Alter Maulwurf

1958-01-25 - Die Lehre der Produktionsweisen ist auf alle Menschenrassen anwendbar Drucken E-Mail

Florenz - Januar 1958

Die Lehre der Produktionsweisen ist auf alle Menschenrassen anwendbar

Die allumfassende Serie in der marxistischen Doktrin

Die Verwirklichung des sozialistischen Programms vom historischen Entwicklungsgang einer einzigen der großen Rassen der Menschengattung - nämlich der kaukasischen oder arischen oder indo-europäischen weißen Rasse - abhängig machen zu wollen und daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass, nachdem der weiße Stamm seinen Zyklus durchlaufen habe, nicht weiter von Interesse sei, wie die Gesellschaften anderer Völker sich entwickeln, ist ein so hanebüchener Fehler, dass sich hieran nicht nur die schlimmsten revisionistischen Degenerierungen, sondern alle möglichen und uralten Vergehen anti-marxistischer Strömungen mühelos aufzeigen lassen.

 

Eine derartige Ernennung zum geschichtlich „auserwählten" Volk - eine geeignete Plattform für eine neue Art von Rassismus und Nationalismus - kann keine andere Grundlage haben als die, worauf auch die traditionellen und konformistischen, mystisch-philosophisch-wissenschaftlichen Konstruktionen errichtet wurden, die allesamt innerhalb der bürgerlichen Kultur zu Hause sind. Für den Fideisten wurde ein Volk oder eine Rasse durch eine außerirdische Gottheit mit der Mission betraut, die Welt zu führen, wenn notwendig, auch mittels der Ausrottung anderer Völker. Für den bürgerlichen Denker der Aufklärung fällt die Führung demjenigen Volk zu, das als erstes die „immanente Quelle" der Moral und Zivilisation in sich selbst freigelegt hat; indem es hierauf die „nationale Kultur" errichtete, hat es die Fähigkeit erlangt, sowohl sich selbst harmonisch nach den „Naturgesetzen" zu organisieren als auch mit diesen erhellenden „Errungenschaften" die rückständigen Völker zu erleuchten. Für den totalitären Zweig hitlerischen Typs eben dieser bürgerlichen und modern-kritischen Lehre ermittelt eine Pseudowissenschaft dieses auserwählte oder Herrenvolk (ebenso wie diese vorher, um Götter und Halbgötter zu entthronen, den Übermenschen hatte ausfindig machen wollen), dem mit Hilfe der perfektesten Maschinen und zerstörerischsten Waffen die Gabe verliehen wird, die Welt vernunftgemäß einzurichten. Wenn einem anderen Volk die Überlegenheit auf dem Planeten und... außerhalb desselben zuerkannt werden soll, können wir ohne große Mühe auch Stalin in Bezug auf die Slawen nennen, so wie zuvor Hitler in Bezug auf die arisch-germanische Rasse. Als Letzterer die Juden millionenfach ausrottete, wandte er letzten Endes auf sie, entsprechend dem jus talionis1, ihren mystischen und jahrtausendealten Anspruch an, die „Auserwählten Gottes" zu sein - doch heute, wie bei allen Zivilisationsformen des Kapitals, in einer nur mehr wissenschaftlichen und nur mehr verbrecherischen bürgerlichen Version -, ein Status, den ihnen abwechselnd Christen und Araber streitig machen wollten (der internationalistischen Kraft der katholischen Kirche sei die gebührende Ehre erwiesen).

 

In diese hohle Hierarchisierung der Völker (die derjenigen der Chefs, der Kondottieri2 und Helden in nichts nachsteht) fallen die stalinistischen Renegaten des Marxismus und, in einer anderen Art, die heutigen Grüppchen wieder zurück, welche die Dynamik des ungeheuren historischen - aktuellen oder virtuellen - Potentials der farbigen Völker leugnen, die von Gott verlassen oder vom Werbekarren der Kultur und des Wissens links liegen gelassen worden seien... was bloß zum Lachen ist, nicht nur aus den in klassischen Passagen des Marxismus dargelegten Gründen, wonach der Kapitalismus alle Hindernisse zu seiner Verbreitung und zur globalen Kommunikation in Grund und Boden schießt, sondern auch, weil viele dieser Völker nicht nur den slawischen Parvenüs und den germanisch-sächsischen Halb-Parvenüs, sondern sogar den klassischen Griechen bzw. Römern sowie den Zivilisationen des Nahen Ostens auf den Gebieten der Religion, der Theologie, der Kultur, der Literatur und sogar der technologischen Wissenschaft um Jahrtausende voraus waren - sie alle haben im Verlauf der Jahrhunderte bereits die ersten Plätze belegt.

 

Genauso wie er die Idee der Persönlichkeit und der Prädestination des als historischen Faktor betrachteten isolierten menschlichen Individuums vernichtet, gehört es zum Wesen des Marxismus, die Vorstellung einer jedem Volk und jeder Rasse eigenen „Persönlichkeit" zu zerstören, eine Vorstellung, die dem einen wie dem anderen gewisse innewohnende und einzigartige, ihr Schicksal bestimmende Qualitäten zuschreibt. Wenn man den zweiten Punkt nicht versteht, hat das dieselbe Konsequenz, wie den ersten aus den Augen zu verlieren: Rückfall in die kleinbürgerlichen, anarchistischen und banal individualistischen Auffassungen, oder auch, wie es bei angeblichen bzw. Ex-Marxisten anzutreffen ist, Verwässerung der kraftvollen marxistischen Kritik an der liberalen Demokratie zu demokratisch-arbeitertümlerischen Plattheiten, welche einen Gegensatz zwischen der rohen Klasse und der Partei konstruieren, m.a.W.: Rückfall in das theoretische Elend, das sich auf der Ebene der lächerlichen „Volksdemokratie" des Moskauer oder des Pekinger verräterischen Kommunismus befindet.

 

Die Lehre, nach der der geschichtliche Werdegang durch die materiellen Bedingungen und Wirkungen der Produktivkräfte bestimmt wird, ist der einzige Schlüssel, der die Beherrschung der Welt oder großer Teile derselben durch immer andere Staaten, Völker und Rassen erklären kann, mehr noch, erklären muss. Diese Lehre schließt mitnichten aus, dass in Zukunft wieder andere Völker bei diesem grandiosen Führungswechsel ihre Rolle spielen und dieser Zyklus auf ganz andere Weise als bisher gedacht endet. Unsere in der modernen Epoche entstandene Doktrin hat schon (wie aus den Grundtexten und wesentlichen Schlussfolgerungen der allgemeinen Prinzipien zu entnehmen ist) verschiedene Lösungen hinsichtlich der Frage nach dem geographischen Hauptweg zur Errichtung des internationalen Sozialismus im Auge gehabt. Und diese Lehre hat bislang auch nicht ausgeschlossen, dass Kämpfe in bisher unbeachtet gebliebenen Ländern und zwischen bisher unbeachtet gebliebenen Menschen die allgemeine Entwicklung der menschlichen Gesellschaftsformen beeinflussen werden.

 

Der Marxismus hat zweifellos viel mehr Substanz als die Ideologie der Hegemonie von militärisch stärkeren oder kulturell überlegenen Staaten bzw. Nationen; was den Ausgang der geschichtlichen Entwicklung einer oder aller „Zivilisationen" betrifft, tritt diese Ideologie, die darüber so gern schwadroniert, anti-deterministisch und skeptisch auf.

Unter- und Überbau

Die zwischen dem ökonomischen Unterbau und dem politischen Überbau bestehenden Beziehungen wären nie geklärt worden, wenn die Tatsachen, deren Bühne die Erscheinungen des Überbaus sind, nicht gründlich beobachtet und festgestellt worden wären. Ebenso wie es, ohne die Beobachtung der scheinbaren Bewegungen der Gestirne und der von Kepler daraus abgeleiteten Gesetze und Regelmäßigkeiten, kein allgemeines Gravitationsgesetz geben würde, das dann von ausgetüftelten und ins All geschossenen Satelliten bestätigt wurde.

 

Zu sagen, dass wir die Geschichte der Staaten und Völker durch die der Klassen ersetzen, heißt nicht, auf den banalen Notbehelf zurückzugreifen, die Staaten durch einen Tritt in den Arsch loszuwerden, ihren jeweils geschichtlichen Platz zu ignorieren und, wie der Vorsitzende einer Schwatzbude, neuen Protagonisten das Wort zu erteilen, deren Name: „die Klassen" (oder eigentlich „die Klasse", welche ziemlich naiv als die einzige, auserwählte und prädestinierte Klasse angesehen wird), zwar in jedem Satz dröhnend widerhallt, jedoch bar jeder lebendigen Dynamik ist.

 

Marx hingegen durchbrach auf ganz andere Weise den engen Horizont des Utopismus, den er als eine zwar großherzige, aber hohle proletarische Version der Metaphysik ansah.

 

Einfach ausgedrückt: Die seitens der traditionellen Historiker in den Vordergrund gerückten Heere mit ihren Generalstäben und großen Feldherren sind nur die „Fortsetzung" der politischen Staaten, manchmal sogar die eigentliche konstituierte Form, die diese Staaten annehmen. Der Staat ist die Erscheinung und der Ausdruck der Spaltung der Gesellschaft in Klassen. Für den Marxismus sind es bestimmte Klassen, die ihre Herrschaft über das menschliche Gemeinwesen und deren Unterabteilungen - die Völker - organisiert haben. Aber eine Klasse organisiert sich nicht in ihrem eigenen Staat, wenn sie sich nicht zuvor, durch eine Reihe sozialer Kämpfe hindurch, hervorgerufen durch ihre Lebens- und Produktionsverhältnisse, als politische Partei, d.h. als Organ der Machtergreifung und -ausübung konstituiert hat. Eben kraft unserer grundlegenden Geschichtsauffassung ähnelt der Vorschlag, die Klasse solle sich des Staates bemächtigen und ihn ohne das Mittel der Parteiform organisieren, der Empfehlung, der Handwerker bzw. Arbeiter solle das glühende Schmiedeeisen mit bloßen Händen statt mit einer Zange anfassen, oder der Kämpfer solle das Schwert an der Schneide bzw. das Gewehr an der Mündung ergreifen.

 

Leute, die über die im Staat bzw. in der Partei verkörperte Gefahr lamentieren, erinnern uns an den bekannten Witz, der die spießbürgerliche und ängstliche Entschuldigung parodiert: Das Werkzeug war schuld!

 

Die marxistische Entzifferung der Geschichte verdankt ihre Kraft dem Umstand, dass sie die Ursachen- und Folgenkette von sich in Bewegung befindenden Menschenmassen bis zu ihren Triebkräften zurückverfolgt, wobei als erstes Kettenglied die Gewalt als Hebamme der Geschichte zu nennen ist: die vom Staat organisierten Armeen und Polizeikräfte; die politische Partei, die den über der Gesellschaft stehenden Staat führt; die Klasse, die zum Protagonisten der Geschichte wird, indem sie sich als politische Partei in bestimmten Formen und den ihr eigenen Organen organisiert; die Stellung dieser Klasse innerhalb der Produktionsverhältnisse; die Interessenkonflikte zwischen ihr und verschiedenen, infolge gemeinsamer Unterdrückung vereinigten anderen Klassen. Der gewöhnlich benutzte dualistische Antagonismus ist noch nicht mal der notwendige Endpunkt des ganzen langen Prozesses, den wir rückwärts verfolgt haben.

 

Im Laufe dieses langen Zyklus von in der politischen und wirtschaftlichen Führung einander ablösenden Klassen, von Parteien und Staaten, die deren Potenzial ausdrücken, von unterschiedlich ausgehenden Auseinandersetzungen zwischen herrschenden und beherrschten Klassen, von Zusammenstößen zwischen Staaten verschiedener geographischer Räume und rassischer Abstammung, wobei gewaltige Energiemassen freigesetzt werden und die Kriege zwischen den Staaten von sozial gesehen einander verwandten Klassen geführt werden - in diesem langen, an Situationen und Wechselfällen äußerst reichen Zyklus bestehen hinter- und nebeneinander begrenzte Gesellschaften (d.h. nationale, die wir lieber „endliche" nennen wollen), die die Lehre des marxistischen Materialismus in einer historischen und kausalen Serie von Typen und Modellen klassifiziert hat; übrigens ist es die erste Lehre, die so vorgegangen ist. Von einem marxistischen System bzw. einer marxistischen Auffassung des geschichtlichen Werdens könnte gar keine Rede sein, wären wir nicht durch die wissenschaftliche Kritik zu einer kontinuierlichen Serie dieser Modelle gekommen, zur großen Serie der Gesellschaftsformen, der Produktionsweisen, die zwischen den ersten sozialen Formen der gerade aus dem tierischen Leben herausgetretenen Menschengruppen und dem von uns wissenschaftlich fundierten Ziel der Zukunft - der kommunistischen Gesellschaft - eine riesige Brücke mit mehrfachen Bögen schlägt.

Die große „Serie" der Produktionsweisen

Von der immensen Skala der Kombinationen und sogar Kehrtwenden der Produktionsweisen, die sich in den verschiedenen historischen Arealen entwickeln und miteinander verflechten, lässt der Marxismus keine aus. Und während die Gegner über unsere Gewissheit höhnen, die einzig mögliche Richtung des geschichtlichen Verlaufs gefunden zu haben, treiben die unzähligen, zwischen ihnen und uns herumgeisternden revisionistischen Schulen (die die durch den Ausbruch der Klassenantagonismen erzeugte reine Luft vergiften) mit unseren Messinstrumenten Unsinn und lesen unseren Kompass verkehrtrum: Womit sie gefälschte, rigide und enge Schemata in Umlauf bringen, die bloß dazu gut sind, die großen Eroberungen der historischen Dialektik ins Lächerliche zu ziehen. Dazu gehören auch solche Leute, die den fruchtbaren historischen Boden der Staaten- und Klassenzusammenstösse unter den Milliarden Menschen zählenden farbigen Völkern leugnen; Völker, die sich heute in einer vulkanischen Aktivität befinden - im krassen Gegensatz zur ernüchternden Passivität der weißen Gesellschaften, die in der niedrigsten Phase ihrer Geschichte und ihrer sozialen Degenerierung versumpfen und lediglich in konterrevolutionärer Feigheit und existentiellem Zynismus führend sind.

 

Der Marxismus stellt eine Reihe glänzender Hypothesen bezüglich der Entwicklung der modernen Gesellschaften auf; er leitet sie von seiner einheitlichen Auffassung der „großen Serie" der Produktionsweisen ab und sieht in der Revolution eine Kraft, die sich sogar aus scheinbaren Sackgassen heraus den Weg freikämpft. Dies lässt sich nicht nur aus den mehr als klassischen Passagen schlussfolgern, auf die wir uns 1953 und 1958 in Florenz3 stützten, wie wir uns überhaupt, gleich wo und wann, auf die Grundlage der bekanntesten Schriften des ganzen Werkes stellen, sondern es wird auch durch einen großartigen Text betätigt, den wir auf unserer Versammlung in Piombino4 benutzten. Es handelt sich um den Entwurf für das große Werk des „Kapital", um die „Grundrisse", die Karl Marx für sich (und uns) schrieb, ohne sich darum zu kümmern, diesen eine den bürgerlichen Bildungsbürgern gefällige Form zu verleihen. Diese, wie von einem Riesen aus einem rohen Fels gehauene Reihe von Manuskripten wurde vor kurzem veröffentlicht; der Abschnitt, auf den wir uns hier beziehen, trägt den Titel: „Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehen". Der Übersetzung kann man nicht unbedingt trauen, wenn auch nur aufgrund der Schwierigkeit, den Text inhaltlich zu erfassen, was der rohen Niederschrift, deren Bearbeitung zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen sollte, geschuldet ist.

 

Mit Hilfe dieser Schrift lässt sich in die marxistische Literatur jenes Kapitel einordnen, das sonst aus verschiedenen Quellen (dem „Manifest", dem „Kapital", dem „Anti-Dühring") rekonstruiert werden musste, nämlich die berühmten Seiten des 1959 erschienenen Vorworts „Zur Kritik der politischen Ökonomie". Mit den „Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehen" lüftet der „Hexenmeister" das „Geheimnis" über die Art und Weise, in der die Menschen ihre Geschichte machen, und über das Drama des Gegensatzes zwischen Produktivkräften und den alten Produktionsverhältnissen, deren Antagonismus revolutionär aufgelöst wird, wenn ihre Stunde geschlagen hat. Die „Formen..." liefern uns eine organisch und kraftvoll entwickelte Darstellung jener Zeilen aus dem „Vorwort", die jedoch mit großer Sorgfalt zu rekonstruieren ist, da in einer solchen Arbeit die Thesen und ihre Stellung zueinander nicht chronologisch geordnet sind, und die Struktur der „großen Serie" darin brillant, aber sicher nicht explizit enthalten ist - wie ein gerade aus dem Ofen kommender Stahlrohling, der noch Schlacke mit sich führt.

 

Die große Bedeutung der „Formen..." (so auch für die in Piombino behandelten Begriffe über die maschinelle und automatisierte Produktion, die bereits ein Jahrhundert im Voraus eindrucksvoll beschrieben wurde) besteht in dem Beweis des Theorems der Invarianz, denn das Gerüst dieses Bauwerks ist von Marx nie modifiziert worden.

 

Nicht minder wichtig ist, dass dieser Text (der uns in seiner Originalfassung zugänglich ist, trotz des hundertjährigen Bemühens der selbsternannten Schüler des Meisters um Verflachung der Texte) die Verfälscher des Marxismus - mit Josef Stalin an ihrer Spitze - Lügen straft, die ständig vom Marx'schen Widerruf seiner Frühschriften reden. Der Marxismus arbeitet die charakteristischen Merkmale der kommunistischen Gesellschaft heraus, indem er sie von der widerlichen bürgerlichen Gesellschaft deduziert und beide erbarmungslos einander gegenüberstellt; die kapitalistische Form leitet er wissenschaftlich aus den älteren Formen ab, die sich großartig und erhaben ausnehmen, wenn man sie mit der bürgerlichen Form: der schäbigsten aller Gesellschaftsformen, Tiefpunkt in der Kurve der menschlichen Entwicklung, vergleicht. Niemand, der aus den Merkmalen des Übergangs von den vorkapitalistischen Formen zum Kapitalismus nicht die schneidenden Thesen des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus herauszulesen vermag, kann sich Dialektiker oder Marxist nennen; Thesen, die in den verschiedenen historischen Wellen nicht nur von den Opportunisten (für die der Kommunismus den Großteil seiner Merkmale den „unvergänglichen Errungenschaften" der kapitalistischen Ära verdankt) allesamt falsch verstanden und vorgebracht wurden, sondern auch von den Grüppchen der heterodoxen Linken, die - verschroben wie sie sind - keine Gelegenheit auslassen, ihren unterwürfigen Respekt für die kapitalistischen „Werte" der Freiheit, Zivilisation, Technik, Wissenschaft, Produktionskapazität etc. kundzutun - Werte, deren Erbe wir, dem in der revolutionären Glut geschmiedeten ursprünglichen Marxismus treubleibend, nicht vorhaben anzutreten, sondern mit unbändigem Hass und Verachtung aus dem Wege räumen werden.

Der wunderbare Abriss

Was die Beschreibung des Kommunismus bzw. seines Auftretens angeht, brauchen wir kein anderes Material als das bereits vor einem Jahrhundert (1858) von Marx bereit gestellte; man findet darin die Serie der Produktionsweisen, die mit dem Urkommunismus der Stämme begann und bald zu reif entwickelten Formen führen sollte: Markt, Kapital, Lohnarbeit. Diesen „konventionellen Waffen" des Klassenkampfes, die schon 1858 in theoretischer Hinsicht scharf genug waren, brauchen wir keine trügerischen Lang- und Kurzstreckenraketen hinzufügen: Wir sagen nicht, dass die Geschichte seitdem stehen geblieben ist, sondern, umgekehrt, dass sie nicht aufgehört hat, in der bürgerlichen Kloake zu versumpfen. Und wir sagen: Als Partei (entrüste sich, wer will) wissen wir alles.

 

Dieses zentrale Theorem der Serie der Produktionsweisen überführt alle sich im Umlauf befindlichen revisionistischen Lügen. Wenn man sich vornimmt, nicht ein endloses Thema erschöpfend behandeln zu wollen, sondern dieses Ergebnis mühsamer Anstrengungen klarzulegen und zu bekräftigen, lässt es sich leicht ausdrücken: Zum Ärger der Schwätzer, die stets „aus dem Stegreif" daherreden, werden wir es schematisch darlegen. Wenn die Gesellschaftsformen des voll entwickelten Kapitalismus n sind, werden es insgesamt n + 1 sein; unsere Revolution ist nicht eine von n, sondern die von Morgen, sie ist die nächste Form.

 

Wenn in der Geschichte eine postkapitalistische Form auftreten würde, die noch nicht der Kommunismus ist - dessen genaue Merkmale wir auf der Grundlage dessen charakterisiert haben, was den uns von allen Seiten her verpestenden Kapitalismus von den ihm vorangehenden Formen unterscheidet -, dann wäre der Kommunismus theoretisch die Form n + 2. Wäre es so, hätte es vor über einem Jahrhundert den historischen Moment der Gründung des invarianten Systems der Revolution - als Doktrin, als Partei, als Kampf - nicht gegeben.

 

Wenn wir negieren, dass n + 1 etwas anderes als der Kommunismus sein kann, drücken wir damit - wenn auch nur in symbolischer Form - unsere mittels komplexer, historischer und ökonomischer Analysen ausgearbeitete Position aus, die zwei revisionistische Abweichungen liquidiert: die stalinistische (oder schlimmer noch: die post-stalinistische), für die ein Lohn- und warenproduzierendes System staatlicher Unternehmen (das wir unter n einreihen) keine bloße Fortsetzung des Kapitalismus ist, und die „trotzkistische" (oder: die trotzkistischen Abweichungen, die sich bald auf Trotzki berufen, bald ihn kompromittieren), für die n + 2 die sozialistisch-kommunistische Form sein wird, während n + 1 die Herrschaft der bürokratischen Klasse darstelle.

 

Das Prinzip der Einheit der geschichtlichen Serie der vorkommunistischen Produktionsweisen reicht, um jede Theorie zurückzuweisen, die - ohne ein vollständiges „Modell" des Übergangs von n zu n+1 vorweisen zu können, was nur auf internationaler Ebene möglich ist - directement von der Form n - 1 (dem vorkapitalistischen Feudalismus) zum Aufbau des Sozialismus in einem Land kommt. Gleichermaßen erledigt sich dadurch die falsche Lehre der „nationalen Wege zum Sozialismus", dergemäß der Weg von Land zu Land eine andere Anzahl Terme, weniger oder mehr n-Einheiten haben kann.

 

Genauso verrückt ist es, der national-liberalen Revolution der farbigen Völker den Charakter eines revolutionären Übergangs abzusprechen, um sie in einer imaginären Gerichtsverhandlung zu Stagnation und Passivität zu verurteilen, solange sie nicht den von Stalin proklamierten Sprung von n - 1 zu n + 1 schaffen - wozu sie den Klassenkampf zwischen kapitalistischen Unternehmern und Proletariern aus dem Nichts heraus improvisieren müssten, anders gesagt, sie müssten sich von außen die voluntaristische Verwirklichung des Sozialismus injizieren lassen (woran kein Mensch glauben kann, es sei denn, er gehört zur Stalin'schen Schafherde).

 

Folgendes ist unumstritten: Seit dem historischen Auftreten der bürgerlichen Produktionsweise in weiten Teilen der Welt - und eines der Charakteristiken der kapitalistischen Form ist der Übergang vom nationalen Markt (heißt: nationale Unabhängigkeit und bürgerlich-nationaler Staat) zum Weltmarkt (ein wesentlicher Begriff bei Marx) - hat sich die allgemeine Bewegung sehr beschleunigt, ebenso wie sich die zeitlichen Abstände beim Übergang von einer zur anderen Gesellschaftsform verkürzt haben. Die von der Arbeiterbewegung unterstützte 48er bürgerliche Revolution sprang in wenigen Monaten von einer europäischen Hauptstadt zur nächsten über: ein klassisches Beispiel des marxistischen Grundrisses. Seitdem schreiten Verbürgerlichung und Industrialisierung der Welt unaufhaltsam voran. Was wir also immer als doppelte Revolution bezeichnet haben, und hier als beschleunigten Übergang von n - 1 zu n, dann von n zu n + 1 bezeichnen wollen, erscheint als historisch sehr wahrscheinliche Möglichkeit, wie seinerzeit in Russland. Nur war die Bedingung dafür international, also politische Revolution und soziale Transformation in den schon reifen kapitalistischen Ländern, die vom Kapitalismus zum Sozialismus übergehen können.

 

Die Theorie der Linken hat bewiesen, dass, nachdem die Revolutionen im Westen verraten wurden und gescheitert waren, die russische Revolution sich auf eine rein kapitalistische Revolution (von n - 1 zu n) beschränken musste - doch zweifellos sind die Folgen des stalinistischen Bankrotts hier auszumachen (was wohl kaum etwas mit dem Verrat einer Person zu tun hat): Da wirkliche kommunistische Revolutionen im Westen (und vorläufig auch in Russland) nicht absehbar sind, insofern von organisierten, zur Machtergreifung fähigen Parteien auf der Grundlage des revolutionären Programms weit und breit nichts zu sehen ist, können die noch vorkapitalistischen Länder keine doppelte Revolution machen, wie man es für Russland in der für das Europa der Nachkriegszeit fruchtbaren Periode erhoffen konnte.

 

Das internationalistische und revolutionäre Resultat dessen ist heute, dass sich diese Länder von den alten vorkapitalistischen Formen fortbewegen und den ersten Schritt in Richtung bürgerlicher Form, d.h. nationaler Revolution, machen. Als Klasse existiert das Proletariat weder dort noch hier, solange es den konterrevolutionären Parteien anhängt. In dem Maß, wie es zur Klasse wird, muss es auf dem Gebiet der Theorie eine vollständige Kritik des national-demokratischen Programms entwickeln, wie Marx es 1860 tat; darf es auf organisatorischem Gebiet die eigene Organisation als Klassenpartei keinesfalls mit Organisationen des Kleinbürgertums verschmelzen; und muss es auf historischem und politischem Gebiet am Sturz (d.h. wenn die Aktion nicht bürgerlich-kultureller bzw. wahlkampftaktischer Natur ist, sondern Aufstandscharakter trägt) der feudalen Machtorgane durch jene, die Lenin auf dem II. Kongress der KI „national-revolutionär" nannte, mitwirken. Logischerweise gilt diese Norm auch und vor allem, wenn solche Aufstände xenophob, also gegen die weißen Imperialisten gerichtet sind, gleich ob die sich mit den alteingesessenen lokalen Herrschern oder sogar mit einer entstehenden Großbourgeoisie verbündet haben oder nicht.

 

Die Rivalitäten der Imperialismen (worunter zweifellos der sowjetische einzuordnen ist) zum Vorwand zu nehmen, keine der Rebellionen der farbigen Völker gegen die westlichen imperialistischen Staaten zu unterstützen, ist genauso dumm wie die Argumentation, mit der man 1914/15 dem Defätismus „à la Lenin" begegnete: Dass nämlich ein der italienischen Bourgeoisie versetzter Schlag die Gefahr in sich berge, nach der Herrschaft der italienischen Bourgeoisie unter die Herrschaft der österreichischen Bourgeoisie zu fallen: typischer, klassischer Opportunismus!

Klassische Seiten

Wenn unser Schema - wie grob auch immer - nicht stimmen würde, würden all die großartigen Seiten des Marx'schen Werkes jegliche Kraft verlieren.

 

Im „Manifest der kommunistischen Partei" verbindet sich die bissigste Kritik an allen bürgerlichen Überbauformen mit dem höchsten Lobgesang, der der revolutionären Funktion der Bourgeoisie je gewidmet wurde:

„Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisierung von Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schifffahrt, der Industrie einen nie gekannten Aufschwung und damit dem revolutionären Element in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung."

„Die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt, den die Entdeckung Amerikas vorbereitete. Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schifffahrt, den Landkommunikationen eine unermessliche Entwicklung gegeben. Diese hat wieder auf die Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt, und in demselben Maße, worin Industrie, Handel, Schifffahrt, Eisenbahnen sich ausdehnten, in demselben Maße entwickelte sich die Bourgeoisie, vermehrte sie ihre Kapitalien, drängte sie alle vom Mittelalter her überlieferten Klassen in den Hintergrund."

„Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehn wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde" [MEW 4, S. 463, 464 + 466].

 

Diese Skizzierung der bürgerlichen Funktion ist im höchsten Maße dialektisch: Wenn der Kommunist sagt, dass der Hass der Barbaren vor der Allmacht des Kapitals kapituliert, stellt er sich in diesem Kampf, dessen Ausgang dem allgemeinen Geschichtsverlauf nützt, dennoch nicht auf die Seite des zivilisierten Weißen, sondern des rebellierenden Barbaren.

 

Wie sonst könnte man im „Manifest" ein paar Seiten weiter in den Passagen, die das unabwendbare Ende der bürgerlichen Zivilisation und Gesellschaft zeichnen, wobei die einer immer tieferen revolutionären Krise entgegengehende Wiederkehr immer gewaltigerer Überproduktionskrisen beschrieben wird, folgende Worte finden, die zur Genüge zeigen, wie fremd uns diejenigen sind, die die Macht der Technik und der Maschinerie des superproduktiven Industrialismus fürchten bzw. bewundern:

Die Gesellschaft besitzt „zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel (...). Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Zivilisation und der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse; im Gegenteil, sie sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie die Existenz des bürgerlichen Eigentums" [MEW 4, S. 468].

 

Nur diejenigen, die diesen im Jahr 1848 aufgestellten Richtlinien folgen, werden begreifen, warum Marx, der den Sturz der „chinesischen Mauern" zu Land und zu Wasser begrüßt, gleichzeitig die Methoden des Opiumkrieges, die Massaker in den fünf Häfen und Peking gnadenlos anprangert.

 

Heute haben wir zehn- oder hundertmal mehr Gründe, die kapitalistische Zivilisation zu verabscheuen. Wer die Hand gegen sie erhebt, sei es nur mit dem Assagai des Mau-Mau5, ist ein Bruder des kommunistischen Proletariats.

Die zentralen Seiten des „Kapital"

Marx' Hauptwerk folgt im Abstand von 20 Jahren dem „Manifest" in derselben folgerichtigen Linie; es ist sowohl ein Werk der ökonomischen Wissenschaft als auch eine gegen den Weltkapitalismus gerichtete Kampfschrift, worin alle Positionen der revolutionären Partei unverrückbar festgelegt sind. In grundlegenden Abschnitten des „Kapital" wird die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals behandelt.

 

Die gegnerische These lautet wie folgt: In der Ökonomie sei die Produktionsform mittels Kapital und Lohnarbeit ebenso „natürlich" wie der Warenaustausch, und der in die moderne bürgerliche Epoche einmündende Antrieb der Geschichte liege in der Befreiung der Menschheit vom Joch der rückschrittlichen, unzivilisierten und unnatürlichen Gewalten, deren Zwängen sich die Ökonomie zu unterwerfen hatte.

 

Die zentrale Beweisführung, die diese These ein für alle Mal widerlegt und auch zukünftig keinerlei theoretische „Bereicherung" nötig hat, weil sie in sich schlüssig ist, zeigt, dass die kapitalistische Produktionsweise nicht sozusagen seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte existiert, sondern dass ihr Auftreten eine ebenso unmenschliche wie alles andere als natürliche Gewalt erforderte.

 

Schon im „Manifest" zeigt Marx, dass zum bürgerlichen Epos des Raubes und der Ausrottung, „ursprüngliche Akkumulation" genannt, das Werk der weißen herrschenden Klasse gehört, die schon im eigenen Land geplündert und gemordet hatte, bevor sie dasselbe in den Überseegebieten und unter den unglücklichen farbigen Völkern tat.

 

Diese Seiten des Marxismus stillschweigend zu übergehen, um die antikapitalistische Revolution (mit der Begründung des in den Metropolen bestehenden Antagonismus zwischen Unternehmern und Proletariern) als innere Angelegenheit der weißen Rasse hinzustellen, ist genauso blödsinnig wie das andere Extrem, das eine Zusammenarbeit der weißen Klassen auf Kosten der Farbigen einfordert.

 

Das 24. Kapitel, das unter dem Titel „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation" den ersten Band abschließt, besteht aus folgenden Abschnitten: 1. das Geheimnis der ursprünglichen Akkumulation; 2. Expropriation des Landvolks von Grund und Boden; 3. Blutgesetzgebung gegen die Expropriierten seit Ende des 15. Jahrhunderts; 4. Genesis der kapitalistischen Pächter; 5. Rückwirkung der agrikolen Revolution auf die Industrie - Herstellung des inneren Markts für das industrielle Kapital; 6. Genesis des industriellen Kapitalisten; der 7. ist der famose letzte Abschnitt, den wir uns so oft vorgenommen haben, wobei wir an die anti-marxistischen Fälschungen wie auch an die beispielhafte Engels'sche Widerlegung im „Anti-Dühring" erinnerten: die geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation. Entweder wir machen uns was vor und ein Profil der Zukunft ist nicht machbar, oder es ist ein für alle Mal gemacht worden und jede Korrektur erübrigt sich.

 

Dass der Grundriss des ganzen Kapitels historisch nach dem englischen Modell gezeichnet wurde, ändert nichts daran, sich darauf für alle Länder und alle Zeiten zu beziehen. Ebenso wenig Beachtung schenken wir dem klassischen Einwand, der besagt, in der Zeit „nach Marx" seien in den von der Akkumulation heimgesuchten Ländern nicht alle Kleinbauern und Handwerker wie in England verschwunden, und außerdem weise gerade das englische Gesellschaftsmodell keine revolutionäre proletarische Partei auf und habe auch niemals eine starke Partei gehabt. Die aus diesem Modell gezogenen Schlüsse bleiben gültig: Der Verlauf der Weltgeschichte insgesamt wird dies zeigen, ohne dass auch nur eine einzige Zeile gestrichen werden müsste.

 

Denn das, was man verstehen muss und nach einem ersten großen Sieg des Proletariats sofort glasklar sehen wird, ist der Weg zum Sozialismus, den Marx in zwei große Etappen einteilt: Bildung des Binnenmarktes mit der Erzeugung von eigentumslosen Proletariern, Paupern (was „arm" oder „ärmer" in Bezug auf die persönliche Konsumtion sein heißt), durch Expropriation der freien Produzenten; Bildung des Weltmarktes durch die Expropriation und Niedermetzelung der überseeischen Völker, wobei die Methoden dieselben bleiben. Jedoch, wenn er diese barbarische Phase beschreibt, stellt sich Marx - d.h. die revolutionäre Partei - dialektisch auf die Seite des enteigneten Kleinproduzenten und der unterjochten und unterdrückten kolonisierten Völker.

Die Vergangenheit niederreißen

Wir fordern die Genossen zum x-ten Male auf zu lernen, im Marx'schen Text das Programm der kommunistischen Partei und in der Anprangerung der im Laufe der Geschichte begangenen kapitalistischen Heldentaten den deutlichen Umriss der kommunistischen Gesellschaft herauszulesen; dies lesen zu können ist um so notwendiger, als Marx eben diese bürgerlichen Unternehmungen nicht nur als notwendige Schritte (für die es keinen Ersatz gibt) auf dem Weg zur proletarischen Revolution rechtfertigt, sondern auch als positive Bewegungen, die in bestimmten historischen Stadien und innerhalb klar umrissener Grenzen vom Proletariat und seiner kommunistischen Partei mit den Waffen in der Hand unterstützt werden müssen.

 

Das „lesen" werden wir wieder anhand einiger weniger Zitate verdeutlichen, die in einer logischen Reihenfolge miteinander in Zusammenhang stehen, wie Meilensteine, die ein gutes Stück des langen geschichtlichen Weges markieren.

 

Das „Geheimnis" (ein Wort, das wir sehr mögen - trotz der Sarkasmen, die uns seit einem halben Jahrhundert in die Ohren geblasen werden -, weil ein Geheimnis sich auf einen Schlag enthüllt und es danach nichts mehr hinzuzufügen gibt) befindet sich auf Seite 743. Die Auflösung der feudalen Produktionsweise (ländliche Leibeigenschaft und städtische Zunft) setzt die konstitutiven Elemente der kapitalistischen Gesellschaft frei.

„Somit erscheint die geschichtliche Bewegung, die die Produzenten in Lohnarbeiter verwandelt, einerseits als ihre Befreiung von Dienstbarkeit und Zunftzwang (...). Andererseits aber werden diese Neubefreiten" (die im Alten Rom von ihren Herren emanzipierten Sklaven) „erst Verkäufer ihrer selbst, nachdem ihnen alle ihre Produktionsmittel und alle durch die alten feudalen Einrichtungen gebotnen Garantien ihrer Existenz geraubt sind. Und die Geschichte dieser ihrer Expropriation ist in die Annalen der Menschheit eingeschrieben mit Zügen von Blut und Feuer" [MEW 23, S. 743].

 

Wir lesen: Im Kommunismus besteht für alle die gesellschaftliche Garantie ihrer Existenz, und Verkäufer ihrer selbst gibt es nicht (d.h. es gibt weder Lohnarbeit noch Geld).

 

Mit der wilden Expropriation der ländlichen Bevölkerung (im 15. Jahrhundert) stand die englische Gesellschaft „noch nicht auf der Zivilisationshöhe, wo ‘Reichtum der Nation', d.h. Kapitalbildung und rücksichtslose Exploitation und Verarmung der Volksmasse als ultima Thule aller Staatsweisheit gelten" [MEW 23, S. 746/47]. Für Bourgeois vom Typ eines Gladstone von 1865 genauso wie für die zeitgenössischen „Kommunisten" der Moskauer Schule, die das Volk, das Vaterland und die Nation ebenso wie... den Marxismus bereichern wollen, gelten Kapitalbildung bzw. Bereicherung sehr wohl als ultima Thule aller Staatsweisheit!

 

„Das 18. Jahrhundert begriff jedoch noch nicht in demselben Maß wie das 19. die Identität zwischen Nationalreichtum und Volksarmut" [MEW 23, S. 753]. Das 20. Jahrhundert enthüllt den verknöcherten Marx Schülern die Gipfelpunkte des amerikanischen bzw. russischen „Nationaleinkommens".

 

Ferner diese unvergessliche Synthese: „Der Raub der Kirchengüter, die fraudulente Veräußerung der Staatsdomänen, der Diebstahl des Gemeindeeigentums, die usurpatorische und mit rücksichtslosem Terrorismus vollzogne Verwandlung von feudalem und Claneigentum in modernes Privateigentum, es waren ebenso viele idyllische Methoden der ursprünglichen Akkumulation. Sie eroberten das Feld für die kapitalistische Agrikultur, einverleibten den Grund und Boden dem Kapital und schufen der städtischen Industrie die nötige Zufuhr von vogelfreiem Proletariat" [MEW 23, S. 760/61].

 

Hier kann man lesen, dass die sozialistische Umwälzung auch darin bestehen wird, die Verstädterung zu eliminieren und die Monstrosität dieser industriellen Wohnklos zu zerschlagen - übrigens ein blühendes Phänomen im heutigen, sogenannten sowjetischen Russland.

 

In den entwickelten kapitalistischen Ländern scheinen sich die Lohnarbeiter heute dem Kapital friedlich und selbstverständlich zur Verfügung zu stellen - was die Ökonomen gleich auf den Plan ruft, dies als Wirkung ihrer „ewigen Naturgesetze" geltend zu machen. An diesem Punkt kommt uns die Untersuchung der Vergangenheit zu Hilfe:

„Anders während der historischen Genesis der kapitalistischen Produktion. Die aufkommende Bourgeoisie braucht und verwendet die Staatsgewalt, um den Arbeitslohn zu ‘regulieren', d.h. innerhalb der Plusmacherei zusagender Schranken zu zwängen, um den Arbeitstag zu verlängern und den Arbeiter selbst in normalem Abhängigkeitsgrad zu erhalten. Es ist dies ein wesentliches Moment der sog. ursprünglichen Akkumulation" [MEW 23, S. 765/66].

 

Merken wir an, dass viele von der modernen bürgerlichen Ökonomie (welche selbstredend eine andere als die Marx bekannte sein soll) Besessene etwa 1950 entdeckt haben, dass der Staat die Wirtschaft durchdringt - oder auch umgekehrt: Jeder Mist lässt sich nach Belieben am Kopf genauso wie am Schwanz aufzäumen.

 

Marx hat die Genesis der kapitalistischen Unternehmer hier noch nicht untersucht; er beginnt mit der Genesis der Pächter: „Nachdem wir die gewaltsame Schöpfung vogelfreier Proletarier betrachtet, die blutige Disziplin, welche sie in Lohnarbeiter verwandelt, die schmutzige Haupt- und Staatsaktion, die mit dem Exploitationsgrad der Arbeit die Akkumulation des Kapitals polizeilich steigert (...)" [MEW 23, S. 770].

 

In der hervorragenden Beschreibung der Bildung des englischen Binnenmarktes bemerkt Marx, dass ebenso, wie sich die Kleinbauern in Lohnarbeiter verwandeln, die Subsistenzmittel, die Werkzeuge und die Produkte (insbesondere die Spinnerei- und Webereierzeugnisse) des ländlichen Hausgewerbes zu Waren werden, die nur mit Geld erworben werden können und einen Markt für das Industriekapital bilden:

„So geht Hand in Hand mit der Expropriation früher selbstwirtschaftender Bauern und ihrer Losscheidung von ihren Produktionsmitteln die Vernichtung der ländlichen Nebenindustrie, der Scheidungsprozess von Manufaktur und Agrikultur. Und nur die Vernichtung des ländlichen Hausgewerbes kann dem innern Markt eines Landes die Ausdehnung und den festen Bestand geben, deren die kapitalistische Produktionsweise bedarf" [MEW 23, S. 776].

 

Es ist dies eine weitere Stelle, die an das Programm der sozialistischen Revolution denken lässt: Niederreißen der Schranken, die zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Landwirtschaft errichtet wurden, was nur in einer Ökonomie ohne Waren und Markt überhaupt vorstellbar ist.

Die bürgerlichen Verbrechen in Übersee

Wir kommen jetzt zur vollständigen Genesis des industriellen Kapitalisten und zum Übergang vom Binnen- zum Weltmarkt. Hier zeigt sich eine neue Reihe von Gewaltakten, diesmal außerhalb der Grenzen des ersten kapitalistischen Landes - England.

 

Es ist sicherlich nicht das erste Mal, dass wir diese Stelle zitieren: „Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation. Auf dem Fuß folgt der Handelskrieg der europäischen Nationen, mit dem Erdrund als Schauplatz. Er wird eröffnet durch den Abfall der Niederlande von Spanien, nimmt Riesenumfang an in Englands Antijakobinerkrieg, spielt noch fort in den Opiumkriegen gegen China usw." [MEW 23, S. 779].

 

Diese berühmte Passage weist auf die Reihenfolge hin, in der sich die imperiale Macht verlagert: Portugal, Spanien, Holland, Frankreich und England, wo die verschiedenen Momente der ursprünglichen Akkumulation „Ende des 17. Jahrhunderts systematisch zusammengefasst (werden) im Kolonialsystem, Staatsschuldensystem, modernen Steuersystem und Protektionssystem. Diese Methoden beruhn zum Teil auf brutalster Gewalt, z.B. das Kolonialsystem. Alle aber benutzten die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozess der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu fördern und die Übergänge abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz" [MEW 23, S. 779].

 

Das in einer derart fundamentalen Textstelle ausgesprochene Marx'sche Urteil über das Kolonialsystem ist mehr als deutlich; seit dieser Zeit steht die revolutionäre Bewegung des Proletariats gegen die brutalen kolonialen Unternehmungen der bürgerlichen Weltmächte.

 

Es folgt eine wütende Aufzählung aller Gräuel, die die europäischen Eroberer in Übersee begangen haben. Das Vorgehen der Holländer im heutigen Indonesien war grauenhaft. So bestachen sie den portugiesischen Gouverneur in Malakka, der sie 1641 in die Stadt einließ, woraufhin sie ihn sofort umlegten, damit sie um die vereinbarte Bestechungssumme herumkommen. Der Menschendiebstahl, um an Arbeitskräfte zu kommen, war so zielstrebig, dass eine im Jahre 1750 noch 80.000 Einwohner zählende Provinz des sehr fruchtbaren Javas 1811 nur noch 8000 Einwohner hatte!

 

Das Monopol der Englisch-Ostindischen Kompanie auf Tee, Tabak, Reis und den Handel überhaupt führte durch Raub und unglaubliche Exzesse zum Ruin der chinesischen und indischen Bevölkerung und fabrizierte vernichtende Hungersnöte - zum Zweck der Akkumulation.

 

Grausame Methoden wurden von den kolonialen Raubrittern gegen diese schon zahlenmäßig starken und zivilisierten Völker angewandt, mit denen man Handel auf der Basis des Exports von tropischen Produkten und des Imports von Manufakturprodukten der europäischen Industrie treiben wollte. Und brutal war auch das Plantagensystem, mit dem man die Produktion kolonialer Erzeugnisse durch Besetzung riesiger Landstriche vorantreiben wollte und in dem die Einheimischen mit der Peitsche und einer Handvoll Lebensmittel zur Arbeit angetrieben wurden - noch schlimmer war es in den „eigentlichen Kolonien": Amerika, dann Australien, Südafrika etc., wohin sich sowohl die europäische Bevölkerung als auch das produktive Kapital der Metropolen auf den Weg machte. Hier begann man in den ersten Jahrzehnten durch unglaubliche Ausrottungsfeldzüge das Territorium von seiner einheimischen Bevölkerung geradezu zu säubern: die Spanier und Portugiesen in Süd- und Zentralamerika, die Engländer und Franzosen in Nordamerika.

 

Marx erinnert an Episoden, wo „der christliche Charakter der ursprünglichen Akkumulation" sich nicht verleugnete [MEW 23, S. 781]. Bekanntlich rechtfertigte die Religion die Massaker an den harmlosen, meistens wehrlosen und fast unbewaffneten Menschen damit, dass die Rothäute, da sie nicht zu den in der Bibel erwähnten drei Stämmen gehörten, keine Seelen hätten.

„Jene nüchternen Virtuosen des Protestantismus, die Puritaner Neu-Englands, setzten 1703 durch Beschlüsse ihrer Assembly eine Prämie von 40 Pfd. St. auf jedes indianische Skalp und jede gefangne Rothaut, 1720 Prämie von 100 Pfd. St. auf jedes Skalp, 1744 (...) folgende Preise: für männliches Skalp, 12 Jahre und darüber, 100 Pfd. St. neuer Währung, (...) für Skalps von Weibern und Kindern 50 Pfd. St.!" [MEW 23, S. 781].

 

Als die „pilgrim fathers" dann später gegen das Mutterland rebellierten, benutzte England seinerseits die bewährten Methoden, indem es zur Rebellenjagd dressierte Bluthunde und sich gegen Geld verdingende Indianer auf sie hetzte und sie nun ihrerseits tomahawken ließ.

 

Dieser Aufzählung von Niederträchtigkeiten folgt die Analyse der Bedeutung des Kolonialsystems für die Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise:

„Das Kolonialsystem reifte treibhausmäßig Handel und Schifffahrt. Die ‘Gesellschaften Monopolia' (Luther) waren gewaltige Hebel der Kapital-Konzentration. Den aufschießenden Manufakturen sicherte die Kolonie Absatzmarkt und eine durch das Marktmonopol potenzierte Akkumulation. Der außerhalb Europas direkt durch Plünderung, Versklavung und Raubmord erbeutete Schatz floss ins Mutterland zurück und verwandelte sich hier in Kapital" [MEW 23, S. 781].

 

Bis wir eine gründlichere Untersuchung des ökonomischen Mechanismus in Angriff nehmen, schließen wir diese für sich sprechende Zitatenreihe mit folgender Passage ab:

„Während sie die Kindersklaverei in England einführte, gab die Baumwollindustrie zugleich den Anstoß zur Verwandlung der früher mehr oder minder patriarchalischen Sklavenwirtschaft der Vereinigten Staaten in ein kommerzielles Exploitationssystem. Überhaupt bedurfte die verhüllte Sklaverei der Lohnarbeiter in Europa zum Piedestal die Sklaverei sans phrase in der neuen Welt" [MEW 23, S. 787].

 

Auch heute, unter anderen Umständen als während des amerikanischen Bürgerkriegs (der zur selben Zeit stattfand, in der Marx sein Hauptwerk verfasste), gibt es eine direkte Verbindung: Das kapitalistische System, das stets Hungersnöte und Genozide im Gepäck hat, wütet gegen die Arbeiter der weißen Metropolen wie, in anderer Form, gegen die geschundenen farbigen Völker, deren hervorbrechende Lebenskraft verhindert hat, sie völlig zu vernichten.

Marx rechnet mit einer von China ausgehenden Revolution

Dass in Bezug auf die Aktion gegen den weißen Metropolenkapitalismus der Klassenkampf der weißen Arbeiter und die Rebellion der Überseevölker gegen die kolonialen Feldzüge und Erniedrigungen analog verläuft, ist eine Vorstellung, die nicht erst (wie viele glauben mögen) zum Marxismus gehört, seit Lenin seine Untersuchung auf die Phänomene des Imperialismus der Jahrhundertwende ausdehnte.

 

In der „Neuen Rheinischen Zeitung" vom Februar 1850 erwähnt Engels die Schriften eines christlichen Missionars, Gützlaff, der nach über 30 Jahren Aufenthalt in China zur Zeit des berühmten Taiping-Aufstandes nach Europa zurückkehrte. Ein Aufstand, der im Innern der kleinbäuerlichen Klasse aufbrach und sich gegen die Pekinger Monarchie richtete. Er war eine Folge der schweren Krise, die um 1840 damit begann, dass England, bald andere Mächte im Schlepptau, China dazu zwang, seine Häfen dem Handel (namentlich dem Opiumhandel) zu öffnen, wodurch das Finanzwesen und die Wirtschaft des chinesischen Reiches an den Rand des Ruins gedrängt wurden. Die Taiping-Bewegung begnügte sich nicht damit, den Feudaladel und die ihn stützende Staatsbürokratie anzugreifen, sondern bezog eine Position, die das Privateigentum am Boden überhaupt verurteilte. Engels beschreibt diese soziale Bewegung in ihren großen Zügen und betont die ökonomische Ursache der revolutionären Bewegungen, die auch bei diesem fernen, aus einer jahrtausendealten Stagnation herausbrechenden Volk gänzlich bestätigt wird. Er schlussfolgert:

„Als Herr Gützlaff nach 20jähriger Abwesenheit wieder unter zivilisierte Leute und Europäer kam, hörte er von Sozialismus sprechen und frug, was das sei? Als man ihm dies erklärt hatte, rief er erschreckt aus:

‘Ich soll also dieser verderblichen Lehre nirgends entgehn? Gerade dasselbe wird ja seit einiger Zeit von vielen Leuten aus dem Mob in China gepredigt!'

Der chinesische Sozialismus mag sich nun freilich zum europäischen verhalten wie die chinesische Philosophie zur Hegel'schen" (der Ton ist scherzend, doch gewisse ursprüngliche Positionen des altchinesischen Denkers Lao-tse können wohl als dialektische gelten). „Es ist aber immer ein ergötzliches Faktum, dass das älteste und unerschütterlichste Reich der Erde durch die Kattunballen der englischen Bourgeois in acht Jahren an den Vorabend einer gesellschaftlichen Umwälzung gebracht worden ist, die jedenfalls die bedeutendsten Resultate für die Zivilisation haben muss. Wenn unsere europäischen Reaktionäre auf ihrer demnächst bevorstehenden Flucht durch Asien endlich an der chinesischen Mauer ankommen, an den Pforten, die zu dem Hort der Urreaktion und des Urkonservatismus führen, wer weiß, ob sie nicht darauf die Überschrift lesen:

République chinoise - Liberté, Egalité, Fraternité" [MEW 7, S. 222].

 

Mit dieser kurzen Anmerkung wollte Engels nachdrücklich unterstreichen, dass der Zyklus der gesellschaftlichen Formen in China dieselben großen Stadien aufweisen wird wie überall, und dem feudalen China, wie in Frankreich, ein republikanisches und kapitalistisches China folgen muss, das den Schauplatz eines Klassenkampfes für den Sozialismus abgeben wird.

 

Was (nach einer neuen und langen Reihe von Aggressionen des europäischen Kolonialismus gegen das Himmlische Reich, das im Laufe dieses langwierigen Kampfes zusammenbrach) auch geschah, allerdings erst 1911 mit der Revolution von Sun Yat-sen.

 

Ein anderer Marx'scher Text bekräftigt nicht nur diese Erwartung sukzessiver sozialer Bewegungen in China nach dem europäischen Muster, sondern blickt noch viel weiter, insofern die historische Möglichkeit ins Auge gefasst wird, dass eine soziale Revolution im fernen China das Startsignal für europäische Bewegungen geben kann.

 

Acht Briefe, die Marx zwischen 1853 und 1860 an die „New York Daily Tribune" sandte, behandeln die chinesische Frage. Sie stehen in direktem Zusammenhang mit der Passage im „Kapital" über die Opiumkriege.

 

Im Jahre 1833 endete das Handelsmonopol der Ostindischen Kompanie mit China. Nur der große Hafen von Kanton blieb dem Außenhandel geöffnet. England, dessen Interesse in der Errichtung eines Regimes der „offenen Häfen" bestand, entfesselte den ersten Opiumkrieg von 1839 bis 1842; mit dem Vertrag von Nanking musste China kapitulieren und neben Kanton die Häfen von Amoy, Futschou, Ningpo und Shanghai öffnen und Hongkong an England abtreten, das es zur Kronkolonie machte.

 

Im Jahre 1850, als die Vereinigten Staaten und Russland ihrerseits anfingen, Ansprüche anzumelden, nahm die große Taiping-Bewegung ihren Anfang, die sich von 1853 bis 1864 ganzer Provinzen bemächtigte und in Nanking ihr Hauptquartier aufschlug. Die Rebellen liquidierten die Feudalherren und kaiserlichen Mandarine und schafften so die erdrückenden hohen Steuern ab, sie wiesen den Drogen- und Opiumkonsum zurück, hatten aber nichts gegen den Handel mit den Ausländern, und sie gaben egalitäre und kommunistische Losungen heraus. In einem Text über die sukzessiven Bauernkriege in China gibt Mao-Tse-Tung das Agrargesetz der Taiping wieder, das jedenfalls eher als die von ihm verkündeten einen wahren kommunistischen Inhalt hatte, denn hier herrschte, weder in Bezug auf das Eigentum noch auf die Bewirtschaftung, die Zersplitterung des Bodens vor: „Die ganze Erde unter dem Himmel muss durch das ganze Volk unter dem Himmel bebaut werden. ( ) Mögen sie sie zusammen bebauen und den geernteten Reis zusammen essen". Die Taiping waren keine Utopisten: Sie errichteten einen Staat, der 14 Jahre lang durchhielt, staatliche Handwerkerkolonnen unterhielt und Gesetze erließ, nach denen keiner schlecht ernährt oder schlecht gekleidet sein durfte...

 

1856 lösten England und Frankreich unter einem schäbigen Vorwand den zweiten Opiumkrieg aus, der nach furchtbaren Massakern zum Vertrag von Tientsin mit England führte. Der Krieg wird 1860 wieder aufgenommen, bis er schlussendlich zur blutigen Eroberung und Plünderung Pekings führt. Mit dem Vertrag von Peking - der sich noch räuberischer als der von Tientsin ausnahm - muss China den Europäern weitere Konzessionen machen. 1864 schlägt ein gemeinsames Heer des chinesischen Kaisers und der Europäer die heroischen Taiping und marschiert, Ströme von Blut vergießend, in Nanking ein.

Der erste Brief Marx'

Der erste Artikel über China erschien am 14. Juni 1853 in New York. Der Titel ist mehr als deutlich: „Die Revolution in China und Europa". Marx wirft hierin direkt die Frage nach der Auswirkung auf, die eine Revolution in China auf die ganze zivilisierte Welt ausüben kann:

„Scheinbar ist es eine sehr seltsame und sehr paradoxe Behauptung, dass die nächste Erhebung der Völker Europas und ihr nächster Schritt im Kampf für republikanische Freiheiten und ein wohlfeileres Regierungssystem wahrscheinlich in großem Maße davon abhängen dürfte, was sich jetzt im Reich des Himmels - dem direkten Gegenpol Europas - abspielt, mehr als von jeder anderen zur Zeit bestehenden politischen Ursache - mehr sogar als von den Drohungen Russlands und deren Folgen, nämlich der Wahrscheinlichkeit eines gesamteuropäischen Krieges. Dennoch ist es kein Paradox; das werden alle einsehen, die die näheren Umstände der Angelegenheit aufmerksam betrachten" [MEW 9, S. 95].

 

Nun, die Perspektive einer „nächsten Erhebung der Völker Europas" verwirklichte sich weder bis zum Ende der Taiping-Bauernrevolution, die, wie gesagt 11 Jahre dauerte, noch in den Jahren nach 1911, als China abermals große Erschütterungen erlebte (die Lenin zusammen mit den Erschütterungen des Jahres 1905 in Russland und in Asien: Türkei und Persien, hervorhob); die zweite Perspektive, die einem allgemeinen Krieg galt, welcher Russland mit in den Strudel reißen musste (was, wie Marx und Engels stets betont hatten, das Ende der deutschen Reiche mit sich bringen würde), ließ bis 1914 auf sich warten, aber auch diesmal wurde die Gelegenheit, an die dann ausbrechende russische Revolution anzudocken, verpasst.

 

Aber Marx kommt sofort zur Beweisführung seiner These, die keineswegs an Bedeutung verliert, auch wenn die Ereignisse einen anderen Verlauf nahmen. Es sind die englischen Kanonen, sagt er, die die soziale Revolte der Taiping auslösten, indem sie „China das Rauschgift aufzwangen, das wir Opium nennen" [MEW 9, S. 96]. Die Macht der englischen Waffen hat die jahrhundertealte hermetische Abschließung Chinas durchbrochen; die Ursachen dafür waren ökonomischer Natur. Bis 1830 war die Handelsbilanz für China positiv: Der Export von Tee und anderen Erzeugnissen brachte China Silber aus Indien, England und den USA ein. Der Schmuggel mit Opium (das die Chinesen bezahlen mussten) kehrte das Verhältnis um; umsonst die Versuche des Kaiserreichs, diesen Handel zu unterbinden. Die Korruption der eigennützigen Staatsbeamten provozierte die Rebellion. Zum anderen lastete die Einfuhr englischer Textilien immer schwerer auf der lokalen Industrie, vor allem wurden Spinner und Weber ruiniert.

 

Mit dem Durchbrechen der Abschottung führten die englischen Kanonen den Zerfall des alten chinesischen Systems herbei. Wie musste dies auf England und Europa zurückwirken? Marx hebt die außerordentliche Prosperität der englischen Manufakturindustrie (die seinerzeit erstklassig in der Welt dastand) in diesen Jahren hervor, nicht ohne gleichzeitig einen Blick auf die (für 1857 von ihm erwartete) nahende Handels- und Überproduktionskrise zu werfen, die, allgemeiner als die früheren, Elend und Arbeitslosigkeit in England hervorrufen und auf ganz Europa übergreifen würde. Ein diese Krise beschleunigendes Element hätte der durch die Bauernrevolution in Gang gebrachte Widerstand gegen die Ausdehnung des Marktes in China darstellen können.

 

Wir brauchen nicht daran zu erinnern, dass Marx und Engels in den darauffolgenden Jahren zugaben, die Rückkehr der großen revolutionären Welle von 1848 zu früh erwartet zu haben. Bedeutend im Brief von 1853 ist die Theoretisierung des kausalen Zusammenhangs zwischen der Revolution in China und der Erhebung im so viel „fortgeschritteneren" und „zivilisierteren" Europa.

 

Über ein Jahrhundert später ist die Schlussfolgerung dieses Briefes über die Kriegsgefahren und die revolutionären Perspektiven noch stärker gültig, ja sogar noch aktueller:

„Seit Beginn des 18. Jahrhunderts hat es in Europa keine ernstliche Revolution gegeben, der nicht eine Handels- und Finanzkrise vorausgegangen wäre. (...) In den europäischen Hauptstädten bringt jeder Tag Depeschen, die mit einem gesamteuropäischen Krieg schwanger gehen und die am nächsten Tag ersetzt werden von Depeschen, in denen der Friede für etwa eine Woche garantiert wird. Nichtsdestoweniger dürfen wir gewiss sein, welchen Grad die Zuspitzung zwischen den europäischen Mächten auch erreichen, (...) dass der Fürstenzorn" (heute würde man sagen: der Zorn der „Großen") „und die Volkswut sich gleichermaßen legen werden, wenn nur ein Hauch von Prosperität zu spüren ist" (das geht an euch, ihr Apostel des Wohlstands und des Friedens). „Dass Europa sich durch Kriege oder Revolutionen in die Haare geraten wird, ist unwahrscheinlich, es sei denn im Gefolge einer allgemeinen Handels- und Industriekrise, für die das Signal wie gewöhnlich von England, dem Repräsentanten der europäischen Industrie auf dem Weltmarkt, gegeben werden müsste" [MEW 9, S. 101/02].

 

Für „Europa" setzen wir „kapitalistische Welt" und für „England" „Amerika" und dann fahren wir fort: Zum Teufel mit Wohlstand und Frieden! Die Mine, die beides in die Luft jagen wird, mag sehr wohl aus irgendeinem Winkel der von Plünderern und Massakrierern heimgesuchten farbigen Welt kommen.

Der ursprüngliche und unverfälschte Marxismus

Die bereits vor einem Jahrhundert im Marxismus enthaltene Position, die weder weiterentwickelt noch vervollkommnet oder - noch alberner - bereichert werden braucht, steht hier in ihrer ganzen dialektischen Kraft vor uns; es handelt sich bloß darum, sie gegen die niedrigen, überbordenden Degenerierungen zu verteidigen und wiederaufzurichten. Das „Manifest" verkündete, dass die Kommunisten „jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände" unterstützen [MEW 4, S.493]. Darin steckt keineswegs der unausgesprochene Gedanke, dies gelte nur für die „Zustände" der dem bürgerlichen Kapitalismus eigenen Ordnung und Staatsform. Als das „Manifest" die Länder der damaligen Zeit Revue passieren ließ, wiesen tatsächlich nur zwei Fälle - England und Frankreich - eine Bewegung der Arbeiterklasse gegen den bürgerlichen Staat auf. Für das übrige Europa schreibt es den Kommunisten vor, jeden antifeudalen und antidespotischen Aufstand - nicht nur der Bourgeoisie selbst, sondern in bestimmten Fällen (Polen von 1848 bis 1871) sogar des Kleinadels - zu unterstützen. Eben dann, wenn es sich um illegale Aufstandsbewegungen handelt, die auf den Sturz der bestehenden Ordnung, auch mittels terroristischer Methoden, zielen.

 

Was für das Europa von 1847 bis 1871 theoretisch gefasst und zur strategischen Norm erhoben wurde, gilt heute für die unterentwickelten, noch unter der Herrschaft vorkapitalistischer Formen stehenden Staaten Asiens und Afrikas.

 

Aber sowohl in dem einen wie in dem anderen Fall gibt es - einmal die geographischen und historischen Grenzen klar bestimmt - eine im Wesen des Marxismus begründete gemeinsame Grundlage, in der das Ganze schon enthalten ist. Es geht nicht nur um den Begriff der Revolution in Permanenz - d.h. die Unterstützung jener Aufstände und Revolten, um dann direkt zum finalen proletarischen Aufstand gegen die Bourgeois überzugehen. Auch reicht es nicht, aufgrund der Gesetzmäßigkeit der historischen Revolutionen zu erkennen, dass die bürgerlichen Demokraten nach ihrem, im Bündnis mit den Arbeitern errungenen Sieg, dieselben angreifen und massakrieren werden, eben um die Gefahr der Permanenz der revolutionären Wellen zu bannen (aufgrund dieses Kriteriums hätte man 1928 voraussehen müssen, dass die Kuomintang der Henker der Kommunisten werden sollte, wie es auch die französische bürgerliche Monarchie 1831, die zweite Republik 1849, die dritte 1871 wurden, um nicht von der ersten gegen Babeuf und die „Gleichen" zu reden).

 

Sondern es geht um ein essentielles Merkmal, das weit über die Wahl des strategisch richtigen Zeitpunkts für den Angriff gegen die vormals Verbündeten hinausgeht (das einzige, jedoch großartige Beispiel dafür ist der russische Oktober), weil es die Theorie, die Lehre betrifft, ohne die es keine revolutionäre Bewegung gibt. Ein Merkmal, das, ebenso wie das strategische Vermögen, allein der Partei angehört, während die amorphe und unmittelbare Klasse ‘von der Ideologie derer durchdrungen ist, an deren Seite es marschiert' - weshalb es blödsinnig wäre, die Klasse stets, gleich wann und wo, zu befragen.

 

Wenn die marxistische Partei für historisch-revolutionäre Situationen bestimmte Bündnisse eingeht, zeigt sie damit gleichzeitig die Fähigkeit zur radikalen Negation und Kritik, genauer, zur rücksichtslosen Zerstörung jeglichen „ideologischen Überbaus" der eigenen Verbündeten; sie macht daraus keinen Hehl, sie verheimlicht es in keinem Augenblick, auch nicht mitten im Waffengetümmel. „Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen" [MEW 4, S. 493].

 

Wenn das Kampfbündnis auch auf der Ebene des Überbaus gültig wäre (wie es bei jeder pazifistischen, propagandistischen, pädagogischen, legalen, konstitutionellen oder parlamentarischen Agitation der Fall ist), wäre diese Kraft der Negation gar nicht möglich; sie ist ein Ergebnis, das von der Existenz einer festen proletarischen Partei abhängt. Die Partei wird zahlenmäßig schwach sein, wenn die große Masse durch die feindlichen Ideologien, zu denen sich die „Bundesgenossen" bekennen, infiziert ist, so wie sie ihr lebendiges Vermögen, im Besitz der Theorie in ihrer Totalität zu sein, verlieren wird, wenn sie sich aufbläht und „populär" wird, wenn also noch den gegnerischen Theorien erlegene Arbeiter ihre Reihen vergrößern, oder gar kleinbürgerliche Schichten, die „von Hause" aus im Moment des Kampfes für den Sozialismus konterrevolutionär sind.

 

Dass diese Lehre seit 1848 existiert, zeigen nicht nur die Texte, deren Lebenskraft durch die Vielzahl der Klassenkämpfer erwiesen ist, die sich im Laufe eines Jahrhunderts und in der ganzen Welt gefunden haben, sondern dies ist auch durch die Existenz großer Länder bewiesen, in denen die letzte Phase des Klassenkampfes zwischen Kapitalisten und Lohnarbeitern ohne Wenn und Aber eingetreten ist. 1848 war das in England der Fall, und dass die theoretische Schule deutsch und die kämpfende Avantgarde französisch war (erinnern wir uns dieses weiteren dialektischen Sprungs), hat daran nichts geändert. Die Partei trat jetzt als Internationale auf!

 

1918 kämpfte man mit den Waffen in der Hand, und im ganzen Kontinentaleuropa berief man sich auf die Theorie des Marxismus; aber das alles hat nicht gereicht: Die Geschichte der opportunistischen Seuche haben wir vor einiger Zeit gründlich untersucht. In der heutigen Phase gleichen die Masse des Proletariats und ihre großen Parteien einem Netz von Abwasserkanälen, in denen die Jauche der bürgerlichen politischen Ideologien fließt, die des Liberalismus, Pazifismus, des Fortschrittlertums, des Wohlstands, der Legalität, Verfassungsmäßigkeit und sonstiger Abartigkeiten.

 

Selbst in den Perioden, in denen man sich physisch, auf der Ebene des Unterbaus, auf den gemeinsamen Feind stürzt, behauptet die revolutionäre Lehre die unüberbrückbare Kluft zwischen den Klassentheorien, denn diese Lehre setzt die kommunistische Partei in den Stand, an der Position des künftigen gesellschaftlichen Menschen festzuhalten und zu erklären (hier kommen wir auf die „Grundrisse", auf das Bindegewebe eines Jahrhunderts des Marxismus zurück): Wenn auch die bürgerliche Gesellschaftsform die vorbürgerlichen Formen überwinden muss, und zwar gewaltsam, so erscheinen letztere doch als das Höhere, sobald wir jene gesellschaftliche Ordnung zum Maßstab nehmen, auf die wir hinarbeiten, die für unsere Partei das Programm ist, und für die nur sie sich organisiert und die Arbeiterklasse in den Kampf führt.

 

In dieser großen Wahrheit liegt der - heute theoretische, morgen historische - Sieg des neuen Gesellschaftsmenschen, liegt der schmachvolle Tod des Individualismus, jeder individualistischen Ideologie und Praxis; nur die Partei verliert dies in keinem einzigen Moment aus den Augen.

 

Was soll man den Schaden ermessen können, den diejenigen verursachen, die gegen den Kult der Großen, den „Battilocchismus"6 oder (wie die Trottel sagen) den „Starkult" Garantien suchen, womit sie riesige Löcher in die Auffassung reißen, nach der heute die Partei und erst morgen die Klasse (wenn diese, auf der Straße des Sieges, aufhört Klasse zu sein) diesem ganzen Mist haushoch überlegen ist? Die Partei hat weder „Namen" noch Stars, auch nicht Marx oder Lenin; sie ist eine Kraft, die ihr Vermögen aus einer Menschheit schöpft, die noch nicht geboren ist und deren Lebensprozess, von den einfachsten Handarbeiten bis hin zu den schwierigsten und kompliziertesten Kopfarbeiten, sich einzig im Gattungsleben, im kommunistischen Gemeinwesen, vollzieht. Unsere Definition der Partei lautet: Projektion des Gesellschaftsmenschen von morgen in die Gegenwart.

Zweck der Gesellschaft ist nicht die Produktion, sondern der Mensch

„Grundrisse", MEW 42, S. 395: Eloge der klassischen griechisch-römischen Gesellschaft:

„Wir finden bei den Alten nie eine Untersuchung, welche Form des Grundeigentums etc. die produktivste, den größten Reichtum schafft? Der Reichtum erscheint nicht als Zweck der Produktion, obgleich sehr wohl Cato untersuchen kann, welche Bestellung des Feldes die einträglichste, oder gar Brutus sein Geld zu den besten Zinsen ausborgen kann. Die Untersuchung ist immer, welche Weise des Eigentums die besten Staatsbürger schafft. Als Selbstzweck erscheint der Reichtum nur bei den wenigen Handelsvölkern - Monopolisten des carrying trade -" (Frachtgeschäft: Schifffahrt oder Karawanenhandel: Phönizier, Karthager), „die in den Poren der alten Welt leben, wie die Juden in der mittelaltrigen Gesellschaft. Nun" (also in der kapitalistischen Epoche) „ist der Reichtum einerseits Sache, verwirklicht in Sachen, materiellen Produkten" (den Waren), „denen der Mensch als Subjekt gegenübersteht; andrerseits als Wert ist er bloßes Kommando über fremde Arbeit nicht zum Zweck der Herrschaft, sondern des Privatgenusses etc. In allen Formen erscheint er in dinglicher Gestalt, sei es Sache, sei es Verhältnis vermittelst der Sache, die außer und zufällig neben dem Individuum liegt. So erscheint die alte Anschauung, wo der Mensch, in welcher bornierten nationalen, religiösen, politischen Bestimmung auch immer als Zweck der Produktion erscheint, sehr erhaben zu sein gegen die moderne Welt, wo die Produktion als Zweck des Menschen und der Reichtum als Zweck der Produktion erscheint".

 

(An dieser Stelle sollten wir eine kleine Zwischenbemerkung einschieben, um diese schwierige Passage verständlicher zu machen. Nachdem Marx erklärt hat, dass der ideologische und soziale Überbau der Antike trotz seiner Grenzen (der z.B. den freien Bürger einbegreift und den Sklaven ausschließt) höher stand als der Überbau der modernen bürgerlichen Welt mit seiner wissenschaftlich-technologisch-wirtschaftlichen Überlegenheit, macht er einen Riesensatz und stellt dem Kapitalismus nicht länger die römische Antike, sondern „unsere" kommunistische Gesellschaft entgegen.)

 

„In Wirklichkeit aber, wenn die" (nun ihrerseits) „bornierte bürgerliche Form abgestreift wird, was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen? Die volle Entwicklung der menschlichen Herrschaft über die Naturkräfte, die der sog. Natur sowohl wie seiner eignen Natur?"

 

(An dieser großartigen Stelle angelangt, fügt der Referent eine beißende Kritik gegen die angeblichen Marxisten ein, die sich bereitwillig den Schwächen und Gelüsten ihrer tierischen Sinnlichkeit hingeben und sich dann feige mit Hilfe deterministischer Argumentationen rechtfertigen.)

 

„Das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, ohne andre Voraussetzung" (d.h.: Mythos, Gott, immanenter Begriff, seines Daseins bewusstes Ich, Sein oder Wollen) „als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebnen Maßstab" (lies: Recht, natürliche Moral, absolute Philosophie und dergleichen), „zum Selbstzweck macht? Wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht irgendetwas Gewordnes" (Entwickeltes) „zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist?"

 

(Die leidenschaftlichen, sich ungestüm aneinanderreihenden Fragesätze in diesem aus einem Guss geschmiedeten Text sind ein so starker Ausdruck der materialistischen Dialektik, dass sich jeder Idealismus und jede Metaphysik von selbst erledigen.)

 

(Wir sind noch nicht fertig mit der kapitalistischen Ordnung, ob wir sie nun von der Vergangenheit oder der Zukunft aus unter Feuer nehmen:)

„In der bürgerlichen Ökonomie - und der Produktionsepoche, der sie entspricht - erscheint diese völlige Herausarbeitung des menschlichen Innern als völlige Entleerung" (der Arbeit und des Arbeiters selbst); „diese universelle Vergegenständlichung" (der menschlichen Tätigkeit) „als totale Entfremdung und die Niederreißung" (durch die Kritik der Waffen) „aller bestimmten einseitigen Zwecke" (Leben, Überleben, Fortpflanzung) „als Aufopferung des Selbstzwecks" (des universell menschlichen und folglich auch subjektiven Zwecks) „unter einen ganz äußeren Zweck" (die wahnsinnige, unerbittliche Warenproduktion). „Daher erscheint einerseits die kindische alte Welt als das Höhere. Andrerseits ist sie es in alledem, wo geschlossne" (das römische Volk, die athenische Polis) „Gestalt, Form und gegebne Begrenzung gesucht wird. Sie ist" (da die menschliche Arbeit als Zweck nicht die Produktion, sondern den Menschen selbst setzt) „Befriedigung auf einem bornierten Standpunkt; während das Moderne unbefriedigt lässt oder, wo es in sich befriedigt erscheint, gemein ist" [MEW 42, S. 396].

 

Soll also die entstehende bürgerliche Zivilisation ihren Weg gehen, da sie in der Gesamtentwicklung ihren Platz hat; die Grabinschrift aber, die ihr unsere Doktrin schon in der Wiege mit glühenden Eisen eingebrannt hat, wird sie bis zu ihrem Ende begleiten.

 

 

 

Quellen:

„La dottrina dei modi di produzione valida per tutte le razze umane": Il programma comunista, Nr. 3 + 4, Februar 1958.

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MEW 4: Marx/Engels - Manifest der Kommunistischen Partei, 1848.

MEW 7: Marx/Engels - Revue [Januar/Februar 1850], 1850.

MEW 9: Marx - Die Revolution in China und Europa, 1853.

MEW 23: Marx - Das Kapital I, 1867.

MEW 42: Marx - Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1857/58.

 

1 Jus talionis (lat.) oder Talion: die Vergeltung von Gleichem mit Gleichem: Strafrechtsgrundsatz in vielen älteren Rechten, z.B. im jüdischen (Auge um Auge, Zahn um Zahn) und im germanischen Recht.

 

2 Kondottieri: italienische Söldnerführer in den Kriegen des 14. und 15. Jahrhunderts. Condotta = Sold.

3 Florenz, Dezember 1953: „Imperialismus und koloniale Kämpfe".

 

4 Piombino, September 1957: „Traiettoria e catastrofe della forma capitalistica nella classica monolitica costruzione teorica des marxismo".

5 Mau-Mau: Antikoloniale Bewegung in Kenia, die zwischen 1952 und 1957 gegen die Landaneignung europäischer Siedler revoltierte und von der britischen Kolonialmacht brutal niedergeschlagen wurde.

6 Battilocchio (it.): entspricht auf Deutsch etwa den „großen Männern". Es handelt sich um das eingebildete und hohle Individuum unserer modernen Zeit. Man glaubt gemeinhin, die Führer der Massen, eben die so genannten „großen Männer", seien die treibenden Ursachen und Kräfte der Geschichte, während sie nur „der spontane, unwiderstehliche Ausdruck" [MEW 8, S. 6] bestimmter Bedürfnisse sind.