Mailand – September 1952

Die historische „Invarianz“ des Marxismus

1.) Der Ausdruck „Marxismus“ wird nicht im Sinne einer von der Person Karl Marx entdeckten oder eingeführten Lehre gebraucht, sondern um sich auf die Lehre zu beziehen, die mit dem modernen Industrieproletariat entsteht und es während des gesamten Verlaufs der sozialen Revolution „begleitet“. Obwohl dieses Wort von einer ganzen Reihe anti-revolutionärer Bewegungen für sich reklamiert und ausgebeutet wird, behalten wir den Begriff „Marxismus“ bei.

2.) Der Marxismus in seiner einzig gültigen Auslegung hat heute drei Hauptgegner:

Erste Gruppe – die Bourgeoisie mit ihrer Behauptung, dass die warenproduzierende kapitalistische Wirtschaftsform endgültig und ihre historische Überwindung durch die sozialistische Produktionsweise illusorisch ist: folgerichtig wird von ihr die Lehre des ökonomischen Determinismus und des Klassenkampfs insgesamt zurückgewiesen;

zweite Gruppe – die stalinistischen, vermeintlichen Kommunisten, die zwar erklären, die historische und ökonomische Doktrin des Marxismus anzunehmen, jedoch sogar in den kapitalistisch entwickelten Ländern Forderungen aufstellen und verteidigen, die nicht nur nicht revolutionär, sondern mit den politischen (Demokratie) und ökonomischen (populistische Fortschrittsideologie) Forderungen des traditionellen Reformismus identisch sind, oder noch dahinter zurückfallen;

dritte Gruppe – die erklärten Anhänger der revolutionären Doktrin und Methode, die jedoch die gegenwärtige und lang anhaltende Trennung von dieser Lehre seitens der Mehrheit des Proletariats auf ursprüngliche Fehler und Mängel der Theorie zurückführen, die demzufolge verbessert und aktualisiert werden müsse.

Verneiner – Verfälscher – Aktualisierer. Wir bekämpfen alle drei und halten Letztere heute für die Schlimmsten.

3.) Die Geschichte der marxistischen Linken, des radikalen Marxismus, ganz genau: des Marxismus, besteht in der sukzessiven Abwehr aller revisionistischen „Wellen“, die seit der organisch-monolithischen Entstehung der Doktrin und Methode (die mit dem „Manifest“ von 1848 zusammenfällt) verschiedene Seiten dieser Lehre angegriffen haben. In anderen Abhandlungen wird an die Geschichte dieser Kämpfe in den drei Internationalen erinnert: gegen Utopisten, Arbeitertümler, Anarchisten, reformistische und gradualistische Sozialdemokraten, rechte und linke Syndikalisten, Sozialpatrioten und heute gegen National- und Volkskommunisten. Dieser Kampf erstreckte sich über vier Generationen und ist in seinen verschiedenen Phasen nicht einer Reihe von Namen zuzuordnen, sondern einer klar definierten und geschlossenen Schule, und im historischen Sinne einer klar definierten Partei.

4.) Dieser lange, harte Kampf würde seine enge Verbindung zur zukünftigen Wiederaufnahme des Klassenkampfs verlieren, wenn, statt daraus die Lehre der „Invarianz“ zu ziehen, von der banalen Vorstellung ausgegangen würde, der Marxismus sei eine Theorie in „ständiger historischer Ausarbeitung“ und würde sich im Laufe der Ereignisse und den daraus zu ziehenden Lehren modifizieren. Nach wie vor ist dies die Rechtfertigung allen Verrats (die Erfahrungen damit haben sich angehäuft) und aller Niederlagen.

5.) Die materialistische Widerlegung, dass ein in einem bestimmten Moment, schlimmer noch: im Kopf eines bestimmten Mannes, Denkers oder historischen Führers entstandenes und in seinem Werk dargelegtes theoretisches „System“ den ganzen Verlauf der geschichtlichen Zukunft und dessen Regeln und Prinzipien unwiderruflich enthalten könne, darf nicht in dem Sinne verstanden werden, dass es keine Systeme fester Prinzipien für sehr lange geschichtliche Zeitspannen gibt. Vielmehr ist deren Beständigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen Angriffe oder gar „Verbesserungen“ wesentlicher Bestandteil der Kraft der sozialen Klasse, der sie angehören und deren historische Aufgabe und Interessen sie widerspiegeln. Die Aufeinanderfolge solcher Systeme und theoretisch/praktischer Lehrgebäude hängt nicht mit dem Auftreten epochemachender Männer zusammen, sondern mit den aufeinander folgenden Produktionsweisen, d.h. den Formen des materiellen Lebensgewinnungsprozesses der Menschengemeinschaft.

6.) Auch wenn sich der formelle Inhalt der Lehrgebäude aller großen historischen Phasen als unzulänglich herausstellte, bestreitet der dialektische Materialismus nicht deren historische Berechtigung; um so flacher ist daher die Vorstellung, die Irrtümer hätten durch größere Gedankenarbeit der Gelehrten oder Gesetzgeber vermieden und der Fehler hätte man sich vorher bewusst werden können, um sie beseitigen. Jedes System hat seine Begründung und Erklärung im eigenen Zeitabschnitt und die bedeutendsten sind jene, die in langen Kämpfen organisch unverändert aufrechterhalten wurden.

7.) Für den Marxismus gibt es keinen stetigen und graduellen Fortschritt in der Geschichte – vor allem nicht hinsichtlich der Produktivkräfte –, sondern eine Reihe zeitlich weit auseinander liegender Vorwärtssprünge, die das gesamte ökonomisch-gesellschaftliche Gefüge tief und von auf Grund erschüttern. Es sind wahre Zusammenbrüche, Katastrophen, plötzliche Krisen, in denen sich alles in kurzer Zeit verändert, nachdem es während sehr langer Zeitspannen unverändert geblieben war: so wie es in der physischen Welt der Fall ist, den Sternen im All, der Geologie und auch der Phylogenese der lebenden Organismen.

8.) Da die Klassentheorie ein Überbau der Produktionsweisen ist, bildet auch sie sich nicht durch tägliches Zufließen von Wissenstropfen, sondern taucht in dem durch einen gewaltsamen Zusammenstoß verursachten Riss auf und führt die Klasse, deren Ausdruck sie ist, in einer im Wesentlichen monolithischen und beständigen Weise durch eine lange Reihe von Kämpfen und Versuchen zur nachfolgenden kritischen Phase, zur nachfolgernden historischen Revolution.

9.) Es sind just die Ideologen des Kapitalismus, die, nachdem sie die früheren Revolutionen als zur kapitalistischen hinführende gerechtfertigt haben, versichern, mit der letzten Revolution habe die Geschichte nun aber den Weg des graduellen Fortschritts, ohne weitere gesellschaftliche Katastrophen, eingeschlagen, denn die ideologischen Systeme hätten durch graduelle Entwicklung den Zustrom neuer Errungenschaften des theoretischen und angewandten Wissens absorbiert. Der Marxismus bewies den Trugschluss dieser Zukunftsvision.

10.) Auch der Marxismus ist keine Lehre, die sich jeden Tag durch neue Beiträge und „Ersatzteile“ – also durch Flickwerk! – formt und umformt, weil sie, wenn auch die letzte, doch noch eine der Doktrinen darstellt, die die Waffe einer unterdrückten und ausgebeuteten Klasse ist, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse umwälzen, umkehren muss und dabei Objekt tausendfacher konservativer Einflüsse der den feindlichen Klassen angehörenden traditionellen Formen und Ideologien ist.

11.) Auch wenn heute, genauer: seitdem das Proletariat auf die Geschichtsbühne getreten ist, die Geschichte der zukünftigen Gesellschaft, die keine Klassen und daher auch keine Revolutionen mehr kennen wird, schon zu erahnen ist, muss doch klar sein, dass die revolutionäre Klasse auf ihrem langen Weg dahin ihre Aufgabe nur dann erfüllen wird, wenn sie sich während des gesamten Verlaufs des fürchterlichen Kampfs unter Anwendung einer Doktrin und einer Methode bewegt, die gültig bleiben und in einem monolithischen Programm festgelegt wurden – wobei andererseits die Anzahl der Anhänger, die Erfolge in den verschiedenen Phasen und sozialen Zusammenstößen äußerst unterschiedlich sein werden.

12.) Auch wenn das ideologische Vermögen der revolutionären Arbeiterklasse nicht mehr Offenbarung, Mythos, Idealismus (wie bei den vorhergehenden Klassen), sondern positive „Wissenschaft“ ist, so braucht sie doch eine klare und dauerhafte Formulierung ihrer Grundsätze und auch ihrer Aktionsregeln – einen Kanon also, der die Aufgabe erfüllt und die Schlagkraft hat, die einst Dogmen, Katechismen, Tafeln, Verfassungen, oder Heilige Bücher hatten wie z.B. die Veden, der Talmud, die Bibel, der Koran oder die Erklärung der Menschenrechte. Die darin enthaltenen substantiellen und formalen Mängel haben deren riesige organisatorische und gesellschaftliche Kraft (zuerst revolutionär, dann konterrevolutionär – in dialektischer Folge) nicht gebrochen – im Gegenteil: Oftmals haben gerade die „Ketzereien“ diese Kraft noch verstärkt.

13.) Gerade weil er der Suche nach „absoluter Wahrheit“ jeglichen Sinn abspricht und seine Doktrin nicht als Beleg des „Ewigen Geistes“ oder der abstrakten Vernunft, sondern als „Arbeitswerkzeug“ und „Waffe“ ansieht, verlangt der Marxismus – ob bei der stärksten Anspannung oder auf dem Höhepunkt des Kampfes – weder Werkzeug noch Waffe zwecks „Reparatur“ abzulegen, sondern als Partei die richtigen Werkzeuge und Waffen zu ergreifen, um sowohl im Krieg als auch im Frieden zu siegen.

14.) Eine neue Doktrin kann nicht zu einem x-beliebigen historischen Zeitpunkt auftauchen. Im Gegenteil: Es gibt bestimmte und genau charakterisierte – und auch höchst seltene – Epochen der Geschichte, in denen sie als blendender Lichtkegel auftauchen kann. Hat man den entscheidenden Augenblick nicht erkannt und das alles erhellende Licht nicht erblickt, wird man vergeblich zu den Kerzenstummeln greifen, mit denen pedantische Akademiker oder von ihrer Sache nicht überzeugte Kämpfer sich den Weg zu bahnen suchen.

15.) Für das moderne, zuerst in den Ländern mit großer kapitalistischer, industrieller Entwicklung entstandene Proletariat wurde die Finsternis kurz vor Mitte des vorigen Jahrhunderts zerrissen. Die in sich geschlossene Doktrin, an der wir festhalten, festhalten müssen und festhalten wollen, hatte damals alle Daten zur Verfügung, um entstehen zu können und den Verlauf von Jahrhunderten zu zeichnen, in denen sie bekräftigt und nach gewaltigen Kämpfen bestätigt werden muss. Entweder bleibt diese Position gültig oder die Doktrin wird sich als falsch und die Behauptung des Auftretens einer neuen Klasse mit eigenem Charakter, eigenem Programm und eigener revolutionärer Funktion in der Geschichte wird sich als hohl erwiesen haben. Wer also daran geht, Teile, Thesen, wesentliche Abschnitte des marxistischen „Korpus“ – seit ca. einem Jahrhundert unser „Vermögen“ – auszuwechseln, zerstört dessen Kraft noch mehr als der Verneiner, der den Marxismus als Ganzes zu einer Missgeburt erklärt.

16.) Auf diese erste „explosive“ Phase, in der die Forderung durch ihre Neuheit klar und scharf abgegrenzt auftritt, folgt eine Phase, worin infolge der festgefahrenen Situation das Pendel zurück schwingen kann, und das tut es auch, so dass das so genannte „Klassenbewusstsein“ nicht größer und stärker wird, sondern sich zurück entwickelt und versumpft. Die Momente, in denen sich der Klassenkampf wieder zuspitzt, sind auch diejenigen (und die gesamte Geschichte des Marxismus beweist es), in denen die Theorie kraft bleibender Lehren zu ihren Ursprüngen und zu ihrem ersten vollständigen Ausdruck zurückkehrt: Es genügt, an die Pariser Kommune, an die bolschewistische Revolution, an die ersten Jahre nach dem I. Weltkrieg im Westen zu erinnern.

17.) Der Grundsatz der historischen Invarianz der Doktrinen, die die Aufgabe der Protagonistenklassen sowie der kraftvollen Rückkehr zu den ursprünglichen Gesetzestafeln widerspiegeln, ist auf jeden großen Geschichtsabschnitt anwendbar. Und er steht im Gegensatz zu dem Geschwätz, wonach jede neue Frühjahrskollektion und jede Laune der intellektuellen Mode mächtiger als die vorhergehende sei, und im Gegensatz zum dümmlichen Klischee des ununterbrochenen Fortschritts der Zivilisation und sonstiger bürgerlicher Hirngespinste, wovon die allerwenigsten, die das Adjektiv ‘marxistisch’ für sich reklamieren, wirklich frei sind.

18.) Alle Mythen bringen die Anwendung des genannten Grundsatzes auf jeden großen historischen Abschnitt zum Ausdruck. Vor allem die Mythen der Halbgötter, der Halbmenschen oder der Weisen, die in direkter Verbindung mit dem „Höchsten Wesen“ standen. Es ist töricht, über solche Darstellungen zu lachen, und nur der Marxismus hat ihren wirklichen und materiellen Unterbau zu entziffern verstanden. Ramses, Moses, Christus, Mohammed, alle Propheten und Helden, die Geschichtsabschnitte verschiedener Völker eröffneten, sind verschiedene Ausdrücke dieser realen Tatsache, die einem jedesmaligen enormen Sprung in der „Produktionsweise“ entspricht. Im heidnischen Mythos entspringt die Weisheit (Minerva) Jupiters Kopf nicht durch das Diktieren dicker Bücher an abgeschlaffte Schriftgelehrte, sondern durch den Hammerschlag Vulkans, des Arbeiter-Gottes, der gerufen worden war, eine unbändige Migräne zu lindern. Am anderen Ende der bisherigen Geschichte und gegen die Aufklärungslehre der neuen Göttin „Vernunft“ wird sich der Riese Gracchus Babeuf in seiner groben theoretischen Auffassung erheben, um zu erklären, dass, mehr als Vernunft und Wissen, die physische materielle Kraft vorwärtstreibt.

19.) Für die Wiederherstellung von Lehren, die durch den Revisionismus degeneriert waren, lassen sich viele Beispiele anführen: Franz von Assisi gegenüber Christus, als das für die gesellschaftliche Erlösung der Erniedrigten entstandene Christentum sich an die Höfe der Feudalherren anlehnte; die Gracchen gegenüber Brutus; und, immer wieder, die Vorkämpfer einer aufmarschierenden Klasse gegen diejenigen, die in den heroischen Phasen der vorhergehenden Protagonistenklasse revolutionär aufgetreten, dann zu Verleumdern geworden waren: die Kämpfe in Frankreich 1831, 1848, 1849 und unzählige andere Phasen in Europa.

20.) Unsere Position ist: Alle letzten großen Ereignisse haben die marxistische Theorie und Voraussage ebenso deutlich wie vollständig bestätigt. Wir meinen hiermit vor allem die Fakten, die einmal mehr die großen Fahnenfluchten im Klassenlager verursachten und sogar diejenigen in Verlegenheit brachten, die die stalinistische Position als blanken Opportunismus verurteilten. Diese Tatsachen sind: die Erscheinung zentralisierter und totalitärer kapitalistischer Formen (sowohl auf ökonomischer als auch auf politischer Ebene), der wirtschaftliche Dirigismus, der Staatskapitalismus, die offenen bürgerlichen Diktaturen; und andererseits der Prozess der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung in Russland und Asien. Wir sehen daher unsere Doktrin bestätigt, ebenso wie die Tatsache, dass sie nur in einer entscheidenden Epoche aus einem Guss entstehen konnte.

21.) Wem es gelingen würde, die geschichtlichen Ereignisse dieser vulkanischen Periode gegen die marxistische Theorie zu stellen, der hätte damit bewiesen, dass sie falsch, null und nichtig ist, und dass folglich auch jeglicher Versuch, die Richtung des historischen Verlaufs aus den ökonomischen Verhältnissen zu entwickeln, scheitern muss. Gleichzeitig wäre bewiesen, dass die Ereignisse in jeder x-beliebigen Phase der Geschichte neue Schlussfolgerungen, Erklärungen, Theorien und konsequenterweise auch die Propagierung neuer und anderer Aktionsmittel aufzwingen.

22.) Ein illusorischer Ausweg aus den jetzigen Schwierigkeiten ist die Annahme, dass das theoretische Bauwerk veränderlich bleiben müsse, und es gerade heute an der Zeit wäre, neue Kapitel herauszubringen – als würde die ungünstige Lage aufgrund solcher Geistesakte umgewälzt. Ein Witz, wenn sich winzige Grüppchen dieser Aufgabe annehmen und (noch schlimmer) sie in freier Diskussion durch groteskes Nachäffen des bürgerlichen Parlamentarismus und des berühmt-berüchtigten Aufeinanderprallens der Meinungen lösen wollen, was keinesfalls allerneuestes Hilfsmittel, sondern uralte Dummheit ist.

23.) Wir sind an einem maximalen Tiefpunkt in der Kurve des revolutionären Potentials angekommen und folglich Jahrhunderthälften von den Momenten entfernt, in denen originale geschichtliche Theorien auftauchen können. In diesem Moment, der Perspektive eines nahen gesellschaftlichen Erdbebens beraubt, ist nicht nur die politische Zersetzung der proletarischen Weltklasse ein logischer Bestandteil der Situation, sondern klar ist auch, dass es nur kleine Gruppen sind, die den historischen Leitfaden des revolutionären Verlaufs als großen, zwischen zwei sozialen Revolutionen gespannten Bogen zu halten wissen – immer vorausgesetzt, diese Gruppen zeigen, nichts Originelles verbreiten zu wollen und sich strikt an die überlieferten Formulierungen des Marxismus zu halten.

24.) Die Kritik, der Zweifel, das Infragestellen aller alten, gut verankerten Anschauungen waren entscheidende Elemente der großen, modernen bürgerlichen Revolution, die in gigantischen Wellen die Naturwissenschaften, die Gesellschaftsordnung und die politischen und militärischen Machtorgane überflutete, um dann – allerdings mit wesentlich geringerem bilderstürmerischen Schwung – zur Gesellschafts- und Geschichtswissenschaft vorzudringen. Eben darin lag die Bedeutung jener bis auf die Grundmauern erschütterten Epoche, die das feudale Mittelalter von industrieller, kapitalistischer Neuzeit trennte. Aber die Kritik war Folge, nicht Antrieb des riesigen und komplexen Kampfes.

25.) Gegen die feste Burg aus Tradition und Autorität der christlichen Kirche stehen Zweifel und individuelle Gewissensprüfung als Ausdruck der bürgerlichen Umgestaltung; beides lebte im heuchlerischsten Puritanismus weiter, der unter der Fahne der bürgerlichen Konformität religiöse Moral und individuelles Recht durchsetzte und die neue Klassenherrschaft und neue Form der Massenunterwerfung absicherte. Die proletarische Revolution nimmt den umgekehrten Weg: Das individuelle Bewusstsein zählt nichts, die einheitliche Richtung der kollektiven Handlung alles.

26.) Als Marx in den berühmten Thesen über Feuerbach sagte: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern“ [MEW 3, S. 7], wollte er nicht sagen, dass der Wille dazu die tatsächliche Veränderung bedingt, sondern dass zuerst die durch den Zusammenstoß kollektiver Kräfte determinierte Veränderung eintritt, die erst danach den einzelnen Subjekten kritisch zu Bewusstsein kommt; und diese eben nicht durch eine jedes Mal herangereifte Entscheidung handeln, sondern unter Einflüssen, die dem Wissen und Bewusstsein vorangehen.

Gerade vermittelst des Übergangs von der Waffe der Kritik zur Kritik der Waffen wird das Ganze vom denkenden Subjekt in die militante Masse versetzt; Waffe sind so nicht nur Gewehre und Kanonen, sondern vor allem jenes wirkliche Werkzeug, das in der gemeinsamen, einheitlichen, monolithischen und invarianten Parteidoktrin besteht, der wir alle untergeordnet und an die wir alle gebunden sind – unter Ausschluss eines tratschenden und neunmalklugen Für-und-Wider.

Quelle:

„La ‚invarianza’ storica del marxismo“: „Sul filo del tempo“, Mai 1953.