den Wert behandelt, weil dieser im gesellschaftlichen Bewusstsein existierte. Nur in diesem Sinne habe er vom Mehrwert gesprochen, davon, dass Wert und Mehrwert auf die Arbeitszeit zurückzuführen seien, wohlwissend, dass dies wissenschaftlich Humbug sei. Es wäre nicht weiter wichtig, diese Dinge in einem alten Buch von Labriola nachzulesen, wenn sie nicht hinter so vielen Entstellungen des Marxismus verborgen wären, wenn sie nicht in der Zeit, in der wir leben, der Zeit des schweren Kampfes des Proletariats für den Kommunismus, eine lange Reihe bildeten; und wenn diese Dinge in dem Buch nicht in einer Art und Weise ausgesprochen würden, die nicht nur nicht miserabel, sondern zuweilen sogar beeindruckend sind und uns Gelegenheit geben, in unserem Waffenlager gründlich auszukehren und Begriffe zu klären, die keineswegs banal sind.

Labriola, das muss betont werden, ignorierte und bestritt gewiss nicht die Theorie des historischen Klassenkampfes und der Gegensätze, die die kapitalistische Gesellschaft zerreißen, und erst recht bestritt er diese Lehren nicht zu jener Zeit, in der er das Buch schrieb. Er stellte vielmehr die Vehemenz, mit der Marx das Fehlen des gesellschaftlichen Gemeinsinns sah, mit dieser Entdeckung eines gesellschaftlichen Bewusstseins, diesem verschiedenen Gruppen und Klassen gemeinsamen Bindegewebe, in einen Zusammenhang.

Wir müssen hier nicht noch extra die Unvereinbarkeit einer solch abenteuerlichen These mit dem Begriff des Klassenkampfes und der ebenso mächtigen wie bewunderten Lehre des historischen Materialismus nachweisen, denn das Buch selbst zeigt uns den Weg.

 

11. Gesellschaft und Tausch

Ohne aus den Augen zu verlieren, dass die Professoren zur trocknen Preisstatistik und dem Auf und Ab der Zirkulation gearbeitet haben, somit solide Wissenschaft betrieben haben sollen, und Marx, der die Gesetze des Produktionsprozesses in Stein meißelte, für diese Herren bloß Illusionen gestiftet und ungeheure Mythen erörtert haben soll, werden wir gleich sehen, auf welchem Fundament dieses Bewusstsein steht, worin – wie gesagt nur spaßeshalber – die Gesetze eingeschrieben sind, die Marx in seinem Riesenwerk vorgezeichnet hat: in der Gesellschaft nämlich, der „ökonomischen Gesellschaft“. Niemand hat je ein solches Wort bei Marx gelesen: wohl aber – auf der Ebene der Kritik (eben an Hegel) – das der „bürgerlichen Gesellschaft“, und zwar in Bezug auf die Staatslehre, wohin wir bald kommen.

Was soll diese „ökonomische Gesellschaft“ denn sein? Ganz einfach: Die ökonomische Gesellschaft ist der Austausch! Wir haben also eine Gegenposition, die ganz in der Tiefe und durch dialektisches Gesetz die Unsrige sein kann, jene, zu der wir hier arbeiten: Produktion gegen Austausch! Kampf gegen jede Art von Burgfrieden! Vulkan, der die kommende soziale Eruption verspricht, gegen den Pfuhl, der die revolutionäre Kraft im Morast der Warenproduktion versumpfen lassen würde.

Tatsächlich sagt Labriola
„Wo die Produktion den Gegensatz begründet, setzt der Tausch die Einheit. Das dem Begriff des Gemeinsinns angehörende Terrain ist der Tausch“.
„Wir sehen somit, dass die Begriffe des Kampfes und des Gemeinsinns jeweils ihr eigenes Terrain haben“.

Gemäß einer derartig verdrehten Fassung, die haargenau so auch Josef Stalin entlehnt sein könnte, hätte die Kritik Marx‘ zur Apologie der vollendeten Warenproduktion geführt und die Flammen des revolutionären Feuers wären im stinkenden Schlamm des monetären Austausches von Warenprodukten gelöscht worden.

Und tatsächlich ist die These, wonach eine sozialistische Gesellschaft eine durch das Gesetz der Wertäquivalenz, also des Warentausches gelenkte Ökonomie haben könnte (Heiliger Himmel! In Wirklichkeit und nicht bloß in der Illusion!), dieselbe These, die wir im falschen Syllogismus des uns vorliegenden Buches finden. Übrigens erträumten sich die Sorel’schen Syndikalisten eine Gesellschaft (das ist dann allerdings ein alberner Mythos), in der mit dem Austausch zwischen „Produzentengruppen“ das Gesetz der Äquivalenz voll und ganz in Kraft ist. Was spielt es für eine Rolle, wenn es in Sorels Gesellschaft keinen Staat gab, sondern nur eine illustre Vereinigung von Gewerkschaften und Genossenschaften; und wenn in der Gesellschaft Stalins ein Staatsungeheuer als oberster Ladenkrämer fungiert.

Der Syllogismus hat folgende Schieflage: Marx hat gesagt, der Wert ist keine individuelle, sondern gesellschaftliche Schöpfung. Den Wert gibt es jedoch nicht in der Realität, vielmehr gibt es ihn im Bewusstsein, ergo im gesellschaftlichen Bewusstsein. Gesellschaft und Bewusstsein aber gibt es nur im Austausch. Auf den Austausch kann niemals verzichtet werden.

Da für uns nicht der Austausch, sondern schon die Produktion eine gesellschaftliche Tatsache ist und als solche aus dem Verhältnis der verschiedenen Klassen hervorgeht, definieren wir den Wert unabhängig vom und vor dem Austausch als eine wissenschaftlich erkannte Tatsache der vergänglichen kapitalistischen Ökonomie.
Jetzt bleibt nur noch, die These von der „Heiligkeit des Austausches“ als platte Apologie der bürgerlichen Gesellschaft, und der Konterrevolution, zu demaskieren. Die Zeit der kapitalistischen Produktion endet mit einem revolutionären Gebot, das nur ein Merkmal hat: kein Warentausch mehr. Dahin gelangte Marx, und die Geschichte wird auch dahin gelangen.

 

12. Zwei miteinander unvereinbare Lektionen

Um über alte wie neue Fragen, vor allem solche, die das „zeitgenössische Denken“ niemals wird lösen können, Klarheit zu schaffen, werden also alles andere als brandneue Ausführungen weiterhelfen. Die immer größere Verwirrung in den Köpfen muss aufhören, bevor es noch schlimmer wird.

Die Kritik, der unser Augenmerk gilt (und geistiges Eigentum – das wir nicht anerkennen – des Professors Arturo Labriola, wohnhaft in Neapel, ist), negiert das Marx’sche Werk als Wissenschaft der ökonomischen Prozesse und bezeichnet es als eine in der Philosophie anzusiedelnde Angelegenheit, d.h. als Erforschung von „Bewusstseinsinhalten“ unter dem Gesichtspunkt des Ökonomischen. Warum fand Marx dies so wichtig – obschon es doch den Resultaten der positiven Beobachtung widerspricht –, dass er wohlweislich und bewusst ein System gesellschaftlicher Illusionen errichtete statt eine Theorie der modernen Ökonomie darzulegen? Weil laut dieser Kritiker der idealistische, voluntaristische und unter der materialistischen Schale „aktivistische“ (so heißt es heute) Marx zum Programm der Umwälzung der bestehenden Ordnung durch vom theoretischen Führer „aufgeklärte“ Massen kommen musste; wenn dazu ein wissenschaftlich triftiger Begriff weniger nutze sei als ein illusorischer, müsse Letzterer eben vorgezogen werden.
In dieser Konstruktion intellektuellen und literarischen Schlags wird also zuerst nach einem Willen gesucht, der die soziale (und ökonomische) Welt verändere; man glaubt, ein solcher Wille könne nur durch die Verbreitung von „Bewusstseinsinhalten“ (spekulativen Schlags, d.h. aus dem Innern des Subjekts) des realen Wirtschaftslebens geweckt werden: Eine dem theoretischen Führer obliegende Aufgabe. Hat er diese Aufgabe erfüllt und „Bewusstsein“ geschaffen, werden sich die Massen – stellt man sich vor, weil Marx es sich vorgestellt hätte – unweigerlich in den Kampf stürzen. Und dann … komme was will. Für Denker dieser Sorte muss ein gesellschaftliches Gefüge, wie Marx es erwartete, durchaus nicht Wirklichkeit werden.

Uns geht es darum, dieser „Lesart“ des „Kapital“ die unsere entgegenzusetzen. Marx erforscht objektiv und fundiert die Gesetze der ökonomischen Entwicklung und benutzt, um sie darzustellen, mathematische Begriffe und Größen, die der Realität nicht von außen eingehaucht, sondern in ihr aufgefunden werden. Und ja, Marx macht diese Riesenarbeit nur, um zum revolutionären Programm zu kommen und der alten Ordnung theoretisch und praktisch eine neue entgegenzusetzen, doch (um die Frage zu klären, welche Sicht der Dinge zutrifft, würde es reichen, das Material durchzugehen, mit dem er sich von den Utopisten abgrenzt) dieses Programm hat er nicht als Subjekt empfunden, gewählt, gewollt, sondern als Ergebnis wissenschaftlicher Forschung aufgedeckt. Unter vielen anderen war ein Fehler Stalins die Behauptung, auf den Seiten des „Kapital“ sei nur die Beschreibung und Kritik der bürgerlichen Ökonomie zu lesen, nicht aber die Bestimmung der Hauptzüge der kommunistischen Ökonomie. Das Programm und damit auch der Kampf zu seiner Verwirklichung ist die Hauptsache, seine Kraft aber bezieht es daraus, sich auf die Analyse der bestehenden Ökonomie zu stützen. Es geht jedenfalls nicht darum, ein Bild dieser Ökonomie verzerrt darzustellen, um das – wo und wie? – im Vorhinein festgelegte Programm zu untermauern.

Dieses ganze Zerrbild soll durch eine deplatzierte Wiedergabe der berühmten letzten These über Feuerbach belegt werden: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern“ [MEW 3, S. 7]. Die These will uns sagen, dass, wenn wir unsere Kräfte für die revolutionäre Umwälzung einsetzen wollen – wann und auf welche Art und Weise: das bestimmt die Realität, und sie lehrt es diejenigen, die sie lesen können –, die Philosophen in Rente geschickt werden müssen, die dadurch, dass sie sich der Spintisiererei hingeben, nach den Gesetzen der zukünftigen Welt Ausschau halten und eine ganz andere Brücke, weder spekulativ noch idealistisch, zwischen Theorie und Kampf errichten. In den Ausführungen indes, denen wir hier folgen, kommt Labriola zum direkten Gegenteil dessen: Marx sei kein Ökonom, denn als solcher hätte er die kapitalistische Welt gewiss erklärt, vor allem aber bestätigt – da er aber für ihre Umwälzung eintrat, wurde er zum … Philosophen!

 

13. Bürgerliches Bewusstsein, das ist alles

Wir sind geduldig der Untersuchung zur Standortbestimmung jenes geheimnisvollen Bewusstseins gefolgt, aus dem Marx die Grundbegriffe, die typischen Figuren seiner Darstellung genommen haben soll, einer Darstellung, die so tatsächlich zu einem „Passionsspiel“ legendärer Personen wird – was für alle Konservativen bloß ein schwacher Trost sein wird. Es geht darum herauszufinden, aus welchem ideellen fruchtbaren Untergrund Marx den Wert, den Mehrwert, den Profit, den Surplusprofit, den Produktionspreis ausgegraben hat, die nicht etwa – wehe uns – exakte und untereinander kommensurable Größen wären, und sich aufeinander beziehend wissenschaftliche Gesetze bilden würden, sondern bloß Illusionen, an die das Bewusstsein fest glaubt.

Rekapitulieren wir: Ort des Bewusstseins ist nicht das Individuum – eine zu schwache Grundlage dafür – bei dem wenn auch fiktive Darstellungen entliehen werden könnten; auch nicht die Klasse (was wir vom entgegengesetzten Ufer auch so sehen; doch warum wohl ist es für sie nicht die Klasse? Wahrscheinlich, weil für jene Ideologen gerade die Klasse eine illusorische Person des Puppenspielers Marx ist …). Also ist es die berühmt-berüchtigte „ökonomische Gesellschaft“, bei der wir landen, diesem großen Sammelsurium aller Individuen und aller Klassen, worin sich die Möglichkeit, eine gemeinsame Anschauung der sozialen Gegebenheiten zu besitzen, auf den „Austausch“ gründet, diesem Bindegewebe, dass die verschiedensten Mitglieder und Gruppen des gesellschaftlichen Magmas zusammenhält.

Damit sind wir beim Punkt. Die Gesellschaft zu Zeiten Marx‘ und seiner kapriziösen Interpreten ist die moderne bürgerliche Gesellschaft, deren allgemeine Formen sich eben durch die Vormachtstellung der Tauschwirtschaft, der Marktwirtschaft, herausgebildet haben. Vor ihrem Anbruch hätte von einem, wenn auch aus trügerischen Mythen gespeisten bürgerlichen Bewusstsein nie die Rede sein können. Erst wenn jeder Gebrauchsgegenstand Warenform hat und auf den Markt kommt und sich diese Form über den Preis verallgemeinert hat, erst dann, nachdem die Grenzen der lokalen Abgeschlossenheit hinsichtlich Produktion und Konsumtion, also des Lebens, niedergerissen sind, kann man seine Zeit mit den „von allen geteilten Illusionen“ verplempern, weil Brauch, Kultur, Meinung beginnen, ihrerseits in einem weiten Kreis als Waren in Umlauf zu kommen. Hinsichtlich der vorbürgerlichen Gesellschaften, wo wir von Warenproduktion und Austausch noch nicht sprechen können (bei Gelegenheit könnt ihr die wertvollen Passagen von Marx, unser täglich‘ Brot, reichlich zitiert und meistens verkehrt herum gelesen, noch einmal nachschlagen) und in gewissen „Oasen“ unterschiedliche und heterogene „Produktionsweisen“ nebeneinander bestehen, kann von einer „ökonomischen Gesellschaft“ sicherlich nicht die Rede sein. Wo sollte es denn eine ökonomische Gesellschaft geben, wenn doch eine „gesellschaftliche“ Ökonomie, also eine nationale Ökonomie fehlt, wenn es nur ein Mosaik und einen losen Verbund „lokaler Wirtschaften“ gibt? Eine „bürgerliche Gesellschaft“ im Sinne Hegels kann sich nur unter der Voraussetzung herausbilden, dass allmählich eine politische und staatliche Organisation aufkommt. So gab es im alten Athen oder in Rom und im Römischen Reich eine bürgerliche Gesellschaft – nur das die Masse der Sklaven und Halbsklaven außen vor blieb. Die ökonomische Gesellschaft (ein Wort, das wir gemäß unserer Lehre zurückweisen) hat nur die Bedeutung der bürgerlichen Gesellschaft, einer Realität und einem eigentümlichen Produkt der Geschichte, worin das „ökonomische Recht“ gleichermaßen für alle Bürger gilt.

 

14. Apologie der kapitalistischen Zivilisation

Hegel, wie alle anderen Wegbereiter des „modernen kritischen Denkens“ und mit ihnen all diese herumkrittelnden Marxisten, stehen auf dem gleichen Boden: Die Errichtung des bürgerlichen Konstitutionalismus, des demokratischen Staates ist für sie eine ebenso originale wie entscheidende Wende in der menschlichen Geschichte, insofern das Milieu der bürgerlichen Gesellschaft verallgemeinert, das heißt, der wirkliche Fetisch der ökonomischen Gesellschaft dank der unbändigen Macht des Austausches begründet wurde.

Hätte Marx in den allgemeinen Bewusstseinsinhalten einer derartigen Gesellschaft nach den Typen, den Formen, den Strukturen seiner Darstellung gesucht, hätte er nur mit Begriffen (die er indes völlig demolierte) wie Freiheit, Gleichheit und wie es im berühmten Zitat heißt: Bentham, dagestanden, mit dem grenzenlosen kapitalistischen Liberalismus, in dem letztlich die klassischen Syndikalisten, Sorel an der Spitze, bis zum Hals stecken.

Wer kennt nicht die letzten Zeilen des 4. Kapitels im I. Band des „Kapital“: „Verwandlung von Geld in Kapital“?
Diese „Sphäre der einfachen Zirkulation oder des Warentausches“ ist jene, „woraus der Freihändler vulgaris Anschauungen, Begriffe und Maßstab für sein Urteil über die Gesellschaft des Kapitals und der Lohnarbeit entlehnt“ [MEW 23, S. 190/91].

„Die Sphäre der Zirkulation oder des Warenaustausches, innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sich bewegt, war in der Tat ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham“.

Wir müssen also keinen langen Umweg machen, um zu zeigen, worauf diese angebliche Existenz eines allgemeinen Bewusstseins in der warenproduzierenden Gesellschaft zurückgeht, aus deren Inneren Marx alle Teile seines Modells der kapitalistischen Gesellschaft herauspräparierte. Jene Anschauung löst den Marxismus in eine Abteilung der bürgerlichen Ideologie auf, nötigt die Arbeiterklasse und ihre Organisationen, den Eckpfeilern der Errungenschaften der bürgerlichen Revolution und der bürgerlichen Ordnung Reverenz zu erweisen und macht aus all dem eine für den Kampf der Arbeiterklasse unüberwindbare Hürde. Die durch die moderne Bourgeoisie durchgesetzte Verwirklichung der grundlegenden bürgerlichen Rechte – mit in der Gründung einer warenproduzierenden ökonomischen Gesellschaft besteht –, wird im Übrigen in den Auffassungen fast aller Anarchisten begeistert als Erbe angenommen; nur möge doch bitte nach dieser bürgerlichen Freiheit und auf ihren Grundlagen endlich die soziale Freiheit kommen, die Utopie also der Gleichheit durch die „Freihändler“ Arbeitgeber und Arbeitskraftbesitzer.

Das heißt zu ignorieren, wie gerade Marx das Bollwerk zum Einsturz brachte und dadurch, dass er sein Modell aufgestellt und seine Funktion der Produktion festgelegt hat, den Schwindel brandmarkte, wonach Kapitalist und Arbeiter freie und gleiche Warenbesitzer seien und für die individuelle, subjektive und Bentham’sche Nützlichkeit wirkten: „Denn sie beziehen sich nur als Warenbesitzer aufeinander und tauschen Äquivalent für Äquivalent“ [MEW 23, S. 190].

 

15. Partei und Theorie

All dies Herumstreunen, um ein Subjekt – sowohl das Individuum als auch die Klasse waren dafür ja ausgeschieden – nach Art eines Bewusstsein-Reservoirs zu finden, und das Ins-Spiel-bringen dieses merkwürdigen gesellschaftlichen Nährbodens, der sich des allen gemeinsamen und die Mitglieder der modernen Gesellschaft zusammenhaltenden Milieus der Warenproduktion verdankt, meint eigentlich nur ein Naserümpfen, um den einzigen folgerichtigen Träger zurückzuweisen, dem das „Bewusstsein“, oder genauer, dem die dem Kommunismus eigene Erkenntnistheorie: der Antikapitalismus, zuerkannt werden kann – nachdem auf verschiedenerlei Art und Weise toleriert, zugegeben und begrüßt worden war, dass das intellektuelle Genie als entscheidender Faktor Einzug in die Geschichte hält. Dieser einzige Träger des revolutionären Bewusstseins ist die „Klassenpartei“. Allein schon das Wort erregt Abscheu bei Anarchisten wie Syndikalisten alter Schule, ebenso bei Opportunisten und Zentristen aus jüngster Zeit und sogar bei den Anstiftern vieler umherirrender Grüppchen, die der stalinistischen Korrumpierung des Proletariats feindlich gegenüberstehen, sich als orthodox bezeichnen und sich mit Wörtern wie Avantgarde, revolutionäre Führung, Studienzirkel etc. spreizen.

Die marxistische Theorie in ihrer Ganzheit – als wissenschaftliche Ökonomie, als Einsicht in den gesellschaftlichen Verlauf, als Programm der revolutionären Aktion, als Bestimmung des Ziels der kommunistischen Gesellschaft – kann nicht aus einer gemeinschaftlichen Bewusstheit von Menschengruppen hervorgeholt werden, auch nicht der des Proletariats. Ihr Träger ist vielmehr eine begrenzte Gemeinschaft, obschon ihre genauen Grenzen in schwierigen Phasen nicht leicht auszumachen sind, nämlich die Partei, in der sich die revolutionären Militanten über Zeit und Raum, über Grenzen und Generationen hinaus sammeln und zusammenschließen. In einem bestimmten Sinn ist die Partei die Hüterin der antizipierten Kenntnisse einer Gesellschaft, die noch kommen und auf den politischen Sieg des Proletariats und seine Diktatur folgen wird. Nichts Mystisches ist darin, denn dieses Phänomen ist historisch für alle Produktionsweisen, auch die bürgerliche, feststellbar. Die theoretischen Vorläufer und ersten politischen Kämpfer der Bourgeoisie leisteten die Kritik der Formen, der Werte der Zeit dadurch, dass sie Thesen aufstellten, die später allgemeine Bedeutung bekamen, während im sie umgebenden Milieu die eigentlichen Bourgeois den alten und konformistischen Glauben auch weiterhin folgten, ohne in den theoretischen Systemen auch nur ihre eigenen materiellen und handfesten Interessen erkennen zu können.

 

16. Der defätistische Virus

Wird der Marxismus korrekt dargestellt, ist es ganz normal zu sagen, dass es der Arbeiterklasse, die zugleich mit der kapitalistischen Welt entstand und über dieselbe hinausweist, historisch möglich ist – anders als den alten revolutionären Klassen und auch der Bourgeoisie –, eine derartige „Antizipation“ zukünftiger gesellschaftlicher Formen klar und deutlich zu formulieren.

Und eben wegen dieser Gesamtheit des der Klassenpartei der kommunistischen Arbeiter angehörenden theoretischen Rüstzeugs dürfen der proletarischen Klasse keinerlei Fesseln der feindlichen, vor allem bürgerlichen Ideologien angelegt werden. Wir haben durchaus den Mut zu sagen, dass sich diese Maßregel theoretischer Inkompatibilität Abschnitt für Abschnitt und Zeile für Zeile gleichermaßen zeigen würde – nein, wir haben keine Angst, missverstanden zu werden –, wenn unsere unverwechselbaren Parteithesen einen Augenblick lang eher die Bedeutung einer revolutionären gemeinschaftlichen Illusion als die Gewissheit eines wissenschaftlichen Ergebnisses hätten. Die Früchte der detaillierten wissenschaftlichen Forschung können nicht ohne eine großmütige Vereinfachung in den verbindlichen Korpus klarer und entschiedener Richtlinien überführt werden, mit denen sich die Partei ausstatten muss. Allein in diesem Sinne (und in enger Beziehung zu dem, was wir in den vorherigen Kapiteln zur unreinen kapitalistischen Gesellschaft und der Lage des Proletariats ausführten) können wir Labriola, dem Intuition oder intuitive Geistesblitze nicht abgesprochen werden sollen, zugestehen, hinsichtlich Marx‘ oder seiner Anhänger von einem Prozent revolutionärem Illusionismus zu sprechen – schließlich wird auch dem heldenhaften Soldaten vor der Schlacht ein Gläschen Cognac nicht verwehrt.

Dies immer in der Bedeutung der absoluten Originalität und Selbständigkeit der Parteitheorie gegenüber der Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft und dem „gewöhnlichen Bewusstsein“. Wenn jedoch, wie vermittelst eines Gemeinsinns im Tausch und ähnlichen Verdrehungen, die Aktionsregeln und theoretischen Modelle den Glaubenssätzen und Direktiven der heute herrschenden Klassengesellschaft entnommen werden, praktiziert man den opportunistischen Defätismus von tausend bekannten historischen Episoden der letzten Jahrzehnte, dann geht man nicht den Weg des – Marx als einzige Quelle dieser Lehre zugeschriebenen – revolutionären Illusionismus, sondern macht sich des hundertprozentigen bürgerlichen Illusionismus in den Reihen der Arbeiter schuldig.

So kommt es, dass der Arbeiterklasse in den kritischsten und entscheidendsten Phasen ihre eigenen Prinzipien, ihr ursprüngliches Programm, das Ziel ihres geschichtlichen Kampfes verdunkelt werden; und so kommt es, dass sie, wie es auch heute der Fall ist, das alles vergisst und bereit ist, für bürgerliche Positionen zu kämpfen, als da sind: Vaterland, Demokratie, Verfassungstreue, Unantastbarkeit der staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen.

 

17. Marxismus und „Kategorien“

Wir werden jetzt einen der diversen Texte von der anderen Seite beiseitelegen, der uns bei unserem Plädoyer für den Gebrauch von Modellen der kapitalistischen Gesellschaft von Nutzen war, wobei wir sowohl hinsichtlich der theoretischen und wissenschaftlichen Arbeit als auch hinsichtlich der Schlachtordnung der Partei alle Karten in der Hand haben. Mit einer Illusion des Bewusstseins hat das Modell nichts zu tun: Wie wir ausgeführt haben, ist dieses Bewusstsein in der Abfolge der historischen Wechselfälle die passive Wirkung enormer Kräfte der äußeren physischen und sozialen Umgebung auf die schwankenden und leichtgläubigen Köpfe der Menschen, die jene Wechselfälle zwar rezitieren, aber nicht verstehen können. Das Modell hingegen ist die spontane und organische Art und Weise, durch die sich die Übertragung der Beziehungen zwischen den Tatsachen in diesem Arsenal wirklicher technologischer Instrumente und Methoden zeigt, die das Vermögen von Begriffen, von Feststellungen, Schriften, Algorithmen sind, deren sich die menschliche Gattung in einer langen Reihe von Kämpfen bemächtigt hat. Dies ist keinesfalls ein Resultat, das auf eine Person zurückgeht, auch nicht auf eine Klasse, und erst an jenem fernen Wendepunkt, an dem eine klassenlose Gesellschaft Wirklichkeit sein wird, werden wir dies ein der Gesellschaft erwachsenes Resultat nennen dürfen. Die Voraussetzung dafür ist unter anderem die Formel: kein Tausch mehr; keine Produktion mehr für den Austausch. Gesellschaftliche Produktion für gesellschaftliche Bedürfnisse.

Erst am Schluss dieser nicht gerade kurzen Ausführungen werden wir jenes Wort zum Teufel schicken, mit dem Marx und seine ätzenden materiellen Wahrheiten immer wieder in das Reich der Träume verbannt werden sollen, ganz gleich, ob der Traum kriminell oder großherzig genannt wird: das Wort Kategorie. Marx soll nämlich nicht die ökonomischen Größen sowie ihr objektives Maß und ihre objektive Berechnung angegeben, sondern die „Kategorien“ in die Ökonomie eingeführt haben, so wie die Philosophen stets daran arbeiteten, sie in die Logik, also die Wissenschaft des Denkens einzuführen.

Der Wert einer Ware, ihr Produktionspreis, wäre folglich keine wirklich bestimmbare Eigenschaft der Ware wie ihr Gewicht oder ihr Preis an irgendeinem Ort zu irgendeiner Zeit. Es wären Kategorien, das heißt allgemeine Begriffe des Denkens oder der Sprache all der Menschen, die mit Waren zu tun haben oder darüber disputieren; Marx hätte ihnen und allen anderen ähnlichen Begriffen auch keine andere oder größere Bedeutung beigelegt.

Im marxistischen System, das die Grundmauern für eine Lösung der Frage der Erkenntnis legt, die original ist und sich von allen anderen unterscheidet, haben irgendwelche Kategorien indes überhaupt keinen Platz.

In einer Anschauung wie z.B. jener Kants, dessen Anhänger (!) Marx gewesen sein soll, entwickelt sich alles dadurch, dass vor jedem Kontakt mit der äußeren Welt scheinbar bestehenden unabweisbaren Elementen des Denkens nachgejagt wird. Auch wenn viele alte Idole und viele Jahrhunderte philosophischen Illusionismus umgeworfen werden, bleibt es dennoch bei zumindest drei, aus der physischen und empirischen Erfahrung nicht deduzierbaren Hauptpfeilern, den Prämissen jeder Naturwissenschaft: den „Anschauungen a priori“ von Raum und Zeit; Hauptpfeiler in der Gesellschaftswissenschaft ist sodann der „kategorische Imperativ“, den jeder Mensch in sich vorfinde, ihn Gut und Böse unterscheiden lasse und ihm gebiete, dem Weg der Pflicht und Moral zu folgen.

Es ist hier nicht der Ort, um die marxistische Position zu den physikalischen Kenntnissen und tausendjährigen Debatten über das Verhältnis Objekt-Subjekt zu beleuchten. Dass die beiden Anschauungen von Raum und Zeit auf eine einzige reduziert werden können, hat bereits die bürgerliche Wissenschaft nachgewiesen. Und sicher ist, dass der Marxismus mit keinem der religiösen oder ideologischen Systeme kompatibel oder verwandt ist, die sich auf individuelle Verhaltensregeln als Fundament für den Fortschritt des Gesellschaftsgefüges gründen.

Der Marxismus wäre nichts, wenn diese kategorischen „Werte“ in der Frage der Ethik – und auch Ästhetik, dem Sinn für das Schöne und Hässliche – nicht darauf zurückgeführt werden könnten, Gesetze der äußeren materiellen Tatsachen aufzustellen, die je nach der Menge des jeweiligen Gegenstands der Untersuchung und der physischen Kräfte, um die es geht, die wirtschaftlichen Faktoren determinieren und erlauben zu zeigen, wie veränderlich die ethischen und ästhetischen Normen im Laufe der Jahrhunderte und in den verschiedenen Ländern sind.

Auch wenn einige es nicht gerne hören: Marx arbeitete nicht daran, neue Kategorien des Denkens zu begründen, sondern die noch verbleibenden anzugreifen und deren unüberwindlichen Absolutheitsanspruch zu zerstören. Und die Ökonomie war nicht etwa das Terrain, auf dem er seine philosophischen Eingebungen spazieren führte, sondern der Boden, auf dem er fest mit beiden Beinen stand, um die Vorrangstellung sittlicher, ästhetischer und auch rechtlicher und politischer Werte dadurch aus dem Weg zu räumen, dass er ihrem mageren Gehalt und ihrer unaufhörliche Wandlungsfähigkeit auf den Grund ging.

Wenn nicht schon durch ihn, werden in der Gesellschaft, deren Bildungsgesetze Marx umriss, alle übrigen Kategorien des klassischen Denkens in verschiedene physische temporäre Formationen zerlegt und aufgelöst – wie die amorphen Nebelmassen mit den großen Teleskopen.

 

18. Etwas Neues, bitte

Unsere Zuhörer dürften es, glauben wir jedenfalls, nicht leid geworden sein, dass wir alles andere als neue Texte sowie die altgewohnte Methode benutzt haben, die Dinge deutlich zu machen, indem wir uns die Thesen, besser gesagt Gegenthesen vorknöpften, die nicht auf unsere offenen Feinde, die erklärten Gegner des Marxismus zurückgehen, sondern von zwielichtigen Typen vorgebracht werden, die sich ihrerseits Sozialisten, Arbeiterfreunde und nötigenfalls Revolutionäre nennen. Klassische Beispiele sind die Lassalles, die Bakunins, die Dührings (dem gegenüber in dem Buch Labriolas, das wir jetzt zuklappen, nicht mit Lob gespart wird und der ernsthaft gegen die Polemiken Engels‘ ins Feld geführt wird), die Proudhons, die Rodbertus‘ usw.

Kommen wir nun aber zu einigen Quellen, die nicht nur brandneu und somit bezüglich aller Positionen und modernen Schulen „auf dem Laufenden“ sind, sondern darüber hinaus eindeutig den offenen und offiziellen Verteidigern des kapitalistischen Systems zugeordnet werden können. Es wird ganz interessant sein zu sehen, dass wir – wenn wir ein halbes Jahrhundert vorspulen und von den nebulösen sozial-völkischen Ideologien zu den ausgesprochen kapitalistischen übergehen – genau die gleichen Glocken läuten hören und, als hartnäckige und unflexible Marxisten, die gleichen Schläge abkriegen.

Wir nehmen dazu eine Artikelreihe zur Hand, die 1953 und 1954 im „Organizzazione Industriale“ der Wochenzeitung „Confederazione Generale dell'Industria Italiana“ erschien. Jüngeren Datums, untadelige Autorenschaft … nichts dagegen zu sagen. Der Autor, G. B. Corrado, ist Wirtschaftsprofessor; doch wo er lehrt, wissen wir nicht. Wir benutzen insbesondere die Artikelreihen: „Der Begriff des Wertes und sein Geldausdruck“, „Geld und Mathematik“ und „Geld und Zeit“.

Sogleich sehen wir uns mit einer entschiedenen Darstellung der modernen kapitalistischen Warenproduktion als einem System „ewiger“ und „natürlicher“ Gesetze konfrontiert, die die Menschheit nicht loswerden wird und auch nicht loswerden sollte, denn das würde bedeuten, die Produktion einzustellen, ergo dem Konsum, ergo dem Leben ein Ende zu machen und kollektives Harakiri zu begehen. Auch wenn sich Corrado hier, nicht ohne manchmal den Herrgott selbst zu bemühen, auf alle bis heute und in allen Sprachen herausgegebene Enzyklopädien wie auch auf die neuesten Ergebnisse der Atomphysik, der hypermodernen Begriffe der Mechanik und Geometrie des Universums und der Materie beruft, stellen wir wie gewohnt fest, das Karl Marx Corrado bestimmt gelesen hat, denn er antwortet Corrado und schaut sich die Tippelschritte aller Corrados von oben an.

 

19. Der Geldfetisch

Wenige Zitate werden genügen, um zu zeigen, dass der „Demiurg“ einer solchen Theorie die „Münze“ ist: Die Münze gab es von Anfang an, um sie dreht sich alles, zu ihr kehrt man immer wieder zurück, obwohl sie stets eine „unbekannte Größe“ genannt wird. Nicht im Sinne der Analyse in der Algebra, wo eine Quantität mit dem Symbol x „geschrieben wird“ – um eben ihren genauen Wert zu bestimmen. Hier hat die unbekannte Größe indes folgenden Sinn: ob es Inflation der Deflation gibt, hohe oder geringe Kaufkraft, harte oder weiche Währung – macht nichts: das Geld übt seine wundertätige Funktion gleichermaßen aus. Wehe, es würde verschwinden: schlagartig stünde alles still und die menschliche Gattung verschwände.

Ein bisschen seltsam, dieser Versuch einer mathematischen Ökonomie, in der das Geld nacheinander als unbekannte Größe, als Zahl und als Konstante definiert wird. Der Autor will uns sagen, dass das an ein gegebenes Zeichen oder eine Banknote gebundene Geldstück im Laufe der Zeit und von Markt zu Markt höchstveränderlichen Mengen des einen oder anderen Guts, der einen oder anderen Ware entsprechen kann. Als Tauschmittel und auch als „Eigentumsrecht“ an Gütern ist das Geld also unterschiedlich viel wert.

Das Wort „Konstante“ wird dann nicht im mathematischen, vielmehr im historischen Sinn gebraucht – Mathematik wie auch Geschichte kommen aus all dem jedenfalls ziemlich ramponiert heraus. Und so hört sich das an: „Die gängige Währung zeigt sich als eine Konstante des infolge ständiger Bewegung veränderlichen Werts.“

Für den Mathematiker sind nun die Mengen entweder – bei fixem Wert – konstant oder – bei eben veränderlichem Wert – variabel. Doch hier soll alles auf die Ewigkeit des Geldes hinauslaufen. Es soll ewig sein wie die Produktion und wie das Leben, ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass es Produktion ohne Geld gegeben hat (Urkommunismus, Tauschhandel) und Leben ohne Produktion (die ersten umherziehenden und früchteessenden Gemeinwesen).

„Die Produktion (Äquivalent des Geldes) gab es und wird es immer geben (…). Das Geld wird es also immer geben, da es ein unverzichtbares Instrument im Dienste der Produktion, daher der ewigen Bedürfnisse des Menschen, dem Geschöpf Gottes, ist.“ Wir sind in der Gesellschaft Gottes, der wieder Mode geworden ist, um holperigen Lehren seinen Segen zu geben. Sind denn die Tiere, die fressen ohne zu produzieren, nicht auch Geschöpfe Gottes? Und schuf Gott nicht Adam, damit er esse ohne zu arbeiten? Tatsächlich sind die Dinge nicht so gelaufen; nach dem, was uns die Mythen erzählen, war der Teufel in Gestalt der Schlange der Erfinder der Produktion (daher des Geldes, wie Corrado meint): Für die Heiden ist der Kommunismus durch Saturn, dem Symbol aller Weisheit, auf die Erde gekommen; und das Geld ersann der finstere Mammon, begierig nach blutigen Opfern. Noch mal Corrado:
„Der Charakter der Wirtschaftsgüter, die die Eigenschaften unendlich kleiner und unendlich großer Größen annehmen“ (lasst uns mit unserem bisschen Schulbildung Geschichte und Theologie über die Bühne bringen, danach kommen wir dann zur Mathematik, wo ein anderer Wind weht), „erfordert stets unabweisbar und unabdingbar das Geld, das das unverzichtbare Instrument für solche Tauschakte ist.“ Also in Ewigkeit Geld, gestern und auch morgen, deshalb ist „das Geld eine Konstante, denn es entspricht einem konstanten Bedürfnis der Menschheit“.

Dieser Fetischcharakter des Geldes, ähnlich dem der Ware, über den Marx im berühmten Paragraphen des ersten Kapitalbandes schreibt und dessen Geheimnis er ein für allemal als ein Verhältnis der Zwangsübertragung von Arbeit und Wert zwischen Menschen enthüllte, ist augenscheinlich, denn statt wirklicher historischer und empirischer Beweisführungen greift Corrado in einer Tour auf übernatürliche Faktoren zurück.

„Das Papier ist daher (…) für die Produktion, die immer mehr zum Synonym für den Tausch wird“, (!) „unerlässlich. Und es wird immer mehr zum Synonym für den Tausch, weil unser Schöpfer die Befriedigung der Bedürfnisse und Interessen des Nächsten als Bedingung für die Befriedigung der Interessen des Einzelnen gesetzt hat.“

Kein Geringerer als der Heilige Vater höchstselbst muss hinzugezogen werden, um zuzugeben, dass das Interesse des Einzelnen zu essen nicht mit dem Interesse zusammenfällt, einen anderen oder viele andere hungern zu lassen – ob in historisch vor oder nach dem Tausch und dem Geld bestehenden Systemen.

 

20. Berührende Ähnlichkeiten

Ist es denn so wichtig, dass dieser Autor die Ewigkeit des Waren produzierenden Mechanismus, der der Ökonomie ganz natürlich immanent sein soll, für das Leben der Gesellschaftstiere mit solcher Hingabe verteidigt? Zweifellos schreibt und spricht er in der geheiligten Wochenzeitung allein zwecks Wahrung der industriellen Interessen, was zeigt, dass der Kapitalismus unserer These seines sicher nicht mehr fernen Verschwindens und seiner Ersetzung durch eine andere Produktionsweise nur dadurch begegnen kann, unter Aufbietung aller Kräfte den unlösbaren Zusammenhang der Produktion mit dem Warenaustausch und dem Wertgesetz, also dem Äquivalententausch, zu proklamieren.

Uns auf den „Dialog mit Stalin“ beziehend können wir daher auch wissenschaftlich folgern, dass die russische Wirtschaft eine Waren produzierende, weil kapitalistische Ökonomie ist und dass der in der berühmten letzten Schrift Stalins geltend gemachte real existierende Sozialismus, der das Wertgesetz anerkennt und anwendet, als strenger Beweis des in der Tat nichtsozialistischen Charakters dient – und zwar nicht nur der wirklichen russischen Wirtschaft, sondern auch der Wirtschaftspolitik dieser Regierung.

Es sind dies die wirklichen Beweise „a posteriori“ für die indiskutable Gültigkeit auf der Ebene der Forschung und sie gelten auch dann, wenn sich die Darstellung – im Interesse der Verbreitung – als eine Konstruktion „a priori“ herausstellt. Während gerade diese Forschung jede Glaubwürdigkeit verliert und aufgrund ihres ureigensten Charakters in die Konstruktionen „a priori“ zurückfällt, wenn man, um eine durch die empirische Beobachtung widerlegte Sache wie etwa die Ewigkeit des Tausches nachzuweisen, auf Gottes unerforschlichen Ratschluss zurückgreift.

Nicht minder bemerkenswert ist, dass, um unsere marxistischen Deduktionen des Werts und seiner „vor dem Austausch“ bestehenden Gesetze zu kontern, die gleichen Einwände benutzt werden, die wir bei einem der vielen Deserteure des Sozialismus sahen, wie bei dem, den wir uns als Ersten vornahmen.

Noch einmal Corrado: „Es sind die Menschen, die den Dingen Wert geben (…). Deshalb ist es unsinnig, von Einheitlichkeit und Konstanz der Werte zu sprechen (…). Der philosophische Begriff, wonach der Wert einer Sache sowie sein Dasein selbst nicht der sei, der er an und für sich ist“ (d.h. der er in den Augen eines vollkommenen Wesens wie Gott ist), „sondern das, was wir glauben, das er sei, ist Ausdruck der geläufigsten und alltäglichsten Realität (…).“ Und weiter: „Auch hier beherrscht das Immaterielle das Materielle, der Geist verwandelt den Stoff und sogar die Reaktionen unserer Sinnesorgane (…). Gott hat den Menschen so geschaffen, dass die Anzahl der Dinge, die ihm gefallen, so hoch wie möglich ist (…). Auch physiologisch“ (!) „erklärt dies die Wirksamkeit, den Wert, den Nutzen der Propaganda…“

Dieses Gerede hören wir andauernd (noch ein Beispiel unseres plumpen Vorgehens „a posteriori“): Bist du ein so vollkommenes Wesen wie Gott? Nein? Also was soll‘s, du kannst nicht verlangen zu wissen, was die „Sache an sich“ ist und wie man ihren Wert berechnet. Lass‘ mich jetzt mal machen und meine Wissenschaft und meine Praxis über die Palette jener Mittel errichten, die diejenigen zu Trotteln machte, die mir zugehört haben. Die einzig mögliche Wissenschaft ist die meine! Die angeblich – Mannomann! – von Marx geschriebene Wissenschaft macht deutlich, wie die Menschen sich täuschen lassen.

 

21. Mathematik und Ökonomie

Wir sind also am gewohnten Punkt der Grundsteinlegung einer ökonomischen Wissenschaft, die quantitative Verfahren benutzt und somit mathematische Rechenarten anwendet. Es gibt zahlreiche Theorien im bürgerlichen Lager, aber sie alle tragen Sorge festzulegen, dass man zwar versuchen kann, die Funktion der Preise und die des Tausches aufzuschreiben, doch sich nicht herausnehmen soll, die Quantität des Werts durch mathematische Gesetze einführen oder schlussfolgern zu wollen.

Vor einem halben Jahrhundert lief die Anwendung der Mathematik auf die Wissenschaft der Physik wie am Schnürchen, und es ging nur darum, ähnliche Schnürchen für die Physiologie, die Psychologie und die Soziologie zu finden. Doch bevor man dahin kam, haben jene Leute Morgenluft gewittert, die gern vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen; unhöflicher als wir grobe Materialisten es sind, holten sie Gott, den immateriellen Geist und andere alte oder neue Drogen auf die Bühne: Die Frage der Verbindung der Mathematik mit der Physik hatte schon geraume Zeit Meinungsverschiedenheiten und nicht geringe Schwierigkeiten bereitet, doch das größte Problem war, dass das kulturjournalistische Geschwätz Gelegenheit bekam, uns sensationelle Kampagnen vorsetzen zu können, irgendwelche gerade angesagten, bizarren Storys und Skandälchen.

Um nun als einfache Leute (Bürger von Poveromo, in der Gegend Apuana) unseren Obolus beizutragen, beginnen wir damit festzustellen, dass sich die Sache verkompliziert, wenn man die Mathematik als eine rein gedankliche Konstruktion ansieht, als etwas Abstraktes und jeder Anwendung auf die Natur Vorhergehendes. Für uns ist sie eines der Werkzeuge der Menschheit, das wie alle anderen immer komplexer wird, jedoch nie definitiv fertig und vollkommen ist, ein Werkzeug, das durch Anwendung andere Formen annimmt und sich verändert, nämlich jedes Mal, wenn alte Fragen auf neue Art gelöst werden: eine Anwendung, die nicht die eines, meinetwegen auch brillanten Einzelnen ist, sondern die der Gattung.

Eher als spekulativen Klügeleien über große und kleine Zahlen, über das unendlich Große und unendlich Kleine nachzusinnen, folgen wir lieber, um als kleine Kerzenstummel (unter so vielen blendenden Leuchttürmen) ein wenig Licht in die Sache zu bringen, der Geschichte der Mathematik, wie sie in den sukzessiven Epochen durch die menschliche Gesellschaft angewandt wurde, eine Geschichte, die ihrerseits (Verein gegen Gotteslästerung, bleibt ganz ruhig) die aufeinanderfolgenden Produktionsweisen widerspiegelt.

Vielleicht erinnert ihr euch, dass die Topographie vor der Geometrie entstand und ihr das Gewerbe derjenigen zugrunde lag, die die Ackergrenzen neu festlegten, nachdem sich die den Boden fruchtbar machende Nilschwemme zurückgezogen hatte. Jawohl, wir sind da ganz unvoreingenommen: dem Privateigentum am Boden verdanken wir den Lehrsatz des Pythagoras und die Schriften Euklids, und wir sagen das nicht (das käme der stalinistischen KPI zu), um die Gymnasiasten für den Kommunismus einzunehmen.

Nun, wir werden diesen ganzen Weg nicht nachvollziehen. Wir kommen gleich ans Ende und zu Corrado im Jahre 1954. Das was er abzuhandeln scheint, könnte man „quantisierte Ökonomie“ nennen; also nicht bloß quantitative, sondern, analog der Planck’schen Physik, auf ökonomischen Quanten fußend.

Das Quant ist eine bestimmte, winzig kleine Energie- oder Lichtportion und wie das Teilchen (das Atom, sagt man heute, setzt sich aus kleinsten Teichen zusammen) ist es Materie. Alle Quanten sind einander gleich und „unteilbar“. Das Licht verändert sich also „ruckartig“, immer um dieselbe Menge. Nehmt nun an, das Lichtquant ist bestimmt worden, ist aber nicht das Photon, sondern unser kümmerlicher intellektueller Kerzenstummel. Ich möchte mehr Licht haben, kann aber keinen halben oder zweidrittel großen Stummel hinzufügen: entweder kein Licht oder ein zweiter, mit dem ersten identischen Stummel – zwei Kerzenstummel. Noch mehr Licht bekomme ich nicht mit einem weiteren Drittel, nicht mit einem weiteren halben Kerzenstummel, sondern mit drei, vier etc. Stummeln. Das strahlende Licht indes, das von einem nicht so wie wir verknöcherten Schreiber ausströmt, sondern von einem, der sich auf dem Laufenden hält, der die Weisungen des modernen Fortschritts aufgreift und sich durch die Akademien und Publikationen auf dem neuesten Stand hält, dieses Licht scheint natürlich wie 1.000 (oder 1 Million) unserer Kerzenstummeln; doch darf er uns nicht mit 999 und einem halben Stummeln blenden.

Wenn die Natur nach Quanten funktioniert, reduziert sich die Mathematik, das ist klar, auf die Theorie der ganzen Zahlen. Zwischen drei und vier z.B. ist dann nichts, nur Leere. Wir brauchen keine Dezimalzahlen, keine Bruchzahlen und unendlich viele irrationale Zahlen mehr, die sich dank gewisser Teufeleien zwischen zwei um ein Tausendstel oder weniger differierende Bruchzahlen schieben konnten.

Ihr Studenten braucht nicht zu jubeln, weil nur noch die Arithmetik zählt, keine Algebra, keine Rechenarten, keine Analysis. Doch bei der anderen Arithmetik wird euch angst und bange werden: das Denken und das Hirn werden sich noch mühsamer als zuvor bewegen.

 

22. Geheimnisse des Infiniten

In der Wirtschaftsmathematik – geschaffen, um den konkreten Wert als inkommensurable und unbegreifliche Sache darzustellen – besteht ein großer Teil aus unendlich vielen und infinitesimalen Geldgrößen: Milliarden über Milliarden Dollar und, wenn ihr meint, die Milliardsteln brasilianische reis. Wozu also diese Obskuritäten, wenn nicht, um dieses dunkle Geheimnis des Geldfetisches, seine Unerkennbarkeit als Wert, zu wahren? Kein geringes Tohuwabohu, das da entstanden ist.

Schauen wir mal. Wenn die Menschen die Mathematik brauchen, benutzen sie schon seit langer, langer Zeit zwei Instrumente, die das diskretum und das continuum genannt werden. Sich zu fragen, ob die Natur gemäß dem Diskreten oder dem Kontinuierlichen gemacht (geschaffen …) wurde, ergibt keinen Sinn, da es nur darum geht zu sehen, wie die menschliche Gattung in bestimmten Phasen ihres physischen Lebens gewisse Dinge besser zu nutzen verstand, indem sie für das durch die materiellen Verhältnisse des sie umgebenen Milieus gegebene Ganze die beiden Werkzeuge benutzte, nämlich die Berechnung des discretum und die des continuum.

Wir finden es daher nicht sehr beweiskräftig, wenn lang und breit über einen Mantelknopf gesprochen wird, der unseren Sinnen nach aus einem kontinuierlichen Material gemacht zu sein scheint, jedoch gemäß der modernen Physik aus unsichtbaren Molekülen besteht, die wiederum aus Atomen bestehen, die Atome aus Atomkernen und Elektronen, die Atomkerne aus Protonen, Neutronen usw. usf. Keine Angst, nicht mal die Leute der Confindustria tragen Knöpfe aus Uran, sondern die gewöhnlichen unbeweglichen Scheibchen ohne eine Spur Radioaktivität. Wollen wir also noch den Spottpreis des Knopfes in hauchfeine wirtschaftliche Moleküle zerlegen, wenn doch die Jungs auf der Straße gerade deshalb mit Knöpfen spielen, weil dies die einzige Sache ist, die sie überall finden können und sie nichts kostet?

Vorab: Wenn wir ein aus quantisierten oder diskreten oder nur aus ganzen Zahlen bestehendes Instrument gebrauchen, wird zwar das Gesetz der großen Zahlen wirksam (was uns im vorliegenden Fall nicht verlegen macht, denn wenn z.B. die Arbeitszeit nicht erlaubt, den Preis für einen Gegenstand zu bestimmen, kann er auf jeden Fall für Millionen solcher auf dem Markt befindlicher Gegenstände ermittelt werden …), doch wird dann nur noch über endliche, nicht unendliche noch infinitesimale Größen zu sprechen sein. Alles wird durch eine Zahl gemessen, die nicht kleiner als eins sein kann, die finit bzw. endlich ist, und sehr groß sein kann, aber immer mit einer Reihe Zahlzeichen mitteilbar ist.

Dieses „unendlich-machen“ ist in der Frage des Warenwerts nur ein Wust, ein Schreckbild, wie auch immer es mit dem Universum und dem Knopf stehen mag.

Der Gebrauch der diskreten Mathematik ist jedenfalls nicht nur uralt, sondern geht dem anderen Instrument vorher: Das Postulat der Kontinuität von Dedekind charakterisiert die gesellschaftliche Produktion in der bürgerlichen Epoche. Doch war es schon vorher, mit den großen griechischen Dialektikern aufgetaucht, was zu der Frage führt, ob ein Kapitalismus (jedenfalls als Merkantilsystem) in der klassischen Welt möglich war oder nicht.

Pythagoras entwarf die geometrische Linie noch nach dem discretum: Es ist ein Faden feinster, mit dem Auge nicht wahrnehmbarer Sandkörnchen. Zwischen zwei Punkten (Körnchen) der Linie muss es eine (beliebig große) endliche Zahl von Zwischenpunkten geben. Pythagoras wendet seinen Lehrsatz auf den berühmten rechten Winkel des Maurers an: drei, vier, fünf: drei Meter auf einer Seite, vier Meter Länge der am rechten Winkel anliegenden Seite, fünf Meter Länge der dem rechten Winkel gegenüberliegenden Seite. Die Probe: 9 plus 16 gleich 25 (ein des Rechnens unkundiger Mauerer macht nicht diese Probe, aber trotzdem das gleiche, wenn er die Grundmauern des Hauses legt). Hätte das Dreieck jedoch Längen von drei und drei Metern (machen wir’s nicht so kompliziert) …könnte die Hypotenuse nicht mehr durch eine ganze Zahl angegeben werden, sie hätte unendlich viele Dezimalstellen. Das Denkinstrument musste daher einen großen Sprung machen. Die Pythagoreer gehörten noch dem vorkritischen Stadium der führenden griechischen Klasse an; sie vertrauten sich der Theosophie an, der Seelenwanderung. Worin sie groß waren, war die Musik, in der die Mathematik eine große Rolle spielt, doch mit dem Instrument des discretum: Starre endliche Zahlen bringen die Saiten alle gemeinsam oder aufeinander abgestimmt zum Schwingen.

 

23. Der Pfeil und die Schildkröte

In einer theokratischen Gesellschaft mögen die Mystik und die Musik ausreichend sein, um ein Volk von Bauern zu regieren, aber nicht mehr in einer Gesellschaft von Handwerkern und in gewissem Sinn Industriellen, wenngleich nicht einer auf Lohn-, sondern Sklavenarbeit gegründeten Produktion: Hier muss gemessen und gewogen werden; Größen und Mengen jener Waren sind zu definieren, die für weit entfernte Märkte, zunächst noch auf den Mittelmeerraum beschränkt, verladen werden.

Zenon geht weiter als Pythagoras. Wenn der Pfeil auf seiner Flugbahn vom Bogen des Jägers in Richtung Ziel unzählige winzige Orte passiert, dann ist er an einem Ort in Ruhe und bewegt sich nicht und doch kommt er von einem Ende zum anderen. Und nun? Beweist das, dass es keine Bewegung gibt? Das war die banale Lesart. Der große Dialektiker Zenon von Elea zeigt indes: Da die Bewegung existiert (wenn du nämlich, wie üblich, Zweifel an der Erfahrung hegst, belehre ich dich eines Besseren, indem ich den Pfeil auf deinem Hintern landen lasse), muss gefolgert werden, dass die Orte auf der – endlichen – Flugbahn unendlich zahlreich sind und der Pfeil „verschwindend kleine“ Räume in „verschwindend kleinen“ Zeiten durchläuft. Das Verhältnis dieser klitzekleinen Räume zu diesen klitzekleinen Zeiten ist jedoch durch die Geschwindigkeit gegeben: ein konkreter und endlicher Begriff.

Das ist der Geburtsakt des Infinitesimalen. Damit kommt das Unendliche, das Infinite (im Kopf des Menschen) zur Welt. Ich kann die 30 Meter, die der Pfeil zurücklegt, in satte 30 Meter teilen, auch in 300 Dezimeter, in 3 000 Zentimeter, in 30 000 Millimeter, aber ich habe dann auch gelernt, sie in so kurze Teilstrecken zu teilen, dass ihre Länge wie null ist und ihre Zahl 3 000, 30 000 und 3 mit tausend Nullen überschreitet. Freut mich to meet you, sehr geehrter Herr Unendlich. Mein Name ist homo sapiens.

Wäre nun die Ökonomie quantisiert, wie Corrado zu glauben scheint, gäbe es keinen Grund, auch die Algebra, die Kommensurabilität der Wertteile und die Rechenarten (ein Instrument, das in der bürgerlichen Epoche – Leibniz, Newton – aus der griechischen Saat aufgegangen ist) auf sie anzuwenden.

Es gäbe also keinen Grund, so viel Lärm um infinitesimale Wertteile zu machen. Uns interessiert die Infinitesimalrechnung nur als Mittel, endliche Mengen in unseren Formeln über das konstante Kapital, den Lohn, den Profit, die Rente zu finden – so wie sie Zenon wegen etwas ganz Endlichem und Konkretem interessierte: die Geschwindigkeit des Pfeils. Er ist ferner für seinen Achilleus bekannt. In der Form des Sophismas (der Sophismus war keine Spitzfindigkeit, sondern eine kritische und revolutionäre Bewegung gegen den religiösen und autokratischen Traditionalismus der Oligarchen) sagte er: Die schnellen Beine Achilleus‘ können die Schildkröte nicht einholen. Die kleine Geschichte ist wunderhübsch. Achilleus startet gehandycapt – 1 000 Meter hinter der Schildkröte. Er läuft die 1 000 Meter, aber wenn er ankommt, ist sie immerhin schon 100 Meter weiter gekommen. Er rennt die 100 Meter, jetzt ist sie 10 Meter vor ihm. Er sprintet die 10 Meter und seine Partnerin ist ihm einen Meter voraus. Er rast den Meter und sie ist 10 Zentimeter weiter gekommen. Die Argumentation lässt sich unendlich fortführen, doch die Schildkröte ist ihm immer ein klein wenig voraus: Sie hat den Wettlauf gewonnen

Die Lösung ist, dass die Summe der von Achilleus durchlaufenen Anzahl von Teilstrecken eine exakte und endliche Länge ergibt (falls es euch interessiert: Sie ist 10 000 dividiert durch 9, also 1111, 111 … Meter), wonach die Schildkröte eingeholt ist. Eine solch endliche Länge ist die Summe „unendlich vieler kleiner Längen“.

Die Argumentation der Confindustria-Leute zur Ewigkeit des Austausches entspricht Zenons Sophisma (nach bürgerlicher Lesart). Da Geld und Austausch ewig sind, wird der proletarische Achilleus die kapitalistische Schildkröte niemals einholen. Die mathematische Ökonomie hat die Frage nicht integriert, wir mit Marx schon; wir werden sie bald aufs Korn nehmen.

 

24. Kraftaufwand und Resultat

Es war ganz nützlich aufzuzeigen, dass die Behauptung, in Sachen Ökonomie entziehe sich die Bestimmung des Warenwerts und selbst des Geldes der menschlichen und wissenschaftlichen Erkenntnis, in einem am kapitalistischen Profit interessierten Organ am richtigen Platz war – wobei von Theologie, Geschichte und Mathematik ebenso exzessiv wie wirr Gebrauch gemacht wurde. Es liegt ohne Frage im unmittelbaren Interesse der bürgerlichen Klasse zu versichern, dass Fragen des quantitativen Verhältnisses zwischen dem Kraftaufwand und den erhaltenen Resultaten nicht gestellt und gelöst werden könnten, wie es die moderne bürgerliche Gesellschaft seit ihren Anfängen auf dem Gebiet der angewandten Wissenschaft zu tun verstand. Die ungestüme Entwicklung der modernen Gesellschaft setzt mit der Dampfmaschine ein und ein historisch entscheidender Schritt wurde getan, als die Leistung der Wärmekraftmaschine und ihre Maßeinheit in Pferdestärken berechnet werden konnten. (Siehe hierzu Engels‘ „Lage der arbeitenden Klasse in England“, obschon es in der theoretischen Terminologie zwischen Kraft und Energie Verwechslungen gibt, wie auch heute noch in der Sprache der Techniker).

Die Pferdestärke ist praktisch der Ausdruck des Sprungs, den die Menschheit zu einer neuen Gesellschaft tat, als sie, die neben der menschlichen Muskelkraft nur die der Tiere gebrauchte (abgesehen von natürlichen Energiequellen wie dem Wasser der Flüsse und dem Wind), diese beiden Produktionsmittel um die Wärmekraft, die Umwandlung von thermischer in mechanische Energie ergänzte.

Die Frage der Arbeitsleistung war für die neue gesellschaftliche Organisation von Beginn an von großer Bedeutung: Aus einem Kilogramm Kohle die größtmögliche mechanische Triebkraft zu gewinnen. Am großen Wendepunkt, an dem die moderne Thermodynamik (ein fertiges und vollkommenes theoretisches Instrument) auftauchte, stellte man durch quantitative Untersuchungen nicht nur fest, dass es beim mechanischen Wärmeäquivalent – ein Aspekt des Energieerhaltungsgesetzes – eine unüberschreitbare Grenze gab, sondern dass der Wirkungsgrad „eins“, das heißt das Maximum nie erreicht werden kann, weil zwar eine Menge (mechanischer) Energie oder Arbeit vollständig in Wärme umgewandelt werden kann, nicht aber umgekehrt. Theorie und Experiment haben, mit Clausius, den Technikern bewiesen, dass mit gleich welchem Fluid und gleich welchem Kreisprozess nur ein Teil der thermischen Energie zu mechanischer Energie werden kann. Der Rest erwärmt ein kleines Stückchen des umliegenden Universums (daher, wenn sie’s verallgemeinern, die Annahme, das Universum erleide irgendwann den „Wärmetod“, bei gleichmäßig im Kosmos verteilter Temperatur). Bei einer derartigen Folgerung ist Vorsicht geboten, doch die quantitative Frage zwischen verbrannter Kohle, oder strenggenommen, zwischen dem im Kessel erzeugten Dampf und der vom Kolben oder der Turbine geleisteten Arbeit steht außer Frage.
25. Wissenschaft und Technik
All die Skepsis gegenüber höchst modernen physikalisch-mathematischen Auffassungen folgen dem Interesse, die quantitative Analyse in der Ökonomie als nicht bestimmbar, die „Leistungsdiagramme“ als nicht machbar zu behaupten, wie sie der Uhrmacher James Watt erstmals mit seinem Indikator (siehe wieder Engels) der großen gesellschaftlichen Maschine, die Arbeit verbraucht und Verbrauchsgegenstände produziert, fertigbrachte. Solche Dinge wie auch die Mogelpackung des unendlich Großen und unendlich Kleinen ist bloßer blague einer Klasse, die die Augen zumacht, um nicht zu sehen, vor allem aber, damit sich die Augen anderer nicht öffnen.

Wir haben an die Konzeptionen des discretum und des continuum erinnert, das heißt, der grosso modo als Sand, oder als Glas, betrachteten Materie, um deutlich zu machen, dass es nicht sinnvoll ist, sich zu fragen, ob die abstrakten Größen oder der reine Raum diskret oder kontinuierlich sein müssen. Zu solchen Klügeleien hat man nur historisch Zugang. Die beiden Annahmen wurden nacheinander geprüft, mit nützlichen Erkenntnissen: Es handelt sich nicht um eine Eigenschaft des Denkens, sondern um transitorische und vorübergehende Übereinkünfte unter den Menschen.

Wie wir mit den famosen „Sophismen“ Zenons gesehen haben, wurde zum Beispiel in der großartigen hellenischen Kultur der Begriff des continuum (und damit der Infinitesimalrechnung) auf die Theorie der physisch wahrnehmbaren Auswirkungen (Geschwindigkeit der beweglichen Dinge) angewandt. Mit Demokrit und Epikur, aus derselben Schule, die zwar „rationalistisch“, aber mit Sicherheit auch „materialistisch“ war, wurde die Geteiltheit der Materie in sich in ständiger Bewegung befindenden Atome festgestellt: Auch das Wasser, auch das Glas sind wie der Sand. Und sie hatten kein Mikroskop. Mathematisches continuum und physikalisches discretum waren daher gute Freunde. In der großen Renaissance der bürgerlichen Wissenschaften wurden mit Hilfe des continuum auf großartige Art und Weise die irdischen und himmlischen mechanischen Kräfte und Bewegungen erklärt und mit Hilfe des discretum die Chemie begründet, die Wissenschaft von der Qualität der in der Natur existierenden Körper und ihre Verbindungen.

So gibt die Infinitesimalrechnung der Verbindung zwischen Temperatur und Druck des Dampfs und der mit seiner Ausdehnung erzielten Arbeit bzw. Leistung völlig recht; seither verlassen sich Ingenieure und Techniker ganz und gar auf sie. Nehmen wir an, man kann zur Entschlüsselung weiterer optischer, elektromagnetischer Fragen oder der der Teilchenphysik positiv schreiben, dass Temperatur und Energie sich nicht durch kontinuierliche und infinitesimale Mengen verändern, sondern durch winzige endliche Sprünge, oder Quanten, das bedeutet dann aber nicht, dass die technologischen Beziehungen auf ihrem Gebiet an Sicherheit und Anwendungspräzision verlieren, und Clausius wird zum Narren degradiert.

Die Theorie der großen Zahlen oder die der verschwindend kleinen Mengen taugen daher durchaus nicht dazu uns weiszumachen, die gesellschaftliche Masse der Produktion und des Konsums nicht quantitativen Untersuchungen und solchen der Arbeitsleistung unterwerfen zu können.

 

26. Die Arbeit Gottes

Um die permanente Reproduktion einer Masse von Gütern, von Reichtümern, von Werten, Gebrauchsartikeln und Dienstleistungen – die einige soziale Klassen zu eigenen Gunsten der gesellschaftlichen Masse entziehen, ohne durch ihre Arbeit dazu beigetragen zu haben – retten zu können, erschöpfen sich die Irrungen und Wirrungen jener heutigen Ökonomen darin, der Arbeit noch andere Quellen des Werts hinzuzufügen. Sie bleiben bei Positionen stehen, die Marx durch die mächtige Kritik, auf die wir hier wie auch andere Male zurückgegriffen haben, bereits erledigt hat. Auf Ricardo zurückfallend machen sie abermals geltend, dass das Kapital nicht nur akkumulierte, sondern auch „vorgefundene“ Arbeit sei; somit ist dann auch der Boden Kapital, ist auch das Geld Kapital: Nicht nur im Sinne des „Zivil“rechts, um an Kapitalien zu kommen, sondern als Quelle, die von Hause aus Ertrag abwirft, ähnlich dem Boden. Diese Auffassungen haben heute, 1954, jedoch weniger mit einem wissenschaftlichem Verständnis zu tun als die merkantilistischen und physiokratischen Auffassungen vor zweihundert Jahren. Zitieren wir noch einmal aus unserem Wochenblatt der Fabrikanten:

„… ein mathematisches Gesetz auf den Wert der Dinge anzuwenden, ist so rational wie das Ansinnen jenes allen bekannten Dummkopfes, der den Zug nach Genua nehmen wollte, jedoch auf dem Dach der Bahnhofshalle in Mailand sitzen blieb. Wäre es möglich, den Wert der Güter zu ermitteln, würde das nicht nur den Stillstand der Evolution des Menschengeschlechts implizieren, sondern seine Erstarrung (!) und somit rein biologisch sein Aussterben nach sich ziehen.“
Wie lange wissen wir schon, dass in der Ideologie der herrschenden Bourgeoisie das Ende ihres Privilegs, das im Grunde genommen schon in der Aufdeckung des Verhältnisses enthalten ist, in dem eine Klasse eine andere ausbeutet, nur das Ende der Welt bedeuten kann?

Sehen wir uns also näher an, wie der Experte in Sachen „Rationalität“ argumentiert. Nicht ohne ihm zuvor erlaubt zu haben, uns mit der kleinen Anekdote über einen gewissen Rothschild zu erfreuen, der unseren Großvätern bestens bekannt war, heute aber für den amerikanischen (versteht sich) Milliardär schlechthin steht; die Anekdote soll uns nämlich das Gesetz der großen Zahl erklären: Ein Chauffeur grummelt vor sich hin, weil er nur ein paar Cents Trinkgeld bekam – wo Sie doch fünf Millionen Dollar haben! Und der dann: Ich habe zehn, nicht fünf; aber weißt du, wie viel Menschen auf der Erde leben? Nein? Ich sag‘s dir: zwei Milliarden. Dein Anteil wäre also ein halber Cent, ich hab‘ dir aber fünfundzwanzig gegeben!

Wollt ihr die Antwort wissen? Sie steht sogar in den „Lotte Civili“ des alten De Amicis, einer Art Sahnetortenmarxist.

Doch wenden wir uns dem Gipfel der Wissenschaft im Jahr 1954 zu, dem höchsten Theorem der Unbegreiflichkeit, das uns darauf verzichten lassen soll, den ökonomischen Wert „zu fassen zu kriegen“ – so wie Ferravilla in seinem „Duell des Herrn Panera“ Wie soll ich dich denn aufspießen, wenn du dich bewegst?

Hier nun das Theorem:
„Wie sich die physische Welt ständig bewegt, so auch die ökonomische. Die durch die Arbeit Gottes und durch die Arbeit des Menschen (Kapital) produzierten Güter machen in der Tat – von dem Moment an, in dem sie auf die Welt kommen (Produktion), bis zu dem, in dem sie offensichtlich sterben (Konsumtion) –, einen unaufhörlichen Transformationsprozess durch. Weder können sie produziert noch konsumiert werden, wenn sie nicht beständig von einem Ort zum anderen bewegt werden.“

Hier wird einzig der Gott des Merkantilismus gepriesen, für den das Wesen der Produktion und der Konsumtion der Tauschtransfer ist. Gott arbeitet also nicht, wenn der ursprüngliche Stamm oder der moderne Bürger sein Korn isst.

Wenn sie sogar von der Theologie nicht rationell Gebrauch machen können, wie sollten sie es dann auf dem Gebiet der Mathematik und Geschichte tun? In der Theologie treffen wir niemals auf die Arbeit Gottes, sondern auf seine Gnade. Gott arbeitet nicht, weder produziert noch konsumiert er, jedenfalls, solange sich nicht herausstellt, dass auch er ein Arbeitnehmer geworden und abhängig von der Confindustria ist.

Alles lässt sich verwenden, und man wühlt auf den verschiedensten Gebieten, um sich aus der Bredouille zu ziehen, nämlich anzuerkennen, dass in der kapitalistischen, Waren produzierenden Welt jeder zirkulierende Wert der Arbeit von Menschen für andere Menschen entspringt. Und das wird weder durch eine Gottheit noch durch die Natur noch durch die kapitalistische Zauberformel des Zinseszinses (dank der Rothschild seine Milliarden von seinem Vorfahr erbte, dem im Jahre Null die 25 Cents, wie in der Anekdote, verehrt wurden) in sein Gegenteil verkehrt.
27. Partei und Akademie
Auf der Versammlung von Genua befassten wir uns mit der Kritik der westlichen, namentlich amerikanischen Ökonomie; wir zeigten deren unerbittliche Widersprüche zwischen erhöhter Arbeitsproduktivität und der Weigerung, die Arbeitszeit zu verkürzen, um stattdessen dem exzessiven Binnenkonsum und der Auslandsnachfrage der ins Ungeheuerliche wachsenden Warenmasse zu frönen. Nach der Versammlung schrieb ein junger Genosse an den Referenten dieser Versammlung und bat um die Widerlegung jener Theorien, denen er in den Vorlesungen der Genuaer Universität (Genua ist das Vaterland der Confindustria wie auch der Hochschulbildung in ökonomischen und kaufmännischen Fachrichtungen) aufmerksam zugehört hatte. Er sei, schrieb er, von den marxistischen Positionen fest überzeugt, erbat aber die Widerlegung der Formeln verschiedener Schulen, verschiedener Autoren, die darauf abzielten, den Marktwert der Waren auszudrücken. Er nannte Kinley, Del Vecchio, Wieser und kam dann zu der Fisher-Gleichung, die tatsächlich „Tausch- bzw. Verkehrsgleichung“ genannt wird und den Preis einer Ware nur von Angebot und Nachfrage abhängig macht: Vorhandene Warenmenge auf dem Markt auf der einen Seite, vorhandene Zahlungsmittel auf dem Markt auf der anderen plus deren Umlaufgeschwindigkeit.

Dies ist zwar eine quantitative Theorie, insofern sie durch eine mathematische Gleichung ausgedrückt wird, sie steht jedoch im Gegensatz zu unserer Untersuchung, weil sie den Wert der Ware nicht nach den aus der Produktion resultierenden Faktoren auszudrücken sucht, sondern ihn lediglich durch die Marktbedingungen steigen oder fallen lässt. Wir haben hier eine der –zig Versionen der offiziellen Wirtschaftswissenschaft vor uns, die aufkam, seit sie vor der „klassischen“ bzw. der Ricardo’schen Arbeitswertlehre zurückschreckte und sich in der Gosse der Rechnungsführung verlor.

Wir beschränkten uns damals darauf, dem jungen Genossen als Antwort ein Zitat von Marx zu schicken, das diesen besoldeten Forschern die nötigen Peitschenhiebe verabreicht und auch denen, die heute die Lehrstühle besetzen und, als Marx schrieb, noch geboren werden sollten. Wir wollten damit den Unterschied in der Fragestellung deutlich machen, ebenso wie die Unmöglichkeit der naiven Forderung, jene neuesten Resultate der akademischen Wissenschaft mit unseren vor rund hundert Jahren fest eingemeißelten Ergebnissen zu „versöhnen“.

Das folgende Zitat von Marx ist aus den „Theorien über den Mehrwert“, in MEW 26.3, S. 490 ff.

 

28. Ökonomie und vulgarismus

So antwortet Marx:
„Die klassische Ökonomie sucht die verschiednen fixen und einander fremden Formen des Reichtums durch Analyse auf ihre innre Einheit zurückzuführen und ihnen die Gestalt, worin sie gleichgültig nebeneinander stehn, abzuschälen;“
Marx erinnert jetzt daran, dass Rente und Zins als Teil des Profits nachgewiesen werden, damit des Mehrwerts.
„ (…) Ganz anders verhält es sich mit der Vulgärökonomie, die sich zugleich erst breitmacht, sobald die Ökonomie selbst durch ihre Analyse ihre eignen Voraussetzungen aufgelöst hat, also auch schon der Gegensatz gegen die Ökonomie in mehr oder minder ökonomischer, utopischer, kritischer und revolutionärer Form existiert. Da ja die Entwicklung der politischen Ökonomie und des aus ihr selbst erzeugten Gegensatzes Schritt hält mit der realen Entwicklung der in der kapitalistischen Produktion enthaltnen gesellschaftlichen Gegensätze und Klassenkämpfe. Erst sobald die politische Ökonomie eine gewisse Breite der Entwicklung erlangt hat – also nach A. Smith – und sich feste Formen gegeben, scheidet sich das Element in ihr, das bloße Reproduktion der Erscheinung als Vorstellung von derselben, ihr Vulgärelement von ihr ab als besondre Darstellung der Ökonomie (…).
Es kommt hinzu, daß die Vulgärökonomie auf ihren frühren Stufen den Stoff noch nicht ganz bearbeitet findet, also noch selbst mehr oder minder an der Lösung der ökonomischen Probleme vom Standpunkt der Ökonomie mitarbeitet, wie Say z.B., während ein Bastiat nur zu plagiieren und die unangenehme Seite der klassischen Ökonomie wegzuräsonieren hat.
Aber Bastiat stellt noch nicht die letzte Stufe dar. Es zeichnet sich noch aus durch Mangel an Gelehrsamkeit und eine ganz oberflächliche Bekanntschaft mit der Wissenschaft, die er schönfärbt im Interesse der herrschenden Klasse. Bei ihm ist die Apologetik noch leidenschaftlich und seine eigentliche Arbeit, da er den Inhalt der Ökonomie bei andren nimmt, wie er ihm grade in den Kram paßt. Die letzte Form ist die Professoralform, die ‚historisch‘ zu Werke geht und mit weiser Mäßigung überall das „Beste“ zusammensucht, wobei es auf Widersprüche nicht ankommt, sondern auf Vollständigkeit. Es ist die Entgeistung aller Systeme, denen überall die Pointe abgebrochen wird, und die sich friedlich im Kollektaneenheft zusammenfinden. Die Hitze der Apologetik wird hier gemäßigt durch die Gelehrsamkeit, die wohlwollend auf die Übertreibungen der ökonomischen Denker herabsieht und sie nur als Kuriosa in ihrem mittelmäßigen Brei herumschwimmen läßt. Da derartige Arbeiten zugleich erst auftreten, sobald der Kreis der politischen Ökonomie als Wissenschaft sein Ende erreicht hat, ist es zugleich die Grabstätte dieser Wissenschaft. (Daß sie ebenso erhaben über den Phantasien der Sozialisten stehn, braucht nicht bemerkt zu werden.) Selbst der wirkliche Gedanke eines Smith, Ric[ardo] etc. – nicht nur ihr eignes Vulgärelement – erscheint hier gedankenlos und wird in vulgarismus verwandelt. Ein Meister dieser Art ist Herr Professor Roscher, der sich bescheidnerweise als Thukydides der politischen Ökonomie angekündigt hat. Seine Identität mit Thuk[ydides] mag vielleicht auf der Vorstellung beruhn, die er von Th[ukydides] hat, daß dieser nämlich beständig Ursache und Wirkung verwechselt habe.“

 

29. Die Preislehren

An dieser Stelle bei der Darlegung in der Versammlung in Asti bat ein anderer junger Genosse aus Messina den Referenten, ihm die diesbezügliche Korrespondenz zu überlassen, damit er eine Antwort aus den, auch von ihm selbst angestellten Untersuchungen über die universitären Abhandlungen bürgerlicher Ökonomen verfassen könne. Er hat einen Vermerk, wiederum mit Marxzitaten, vorbereitet, worin besonderes Gewicht auf die Widerlegung der verschiedenen Theorien sowie auf die Fragen über den inneren und konventionellen Wert des Geldes gelegt wird. In diesem Vermerk wird die Dreier-Satzgruppe der Theorien untersucht, an die zu erinnern den Lesern nützlich sein wird, vorbehaltlich weiterer Arbeiten eigens zum Geld.

„Objektivistische“ Theorie des Werts, der auf die Produktionskosten der klassischen oder wissenschaftlichen Schule zurückgeht. Es handelt sich um die Theorie Ricardos, die Marx‘ Ausgangspunkt bildete. Als Produktionskosten sind aber nur die Ausgaben für das konstante und das Lohnkapital gefasst. Marx fügt den Durchschnittsprofit hinzu und kommt zum Produktionspreis, den wir vorschlagen Produktionswert zu nennen, da derselbe bei Marx dem Tauschwert der Klassiker gleich ist.
„Subjektivistische“ Theorie der psychologischen oder österreichischen Schule. Als die Bourgeoisie „bemerkt“, dass ihre Forderungen Klassenforderungen und nicht solche der gesamten Gesellschaft sind, verwirft sie den Objektivismus auf allen Gebieten und kehrt zum Subjektivismus zurück. Es ist hier von der Theorie des Grenznutzens die Rede, die sich auf das Bedürfnis des einzelnen bezieht, das heißt, seine vorhergehende Befriedigung in Rechnung stellt: Ein Glas Wasser ist mitten in der Sahara Millionen wert; für einen, dem nach dem Festessen übel ist, ist die köstlichste Süßspeise indes nichts wert.
Theorie des Gleichgewichts in der Ökonomie, der sogenannten mathematischen Schule. Diese gebraucht, wie wir schon sagten, die Mathematik nicht, um Kausalgesetze in der Genese des Produktionswerts zu finden, sondern lediglich, um den Marktpreis aus quantitativen Marktdaten abzuleiten. Sie will nicht nur erklären, warum der Preis der einzelnen Ware, sondern auch der des allgemeinen Äquivalents, des Geldes schwankt. Inflation und Deflation hängen hier von der Knappheit oder dem Überfluss des Geldes ab, unter Berücksichtigung seiner Umlaufgeschwindigkeit bzw. der Fähigkeit, in einer bestimmten Zeit eine Reihe von Transaktionen zu bewerkstelligen.

Nun ist in den Überlegungen von Marx – enthalten im Ersten Band des Kapital sowie in der Kritik der politischen Ökonomie – und ohne dass er diese Kerlchen gelesen hätte, die Beweisführung bereits definitiv: Solche Faktoren subjektiver Bedürftigkeit oder Sattheit, wie auch die des Mangels oder der Fülle der Wert-, insbesondere Geldzeichen, können bloß zufällige Schwankungen in Art und Umfang hervorrufen, die sich im Durchschnitt zum aus dem gesellschaftlichen Produktionsprozess gewonnenen Wert ausgleichen – und zwar umso mehr, je mehr sich der Waren produzierende Kapitalismus, der Typus der gesellschaftlichen Produktion ausdehnt.

Die Art und Weise also, durch die der Warenwert in konventionelles Papiergeld oder in Zwangskurse überführt wird – mögen die ihn repräsentierenden Beträge auch enorm variieren – berührt nicht die Bedeutung des Gesetzes des Produktionswertes.

Diese ganze Untersuchung der verschiedenen merkantilistischen Ökonomen endet somit in einer Sackgasse, deren Ende wir schon lange kennen. Sie geht uns nichts mehr an.
Wir werden den Bourgeois, ob sie wollen oder nicht, auf dem Königsweg der Produktionsfunktion begegnen. Dann werden wir mit ihnen über die „Grenze“ der Funktion diskutieren. Für sie ist diese kontinuierlich und kennt keine scharfen Wenden; für uns stellt sie einen „singulären Punkt“ dar, an dem sich die Richtung der sanft verlaufenden Kurve bricht. Alle Richtungen sind zu gleicher Zeit möglich, wie die vom Zentrum ausgehenden Strahlen der Explosion. Der sozialen Revolution.

 

30. Die „welfare“-Ökonomie

Das Wort „welfare“ meint Wohlstand, Prosperität, hoher Lebensstandard und ist in Amerika Mode, um das sich all die Verteidiger des heutigen Gangs der Dinge scharen: Hochstimmung, immer höhere Ausgaben, immer forciertere Produktion und das Postulat, dass der Wohlstand im Durchschnitt beständig steigt.

Eine Richtung, die viele interessante Dinge vorbringt; wir nehmen eine erst kürzlich erschienene Schrift J. J. Spenglers von der Universität in Durham zur Hand, die den Titel trägt: „Welfare economics and the problem of overpopulation“.

Die Lehre, um die es hier geht, steht der marxistischen frontal gegenüber, dennoch interessiert uns die Ausführung in höchstem Maße, weil sich hier zeigt, dass der theoretische Gegner mittlerweile mit offenem Visier kämpfen muss und sich kaum noch in den Wust des Subjektivismus oder den hin- und herschwankenden und gewollt nebelhaften Merkantilismus flüchten kann.

Mathematisch und historisch gefasst wird die Verteidigung des Kapitalismus mit dieser höchst modernen Lehre in einen Bereich überführt, in dem die Positionen deutlicher werden. Wenn die Ökonomen des Kapitalismus zunächst auf den berühmten Index des „Pro-Kopf-Einkommens“ in Beziehung auf das „Nationaleinkommen“ größeres Gewicht legen (eine Beziehung, die beide Begriffe gerade durch die haarige Frage des demographischen Wachstums verbindet), begeben sie sich in die Sphäre der Produktion und erkennen an, dass merkantilistische Kunstgriffe nicht weiterhelfen, um dem Gegensatz zwischen der Produktivkraft und der Anzahl der Konsumenten in der Gesellschaft zu entrinnen. Wir werden sehen, wie die Preise für diese Theoretiker nicht mehr „natürliche“, der Kontrolle unterworfene und dem gesellschaftlichen Willen auferlegte Dinge sind. Vielmehr sagen sie, dass, wenn sich die kapitalistische Wirtschaft behaupten will, sie dahin kommen muss, die „Preisstruktur“ nach bestimmten Planvorgaben zu organisieren. Es geht, das sagen wir vorab, um das Preisniveau in verschiedenen Konsumsektoren, wobei das Resultat bereits feststeht: hohe Preise für Lebensmittel, niedrige für Produkte der verarbeitenden Industrie. Das wussten wir schon.

Sie fragen nicht mehr nach der Verkehrsgleichung Fishers, sondern setzen auf ihre Art eine Produktionsfunktion ein. Spengler nimmt die von Douglas-Cobb, deren Sinn wir erklären und gleichzeitig der Produktionsfunktion von Marx entgegenstellen werden, ohne uns allzu sehr mit dem mathematischen Apparat herumzuschlagen. In der Produktionsfunktion des „welfare“ sind die Klassen natürlich nicht benannt, wie in den von uns gebrauchten Größen; die Gründe dafür sind wohlbekannt.

Historisch ist ferner interessant, dass dieser Autor, ohne gegen Marx zu polemisieren (den er weder kennt noch zitiert), hinter ihn zurückgeht und diese neueste Schule des Wohlstandes ausdrücklich mit niemand Geringerem als Malthus und dessen um 1830 erschienenen bekannten Werken zur „Politischen Ökonomie“ und zum „Principio di populazione“ [Das Bevölkerungsgesetz] in Verbindung bringt.
Laut Spengler hat Malthus nämlich die Lösung geahnt, die ermöglicht, die Lebensmittelproduktion an die Bevölkerungszahl anzupassen – oder auch, den erstgenannten Index gegenüber dem zweiten zu heben. Spengler hat zwei Modelle skizziert: Das erste entspricht der Phase, in der es die Gesellschaft schafft, die Produktion nach der Zahl ihrer Mitglieder zu steigern; das zweite, in der es ihr gar gelingt, die Relation zu verbessern. In beiden Fällen überwindet er so die berühmte Malthus’sche Formel (die er eher für literarisch denn wissenschaftlich hält), wonach die Bevölkerung in geometrischer, die Nahrungsmittel in arithmetischer Progression steigen.

 

31. Der gute Malthus

So wird also auch diese zwielichtige Person zu jemandem erhoben, der sich um das Wohl der Menschheit verdient gemacht hat! Seine wirkliche Theorie war nicht, die Geburten durch die moral restraint zu verringern, das heißt durch Einsicht und Askese auferlegte Keuschheit, und auch nicht, die Bevölkerungszahl um jeden Preis zu senken. Für ihn kann sie konstant bleiben oder langsam wachsen, ohne dass ein Mangel an Produkten eintritt. Sein Vorschlag war klar und deutlich: Den Zugang zu den zum Leben notwendigen Produkten erschweren und die arbeitende Klasse im Elend halten; den Zugang zu Luxusartikeln erleichtern und billig verkaufen.

Doch sollten wir das besser den ungehemmten Bewunderer von Malthus sagen lassen, der ein Jahrhundert nach ihm das Licht der Welt erblickte. Die Parallele ist von großem Nutzen für uns, insofern sie unsere These bestätigt, wonach sich die Klassentheorien an bestimmten Wendepunkten voneinander abgrenzen und einander gegenüberstehen und dass die Wissenschaft in großen Schritten, die Jahrhunderte auseinander liegen können, hervorbricht und nicht tropfenweise durch unablässiges Ableiern akademischer Abhandlungen und flacher Kompilationen, die, wie Marx sagte, als wissenschaftliche Forschung ausgegeben werden.

Malthus, ebenso wie Ricardo und wie Marx, schrieb an einem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte: Als der Kapitalismus gegen die alten ökonomischen Feudalsysteme Gestalt annahm und klare Konturen gewann; der proletarische Sozialismus skizzierte bereits die theoretische Kritik des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus und der Entwicklung der neuen bürgerlichen Gesellschaft.

Nun zu dem, wie Spengler die Lehre des wiederentdeckten Meisters formuliert:
„Wenn Malthus über die Bedeutung der Wechsel in der Preisstruktur gut unterrichtet zu sein schien, hat er doch deren Ursache nicht näher beleuchtet. Wahrscheinlich weil er das Gleichgewicht des zweiten Modells (steigender durchschnittlicher Lebensstandard trotz Wachsens der Bevölkerung) im Sinn hatte und weil er den möglichen Folgen des genannten Wechsels unter den Bedingungen des ersten Models (gleichbleibender Lebensstandard bei wachsender Bevölkerung) keinen übermäßigen Wert beilegte. Anscheinend war er sich bewusst, dass ein Substitutionseffekt gegen (oder für) zahlreiche Nachkommenschaft eingetreten wäre, und zwar infolge eines Wechsels in der Preisstruktur, der ein relatives Sinken oder Steigen der Preise jener Erzeugnisse mit sich gebracht hätte, die für die Fortpflanzung und das Großziehen der Kinder aufzuwenden sind, und dementsprechend auch ein Sinken oder Steigen der Preise für andere Produktgruppen. Er [Malthus] beschreibt als „wünschenswert“, dass die „übliche Nahrung“ des Volkes „teuer sei“ und der Preis für die Annehmlichkeiten, die nicht zum Leben notwendigen Dinge und die Luxusartikel niedrig, so dass sich die Gewohnheit, sie zu kaufen, in der Bevölkerung ausweitet. Die Bedingungen des zweiten Modells im Kopf, nahm er vermutlich an, dass die Einführung dieser Art von Preisstruktur die Geburtenrate bremsen, den Konsum anregen, Bedürfnisse erzeugen und das Pro-Kopf-Einkommen im Hinblick auf den demographischen Druck aufrechterhalten würde, womit die Transformation der Bedingungen des zweiten Modells in jene des ersten aufgehalten wäre.“

 

32. Unsere Antwort

Bevor wir in unserer Darlegung weiter gehen und um zu zeigen, dass der moderne Superkapitalismus Amerikas den Malthus würdig vertritt und ihm treu folgt, wollen wir nur die Worte von Marx wiedergeben, die er viele Generationen vor den Spenglers und deren „zynischen Optimismus“ zu Papier brachte.

Die wahrhaft klassischen und entscheidenden Textstellen finden sich in den „Theorien über den Mehrwert“:
„Aus Malthus‘ Theorie geht die ganze Lehre von der Notwendigkeit stets wachsender unproduktiver Konsumtion hervor, die dieser Lehrer der Überpopulation (aus Mangel an Lebensmitteln) so eindringlich gepredigt hat (…).
Malthus‘ Konsequenzen sind ganz richtig aus seiner Grundtheorie vom Wert gezogen; aber diese Theorie paßte merkwürdig für seinen Zweck, die Apologetik der bestehenden englischen Zustände, Landlordismus, ‚Staat und Kirche‘, Pensionäre, Steuereinnehmer, Zehnten, Staatsschuld, Börsenjobber, Büttel, Pfaffen und Dienstboten (‚nationale Ausgaben‘), die von den Ricardians als ebenso viele nutzlose und überlebte Nachteile bekämpft wurden. Ricardo vertrat die bürgerliche Produktion quand même, soweit sie möglichst ungezügelte Entfaltung der sozialen Produktivkräfte bedeutete, unbekümmert um das Schicksal der Träger der Produktion, seien sie Kapitalisten oder Arbeiter. Er hielt am geschichtlichen Recht und der Notwendigkeit dieser Stufe der Entwicklung fest. So sehr ihm der geschichtliche Sinn für die Vergangenheit fehlt, so sehr lebt er in dem geschichtlichen Springpunkt seiner Zeit. Malthus will auch die möglichst freie Entwicklung der kapitalistischen Produktion, soweit nur das Elend ihrer Hauptträger, der arbeitenden Klassen, Bedingung dieser Entwicklung ist, aber sie soll sich gleichzeitig anpassen den „Konsumtionsbedürfnissen“ der Aristokratie und ihrer Sukkursalen in Staat und Kirche, soll zugleich als materielle Basis dienen für die veralteten Ansprüche der Repräsentanten der von dem Feudalismus und der absoluten Monarchie vererbten Interessen. Malthus will die bürgerliche Produktion, soweit sie nicht revolutionär ist, kein geschichtliches Entwicklungsmoment, bloß eine breitere und bequemere materielle Basis für die „alte“ Gesellschaft schafft.
Einerseits also die Arbeiterklasse, durch das Prinzip der Bevölkerung, stets im Verhältnis der ihr bestimmten Lebensmittel redundant, Überbevölkerung aus Unterproduktion; dann die Kapitalistenklasse, die infolge dieses Bevölkerungsprinzips stets fähig ist, den Arbeitern ihr eignes Produkt zu solchen Preisen wieder zu verkaufen, daß sie nur so viel davon zurückerhalten als nötig, um Leib und Seele zusammenzuhalten; dann ein ungeheurer Teil der Gesellschaft, aus Parasiten bestehend, schwelgerischen Drohnen, teils Herrn, teils Knechte, die eine beträchtliche Masse des Reichtums, teils unter dem Titel der Rente, teils unter politischen Titeln sich gratis aneignen von der Kapitalistenklasse, deren Waren sie aber über den Wert mit dem denselben Kapitalisten entzognen Geld bezahlen; die Kapitalistenklasse vom Akkumulationstrieb in die Produktion gepeitscht, die Unproduktiven ökonomisch den bloßen Konsumtionstrieb, die Verschwendung darstellend. Und zwar dies das einzige Mittel, der Überproduktion zu entgehen, die zugleich existiert mit einer Überbevölkerung im Verhältnis zur Produktion. Als bestes Heilmittel für beide die Überkonsumtion außerhalb der Produktion stehender Klassen. Das Mißverhältnis zwischen der Arbeiterpopulation und der Produktion wird dadurch aufgehoben, daß ein Teil des Produkts von Nichtproduzenten, Faulenzern aufgegessen wird. Das Mißverhältnis der Überproduktion der Kapitalisten wird aufgehoben durch die Überkonsumtion des genießenden Reichtums“ [MEW 26.3. S. 35, 46-47].

 

33. Spengler steht nicht alleine da

Nicht nur Spengler tritt in die Fußstapfen von Malthus. Der englische nostalgische Bischof des Feudalismus und die modernen „Sprachrohre“ des Großkapitals hängen beide dem historischen Gesetz an, dass, um das Produkt zu erhöhen und die Anzahl der Konsumenten zu verringern, die Konsumtion, vor allem der zum Leben notwendigen Dinge, der arbeitenden Masse niedrig sein, das Gesamtprodukt aber zugleich auf einem hohen Niveau gehalten werden muss. Malthus sah die Lösung für die Konsumtion des Mehrprodukts in den Parasiten des vorbürgerlichen Gefolges; die hypermodernen Ökonomen in der „Preisstruktur“, was meint „Konsumtionsstruktur“. Die bevorzugte Struktur ist zu beiden weit auseinanderliegenden Zeiten dieselbe: wenig Lebensmittel, viele „differenzierte“ Konsum- und Luxusgüter.

Die Hypermodernen setzen an die Stelle der parasitären Gaunerbande der Adeligen und ihrem Tross die amorphe Masse der inländischen Verbraucher, die verdammt sind, wie blöd zu konsumieren: wenig Lebensmittel, große Ausstattung für künstliche Bedürfnisse. Sie denken, eine so ständigen Reizen ausgesetzte und drogierte, doch schlecht ernährte Masse wird weniger Kinder zeugen, so dass ihr berühmtes „Pro-Kopf“ Produkt auf hohem Niveau gehalten wird.

Wir haben darauf vor über hundert Jahren geantwortet, seitdem wir uns das klassische Wort Proletariat zu eigen gemacht haben, das sich von prole ableitet. Die gehetzte und ausgebeutete Masse zeugt zu viele Kinder, das Gesetz führt nicht zum Gleichgewicht, sondern zu Instabilität und zur Revolution.

Die beiden Gesetze stehen in direktem Gegensatz zueinander. Das ganze moderne Denken der herrschenden Klasse ist angesichts der demographischen Entwicklung alarmiert und nicht nur Spengler sieht die Rettung im Hunger. Der Dr. Darwin Jun. sagt voraus, binnen eines Jahrhunderts lebten 5 Milliarden Menschen auf der Erde und nennt sogar noch erschreckendere Zahlen, weshalb er die Menschengattung ihrem Untergang entgegengehen sieht. Ein Professor Hill zieht gegen die Umsetzung wissenschaftlicher Fortschritte zur Rettung menschlichen Lebens zu Felde. Er schlägt vor, in Indien, das jährlich fünf Millionen neue Erdenbürger begrüßt, kein Penicillin und DDT einzusetzen, um die demographische Entwicklung zu bremsen; was ihn nicht hindert, die furchtbaren Epidemien und Hungersnöte in Indiens Geschichte zu bedauern.

Die demographischen „Optimisten“, wie der Engländer Calver und der Deutsche Fuchs, meinen indes, mit dem Bevölkerungswachstum würden sich die Lebensbedingungen verbessern und geben sich als Anhänger der heuchlerischen Formel „Befreiung von Not“ und der Armutsbekämpfung. Fuchs sieht in hundert Jahren nicht fünf, sondern acht Milliarden Menschen auf der Erde und sagt, auch bei zehn Milliarden sei die Ernährung sichergestellt.

Ein anderer Engländer, Mister Cyril Burt, beschert uns eine „Theorie der Dummköpfe“. Er stellt fest, dass die betuchten Klassen immer weniger Nachwuchs haben, die Armen immer mehr; das gleiche gelte für das Verhältnis zwischen den weißen, fortgeschrittenen und den wilden Völkern. Er sieht daher die Tendenz der Zunahme der Ungebildeten (für ihn heißt Arbeiter Dummkopf) und der Zunahme der nichtweißen Völker, die uns Europäiden überrollen werden. Er behauptet, durch seine jahrelangen Nachforschungen die Zunahme der Verblödung seit 40 Jahren festgestellt zu haben. Mehr ist nicht zu sagen: Er hat recht.

All diese Leute gehen in eine Sackgasse, weil sie den Sinn der Evolution entdecken wollen, indem sie a priori davon ausgehen, dass alles so bleibt, wie es ist: Spaltung der Gesellschaft in Klassen, Warenproduktion.
Wir sagen: Sobald die Spaltung in Klassen sozial überwunden, das heißt, das marktwirtschaftliche Bindegewebe zwischen Produktion und Konsumtion zerrissen sein wird, wird sich das Problem vermittelst reduzierter Produktion, ultrareduzierter gesellschaftlicher Arbeitszeit, reduziertem und manchmal negativen Wachstum der Bevölkerung von allein erledigen.

Eine Konsumtionsstruktur nicht wie für „Dummköpfe“. Es sind, da habt ihr recht, die Dummköpfe, die Kinder zeugen und euch jetzt richtig ins Schwitzen bringen, weil euer „Pro-Kopf“ Index zusammenbricht.

Die wirkliche Verteidigung unserer Gattung tritt auch ihrer unmäßigen Ausbreitung entgegen. Doch sie hat nur einen Namen: Kommunismus. Nicht Wahnsinnsakkumulation des Kapitals.

Historisch sind die beiden gegensätzlichen Positionen evident. Doch müssen wir sie uns in der heiklen „Produktionsfunktion“ ansehen. Das wird unsere letzte Etappe sein.

 

34. Die Produktionsfunktion in der „Wohlstands“ökonomie

Es ist unumgänglich, sich über die Produktionsfunktion von Douglas-Cobb im Klaren zu sein, die der „moderne Malthusianer“ Spengler übernahm. Wir sprachen oben schon über ihn, wobei wir alles taten, um den Sinn der die Funktion ausdrückenden mathematischen Formel verständlich zu machen. Nachdem wir festgestellt haben, dass im „theoretischen Klassenkampf“ zwischen der revolutionären Lehre und der offiziellen Wissenschaft Letzterer die verschlungenen Wege der Preistheorie keine Zuflucht mehr bieten und sie gezwungen ist, die Schlacht auf dem stürmischen Feld der Produktion zu akzeptieren, müssen wir jetzt die diametral entgegengesetzten „Funktionen“ von Marx und Malthus einander gegenüberstellen.

Bei unserer schwierigen Aufgabe zu belegen, dass Marx (das soll klar gesagt sein) davon mehr verstand als diejenigen, die nach ihm und bis heute geforscht und geschrieben haben, wobei wir die idiotische und leider auch in den Reihen des Proletariats verbreitete Unterwerfung unter den Wahn der „Moderne“ und der Aktualität überwanden, hatten wir eine großartige Chance, weil der Gegner zu zwei Manövern genötigt war, die seine gefährliche strategische Lage bezeugen, nämlich vom Marktgeschehen zur Produktion überzugehen sowie gegen unsere seit einem Jahrhundert unveränderte Fahne die hundertfünfzig Jahre alte und verschlissene Soutane des anglikanischen gemeinen Bischofs heben zu müssen.

Dieser Kampf trockener Formeln ist daher, es mag einem gefallen oder auch nicht, zutiefst politisch; nur jene, für die Politik nichts anderes als eine Angelegenheit des Geschwätzes und der Stimmungsmache ist, dürfen angesichts des bitteren Kelchs mathematischer Ausdrücke (den wir uns bemühen, mit unserer geringen Befähigung, aber dafür mit Engelsgeduld ein wenig zu versüßen) den Mund verziehen.

Ein echtes „Bonbon“ wird es sein, die Anmerkung Marx‘ zu Malthus und dem protestantischen Pfaffentum wiederzugeben. Ihr könnt die entsprechenden zwei Seiten im ersten Band des Kapital, 23. Kapitel, lesen. Das Frühwerk „An Essay on the Principle of Population“, das so viel Wirbel machte, ist von 1798:

„Obgleich Malthus Pfaffe der englischen Hochkirche, hatte er das Mönchsgelübde des Zölibats abgelegt. Dies ist nämlich eine der Bedingungen der Mitgliedschaft der protestantischen Universität zu Cambridge (…). Dieser Umstand unterscheidet Malthus vorteilhaft von den andren protestantischen Pfaffen, die das katholische Gebot des Priesterzölibats von sich selbst abgeschüttelt und das ‚Seid fruchtbar und mehret euch‘ in solchen Maß als ihre spezifisch biblische Mission vindiziert haben, daß sie überall in wahrhaft unanständigem Grad zur Vermehrung der Bevölkerung beitragen, während sie gleichzeitig den Arbeitern das „Populationsprinzip“ predigen. Es ist charakteristisch, daß der ökonomische travestierte Sündenfall, der Adamsapfel, die ‚dringliche Begierde‘, ‚die Hemmnisse, die die Pfeile Cupidos abzustumpfen suchen‘, wie Pfaff Townsend munter sagt, daß dieser kitzlige Punkt von den Herrn von der protestantischen Theologie oder vielmehr Kirche monopolisiert ward und wird“ [MEW 23, S. 644-645].

Es folgt ein amüsanter Kommentar darüber, dass die ursprünglich von Philosophen und Staatsleuten studierte politische Ökonomie dann den Pfaffen so am Herzen lag. Marx zitiert hier den lebhaften Petty: „Die Religion blüht am besten, wenn die Priester am meisten kasteit werden, wie das Recht am besten, wo die Advokaten verhungern.“ Da die protestantischen Pfaffen sich nicht, wie der Apostel Paulus sagte, durch das Zölibat abtöten wollten, riet Petty ihnen, wenigstens keine höhere Anzahl von Nachkommen zu zeugen, als jene damals im englischen Budget ausgewiesenen 12.000 Pfründen „absorbieren können“.

Ich überlasse es nun euch zu lesen, wie sich die protestantischen Bischöfe mit nicht minder dümmlichen Worten auf Adam Smith stürzten, der als großer Bewunderer David Humes dessen stoischen Atheismus gerühmt habe – mit dem Detail, Hume habe nach einem tugendhaften Leben „auf dem Sterbebett“ „heiter Lukian gelesen und Whist gespielt“. Und der Bischof weiter: „Lacht nur über Babylon in Ruinen und beglückwünscht nur den verhärteten Bösewicht Pharao!“ Ihr, die ihr den Worten Humes glaubt, dass „es keinen Gott und keine Wunder gebe!“

Seit wir keine Muttermilch mehr trinken, haben wir stets gesagt, dass es noch etwas Abscheulicheres als einen römisch –katholischen Pfaffen gibt: den protestantischen Pfaffen.

 

35. Es ist soweit: Die Formel

Jetzt wird es bitter. In der von Spengler und der ganzen Welfare-Schule benutzten Produktionsfunktion tauchen in keiner Ware, in keinem Produkt eines Betriebes, in keinem Gesamtprodukt die vom fixen Kapital, vom Lohn, vom Mehrwert zugesetzten Wertmengen auf. Zwar finden sich in ihrer Produktionsfunktion das Nationalprodukt eines Jahres, die Arbeitskraft, das nationale Kapitalvermögen, aber nur als „Index“, das heißt als Zahlen, in denen die Veränderungen gegenüber einem Bezugsjahr dargestellt sind. Weshalb die zu berücksichtigenden drei Größen gleich eins gesetzt werden oder wie meistens in Statistiken gleich hundert.

Die Marx’sche Relation ist einfach, da es sich um eine Addition handelt; in mathematischer Sprache ist es eine „lineare Funktion“ (in der Alltagssprache nennen wir, wie man weiß, linear eine Sache, die sofort jeder versteht). Die Relation von Douglas-Cobb ist hingegen „exponentiell“, weil sie Potenzerhebungen aufweist. Der Exponent ist nicht ganzzahlig wie beim Quadrat oder Würfel, sondern ein Bruchexponent, der einen Gymnasiasten, der keinen Revolver bei sich hat, in eine gewisse Verlegenheit bringen würde. Mal sehen, wie wir hier herauskommen.

Mit dem Buchstaben Y wird das „Nationaleinkommen“ oder besser, der Index des Nationaleinkommens gegenüber dem Bezugsjahr bezeichnet. Für Italien heißt das, das Nationaleinkommen der ersten Nachkriegszeit habe sich auf etwa 6.000 Milliarden belaufen, heute rund 10.000. Wenn 1946 die Grundlage 100 war, ist der Index heute 167.

Unter Nationaleinkommen fassen wir die Summe aller Einkünfte der Staatsbürger zusammen, gleich ob Arbeiter, Angestellte, Direkterzeuger, Händler, Eigentümer, Industrielle. In der Regel wird es nach dem steuerpflichtigen Einkommen aus Arbeit, dem tertiären Sektor, Kapital und Eigentum berechnet. Nehmen wir es so, wie sie es uns vorlegen.

Ein Zugeständnis obtorto collo an die marxistischen Wahrheiten ist, dass diese Quantität nunmehr auch von den Bourgeois als in der Produktion durch Arbeit zugesetzter Wert benannt wird.

Dann gibt es den Buchstaben L, der den Index der Arbeitskraft angibt. Dieser Index bezieht sich auf die Anzahl der Individuen. Es müsste die Anzahl der in der Produktion tätigen Individuen sein, wird aber von unseren Autoren als Index der Bevölkerung behandelt. Das heißt, davon auszugehen, dass dieser Index stets das Verhältnis der produktiven zur Gesamtbevölkerung ist (siehe Teil I), und es impliziert auch die Annahme, dass sich der Beschäftigungsgrad und die entsprechende Arbeitslosenquote im untersuchten Zeitraum nicht verändern.

Der letzte Buchstabe K stellt, ebenfalls als Index, den „Einkommen generierenden Reichtum“ dar. Hier ist deutlich zu machen, dass unter K nicht nur das Kapital gefasst ist, sondern der gesamte Komplex des industriellen, kommerziellen und finanziellen Kapitals, außerdem noch des Immobilienvermögens. Zudem ist K nicht (wie in unserer linearen Funktion) das Warenkapital, das aus der Jahresproduktion hervorgegangene in Produkt verwandelte Kapital, der berühmte „Umsatz“ des rein kapitalistischen Betriebes, sondern der gesamte Wert der Produktionsanlagen, einschließlich jenes riesigen Teils, der am Ende des jährlichen Arbeitszyklus im Wert wiedererscheint. K wäre daher eher der Index des „nationalen Vermögens“ als der des „nationalen Kapitals“: Vorläufig fragen wir uns nicht, wie die Statistiken jene Größe bilden.

Hier nun die auf ihren einfachsten Ausdruck gebrachte Formel:

Y = Lm K(1— m )

Die ganze Formel ist ein bisschen komplizierter. Wir haben einen ersten Koeffizienten A gestrichen, der dafür gedacht ist, die Schwankungen der Währungseinheiten auszugleichen und gleich eins angenommen wird, er wird also gestrichen. Am Schluss gibt es noch einen anderen, den Index beeinflussenden Faktor, nämlich R, der den Index der variablen „technischen Arbeitsproduktivität“ angeben soll und zu einem Koeffizienten t erhoben ist, der für die Anzahl der vergangenen Jahre steht. Man kann ihn weglassen, da wir vorläufig annehmen, dass sich die gesellschaftliche Technik nicht verändert. Wir werden weiter unten darauf zurückkommen: Es ist jedenfalls kein Kinderschreck.

Dennoch sollten wir die Sache ein wenig erleichtern und statt Buchstaben Zahlen verwenden. Der Schwindel steckt im Exponenten des kleinen m. Sagen wir gleich, dass er für die Autoren der Theorie gleich 0,75 ist. Im Großen und Ganzen beeinflusst der Index der Arbeit den Index des Einkommens nicht mit dem Exponenten eins (das heißt, nackt, wie Gott ihn schuf), sondern mit einem auf drei Viertel reduzierten Exponenten. Und das andere Viertel? Wir finden ihn als Hochzahl von K, dem Kapital, dem Reichtum zugeordnet: In der Tat, wenn m gleich 0,75 ist, lässt sich leicht sehen, dass 1 ̶ m den Wert 0,25 hat.

Die Lehre stellt die Formel zunächst einfach auf. Dann versichert man, dass empirische Untersuchungen über Statistiken zahlreiche Autoren dieser Schule veranlassten, m in verschiedenen Ländern zwischen 0,70 und 0,80 zu berechnen und man nahm 0,75. Okay.
Wir sehen gleich die praktische Folgerung.
36. Genießbarere Zahlen
Im Referenzjahr sind die Indizes Y, L, K allesamt 100. In diesem Fall lautet die Formel:

100 = 1000,75 × 1000,25

Nun, arithmetisch ist das richtig, da die beiden Exponenten eins ergeben.
Die kleine Rechnung ist ein wenig nervtötend; wer mit Logarithmen umzugehen weiß, kann sie aufstellen und wird folgende harmlose kleine Zahlen finden:

31,623 × 3,1623 = 100

Wir sind noch auf der Startlinie und brauchen uns keine Sorgen machen.
Wir müssen euch bitten, unseren Worten Glauben zu schenken, wenn wir euch jetzt sagen, dass die Folgerung für kleine Änderungen bei wenig relevanten Indizes die gleiche bleibt, wenn wir die exponentielle Formel durch folgende Näherungs- und – Gott sei Dank – lineare Formel ersetzen:

Y = 0,75 L + 0,25 K

Ihr könnt jetzt ohne Logarithmen prüfen, was wir zu Anfang hatten:

100 = 0,75 × 100 + 0,25 × 100

Eine Binsenweisheit.

Der Sinn der gegnerischen These fängt an, deutlich zu werden: Um den Wohlstand zu heben, zählt die Arbeit drei Viertel, der Reichtum das andere Viertel. Wir würden schnell damit fertig geworden sein (doch der Vergleich später): Y = L – und du K, troll dich.

Jetzt aber aufgepasst. Das Jahr beginnt dahin zu fliegen und … die protestantischen Pfaffen sich zu vermehren. Wächst die Bevölkerung jährlich um ein Prozent (das schafft man nicht bloß in Neapel und Tokio), wird der Index L am Jahresende von 100 auf 101 geklettert sein. Was wird aus Y, wenn das Kapital bei 100 stagnierte?

Das sehen wir bei folgenden beiden Formeln (in stürmischen Zeiten raten wir, sich an die zweite zu halten):

Y = 1010,75 × 1000,25 = 0,75 × 101 + 0,25 × 100 = 100,75

Wir hätten wahrscheinlich gesagt: Die Arbeitskraft war um ein Prozent höher und der Wert des Einkommens ist um ein Prozent gestiegen, liegt also bei 101. Doch nein, Freunde, er ist nur 0,75 höher.

Bevor er jedoch zum höheren Begriff der Prosperität kommt, sorgt sich unser Autor um einen anderen wesentlichen Index, nicht mehr um den des gesamten Nationaleinkommens, sondern um den des Pro-Kopf-, des persönlichen Einkommens. Wird es abgeleitet, indem es durch die Anzahl der Einwohner, der Arbeitsfähigen, der Beschäftigten dividiert wird, ändert sich an der Sache nichts. Diese sind jedoch von 100, zuvor 101, gewachsen (wie die Pfaffen Malthus‘ eben Wein trinken und Wasser predigen); somit verwandelt sich Y : L, das 100 : 100 war, also eins, in 100,75 : 101, was, wenn ihr einverstanden seid, 0,9975 macht, das heißt eine Verringerung um 0,0025 oder (keine Angst) um ein Viertelprozent. Wächst die Bevölkerung, sinkt ihr Wohlstand. Das sagen nicht etwa wir, sondern der Text: „Erhöht sich das Verhältnis der Arbeit zum Kapital um ein Prozent, sinkt der Lohn des einzelnen Arbeiters um rund ein Viertelprozent.“ Verstanden.

Ist das Heilmittel dann, die Arbeiterzahl herunterzudrücken? Nie und nimmer: Nicht nur wir bestreiten das vehement (unsere Antwort anderswo und jenseits der Formel! Und, meine Herren, was macht ihr mit dem Index der täglichen Arbeitszeit?), sondern weder Malthus, der Hirte aus dem 19. Jahrhundert, behauptet das ernsthaft noch seine Schäfchen – mit Wolfskrallen – des Kapitalismus aus dem 20. Jahrhundert. Das Heilmittel – auf-ge-passt! – heißt in flammenden Worten: Akkumulation des Kapitals.

Und in der Tat, kommt her, ihr armen, kleinen und grandiosen Zahlen, auch der „nationale“ Reichtum muss zunehmen, damit, zusammen mit der Bevölkerung Luzifer, Amor und der Gott der Hirten beruhigt sind. K muss also seinerseits zunehmen. Gut. Es steigt auf 101. Herauskommen wird:

Y = 1010,75 × 1010,25 = 0,75 × 101 + 0,25 × 101 = 101

Wissenswertes für die, die ihr Staatsexamen machen: Manchmal sind beide Berechnungen präzise.

Das Nationaleinkommen ist also nicht nur schnaufend und keuchend auf 100,75 geklettert, sondern schlichtweg ebenfalls auf 101. Wunderbar! Doch einen Augenblick, sagt der Text, was ist denn mit dem persönlichen Einkommen? Ganz einfach: 101 geteilt durch 101 macht nach wie vor eins. Kurz und gut: Soll der Wohlstand der gleiche bleiben, muss, wenn die Bevölkerung wächst, das Kapital gleichermaßen wachsen.

Doch diese Herren sind mindestens so progressiv wie eine Palme. Wächst die Bevölkerung, muss auch das Pro-Kopf-Einkommen auf Teufel komm raus um ein Prozent jährlich steigen. Wo blieben sonst die Prosperität und die christlich-bürgerliche Zivilisation? Heda, ihr Zahlen!

Sehen wir, wie das geht. Versuchen wir, das Kapital um zwei Prozent zu steigern. Wir haben es noch nicht geschafft, denn:

Y = 0,75 × 101 + 0,25 × 102 = 101,25

Vergesst nicht, dass dieses Gesamteinkommen von 101,25 durch 101 Tischgenossen geteilt werden muss – das persönliche Einkommen ist von eins auf nur 1,0025 geklettert, hat also nur ein Viertelprozent mehr gewonnen.
Machen wir einen Schnelldurchgang. Wenn es dabei bleibt, dass die Arbeitskraft in einem Jahr um ein Prozent gestiegen ist, steigt das Kapital um fünf Prozent:

Y = 0,75 × 101 + 0,25 × 105 = 102
Y/L = 102 : 101 = 1,01 etwa

Nimmt also die Arbeitskraft (Bevölkerung) in einem Land jährlich um ein Prozent zu, kann es passieren, unter der Bedingung, das akkumulierte Kapital erhöht sich um fünf Prozent, dass das individuelle Einkommen um ein Prozent zunimmt. Größere Bevölkerung, glücklichere Bevölkerung.
37. Der liebe Gott im Tagelohn?
Einen Moment bitte. Zahlen auf Papier zu schreiben, ob solche für den Lottoschein oder für die Infinitesimalrechnung, kostet uns immer dasselbe. Wir hatten K angewiesen, auf 101 und dann auf 105 zu steigen. Aber wie kann das in der Realität vor sich gehen? Nur auf einem Weg: Akkumulation; anders gesagt: Investition; anders gesagt: Sparen. Beachtet, dass wir nicht interpretieren, sondern getreu den Aussagen des gegnerischen Textes folgen.

Das eine Prozent des nationalen Reichtums K lässt sich nur herausschlagen und ihm hinzufügen, wenn weniger vom Einkommen des Vorjahres verzehrt wird. Aber Obacht: Für jene Herren ist das Kapital nicht nur der Wert des Produkts, sondern der Wert der ganzen gesellschaftlichen Riesenmaschine, einschließlich der Natur! Die Zunahme des Reichtums erwarten sie daher nicht durch ein Wunder und der „Arbeit Gottes“ (wie der uns bekannte unvergleichliche Monetarist der italischen Confindustria), sondern durch sparen, das heißt der Arbeit … der Trottel.

Der Wert des Einkommen generierenden Reichtums ist laut dieser Autoren vier- bis fünfmal höher als der Wert des Nationaleinkommens. Ausgehend von den 10 Milliarden dieses Einkommens wäre ganz Italien knapp 50 Milliarden wert. Wir bestreiten nicht, dass sie es mit den Rezepten der UNRRA noch billiger gekriegt haben, gleichwohl entspricht diese Zahl etwa 1,6 Millionen pro Hektar – für den Gipfel des Gran Sasso mag das stimmen, aber nicht für den Mailänder Dom oder die FIAT-Werke.

Das von den Experten in Sachen Prosperität entdeckte fünffache Verhältnis mag jedoch hingehen. Und wirklich sagen sie, dass, um ein Prozent der Akkumulation beiseite zu legen, vier oder fünf Prozent vom Einkommen gespart werden müssen.

Also von vorn. Wenn wir nicht vernünftig sparen und von 100 auf 101 kommen, schwindet der Wohlstand. Wir möchten aber gern den Status quo: Dafür muss so viel gespart werden, dass es auch K von 100 auf 101 bringt, was heißt, auf ein Prozent mehr des Gesamtreichtums, also vier Prozent auf das Einkommen jedes Einzelnen. Oder auch fünf.

Wenn man noch progressiver ist, tritt man in die KPI ein. Um das Unheil zu bannen, dass mein persönliches Jahresbudget ein Viertelprozent einbüßt, habe ich ein unfehlbares Rezept: Ich verzichte darauf, fünf Prozent meines Einkommens aufzuessen. Ich esse zwar viereinhalb Prozent weniger, aber dafür ist der allgemeine Wohlstand gerettet! Und mein persönlicher!

Ich möchte nun aber in den Zeitungen lesen, dass das Einkommen um ein Prozent gestiegen ist: Wir sahen, K muss auf 105 kommen. Sehr schön: Dafür genügt, dass der einzelne Produzent und Konsument 20, wenn nicht 25 seines Einkommens, das sich auf 100 belief, beiseitelegt. Die Schlussfolgerung ist absolut brillant. Der Arbeiter schafft es kaum sich durchzuschlagen; gleichwohl liegt ihm höherer Wohlstand am Herzen, weshalb er darauf aus ist, sein Einkommen, seinen Anteil am Nationaleinkommen jährlich um ein Prozent zu erhöhen. Das schafft er leicht, wenn er und alle anderen akzeptieren, 80 anstelle von 100 zu konsumieren! Im folgenden Jahr werden sie dafür den Vorteil haben, nicht von 100 auf 101, vielmehr von 100 auf 81 zu kommen!

Es heißt, die Mathematik sei keine Meinung. Indes lassen sich auch mit gewöhnlicher Mathematik faule Tricks zuwege bringen. Vielleicht glaubt der Leser, wir scherzen oder kehren gegenüber diesen Professoren etwas unter den Tisch. Wir sollten zitieren, denn sie sagen es selbst.

Aus der Zeitschrift „Scientia“, April 1954, Seite 130:
„With population and labor force stationary, increasing output per worker one per cent per year would entail a saving rate of about 16-20 per cent per year.“ („Bei gleichbleibender Bevölkerung und Arbeitskraft hat die einprozentige Einkommenserhöhung pro Arbeiter und Jahr eine jährliche Sparquote von 16-20 Prozent zur Folge.“)

Der Text berechnet für L = 100 und K = 104

Wir haben für L = 101 und K = 105 berechnet.
38. Wohlstand aus anderen Quellen
Bevor wir zur Kritik des von den Wohlstandsökonomen unterstellten Gesetzes kommen, wollen wir euch nicht die Antwort vorenthalten, die sie angesichts dieser seltsamen Aussicht auf Verbesserung geben würden. Die Produktivkraft der Arbeit erhöht sich ständig durch neue wissenschaftlich-technische Ressourcen, die es eben dieser Produktivkraft ermöglichen, größeren Reichtum zu produzieren. Gemäß den Schriften dieser Schule aus den letzten Jahrzehnten, die in den höchstentwickelten Ländern veröffentlicht wurden, läge das durch den Faktor Rt dargestellte Resultat bei 1,01t. Das heißt, bei gleicher Arbeitskraft und zuvor akkumuliertem Reichtum würde sich das Einkommen jedes Jahr um ein Prozent gegenüber dem Vorjahr erhöhen.

Nehmen wir diese Zuwachsrate, die als höchste gilt, ruhig an. Dies bedeutet, dass mit dem individuellen Einkommen von 100 nichts weiter passieren muss, um es in einem Jahr auf 101 zu bringen, wenn die Bevölkerung konstant bliebe. Wächst sie jedoch um ein Prozent, wird das einzige Resultat des technischen Fortschritts eben das sein, vom persönlichen Einkommen nichts beiseitelegen zu müssen, um das gleiche zu bleiben. Soll es sich aber entsprechend den Regeln der Prosperität um ein Prozent erhöhen, muss, wie oben gesagt, gespart werden: Das Einkommen wird um vier oder fünf Prozent sinken, das werden 16 anstelle von 20 oder 20 anstelle von 25 Prozent sein.

Das Ergebnis unterscheidet sich einfach darin: Will der Arbeiter sein Einkommen oder seine Einkünfte von 100 auf 101 bringen, soll er, mit allen anderen, 84 statt 80 verbrauchen. Mit anderen Worten, er wird nicht nach 20, sondern schon nach 16 Jahren wie zuvor dastehen, immer unterstellt, nichts unterbricht den Fortschritt der Produktivität.

Bislang haben wir uns das monetäre Einkommen angesehen, doch jetzt kommt die wahre malthusianische Gewieftheit der „welfare“-Lehre ins Spiel. Eine Sache, sagt diese, ist der output, der individuelle Ertrag, eine andere der wirkliche Wohlstand. Worauf die Art und Weise, den persönlichen Konsum aufzuteilen, Einfluss hat. Bei gleichen Ausgaben (das Primat bei der Verwendung des Einkommens hat natürlich immer das saving, also nicht zu konsumieren, sondern mein Erspartes anzulegen, das heißt es dem akkumulierenden Kapital freundlich anzubieten) kann der Wohlstand sowohl zu- als auch abnehmen. Das hängt vom „Geschmack“ der Einzelnen oder (mit Hilfe der Werbung in jeglicher Form) dem in einer Bevölkerung tonangebenden Geschmack ab, ebenso wie von der berühmt-berüchtigten „Preispolitik“ oder Preisstruktur, was meint, durch heruntergesetzte Preise zum Kauf bestimmter Güter zu animieren und durch höhere Preise den anderer zu dämpfen.

Es ist uns hier sicher nicht möglich, all die Analysen und Schemata darzulegen, mit deren Hilfe sie die famose Frage nach dem demographischen Optimum lösen wollen. Wir sagten schon, dass es bei den meisten dieser Ökonomen auf die Wiederherstellung des Malthus’schen Gesetzes hinausläuft: eine Preispolitik, die die Lebensmittel mit hohen Preisen belegt, um deren Konsum zu senken, und den ganzen Rest der Güter und Dienstleistungen, vom Kleid über das Kino bis zum Motorroller billig zu vertreiben, um deren Konsum zu steigern.

Diese Schule kommt zu Schlussfolgerungen, laut denen sich auch in dichtbevölkerten Räumen „Wohlstand“ entwickeln kann, selbst wenn die Bevölkerung in dem beachtlichen Tempo wie in der letzten Zeit weiter wächst. Gleichwohl verbirgt sie die ernsten Besorgnisse nicht, die sie hinsichtlich vieler moderner Länder hegt, welche sehr bald eine Überbevölkerung aufweisen werden, was heißt, dahin tendieren, das mit so viel Mühe gesuchte demographische Optimum zu überschreiten, womit sowohl das numerische Optimum als auch der moderne manipulierte und völlig verdrogte „welfare“ zunichte gemacht werden.
39. Die Wohlstandsgesellschaft
Schon mehrmals haben wir die Unterschiede zwischen unserer Darstellung der heutigen kapitalistischen Gesellschaft und jener gezeigt, die in den hier behandelten Thesen zutage tritt. Doch es ist noch auf einige andere einzugehen. Wir suchen vor allem nach den Klassen und der Teilung des produzierten Werts unter ihnen und finden dafür die These für das „Modell“ der bürgerlichen Gesellschaft mit drei Klassen: Die Arbeiter, die Lohn, die Unternehmer, die Profit und die Grundeigentümer, die Rente erhalten. Unsere Thesen teilen das gesellschaftliche Produkt, das gesellschaftliche Einkommen unter die drei Gruppen auf.

In Bezug auf die eigentümliche Gesellschaft, für die die Formel der Arbeitskraft L und des Reichtums K gilt, argumentiert man, als wären alle Mitglieder der Gesellschaft Arbeiter und der Reichtum K ein gesellschaftlicher, was heißt, alle Einwohner wären hier mit von der Partie. Wenn nun nicht bestritten wird, dass der Gesamtreichtum keineswegs gleich verteilt ist (vielmehr toto corde der Aussage Malthus applaudiert wird, wonach die teilweise Überführung der Einkommen an die relativ Ärmeren der Bildung großer Kapitalien in die Quere käme – und in der Tat wären diese Elenden fähig, alles zu verputzen und nichts übrig zu lassen), wird so getan, als umfasse der Index L alle Gesellschaftsmitglieder, als wären alle Arbeiter, entsprechend den üblichen Alters-, Geschlechtsverhältnissen etc.

Wenn dann verlangt wird, einen bestimmten Anteil auf die hohe Kante zu legen (unserem Autor lässt sich entnehmen, dass dieser für die glücklichsten Länder, lies Amerika, nicht unter zehn oder zwölf Prozent liegen dürfte), wird er berechnet, indem L auf ausnahmslos alle bezogen wird. Das nationale Einkommen gilt ihnen als Gesamteinkommen lauter gleicher Individuen.

Die heutigen Malthusianer lassen also nicht nur die Rentiers und ihre Hofschranzen und Pfaffen, sondern selbst die Unternehmer im Dunkeln. Ihre Gesellschaft ist eine, in der sich vorgestellt wird, das „Vermögen“ jedes Betriebes gehöre allen Bürgern oder zumindest seiner Belegschaft. Tatsächlich ist es an jedem zu teilen, was an Einkommen der Arbeitskraft (zu drei Viertel!) und dem gesellschaftlichen, nationalen oder betrieblichen Reichtum entspringt. Wenn er dann spart, ist klar, dass er dafür eine Gewinnbeteiligung in Form von Aktien erhält, die den Charakter einer Teilhabe am nationalen Einkommen „aus Kapital“ tragen.

Dieser geschönte Superkapitalismus, der in allen schamlosen Apologien des felix America à la Readers Digest durchschimmert, beruht darauf, an die Arbeiter ein paar Aktien zu verschenken und ihnen „auf Raten“ einen guten Teil der Produkte ihrer Fabrik oder ähnlicher Betriebe anderer Sektoren der „Konsumstruktur“ anzudrehen.

Als unerbittlich auf der Warenproduktion basierendes Räderwerk zwingt ein solches System just den produktiven Arbeiter, der zugleich Produzent und Konsument ist, eine Anweisung auf seine eigene zukünftige Arbeit zu geben (eine neue und noch gemeinere Versklavung), womit es ihm einen Körper und zwei Seelen aufhalst und ihm zusätzlich zu seinem Dasein als Arbeiter, der den größten Teil der gesellschaftlichen Last trägt, die Livree des unproduktiven Konsumenten verpasst. Prosperität gleich Freiheit – heißt diese dämliche Gleichung, die über allem steht.

 

40. Vergleich mit Marx

Wäre ich Kapitalist und Verteidiger der historisch nützlichen Kapitalakkumulation – eine positive und eine ganze Epoche sich behauptende Sache, die wir im Westen hinter uns haben, doch für den Osten völlig zu Recht und mit unwiderstehlicher Wirkungskraft Geltung hat –, würde ich die Akkumulation lieber mit der Marx’schen Formel als mit der des welfare berechnen, die seitens der Wissenschaft verbrämt wird, doch zutiefst irreal und dumm ist.

Bei Marx ist die Akkumulation auf den Mehrwert, nicht auf den Lohn bezogen, geht also zu Lasten des Profits und der Rente, nie der Entlohnung der Werktätigen. Ist die Gesellschaft in drei Klassen geteilt, ist es genauso bedeutungs- wie sinnlos, den Durchschnitt aus der Vielzahl niedriger Löhne für Millionen von Menschen und anderen Erträgen von Firmenchefs und Großeigentümern zu ziehen.

Der Arbeiter, der seinen Lohn erhält, verbraucht denselben zur Gänze. Zu Beginn reichte er kaum hin, ihn am Leben zu erhalten, infolge gesteigerter Produktivität erhöhte er sich, allerdings sehr viel langsamer als diese. Der Arbeiter hob seinen Lebensstandard an, erreicht jedoch nicht im Traum jenes erhabene Niveau, dass man ihm sagen könnte: Leg‘ dir was beiseite!

Der Kapitalist und der Grundeigentümer haben die Wahl: Entweder Profit und Rente mit ihrer Kohorte von Parasiten zu verprassen oder weniger zu verbrauchen und sogar so genügsam zu sein, dass der persönliche Konsum das Niveau des üblichen durchschnittlichen „Pro-Kopf-Einkommens“, das die besten Löhne und Gehälter in den Schatten stellt, nicht übersteigt, und der Rest für die weitere Akkumulation bereitgestellt wird.

Mit anderen Worten: Bei Marx ist der Kapitalist, die Figur in unserem Modell der bürgerlichen Gesellschaft, als Ausbeuter und Spekulant nicht so verkommen wie der Kapitalist (oder das anonyme Unternehmen oder der anonyme Staatskapitalis), dem wir im falschen und fiktiven Gesellschaftsmodell des welfare begegnen.

Der Marx’sche Kapitalist kann ganz gelassen zugeben, eine Maschine zu sein, die der Arbeit ihrer Beschäftigten Wert entzieht, um die gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen, die technische Grundlage der Produktion in einem Maß zu steigern, die von den nichtkapitalistischen Ökonomien niemals hätte erreicht werden können. Er agiert in einer Klassengesellschaft, vollbringt aber zugleich die Pioniertat, die Produktion von der persönlichen auf die gesellschaftliche Ebene zu überführen.

Die Gesellschaft Spenglers (ein imaginäres Modell) kennt nur eine in den Waren fundierte Gleichheit – etwas, was nicht selten mit dem Sozialismus verwechselt wird. Eine Gesellschaft, die so herausgeputzt daherkommen kann, weil die Extraprofite der superindustrialisierten Länder verschleiert werden und das reine Modell der Unternehmergesellschaft nicht erkennbar ist, das sich vielmehr in der heutigen buntscheckigen Gesellschaft auflöst, die zu mindestens der Hälfte aus Kleinbürgertum und Mittelstand besteht. Man kann deshalb auf die Täuschung der statistischen Durchschnittswerte setzen. Das Ergebnis ist allerdings ziemlich mager. Wenn man sich vorstellt, dass das Einkommen aus Arbeit und das aus dem Reichtum gleichmäßig auf alle fällt und alle mit ihrer Ersparnissen dazu beitragen, für neue Investitionen zu akkumulieren, wird man – nachdem dem Mindesteinkommen aufgebürdet wurde, um 12, 16, 20 und sogar 25 Prozent kürzerzutreten – über eine einprozentige, stellt man die gesteigerte Produktivität in Rechnung, zweiprozentige jährliche Wachstumsrate der gesellschaftlichen Kapitale nicht hinauskommen. Lächerliche Raten: Ein Wachstum von jährlich einem Prozent führt in einem Jahrhundert nur zu einem verdoppelten oder verdreifachten Kapital gegenüber dem angelegten Grundkapital! Bei zwei Prozent würde sich der gesellschaftliche Reichtum in hundert Jahren Kapitalismus gerade mal versiebenfachen! Und das Publikum des Vaterlandes der Milliardäre glaubt diesen Kram!

 

41. Die Rechnungen gemäß Marx

Im Verlaufe dieser Untersuchung (Teil I, Abschnitte 37-39) haben wir die Zahlen des berühmten Marx’schen Schemas der einfachen Reproduktion, erweitert auf die aus drei Klassen bestehende Gesellschaft, wiedergegeben, so dass sich die 10.000 Produkt wie folgt aufteilten: Konstantes Kapital 6.000, Löhne 1.500, Renten 1.000. In einer solchen Gesellschaft beliefe sich das, was Nationaleinkommen genannt wird, auf 4.000. Nehmen wir an, diese Gesellschaft zählt im ersten Jahr hundert Seelen, darunter ein Grundeigentümer, zwei Kapitalisten (in jeder der beiden Abteilungen einer) und 97 Arbeiter.

Das persönliche Durchschnittseinkommen liegt offensichtlich bei 40; es stellt sich aber heraus, dass der Grundeigentümer 1.000 hat, die beiden Kapitalisten je 750 und die Lohnarbeiter: 1.500 : 97 = 15,45.

Die Bourgeois haben eingeräumt, dass man mit gesellschaftlichen Modellen arbeiten kann, dass man das Recht hat, für die Werteinheit eine beliebige Geldeinheit zu nehmen, auch wenn sie Schwankungen unterliegt; mit ihrem Räderwerk, das von einer mathematischen Hypothese über die das Modell bestimmenden Gesetze ausgeht, haben sie das Recht verloren, das Marx’sche Bauwerk als Tautologie zu bezeichnen, ihn also zu bezichtigen, willkürlich das zu unterstellen, was bewiesen werden soll.

Was meint ihr, welches der beiden Modelle entspricht mehr der Gesellschaft, in der ihr lebt?

Fahren wir fort. Wir versprechen, keine weiteren Formeln, sondern nur einige Zahlen zu benutzen. In der Gesellschaft Marx‘ stelle sich das Problem Spenglers: Wie viel muss akkumuliert werden, wenn die Bevölkerung im Jahr um ein Prozent wächst und das Pro-Kopf-Einkommen nicht sinken, sondern sich seinerseits um ein Prozent erhöhen soll? Wir haben nach wie vor einen Grundeigentümer und zwei Kapitalisten, aber jetzt 98 Arbeiter. Das Durchschnittseinkommen sinkt von 40 auf 39,65 pro Nase, wenn das Budget das gleiche bleibt. Für den Grundbesitzer und die Kapitalisten ändert sich nichts, nur die Lohnarbeiter haben eine Lohnsenkung hinzunehmen: 1.500 : 98 =15,30.

Wir fordern aber, dass das Durchschnittseinkommen auf 40,40 steigt und sich das „National“einkommen bei 101 Einwohnern auf 4.080 beläuft. Bleiben die Verhältnisse dieselben, teilt es sich in 1.020 Rente, 1.530 Profite und 1.530 Löhne. Die Arbeiter werden dann 1.530 : 98 = 15,60 haben, also genau ein Prozent mehr.

Während die kapitalistischen Vorschüsse jedoch im Vorjahr 6.000 für das konstante Kapital und 1.500 für Löhne, also 7.500 ausmachten, müssen sie nun auf 6.120 und 1.530, also 7.650 erhöht werden. Vom den Gewinn des Vorjahres müssen folglich 150 gespart und investiert werden.

Wer löhnt die 150? Die Arbeiter? Mitnichten. Marx hat die Welt des Kapitals nicht so düster gezeichnet. Es sind die Herren Kapitalisten, die den Profit von 1.500 nicht zur Gänze, sondern nur 1.410 verzehren werden, und der Herr Grundeigentümer nicht 1.000, sondern 940. Sie werden deshalb nicht vom Fleisch fallen, doch ihr Konsum sinkt um sechs Prozent, während der der Arbeiter sich um ein Prozent erhöht. Allerdings werden die Kapitalisten im Folgejahr 1.530 Gewinn herausschlagen, also bloß vier Prozent Verlust erlitten haben, ebenso der Grundeigentümer mit 1.020.

Wäre dies das Schema der erweiterten Reproduktion von Marx, ginge es sehr langsam voran. Offenkundig bekommt die Sache mit unserer Formel der Akkumulation richtig Schwung. Es reicht schon die Annahme, dass Kapitalisten und Grundeigentümer, sich der berühmt-berüchtigten „Entsagung“ verschreibend, nur 85 Prozent ihrer fetten Einkommen verkonsumieren, um eine Ersparnis von 15 Prozent auf ihre 2.500 zu haben, somit dem Kapitalisten 375 als Inkrement auf die 7.500 zuführen zu können. Die Jahresrate steigt so auf fünf Prozent und das heißt, das Kapital wird in einem Jahrhundert 132-mal größer.

Sie könnten aber auch leicht das Doppelte sparen und anlegen, 30 Prozent der Profite und der Rente, und die Rate auf zehn Prozent bringen. Dann vergrößert sich das Kapital in einem Jahrhundert um 4.140-mal. Die Dinge kommen ins laufen.

 

42. Sie haben das Wort

Moment mal, werden Spengler und seine Kompagnons sagen. Ihr Marxisten habt die fixe Idee, das jährliche Produkt und sogar die jährlichen Vorschüsse für Löhne und verbrauchte Rohstoffe Kapital zu nennen. Aber wenn um höherer Produktion willen investiert wird, müsst ihr nicht nur mehr Arbeiter und Rohstoffe bezahlen, sondern es werden, jedenfalls proportional, auch mehr Anlagen gebraucht, mehr Maschinen, mehr Gebäude etc. Nach unserer Auffassung muss es jedenfalls fünfmal mehr Rücklagen geben. Das Ganze ist nur ein Wortspiel, mit dem sich Marx in seiner Beweisführung der erweiterten Akkumulation entledigte.

Gewöhnlich soll damit glauben gemacht werden, dass kapitalistische Vermögen und Immobilien aus sich selbst heraus Wert erzeugen, neben dem durch menschliche Arbeit produziertem Wert. Der Einwand ist indes gegenstandslos. Gestehen wir ruhig zu, dass der gesellschaftliche Reichtum fünfmal das jährliche Einkommen der Gesamtgesellschaft ausmacht, dass in unserem Beispiel mit 4.000 beziffert wurde. Wir müssen die Ersparnis daher nicht ins Verhältnis zu unserer Zahl setzen (Kapitalvorschüsse von 7.500), sondern zu ihren fünfmal 4.000, also 20.000.
Nun gut, wenn sich die Herren Kapitalisten und Grundeigentümer ins Zeug legen und nicht nur 30, sondern 60 Prozent sparen (immerhin werden sie über einen Konsumtionsfond von 300 und 400 gegenüber den 15, mit dem sich der Arbeiter durchschlägt, verfügen), werden sie im Jahr 1.500 investieren können. Berechnen wir die Rate nicht mehr im Verhältnis zu 7.500, sondern 20.000, wird sich die jährliche Rate auf 7,5 Prozent erhöhen. Das Kapital wird dann in einem Jahrhundert nicht weniger als 1.380-mal größer, eine Zahl, die dem tatsächlichen historischen Verlauf eurer wunderbaren bürgerlichen Gesellschaft gerecht wird.

Doch sie sagen etwas anderes. Wo wollt ihr denn die der höheren Investition entsprechende jährlich um 7,5 Prozent größere Arbeitskraft hernehmen, wenn die Bevölkerung um gerade mal ein Prozent wächst?

Hier wird ihr größter Schwindel augenfällig, wonach nämlich die Arbeitskraft der Bevölkerung proportional wäre! Das Geheimnis der ursprünglichen wie der künftigen kapitalistischen Akkumulation ist gerade, aus der gleichen Bevölkerung größere Arbeitskraft herauszupressen. Zu Beginn und am Ende der vorkapitalistischen Gesellschaften (in denen die Kleinproduktion auch für Manufakturprodukte vorherrschte) machen die Lohnarbeiter – obschon sie zahlreicher sind als die ausgesuchten und qualifizierten Handwerker mit ihrer langen Lehrzeit – nur einen kleinen Teil der Bevölkerung aus. Natürlich gibt es nur sehr wenige Unternehmer, aber in jedem, damals noch persönlich geleiteten Betrieb ist die durchschnittliche Zahl der beschäftigten Arbeiter ebenfalls noch sehr niedrig. Durch die fortschreitende und grausame Enteignung der selbstwirtschaftenden Bauern, Handwerker und Kleinbürger nahm die Zahl der Proletarier auch relativ zur Bevölkerung stetig zu, während die Zahl der Kapitalisten schneller abnahm als die Bevölkerung zunahm. Sagen wir es deutlicher – die 100 Einwohner unseres Gesellschaftsmodells haben sich auf mindestens 1.000 vermehrt. Die demographische Entwicklung lässt uns heute von 2.700 „Seelen“ sprechen, zur Hälfte aus heterogenen Klassen bestehend; es bleiben 1.350, die wir wie folgt gliedern: aus den zwei Kapitalisten sind jetzt nicht 28, aber sagen wir 10 geworden und aus den Grundbesitzern nicht 14, sondern sagen wir 5 (was schon zu viele sind); und die Zahl der Lohnarbeiter ist mit 1.335 anzugeben, 14-mal mehr als zu Anfang. Es sind dies symbolische Zahlen, in der Realität geht die Zahl noch darüber hinaus. Was die technische Produktivität angeht, ist die jährliche einprozentige Steigerung lachhaft. Wir beziehen sie auf die organische Zusammensetzung des Kapitals. Zu Beginn verwandelte jeder Arbeiter vielleicht einen Wert, der doppelt so hoch war wie sein Lohn (zur Zeit Marx‘, vor weniger als einem Jahrhundert also, war es durchschnittlich der vierfache Wert). Heute genügen in bestimmten Industrien (z.B. den Mühlen) zwei Arbeiter, wo einst hundert gebraucht wurden: Im Durchschnitt ist der verarbeitete Rohstoff mindestens 20-mal den Lohn wert und die Produktivität hat sich wenigstens verzehnfacht. Auch wenn wir den demographischen Zuwachs auf ein Prozent beschränkt haben, ist die Arbeitskraft doch bereits 140-mal größer – was in hundert Jahres durch ein knapp fünfprozentiges Wachstum zu erreichen ist. Doch sind unsere Berechnungen mit Sicherheit noch viel zu vorsichtig.
Das „welfare“-Modell und seine Formeln haben auf ganzer Linie versagt.

 

43. Ökonomische Geschichte

Die klassischen Kapitel von Marx zur ursprünglichen Akkumulation zeigen, auf welchen Wegen das werdende Kapital seinen Hunger nach Arbeitskraft stillt. Einer dieser Wege war anfangs die Verlängerung der Arbeitszeit bis zum physischen Maximum menschenmöglicher Arbeitszeit. Dann wurde es durch die Einfachheit der Arbeitsgänge möglich, Frauen und Kinder heranzuziehen, zuerst im Feldbau auf den Pachtungen, wo gemeinschaftlich gearbeitet wurde, und später in den mechanischen Fabriken. Schließlich die Entvölkerung des flachen Landes und die Verstädterung.

Wir müssen unser Augenmerk auf die enormen sozialen Unterschiede der Produktion auf dem Lande und in den Städten richten. In der Landwirtschaft deckt sich die arbeitende Bevölkerung seit undenklichen Zeiten mehr oder minder mit der Gesamtbevölkerung. Nicht nur Männer und Frauen bearbeiten das Land, sondern auch Kinder, und auch die Alten werden generell für entsprechende Aufgaben, auch im Haus, herangezogen. Dieser vollständigen Anwendung der Arbeitskraft steht auf der anderen Seite die jahreszeitlich bedingte Arbeitszeit gegenüber, künstliche Beleuchtung gibt es fast nicht. Die täglichen Arbeitsstunden schwanken also sehr stark, doch insgesamt haben die jährlichen Arbeitsstunden eine nicht überschreitbare Grenze. Diesen Bedingungen entsprechend hat sich die technische Arbeitsproduktivität kaum verändert. Schon allein die Ackerfläche beschränkt die Möglichkeit, die Zahl der Arbeiter und ihre sukzessiven Tätigkeiten auf immer engeren Räumen zu konzentrieren.
Auch wenn wir die kapitalistischen Agrarunternehmen mit Lohnabhängigen in Rechnung stellen, konnten die Wesensmerkmale des Kapitalismus nicht den fulminanten Rhythmus wie in der Stadt haben. Noch geringeren Einfluss hatten die Kooperation in der Arbeit und die technische Arbeitsteilung, die die Möglichkeiten der industriellen Produktion binnen kurzer Zeit verhundertfachten.

Die geringe technische Arbeitsteilung hat der Landwirtschaft unweigerlich Arbeitskraft entzogen, so dass all diese nachteiligen Faktoren letztendlich das Wenige aufgewogen haben, das die angewandten Wissenschaften hinsichtlich der Intensität der Lebensmittelproduktion, bei gleicher Größe der bebauten Ländereien, ermöglichten.

Daher die landläufigen Befürchtungen, nach denen die Menge der Lebensmittel mit einer wachsenden Bevölkerung nicht Schritt halten kann – im Gegensatz dazu hindert nichts daran, die Menge von Industrieerzeugnissen, Produkten und nichtlandwirtschaftlichen Dienstleistungen zu erhöhen. Disponible Arbeitskraft reicht schon hin, um Überproduktion zu erzeugen; um diese zu verkonsumieren, ist es vom Standpunkt des Kapitals aus sogar wünschenswert, dass die Bevölkerungszahl noch stärker zunimmt als ohnehin schon.

Die Entwicklung geht also immer mehr in Richtung Kapitalakkumulation, vor allem der industriellen. Damit nimmt auch die Zahl der Proletarier sowohl absolut als auch relativ im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung zu und bildet die Marx’sche große industrielle Reservearmee, die aus Habenichtsen besteht, aus jeder persönlichen Reserve beraubten und von ihren Arbeitsbedingungen getrennten Menschen; eine Armee, die die Folgen der wechselnden Welle von Wachstum und Krise zu erleiden hat, in denen der allgemeine Gang der Akkumulation in Erscheinung tritt.
Wächst das Kapital, nimmt aufgrund des industriellen Konzentrationsprozesses die Zahl der Kapitalisten ab und in der fortgeschrittenen Phase des Prozesses nimmt sie sowohl relativ als auch absolut im Verhältnis zur Bevölkerung ab. Das was sich der Ausdehnung der Akkumulation in den Weg zu stellen droht, ist daher nicht ein höherer Lebensstandard der Privilegierten: In Anbetracht ihrer kleinen Zahl besteht die soziale Seuche nicht in ihrem persönlichen Konsum – das war noch nicht einmal der Fall, als sie viele waren, denn damals standen sie tatsächlich dafür, das „Rad der Geschichte vorwärts zu drehen“.

 

44. Parasitismus und Missstand

Der gebrechliche Kapitalismus im Westen hat heute folgende Möglichkeit: Vermittelst der zurechtgemachten „Preisstruktur“ und der „Konsumentensektoren“ die parasitäre Konsumtion des allgemeinen Produzenten durchzusetzen.

Die zum Selbstzweck verkommene Akkumulation der größten Kapitalien hat zusammen mit der Mobilisierung immer größerer Arbeitskraft dazu geführt, dass jede Steigerung der Produktivität, so sehr sie auch jede alte und neuere Voraussicht übertrifft, dem Antrieb gehorcht, mehr zu produzieren.

Solange die Ökonomie innerhalb der betrieblichen und Waren produzierenden Grenzen gebannt bleibt, wird der Konsum immer mehr im Namen künstlicher Bedürfnisse gesteigert, die zuerst notwendig, dann nützlich, schließlich überflüssig und sogar schädlich (schlimmer noch als Beraubung) wurden. Innerhalb dieser Grenzen wird die Lösung nicht sichtbar: das Sparen, das Akkumulieren zu beenden und die entlohnte Arbeit auf die einzige Art und Weise zu reduzieren, die möglich ist: die tägliche Arbeitszeit herabsetzen.

Wie wir seit einem Jahrhundert und mehr in unserer Propagandaarbeit sagen, ist dies die einzige konkrete Bedeutung der Befreiung nicht der Person, sondern der menschlichen Gattung von der durch die uns umgebenden Naturkräfte determinierten erbarmungslosen Notwendigkeit.

Da sie das höllische Tempo der Akkumulation nicht stoppen kann, vergeudet und vernichtet diese Menschheit, die zum Parasiten ihrer selbst geworden ist, Überprofite und Mehrarbeit in einem wahnsinnigen Mahlstrom, wobei ihre Lebensbedingungen immer armseliger und verrückter werden. Solange das Verhältnis, die einst historische Funktion der Akkumulation nicht dialektisch umgekehrt wird, wird die Akkumulation, durch die die Menschheit wissend und mächtig wurde, dieselbe nur noch verblöden und zerreißen.

Dieser Wechsel vom „Progressismus“ (wenn das Wort für einen Augenblick einen ernst gemeinten Sinn hat) zum Parasitismus gehört nicht allein der kapitalistischen Produktionsweise an. Eine nützliche Funktion aller Klassen stand am Beginn der feudalen Produktionsweise. Der Nomade hätte nicht Bauer werden können und die bereits sesshaft Gewordenen der klassischen Epoche wären zerstreut und überrollt worden, hätte die Klasse der Krieger nicht die Aufgabe übernommen, einen bestimmten Landstrich, auf dem gesät und gearbeitet wurde, einzugrenzen und bis zur Ernte und darüber hinaus vor Angriffen zu schützen. Zur Zeit Malthus‘ hatte diese Funktion jedoch eine andere historische Bedeutung und die Nachkommen jener alten condottieri schützen die elenden Landarbeiter nicht, sondern überfallen und unterdrücken sie.

Nicht zufällig brachte ein ähnlicher Zyklus des Kapitalismus die heutige Lage hervor, in der die monströse Dimension der Produktion zu neun Zehntel keinerlei Nutzen für das Leben der menschlichen Gattung hat; der dadurch bedingte, die Malthus’sche Position aufgreifende theoretische Überbau zielt auf Konsumenten, denen höllische Kräfte abverlangt werden, um ununterbrochen all das zu schlucken, was die Akkumulation ausspuckt. Mit ihrer Forderung, dass die persönliche Konsumtion jede Grenze überschreiten kann, womit die wenigen Stunden, die die erzwungene Arbeit und die Ruhestunden einem jeden lassen, mit Beschäftigungen und Riten und krankhaften Blödsinnigkeiten ausgefüllt werden, drückt die Wohlstandstheorie in Wahrheit den Missstand einer verfallenden Gesellschaft aus und bestätigt nur, wenn sie die Gesetze ihrer Überlebens schreiben will, den vielleicht nicht gleichmäßig verlaufenden, aber unaufhaltsamen Verlauf ihrer Agonie.

 

 

Quellen:

„Vulcano della produzione o palude del mercato? (Economia marxista ed economia controrivoluzionaria)“: Il programma comunista, Nr. 13-19, Juli-Oktober 1954.

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MEW 3: Marx – Thesen über Feuerbach, 1845.

MEW 23: Marx – Nachwort zur zweiten Auflage, 1873.
MEW 23: Marx – Die Verwandlung von Geld in Kapital, 1867.
MEW 23: Marx – Das allgemeine Gesetz der Akkumulation, 1867.
MEW 26.3: Marx – T.R. Malthus, 1862-1863.
MEW 26.3: Marx – A. Smith, 1862-1863.
MEW26.3: Marx – Die Vulgärökonomie, 1862-1863.
MEW 31: Marx – Marx an Engels, 1865.